Montag, 17. August 2009

Sonntagsfahrer

Noch bevor mich der Wecker 3.30 Uhr aus dem Reich der Träume reißen soll, liege ich bereits wach (leider nicht mehr als 4 Stunden Schlaf) und sinniere über den kommenden Tag.
Es ist Sonntag, der 16. August 2009, 4.10 Uhr, als ich das Licht in der Küche anknipse und mein Müsli einwerfe. Die Verpflegung ist bereits am Vorabend bereitgelegt worden (12 Molkeriegel, Cliff Bars und Sport Beans aus CA, 2 Gels, eine Banane). Nach dem Anbau eines provisorischen Rücklichts für die ersten 20 Kilometer des Tages, verlassen wir beide 4.45 Uhr das Haus.

Morgenstund hat...

Auf der Brücke über die Pleiße verpasse ich den dort hockenden Anglern einen veritablen Morgenschreck, denn alles was man von mir hörte war das Rollgeräusch zweier Rennradreifen :-)
Nach einer Überprüfung des GPS geht es südostwärts bis Borna und dann südlich weiter in Richtung Altenburg. Während des ersten kleinen Anstiegs - parallel am Schloßpark der Skatstadt entlang - steigt die Sonne über den Horizont. Es ist kurz nach 6 Uhr, als ich endlich den Stadtwald hinter mir gelassen und die tiefstehende Sonne an meiner Seite habe.
Weiter über Lehndorf und Gössnitz folge ich der B 93 bis eine Nebenstraße rechts nach Crimmitschau abzweigt. Interessantes fördert die Beobachtung meines Körpers zu Tage, denn just an immer der gleichen Stelle vor Ponitz zieht es mich zum Pinkeln an den Straßenrand. Soviel dazu. Dreiviertel sieben bin ich am letzten Kreisverkehr von Crimmitschau und kurble mich leicht bergan auf eine kleine Hochebene, die sich bis Dänkritz zieht. Nicht mehr weit ins Herz der Sachsenring-Trabbi-Stadt (aktuelles Modell: Trabant nT - ein reines Elektroauto) ist es, wenn man den Ausbildungsplatz der Zwickauer Hundestaffel hinter sich und die 8%-Abfahrt direkt vor Augen hat (Sachsenring und Hundestaffel in einem Satz muss man mir erstmal nachmachen ;-))

Ich liebe Eichen und Linden am Straßenrand. Danach sahen meine roten Reifen auf der Lauffläche komplett schwarz aus. Schnell weg hier. Wilkau-Hasslau (an diesem WE mit Stadtfest), A 72-Unterquerung, Kirchberg, ich komme. Elend lang ziehen sich die 10 Kilometer von Kirchberg (80. Tageskilometer) bis nach Bärenwalde, wo einen die erste Bergprüfung erwartet. Von 480 m NN geht es bis auf 633 m NN (Hundshübel). Ein kurzes Stück (300 m) befährt man die B 169, dann biegt meine Route rechts ab zur Talsperre Eibenstock. Der beliebte Bikertreff am Aussichtspunkt ist jetzt 8.47 Uhr noch verwaist (glücklicherweise, denn so kann ich entspannt - und nur leicht zitternd ob der Kälte im Wald - bis Wolfsgrün rollen).

Rübezahl

Die ersten Rennradler des Tages kommen mir entgegen, ich verlasse die B 283 bei Bockau und stelle mich der Auffahrt bis zum Jägerhaus. 340 hm auf einer Gesamtlänge von 6,5 km lassen meinen Schnitt gewaltig einbrechen. Heftig. Mehr Worte braucht es nicht.
Nächste Abfahrt, Höhe abmontieren, (Antons)Höhe aufbauen. Punkt 10 Uhr bin ich in Rittersgrün (118. Tageskilometer), mittendrin in der Auffahrt zum zweithöchsten Berg des Erzgebirges.
Mit Eric Clapton und seinem herrlichen Solo zu "Leila" in den Ohren kann ich die mittlerweile in Herden auftretenden Motorradfahrer ganz gut ertragen und meinen Rhythmus halbwegs ungestört strampeln. Tellerhäuser, danach die üble "Rampe", der Blick fällt auf den Gipfel. Wunderschön.

Am Olympiastützpunkt gegenüber der Sachsenbaude ist mächtig Betrieb. Ich sehe Autos mit österreichischen Kennzeichen, Athleten auf Sommerlangläufern entlang der Straße und wahre Trupps ihresgleichen auf der Trainingsstrecke im Wald. Einem älteren Radkollegen nehme ich fix 5 Minuten ab (*grins*), bevor auf einer Bank mit Blick gen Norden zwei "Ich-lebe-noch-SMS" verschickt werden. Meinen Wasservorrat hab ich so geplant, dass jetzt (11.04 Uhr) meine mitgeführten 2 Liter verbraucht sind. Auf dem Gäste-WC fülle ich nach, trinke einen halben Liter gleich vor Ort und verschwinde 11.37 Uhr wieder vom Gipfel.

Jachymov heißt das nächste Ziel, gleichzeitig Ausgangspunkt der langen Auffahrt zum Keilberg. Den Rat, mir doch im Panoramahotel für 4 Euro den Magen vollzuschlagen befolge ich nicht. Schließlich bin ich ja nicht als Touri hier!

"Kv?Tnovà" meint mein GPS zum Ortsnamen, in welchem ich die Hauptstraße verlassen und auf die Radstrecke 3005 abbiegen soll. Dann machen wir das doch. Es ist 12.08 Uhr, 478 m NN, über dreißig Grad warm - aufi gehts!!! 14 Kilometer lang ist die (landschaftlich reizvoll gelegene) Nebenstraße, die einen hinauf zum Gipfel befördert. Als Rennradfahrer ist man jedoch schnell extrem genervt über den aus gewalzter Schlacke zu bestehen scheinenden "Straßen"belag. Bei meiner Geschwindigkeit knapp über dem Lauftempo stört dies aber weitaus weniger als bei einer Abfahrt. DIESE Route würde ich dafür bergab nur mit dem MTB wählen.
Kurz und schmerzlos: nach 564 weiteren Höhenmetern in den Beinen können wir beide (denn wer hat mich denn die ganze Zeit getragen?!) die Aussicht zum 6 km entfernten Gipfel des Fichtelberges und zum nur noch 2 Kilometer entfernten Gipfel des Keilbergs geniessen. Wobei "geniessen" hier das falsche Wort ist, denn ich (und meine Sonnencreme) fließe(n) auf der kleinen Hochfläche förmlich dahin. Als Planungsgrundlage für den weiteren Tourenverlauf diente ein Track eines Chemnitzers - der aber anscheinend Mountainbiker ist. Ekelhaft, diese oben beschriebenen Straßen, man ist nur mit bremsen und umschiffen der gröbsten Krater beschäftigt. Auf Höhe Hammerunterwiesenthal war Schluss mit lustig, ich verlasse den geplanten Track und fahre wieder über die Grenze.

Auf Wolke sieben

Der B 95 über Bärenstein bis nach Annaberg-Buchholz folgend kann ordentlich Strecke gemacht und mein Zeitpolster etwas aufgebessert werden. Auf der B 101 geht es weiter bis zum Thermalbad Wiesenbad. 14.50 Uhr (203. Tageskilometer) treffe ich in besagtem Örtchen ein, erstaunt, dass der zu Edeka gehörende "Simmel" geöffnet hat. Amerikanische Verhältnisse? I wo, man hat eine Sondergenehmigung wegen des Bad- und Stadtfestes erhalten. Schön, denn so komme ich für 5 Euro zu allem, was das Radlerherz begehrt (und die Trikottaschen fassen). Ich folge dem Tal der Zschopau auf schattiger Straße und vorbei an fliegenfischenden Anglern erst bis Wolkenstein (mit dem Kletterrevier Wolkensteiner Schweiz) und dann weiter über Scharfenstein (mit einer tollen Burg) bis zur Stadt Zschopau. In diesem Gebiet muss ich unbedingt noch vor dem Herbst eine Wanderung unternehmen, denn mir hat es hier sagenhaft gut gefallen. Hinter der Stadt schlängelt sich die Straße schön schattig durch den Wald, bevor es mit Blick auf die Augustusburg wieder hinaus zwischen die abgeernteten Weizenfelder geht. Von Süden kommend scheint das Schloss wie eine Fata Morgana auf dem Feld zu thronen, jedoch wird der Spuk nach 2 km rasch aufgelöst und der Schlosswald sichtbar.

Keine Zeit für Planschereien

Die Abfahrt bis Erdmannsdorf lasse ich mir natürlich nicht entgehen, 16.46 Uhr ist es bei Ankunft im Ort und 296 m NN hoch. Auf 472 m NN muss man anschließend klettern, sonst entgeht einem die nächste Schussfahrt durch Euba ;-). Mein Getränkevorrat ist mittlerweile wieder auf 2 Liter geschrumpft, 250 Tageskilometer sind absolviert und die Badeteiche am Wegesrand werden mit eiserner Härte ignoriert. Das ist purer Selbstschutz, denn so wie ich mich kenne, schließt sich ein Nickerchen an, welches den Zeitplan (von wegen ankommen bei Tageslicht) torpedieren würde.
Was soll ich sagen, Nest an Nest reiht sich auf dem Weg bis kurz vor Rochlitz und ich bin ehrlich gesagt froh, in Königshain-Wiederau auf die B 107 wechseln zu können. Dem Abzweig Sörnzig darf jeder Radfahrer folgen, dem die schöne Hängebrücke über die Zwickauer Mulde und die kleine Straße hinauf zum Rochlitzer Berg zusagen. Das ist bei mir definitiv der Fall, zumal die Bank am Flussufer unwiderstehlich zum Genuß zweier geschmolzener Molkeriegel einlädt.

Exakt 18.40 Uhr machen wir beide uns an die Besteigung des letzten Hügels dieser Tour. 168 hm gilt es zu bewältigen, dann hat man die Porphyrsteinbrüche unter sich und kann mit einem Lächeln bis Königsfeld fast ohne Kurbeldrehung durch die Landschaft rollen. Wenige Meter hinter dem Ortseingangsschild von Bad Lausick sind die 300 Tageskilometer im Sack, es ist 19.35 Uhr, meine Beine wollen nur noch ruhig ausrollen. Die Beine schon. Hinter der letzten Ampel im Ort schaue ich mal wieder, ob meine Schnellspanner an den Laufrädern weiterhin geschlossen sind ... und entdecke einen "Konkurrenten". Na gut, Freundchen, noch sind ja ein, zwei Tropfen im Tank: Beschleunigen auf 52, abbiegen, Tempo bei 32 halten, den kleinen Hügel vor Beucha im Anschlag mit 30 wegbügeln, Aeroposition, Tiefschlag! Er geht vorbei und winkt mich in seinen Windschatten. Für meine Tagesleistung bekomme ich (immerhin) anerkennende Blicke und einen Klopfer auf die Schulter. Bis Kitzscher zieht er mich im Windschatten und biegt dann ab gen Eula. Schöne Grüße an dieser Stelle an den SV Eula 58!



Die Sonne steht schon tief hinter einer Wolke und wirft einen tollen Heiligenschein um den Wolkenrand. Angekommen am Röthaer Stausee lege ich mich als Tagesabschluss für ein paar Minuten auf die Bank und beobachte die jagenden Schwalben über dem Wasser.

Consumatum est - 20.33 Uhr ist Sonnenuntergang und wir sind ohne Pannen wieder zu Hause.

Tourdaten:
  • 323 km
  • 4055 hm
  • 13:43 h Fahrzeit
  • 2:02 h Pausenzeit
  • 76,6 km/h vmax

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