Montag, 22. Februar 2010

Fischstäbchen

Um gleich zu Beginn ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern:

KW 01 = 0 km
KW 02 = 0 km
KW 03 = 95 km
KW 04 = 0 km
KW 05 = 0 km
KW 06 = 0 km

So liest sich meine bisherige Rennradstatistik des Jahres 2010. Die Fahrten mit dem Stadtrad haben allerdings schon in der einen oder anderen Woche die 150 km überschritten.
Was konnte mir also gelegener kommen, als die Aussicht auf ein Mittagessen im Erzgebirge, auf trockene Straßen (dazu später mehr) und auf einen kleinen Test des Körpers nach schier endloser Langstreckenabstinenz? Passenderweise zeigte das Thermometer in den letzten Tagen recht häufig Werte von über 4°C an, sodass die Stare im Hof bereits Rabatz machen und auch schon die ersten Schneeglöckchen zu sehen sind.

Obwohl, was die Wetter- und Windsituation anbelangt, der Samstag der deutlich bessere der beiden Tage war, starte ich erst am Sonntagmorgen. Das hing natürlich nicht nur mit dem Mittagessen zusammen.

Der Wecker klingelt (yepp, Mario, sehr spät) 5 Uhr, der Himmel zeigt ein paar lockere Wolken, ansonsten aber freie Sicht auf die Sterne und damit auch auf wieder gefrorene Schmelzwasserzungen an den Straßenrändern. Weil meine üblichen - da von Pkw kaum befahrenen - "Fluchtwege" in den Süden noch im Griff des Winters ihrer Befreiung harren, müssen wohl oder übel für die ersten 6 km Hauptstraße und ein sehr wohlmeinend mit Streusplit versehener Weg genutzt werden.

Hinter Bad Lausick erreiche ich gerade rechtzeitig zum Sonnenaufgang eine Anhöhe der weiten Agrarlandschaft, die einzig von ein paar eingestreuten Waldresten und Dörfern dem Auge Abwechslung bietet. Links auf dem Feld, keine 100 Meter entfernt, wartet ein Fuchs auf das Frühstück und bereits im nächsten Dorf wartet eine Katze leider nie wieder auf ein Frühstück. Leben und Tod liegen eng beieinander.

Den Rochlitzer Berg kann man sicher noch einige Tage nicht mit dem Rennrad überfahren, befindet sich doch die Ost-Abfahrt auf einem unberäumten Wirtschaftsweg im Wald. Seis drum, der Umweg ist schnell geschafft und immerhin kann ich als Entschädigung die kleine Abfahrt hinunter zur Mulde bei Sörnzig im Sonnenschein geniessen.
Ein Stück weit rollt es auf der morgendlich fast verwaisten B 107 bis Claussnitz, bevor ich mich gen Ost auf Landstraßen trolle. Die Schneewände an den Straßen erreichen teilweise Mannshöhe und mir kommt die täglich in den Medien zu vernehmende Klage in den Sinn, dass die Städte und Gemeinden kein Geld zur Straßensanierung haben. Ein Beispiel aus der bundesdeutschen Hauptstadt: 100 Millionen Euro werden benötigt, um die "nötigsten" Arbeiten durchzuführen. 2,5 Millionen stehen zur Verfügung. Gute Fahrt.

Apropos, ich habe mittlerweile die "Wand von Euba" erklommen und freien Blick auf die Augustusburg. Nur noch einmal ins Tal und wieder hinauf. Skifahrer und Snowboarder sind an der kleinen Piste bereits um 10 Uhr in voller Aktion. Aber weit und breit kein Rennradfahrer :-)
Die scheinen alle den Wetterbericht gecheckt zu haben, denn auf den nächsten 5 km sollen sich erste zaghafte Flocken in einen kleinen Schneesturm verwandeln. Ende mit trockenen Straßen, Ende mit Sonne. Von nun an wird es ungemütlich und richtig winterlich, ich nehme aber dennoch nicht den direkten Weg, sondern erkunde noch ein wenig die Landschaft, sammle ein paar Höhenmeter.

Boah, was soll das? Es gibt erste Verwehungen auf der Strecke, meine Brille benötigt Scheibenwischer und das Rad sieht...vergessen wir's. 12.10 Uhr bin ich im Warmen angekommen und beobachte im folgenden bei einer (wirklich großen) Portion Reis mit Fischstäbchen und Erbsen unruhig den Flockenwirbel. Der hat 13.45 Uhr noch immer kein Einsehen mit mir, die Abfahrt kann ich aber auch nicht länger hinauszögern. Obwohl ich's gern getan hätte.
Noch fix die Batterien im GPS getauscht, die Regenhülle über die Satteltasche gezogen und dann los. Ein Schlitten hätte mittlerweile auf den Straßen rund ums Haus auch als Fortbewegungsmittel dienen können.

Ich wähle die B 174 bis Hohndorf, um schneller voranzukommen und das Schneegebiet - so meine Hoffnung - bald verlassen zu können. 2 cm Neuschnee verwandeln bei Plusgraden jede Straße in einen See, der ganze Landkreis scheint just heute nach Chemnitz zu fahren und zwei Rettungswagen jagen mit Blaulicht vorbei. Ich hätte Entspannungsmusik auflegen sollen.
Ironie der Geschichte: An der Augustusburg ist das Schneeintermezzo beendet. Meine Neoprenüberschuhe haben den Kampf aber verloren und beherbergen nun für die restlichen 4 h ein feuchtes, kaltes Biotop. Auch der Po ist nass, bei den Muskeln sollte das aber schnell wieder trocknen *hüstel*.

Der Wind weht mäßig aus SW, die Straßen werden immer trockener und bei Rochlitz zeigen sich zum Tagesausklang gar wieder blaue Löcher zwischen den rötlich angehauchten Wolken.
Vor den finalen Hügelchen verdrücke ich die letzten Shot Bloks und zwei Molkeriegel, in der Hoffnung, den Schnitt vielleicht doch noch etwas pushen zu können.

Mit Anbruch der Nacht sind ein Waldkauz auf einem Leitpfosten im Scheinwerferlicht und zwei Rehe meine einzigen tierischen Begleiter auf den letzten Kilometern bis nach Hause. Kurz vor sieben bin ich wieder da, mit nun trockenem Hintern (wer sagt's denn) und auch bald wieder warmen Füßen. Es war ein Erlebnis. Besten Dank und viele Grüße nach Marienberg.

Tourdaten:
  • 237 km
  • 3036 hm
  • 9:56 h Fahrzeit
  • 3:09 h Pausenzeit

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