Freitag, 19. Februar 2010

Zwischen Mensch und Bestie

Was wünschen Sie sich, lieber Leser? Wollen Sie fliegen können? Wollen Sie stark sein wie ein Tiger, schnell wie ein Gepard, elegant wie ein Albatros oder (scheinbar) in sich selbst ruhend wie eine Galapagos-Schildkröte?
Oder wollen Sie ein Wolf sein? Ein Werwolf gar, der nur an Vollmond sein "Unwesen" treibt und die Fesseln menschlicher Vorstellung zu sprengen im Stande ist?

"The Wolfman" greift dieses Thema aktuell in den deutschen Kinos auf und schickt mit FSK 16-Siegel Benicio Del Toro und Anthony Hopkins im 19. Jhd. in einer besonderen Vater-Sohn-Geschichte auf die Leinwand. Ein bekannter Theater-Schauspieler und Shakespeare-Darsteller kehrt nach dem Tod seines Bruders auf den englischen Landsitz des Vaters zurück und sucht nach Antworten. Das Haus ist gespenstig, mit Spinnweben an den Treppengeländern, Jagdtrophäen in den Gängen und nur 3 Bewohnern. Der Vater, ein Sikh und ein Jagdhund.

Die Annäherung nach Jahren ist kühl, distanziert und dennoch von Seiten des Vaters mit einer untergründigen Herzlichkeit geprägt. Der Großstädter, halb auf der Durchreise zwischen London und New York, erinnert sich plötzlich wieder an kindliche Ängste, den rätselhaften Tod der Mutter und frühere Traumata. Einst versteckte er sich als Kind mit seinem Bruder im Wald an einem kleinen Wasserfall, wenn sie beide wieder die Angst überkam. Die Angst vor dem Werwolf im Moor.

Ein Zigeunerlager macht in der nächstgrößeren Ortschaft Station, der Vollmond steht bevor und der zurückgekehrte Sohn beginnt im Lager mit seiner Jagd.
Menschen sterben auf brutale Weise, werden in Stücke zerfetzt - wie Papier - und können auch mit Waffengewalt nichts ausrichten gegen den "Dämon". Der Gast ist im Lager, rettet einer Frau das Leben ... und wird schwer am Hals verwundet. Eine alte Zigeunerin näht die Wunde, die Rekonvaleszenz verläuft unnatürlich schnell und weckt somit unwiderruflich das Mißtrauen der Dorfbewohner.

"Verstärkung" aus London zur Aufklärung der jüngsten Morde trifft ein, der Bruder des Getöteten kommt in eine Klinik für psychisch Kranke, wird gefoltert, wird vorgeführt ... und verwandelt sich im medizinischen Hörsaal von London vor den Augen der entsetzten Zuhörerschaft bei Vollmond.
No mercy, die anschließenden Szenen sind ein Genuss für jeden, der noch an Gerechtigkeit in dieser Welt glauben mag.

Auf dem Familien-Anwesen in England hat der Vater eine Grotte zur Ehrung seiner getöteten Frau errichtet, ausstaffiert mit vielen Kerzen, einem großen Ölgemälde und einer verschließbaren Tür.
Die Schlüsselszene ist ein Gespräch im Kaminzimmer zwischen Vater und Sohn. Zwischen Hopkins und Del Toro. Der Geist von Hannibal schwebt in der Luft, es geht um Triebe, das Ausleben der Sexualität, den Sinn von Selbstkontrolle, den Sinn von Treue, das Motiv der Tradierung und den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Kann das Gute im Bösen Gestalt annehmen? Leben wir vorbestimmt oder frei? Tiefenpsychologische Fragestellungen pur, die mit einem Knall ihr Ende finden. Oder doch nicht?

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Wir machen einen Zeitsprung in die Gegenwart, in eine Zeit der Wirtschaftskrise, der globalen Mobilität, der Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit, der Effizienz und Produktivität.
Die Handlung ist schnell erzählt. Es gibt Firmen, die die Kündigung ihre eigenen Mitarbeiter "outgesourced" haben und diesen unangenehmen Schritt Externen überlassen. Ryan Bingham ist so ein Externer, angestellt in einer Firma, die von Krisen nicht genug bekommen kann, denn Krisen bedeuten Arbeit. Viel Arbeit. Er reist (natürlich Business-Class) "Up in the air" durch ganz Amerika, lebt in Hotels (natürlich nur den feinsten), ist effizient (nicht nur am Check-In) und gänzlich ungebunden (ohne Frau, mit Ein-Zimmerappartment).
Er liebt seinen Job, kann die weinenden Gesichter von der anderen Seite des Schreibtischs sofort vergessen, ja, lässt manchmal gar auf wundersame Weise Hoffnung in den "Klienten" keimen (es gibt da zwei, drei sehr berührende Szenen).

Peng! Eine junge Uni-Absolventin - perfekt karikiert - will die Arbeitsweise der Firma umstrukturieren, eben effizienter machen. Das schmeckt Ryan gar nicht. Er sieht sein Revier bedroht, in dem er Zuflucht findet und das ihn schützt vor der Welt da draußen. Vor der Welt der Beziehungen, der Verbindlichkeiten, der Liebe, der Kinder, der Endgültigkeit persönlicher Entscheidungen (bis dato waren nur seine ausgesprochenen Kündigungen - pardon: Chancen für einen Neubeginn - endgültig). Er nimmt das Mädel mit auf Reisen, erklärt ihr den Job, zeigt die verdammte brutale Realität (eine Gekündigte bringt sich später um) und betont die Wichtigkeit der persönlichen Präsenz im "Gespräch", das es eben nicht durch eine Videokonferenz zu ersetzen sei.

Nahe geht die Szene einer ersten "Online-Kündigung" bei GM in Detroit. Berater und Klient sitzen anonym in Bürokabinen mit Milchglas, keine 5 Meter voneinander entfernt. Die Uni-Novizin spult ihren Singsang herunter, der alsbald Ausdruck der größten Unfähigkeit menschlicher Existenz wird. Im Nachbarraum hört man ein Schluchzen, auf dem Bildschirm sieht man das tränenverschmierte Gesicht eines 57-jährigen Mitarbeiters.

Was spielt es da noch eine Rolle, dass Ryan die Ehe seiner Schwester rettet und sich persönlich durch menschliche Nähe (ein Treff in einer Airline-Lobby) verändert hat? Nichts bleibt für die Ewigkeit, er muss es schmerzlich am eigenen Leib erfahren, es gibt keine Garantie auf gegebenes Vertrauen. Er ist ein Einsamer, ein Getriebener, ein Verfluchter, der nur im Moor Zuflucht findet und überleben kann. Oder in der Business Class.

The Wolfman
Up in the air

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