Montag, 12. April 2010

Ein Flugzeugabsturz

In Russland ist am vergangenen Samstag ein Flugzeug abgestürzt. Die Zeitungen schreiben von einem "zweiten Katyn" (SZ), von einer "Nationaltragödie, zweiter Teil" (FAZ), nennen es "Das doppelte Trauma von Katyn" (taz) oder nehmen Anteil "Sachsen trauert mit Polen" (LVZ).

An Bord befanden sich der polnische Präsident, Lech Kaczynski, sowie dessen Frau, der
Generalstabschef und 6 weitere Generäle, viele hohe Geistliche, 3 stellvertretende Parlamentspräsidenten, 15 Abgeordnete und Senatoren, Veteranen und Vertreter der Kriegsopferverbände Polens. Jaroslaw, der Zwillingsbruder des Präsidenten, blieb in Warschau, um die durch einen Schwächeanfall gezeichnete Mutter zu betreuen.

Anlass der Reise war der 70. Jahrestag des Massakers von Katyn, bei dem Stalin 1940 das Land Polen durch die Hinrichtung von 22.000 polnischen Offizieren und Intellektuellen seiner militärischen, geistigen und politischen Führung berauben wollte.

Ich fand es einmal mehr beeindruckend, welche Diskrepanz zwischen der Behandlung eines Lebenden und dem Gedenken eines (desselben) Toten im menschlichen Verhalten zu beobachten ist. Lech Kaczynski hatte noch am vergangenen Freitag denkbar schlechte Aussichten, erneut das Amt des Präsidenten zu bekleiden (einer seiner Kontrahenten saß übrigens mit in der Tu-154), war in Europa ob seiner nationalistischen Ziele ein ungeliebter Verhandlungspartner und zögerte am längsten von allen europäischen Staats- und Regierungschefs, die neue EU-Verfassung zu unterzeichnen.

Sein Anliegen war stets die unverblümte Anerkennung des Leids, das das polnische Volk in der Geschichte erlitten hat, durch die europäischen Nachbarn und mit ihnen durch die ganze Welt. Aufgerieben zwischen Deutschland und der ehemaligen SU, fühlte sich das kleine Land gar zu oft als bloßer Spielball im Gerangel der viel mächtigeren Nachbarn um Einfluss und Macht. Einen hohen Blutzoll musste das polnische Volk für seine Freiheit zahlen - der Kampf war aber alternativlos, bzw., um es mit Churchill zu sagen: "Sieg, wie lang und schwer der Weg auch sein mag; denn ohne Sieg gibt es kein Überleben."

Der neuerliche Blutzoll wird nun von manchen Gazetten als Wendepunkt im Verhältnis Polens zu Russland gewertet, hat doch eine von Putin geleitete Untersuchungskommission bereits eine lückenlose Aufklärung der Absturzursache angekündigt. Hach ja, eigene Imagepflege kann nie schaden.

Wie würde das deutsche Volk auf den Absturz seines Präsidenten reagieren? Tausende Blumen vor Schloss Bellevue? Wer würde Anteil an meinem Tod nehmen? 2, 3 Leute? Viele Menschen leben allein, sterben und werden dann - in den schlimmsten Fällen - erst Jahre später gefunden. Keine Angehörigen, anonyme Beisetzung. Ende eines Lebens.
Nein, dann doch bitte tausende Blumen, eine Woche Staatstrauer und 2 Minuten Stillstand des öffentlichen Lebens (incl. Autos). Es ist schon wieder 2 Tage her.

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