Montag, 12. April 2010

Es ist doch nur Geld

Diesen Satz sagt der Wohnwagenkommunist Georg Pranger (gespielt von Franz Xaver Kroetz) im gestern Abend gesendeten Polizeiruf 110.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist eine Neubausiedlung voller schmucker Häuschen und psychisch extrem angeschlagener Bewohner derselben.

Eine Bank wird überfallen, die Frau vor dem Tresen trägt eine Bombe(nattrappe) um den Hals und fordert 2 Millionen, sonst fliegt sie in die Luft. Mit letzter Kraft schleppt sie sich ins Fluchtauto - und explodiert.
Die Ermittlungen führen die frisch von der Bundeswehr zur Polizei gewechselte Uli Steiger (gespielt von Stefanie Stappenbeck) zu eben jenen Bewohnern der oben erwähnten Einfamilienhaussiedlung.

Dort angekommen, will sie verdeckt ermitteln und "mietet" deshalb vom kauzigen Wohnwagenbewohner (Pranger hieß übrigens der letzte Hofnarr Bayerns) ein neues Haus. "Mieten" darum, weil es schwer verständlich ist, warum gerade dieser Mensch die Schlüssel sein eigen nennt. Aber egal, viel spannender ist eh die Ambivalenz zwischen dem intellektuellen Linken - herrlich: "Hegel, Kant, Marx und ein paar Pornos." (Kroetz auf die Frage, was er so an Büchern hier im Wohnwagen habe) - und der jungen, engagierten Ex-Soldatin.

Die Bewohner der schmucken Häuser wurden allesamt (unverschuldet) von Finanzinvestoren über den Tisch gezogen. Diese nutzen geschickt eine seit Gerhard-Gasprom-Ringier-Schröder existierende Gesetzeslücke aus, die es erlaubt, beim Kauf der Kredite von einer Bank, die ausstehende Tilgung samt kompletter(!!!) Grundschuld einzufordern. Der Kreditnehmer zahlt am Ende doppelt. Völlig legal.
Kroetz wird im Film beim Geschäftsführer der Maklerfirma (toll gespielt von Jan-Henrik Stahlberg, Muxmäuschenstill - ansehen!!!) vorstellig und will Mitgefühl hören.

"Wir nutzen das Gesetz mit maximaler Performance.", ist dessen Antwort. Und wenig später, als er im Hinterhof zusammengeschlagen wird: "Ihr Idioten, ihr seid doch selbst schuld, wollt alles haben, alles auf Pump. Für den schönen Schein.", (sinngemäß). Darüber lohnt sich ein Nachdenken.

Tja, "wo der Kapitalismus seine böseste Fratze zeigt, da sehnt eben selbst die bürgerliche Klientel den Sozialismus herbei." (taz)

Nach und nach erhält Pranger Zuspruch von den Eigenheimspießern und findet Uli die wahren Schuldigen. Eine nicht mehr ganz so frische Hausfrau wollte mit einem (leider schon verheirateten) durchtrainierten Häuslebauer anbandeln. Soweit, so Klischee. Dafür ersinnen sie den perfiden Plan, die Gattin des Mannes als Erpresserin einzuspannen und ganz gezielt in die Luft zu sprengen. Im anschließenden Wirrwarr aus Polizei und Feuerwehr wird der Lösegeldkoffer im Auto ausgetauscht und man verschwindet unerkannt.

Ironie der Geschichte: Der Hund "Obama" findet im leerstehenden Neubau das Geld unter einer Treppe und Kroetz läuft durch die Siedlung, Fünfhundert-Euro-Scheine an die Wände tackernd. Zuletzt kümmert er sich um die Kinder zweier psychisch daniederliegender Häuslebauer. Eine Geschichte mit Dramatik, Spannung, tollen Charakteren und gelungener Systemkritik. Ich wünsche mir mehr davon und danke dem berühmtesten Dramatiker Deutschlands für sein Engagement - aber besonders für die tolle Schlussszene: Der Wohnwagen ist weg, zurück bleibt ein Papierkorb voller Geld.

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