Montag, 26. April 2010

Mein erster Leipzig Marathon

Geträumt habe ich von folgender Überschrift für diesen Blog-Eintrag: "Laufend durch die Schallmauer", denn es wäre eine schöne Metapher für das Unterbieten der 3 h-Marke gewesen. Es sollte anders kommen.

Der Morgen des 25.04.2010 begrüßt mich mit jubilierenden Staren auf den Kastanien und jagenden Schwalben am Himmel. Keine Wolke ist zu sehen, ein schwacher Wind weht und im abendlichen Wetterbericht sollte sich 13 Stunden später die Bestätigung für den ersten "Sommertag" des Jahres finden.

Aufwärmen

Sicherheitsnadeln wollte ich noch bereitlegen, ein Handtuch? (nicht nötig, rollst ja danach wieder heim), die Laufsachen werden unter Jeans und T-Shirt gezogen, 2 Molkeriegel kommen in den Rucksack zusammen mit 1,5 l Apfelschorle (versetzt mit Traubenzucker). Außer Müsli und einer Scheibe Brot mit Erdbeermarmelade gibt es beim Frühstück keine Experimente - warum auch. Gegen 8.20 Uhr breche ich mit dem Rad zum Start auf, eine knappe Stunde Fahrzeit in der Morgensonne erwärmt die Muskeln.

Nach 15 Minuten ein Anruf von U.: Wann man mich wo treffen könne. "Na ja, ab 13 Uhr im Zielbereich" ist meine positive Antwort. Weiter gehts in die Stadt, vorbei an den Straßensperren und schon auf einem Teil meiner späteren Laufstrecke rollend. Angekommen an der Ernst-Grube-Halle schließe ich mein Baby an und gebe in der Halle den Rucksack ab.
Die Nieren haben ihren Dienst scheinbar schon auf's Extreme eingestellt, denn viel kommt nicht mehr heraus. Hauptsache, Magen und Darm sehen das genauso.
Im Startbereich zwischen Arena und Festwiese werden gerade die Inlineskater auf die HM-Strecke geschickt - die Mädels zuerst - mit der Ankündigung, die Männer hätten die Frauen nach einem Drittel, spätestens nach der Hälfte der Strecke eingeholt. Besser, als andersherum, oder? ;-)

Pacemaker

9.55 Uhr, ich sehe den Zeitläufer für 2:59 h, Jörg Richter von der "LG eXa", im schwarzen Shirt und mit Basecap, umringt von schätzungsweise 20 Läufern, auf den Startschuss warten.
OBM Jung und Franziska Schenk (letztere mit ungesund viel Schminke im Gesicht und ersterer recht wortkarg) halten die Pistolen in den Händen und schicken die 664 Läufer mit einer Minute Verspätung 10.01 Uhr auf die 2 Runden durch Leipzig.

Ich habe mir in den Kopf gesetzt, an einem Läufer daranzubleiben, der im letzten Jahr hier in Leipzig eine 2:45 h gelaufen ist und vor 2 Wochen den Muldentaler Städtelauf (HM) in 1:12 h gewonnen hat. Ja, das hab ich.
Erste Beschnupperungen in der Gruppe, ein jeder schaut den Nachbarn an, okay, piepende Uhr mit Kilometerpace ist Standard, Laufclubshirt auch ... und Kompressionsstrümpfe.
Wie, schon 5 Kilometer? Am Innenstadtring ist ein außerplanmäßiger Getränketisch aufgebaut, den ich links, nein, rechts liegen lasse.
Kurze Zeit später kommt die "offizielle" Getränkestelle und alle tanken auf. Jörg schaut sich immer wieder um - im Gesicht kein Anzeichen von Rötung - und achtet auf die Geschwindigkeit. Alles (noch) kein Problem, ich komme gut mit, passiere das Völkerschlachtdenkmal in der Gruppe und biege an der Connewitzer Straße auf den vielleicht schönsten Streckenabschnitt des Tages ein. Rechts der Südfriedhof, links Gärten, Schatten und ein leichtes Gefälle wirken in Summe beruhigend. Hach ja, das läuft gut.

Die Zwischenzeitnahme für 10 Kilometer steht bevor, piep piep, 42 Minuten. Niedlich.
Wir kommen an die Richard-Lehmann-Straße und müssen einen 700 m-Schlenker gen Ost in Kauf nehmen. Motivierend kann es trotzdem sein, sofern man auf der "Gegenspur" potentielle Beute erblicken kann.
Vorbei am MDR-Gebäude, rechts abbiegen in die August-Bebel-Straße, trinken, links weiter auf den Schleußiger Weg. Ich bin jetzt leider allein unterwegs, denn an der vorangegangenen Getränkestelle wollte ich nicht wieder die Hälfte verschütten und stattdessen auch mal einen kompletten Becherinhalt in den Magen befördern, habe aber noch Sichtkontakt. Sowas macht man doch nicht Christian, es sei denn, du willst sprinten, um Anschluss halten zu können. Will ich nicht.

Erich-Zeigner-Allee, Lützner Straße, Jahnallee, piep piep, die erste Runde ist in 1:25 h absolviert.

Kick ass

Ich werde langsamer, sehe die 2:59 h-Gruppe nur noch andeutungsweise ... und muss mich doch ab jetzt nur noch auf den eigenen Lauf konzentrieren.
Endlos lang zieht sich die Prager Straße, ein Läufer im blauen Shirt gibt mir Halt, die Getränkestellen werden zu Schreinen der Wiedergeburt. Sommertag, da war doch was. 25°C stellen die Kühlfunktionen des Körpers auf eine Probe, und selbiger will einfach nicht anhalten. Will er schon, die rudimentären Hirnfunktionen lassen es aber nicht durchgehen. Wieder am Völkerschlachtdenkmal, ein Ruf: "Christian!" Schön, schön: K., A. und M. haben sich hier postiert und auf mich gewartet. Eine mentale Unterstützung, die ich dringend nötig habe.

Foto: M. R.
Mit den Rädern begleiten sie mich bis kurz vor das Ziel. Soweit ist es aber noch lange nicht, stehen mir doch nach der letzten Zeitnahme noch 11 km bevor. Los: Beißen, beißen! Mein Kreislauf ist nicht das Problem, wohl aber die Beine. Da geht nicht mehr viel, sogern ich auch wöllte. Am MDR ist ein Mädel ausgestiegen, laut Aussage von A. die bis vor kurzem Zweite ihres Geschlechts. Gut zu wissen, dass es auch Semi-Pros entschärfen kann.
Foto: M. R.
August-Bebel-Getränkestelle, Schleußiger Weg - eine halbe Flasche Wasser von M. findet den Weg auf meinen Kopf. Ob ich das bloß aus psychologischen oder doch aus physiologischen Gründen getan habe - ich weiß es nicht. Aber die Rosinen schmecken gut.

Foto: A. L.
Endspurt - schön wär's - die letzten 2 Kilometer stehen an, die Uhr verheißt nichts allzu tolles (3:19 h), aber dieses Ziel lass ich mir nicht nehmen, nie mehr!!!
Das Elsterbecken wird passiert, ich biege ein auf die Zielgerade. Cheerleader im Spalier (ich habe keinen Blick mehr für ihre Physiognomie), die Arme gehen nach oben (sieht auf Zielfotos immer geil aus) und es macht bei 3:29:13 h (Platz 99 Gesamt, Platz 19 AK) zum letzten Mal für heute "piep piep".

Der Autor auf der Zielgeraden | Foto: A. L.
Nachtisch

5 Minuten gönne ich mir anschließend im Schatten auf der Wiese - lang ausgestreckt und mit einem Gefühlspendel zwischen "happy" und "unbeteiligt".
Dann geht es (langsam) auf die andere Seite der Straße zur Begrüßung der jungen Familie. F. bekommt die Medaille erstmals probeweise umgehangen - steht ihm gut - und ich schnappe mir am Sponsorenstand das erste von zwei kühlen Radlern.
Das Massagezelt ist überaus winzig - wenn man den mir bekannten Guts-Muths-Rennsteiglauf zum Vorbild nimmt - mit 6 Liegen bei einer aus 3 Leuten bestehenden Warteschlange aber scheinbar doch ausreichend bestückt.
Kurze Zeit später vermisse ich das Beißholz an der Liege, denn, auf dem Bauch liegend, ahmt mein Kopf die Bewegungen eines Blinkers nach, an dessen zugehörigem Haken gerade angebissen wurde.

Auuuuuuaaaaaaaaaaaaaaaa!!! Nach Aussage des Masseurs werde ich die Wohltat morgen spüren. Gut, ich vertraue dir.

Inmitten meiner treuen "Supporter" glücklich im Zielbereich neben dem Massagezelt
Wieder im Freien, verabrede ich mich mit den treuen Streckenbegleitern auf ein Eis und kann vorher sogar (mit Handtuch!) noch duschen. An dieser Stelle vielen Dank an den netten Läufer, der mir Duschbad und Handtuch zur Verfügung gestellt hat.

"Wundertüte" nannte sich übrigens die süße Versuchung vor meiner Heimfahrt. Das waren 4 Kugeln Eis in großer Waffel, die gemeinsam mit 6 Freunden am Tisch genossen wurde.

PS: Einen Mitläufer der 2:59 h-Gruppe hatte ich zufällig im Zielbereich wiedergesehen. Er meinte, noch nie soviel getrunken und noch nie so gekämpft zu haben. Die Gruppe ist nach und nach zerfallen, nur 3 Leute (Jörg inbegriffen) haben es geschafft. Glückwunsch!

Mir steht der Kampf noch bevor und heute freue ich mich bereits wieder darauf.

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