Montag, 29. November 2010

Crash, Boom, Bang

Lasst uns vor der Wintereuphorie ein wenig den Schnee beiseite schippen und über die Geschehnisse der vergangenen Tage reflektieren.
Gestern gab China bekannt, Anfang Dezember im Kreise der Sechs-Parteien-Gespräche die Rolle des Unterhändlers im Koreakonflikt zu übernehmen. Gab es jemals eine andere Option? Die USA und Südkorea halten unterdessen noch bis Mittwoch ein gemeinsames Manöver im Gelben Meer ab. Was soll das alles?

Nun, ich interpretiere die Lage einmal mehr aus anthropozentristischer Sicht. Nordkorea ist mit seinen 23 Millionen Einwohnern ein seit mehreren Jahrzehnten laufendes Staatsexperiment. Am 09.09.1948 rief Kim Il Sung die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Zwei Jahre später begann die militärische Auseinandersetzung zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea und der Republik Korea (Südkorea). 1953 wurde das Waffenstillstandsabkommen von Panmunjom unterzeichnet - also kein Frieden bis heute.

1998 wurde Il Sungs Sohn, Kim Jong Il, Regierungschef, nun steht dessen jüngster Sohn Kim Jong Un bereit, um den familiären Machterhalt zu sichern.

Was in Deutschland vor 20 Jahren friedlich mit dem Fall der Mauer endete, hat im Reich der Kims noch heute Bestand. Der "Staat" ist auf ausländische Unterstützung angewiesen, ja könnte ohne sie aufgrund seiner außenpolitischen Isolation nicht überleben. Besucher bekommen für die Dauer ihres Aufenthaltes Begleiter gestellt und müssen Mobiltelefone am Flughafen zurücklassen. Jeder dritte Nordkoreaner soll ein Spitzel sein und wer als Nordkoreaner ausreisen darf, bekommt ebenfalls einen Begleiter an die Seite gestellt. Das Land lebt vom gegenseitigen Mißtrauen und der Angst seiner Bewohner.

Man kann internationale Aufmerksamkeit auf mehreren Wegen erlangen. Nordkorea kennt nur den Weg der regelmäßigen militärischen Drohgebärden. Dahinter steckt ein bitterböses und perverses Kalkül: Drohen wir, gebt ihr uns Nahrung. Nach Schätzungen der FAO sind ein Viertel der Einwohner chronisch unterernährt, von den Kindern gar mehr als ein Drittel. Trotz der direkten Unterstützung des nördlichen Nachbarn. Der bevorstehende Winter lässt nur hoffen, dass die Bevölkerung eine gute Kohlernte hat einbringen können - das Nationalgericht.

Um ein für alle Anrainer sehr gefährliches Machtvakuum auf der koreanischen Halbinsel infolge eines theoretischen Kollaps des Nordens zu vermeiden, ist deshalb die Rolle Chinas als Großer Ernährer eher vom Eigennutz motiviert. Im Mittelpunkt aller Planungen sollten aber immer die Menschen nördlich der Demarkationslinie stehen.

Kriegsspiele der USA und weitere Drohgebärden bringen keine Lösung mit Tragweite - entweder man handelt jetzt human und schnell oder weiter inhuman und quälend langsam.

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Cut und auf in den Norden Yucatans. "Ja is denn heut scho Weihnachten?" würde der letzte verbliebene Kaiser Deutschlands wohl sagen, sähe er die sich wiederholende Zeremonie beim UN-Klimagipfel live. Wenn die Staatschefs von "Klimaanpassungsmaßnahmen" wie etwa Deichbau, Umsiedlungen oder Veränderungen in der agrarischen Landnutzung sprechen, sollte man misstrauisch werden. Werfen die CDMs etwa nicht genug für die nationale Klimabilanz ab?
Haben sie sich intern längst auf das Drei-bis-Vier-Grad-Ziel verständigt?

Fest steht, dass ab 2012 ein Nachfolge-Vertrag für Kyoto her muss. Doch die Annex-1- und Annex-B-Staaten belauern sich lieber. Minister Röttgen wird der deutsche Repräsentant vor Ort sein, die deutschen ESTS anpreisen und womöglich von GEF-Geldern bezahlt werden. Er möchte natürlich auch den deutschen JI-Index heben (siehe CDMs) und sein Gesicht - auch im Vorfeld einer ab Anfang 2011 zusätzlich an den deutschen Tankstellen erhältlichen Benzinsorte mit bis zu 10% Bioethanol - wahren. Ob das gelingt und was Sprit aus Zuckerrohr mit LULUCF zu tun hat, welche NAMA-Maßnahmen überhaupt unter den MRV-Schirm fallen und ob das TAP-Programm größer wird, werden wir nach Cancún sehen. Äh, was passiert denn mit den 50 LDCs?

Ihr seht, Klimaschutz ist einfacher als gedacht. Ich hab heute die Bahn genommen.

PS: Noch eine kleine Ergänzung zum Biosprit aus Zuckerrohr. Brasilien profitiert in besonderem Maße vom Boom des neuen Kraftstoffs mit (scheinbar) sauberer Weste. Eine halbe Million Menschen arbeiten im größten Land Südamerikas auf Plantagen - unter erbärmlichen Bedingungen. Sie werden ausgebeutet und entziehen sich selbst die Lebensgrundlage, denn je größer die Anbauflächen für Biosprit, desto kleiner die Anbauflächen für Nahrungsmittel. Argentinien und Brasilien bauen auf 23 Mio. ha Energiekulturen an. Die Fläche würde ausreichen, um eine halbe Milliarde Menschen zu ernähren. Gute Fahrt gen 2020 kann ich da nur wünschen, denn in 10 Jahren will Deutschland seinen Biospritanteil am Gesamtkraftstoffverbrauch auf 20% angehoben haben.

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Heiß her ging es heute sicher auch zwischen den sonst nach außen hin immer so eloquent und unantastbar auftretenden Diplomaten beiderseits des Atlantiks. Philip D. Murphy, Harvard-Absolvent, 23 Jahre bei Goldman Sachs beschäftigt und seit einem Jahr Botschafter der USA in Deutschland, antwortet auf die Frage nach dem Schaden der jüngsten WikiLeaks-Veröffentlichungen für die deutsch-amerikanischen Beziehungen: "Mittel- und langfristig werden sie keine Bedeutung haben. Unsere Beziehung ist lang und tief genug, dass wir das überstehen. [...] Die letzten Tage waren eine Herausforderung, die nächsten werden noch schlimmer werden. Aber am Ende werden wir das überstehen."

Sicher. Ich frag mich gerade wie wohl Russland reagiert hat. Putin wurde intern angeblich als Alpha-Rüde bezeichnet. Diesen Titel wird er sich rahmen und aufhängen. Wer regt sich hier über die Dokumente wieder auf, na? Kläffer, die die Wahrheit nicht hören wollen und sich hinter dem Schutzschirm (mein Wort des Jahres!) der Bedrohung der nationalen Sicherheit - wirkt immer - verstecken? Diplomaten, die Verspannungen befürchten? Dulcolax soll da helfen! Staatsführer, die angeblich von Untergebenen nicht mit ausreichendem Respekt behandelt werden? Menschen, die ähnliches bei sich befürchten?

Das Sammeln vertraulicher Informationen ist keiner Regierung fremd, hilft es doch immens, sein Gegenüber möglichst genau taxieren zu können. Genauso wie die US-Diplomaten an deutschen Verhandlungstischen ihre Ohren haben, hat die Bundesrepublik ihre Ohren in deren Häusern. Man erinnert sich beispielsweise noch an das Hickhack um das Aufnahmegesuch der USA an Deutschland für uigurische Guantanamo-Häftlinge. Da ging kein Weg rein. Für Schäuble waren die Islamisten "zu gefährlich", für die US-Diplomaten waren sie schlicht wegen des befürchteten chinesischen Zorns abgelehnt worden. Gelandet sind sie am Ende in der Schweiz. Die haben ja bei den USA noch was auszubügeln.

Herrlich, nein, perfekt, nein, ultimativ finde ich die Einschätzung der Diplomaten zur Person Dirk Niebel: "Seine bisherige Berufserfahrung umfasst acht Jahre als Fallschirmspringer bei den deutschen Streitkräften und fünf Jahre als Arbeitsvermittler in einem Heidelberger Arbeitsamt."

He, das qualifiziert zum Tragen von Oakley-Sonnenbrillen und der gebetsmühlenartigen Wiederholung des deutschen Entwicklungshilfe-Mantras "Hilfe zur Selbsthilfe, Hilfe zur Selbsthilfe, Hilfe zur Selbsthilfe, Hilfe zur Selbsthilfe,..."

Wesentlich brisanter als dieser Kinderkram hören sich dagegen die Zitate von Politikern und Diplomaten aus dem Nahen Osten und Russland an.
"Der einzige Weg, Iran davon abzuhalten, nukleare Waffen zu entwickeln, ist, das Land von innen zu spalten." (Kronprinz von Bahrain)
"Ein Krieg ist nur eine Frage des Wann, nicht des Ob." (Kronprinz von Abu-Dhabi)
"Der Iran hat mehrere Reaktoren und will sein nukleares Ziel erreichen, ganz egal, was der Westen unternimmt." (Ahmad, Sohn des Premierministers von Kuwait)
"Als weltgrößter Exporteur von Öl und Gas profitiert Russland erheblich von einer Unsicherheitsprämie bei den Ölpreisen aufgrund der Spannungen mit Iran." (US-Botschafter in Moskau)
Nordkorea soll auch Atom- und Raketenmaterial an den Iran geliefert haben. Moment: Und woher hat Nordkorea die Raketen? 1+1=3.

Übrigens: Schon gehört? Sarah Palin (was wäre diese Rubrik ohne die künftige First Lady und Eisbärfreundin) hat ein neues Wort erfunden. To refudiate. Ach ja, aber das hätte oben besser gepasst, sie unterstützt auch Nordkorea ("Selbstverständlich müssen wir unseren nordkoreanischen Verbündeten beistehen."). Dann werden also künftig die USA mit Nordkorea zusammen das iranische Atomprogramm forcieren. Hmm, dann müsste Präsidentin Palin aber den Krieg gegen die arabischen Machthaber gewinnen, um an deren Energiereserven zu gelangen. In der Zwischenzeit dürfte sich Russland vor lauter Öl- und Gasmilliarden kaum noch bewegen können und bei EADS und Rheinmetall Rüstungsgüter en masse für den Kampf um Rang 1 der Weltmacht des 21. Jahrhunderts ordern. Wuschi könnte dann Vollbeschäftigung verkünden, Karl Theodor bräuchte keine Umschreibungen mehr für Krieg zu erfinden, Annette würde das Institut für "Applied Cyberwarfare" feierlich eröffnen und Hans-Werner den Ifo ins Unendliche beamen. Schöne Aussichten. Wuff-wuff.

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