Montag, 13. Dezember 2010

Imagine there's no heaven

Hey, noch 11 Tage bis Heiligabend. Früher hab ich mich richtig auf dieses Datum gefreut (so mit Baum anputzen ab Mittag, Weihnachtsmusik, Plätzchen, größerer Kaffeerunde und einer wieder kleineren abendlichen Bescherungsrunde), jetzt im mittleren Greisenalter ist davon aber nicht mehr viel geblieben. Es sind dies fast die schwersten Tage im ganzen Jahr.

Ob da eine Zeitmaschine helfen könnte? Die 3 Jungs hinter diesem Projekt sind allesamt überzeugt davon, mit einer Art Generationenvertrag Kapital von der Gegenwart bis zum Jahre 2500 akkumulieren zu können und am 12.12.2012 Besucher aus der Zukunft begrüßen zu dürfen. Ob sich so eine "Temponauten-Lizenz" nicht als Weihnachtsgeschenk eignet? Oder doch besser ein Victoria's-Secret-Kalender? Fragen über Fragen.

Erste unerotische Antworten gibts hier: www.timemachine1212.com und einen kurzweiligen Artikel von Stephen Hawking zum Thema hier: klick.

Dazu noch das:



Nachdem wir jetzt dem Schrecken der verrinnenden Zeit ins Auge geblickt haben, ist ein wenig "downshifting" angesagt. Keine morgendliche Pendlerhektik, keine glatten Straßen, keine nervenden Kollegen, keine betonierten Pausenzeiten,... - Home Office heißt das Code-Wort. Was bei Erwachsenen gut funktioniert, sollte auch für Schüler erlaubt sein. Ist es aber nicht. Zumindest nicht in Deutschland.

"My home is my school" sagen trotz (oder gerade deswegen?) nun immer mehr deutsche Familien, die schon den Nachwuchs auf das "Home Office" vorbereiten möchten. Früh übt sich. Oder so ähnlich.
"Jedes Kind muss zur Schule gehen" (Sylvia Schill). Sicher, die Eichelhäher des deutschen Bildungswaldes melden sofort eine vermeindliche Gefahr, wenn sich Eltern eigenmächtig das Recht auf eine in ihren Händen ruhende Erziehung des Nachwuchses nehmen.

Dabei wird oft unterschlagen, dass sich einige Familien eine regelrechte Kopie des Schuljahres angelegt haben - mit festen Lehrplänen sowie Unterrichts-, Pausen- und Ferienzeiten.
Das Netzwerk der Schulverweigerer funktioniert anscheinend gut, es gibt einen regen Austausch über Tipps zum Umgang mit Behörden o.ä. sowie juristischen Beistand in Extremfällen.
Mehrere tausend Familien praktizieren in Deutschland eine Kombination aus Heim- und Schulunterricht, denn die Bundesrepublik gehört zu den wenigen Ländern, in denen eine strikte Schulanwesenheitspflicht besteht.

Nun werden jene, die sich der Schulpflicht ganz verweigern, quasi gezwungen, ein Leben im Verborgenen - permanent im moralischen Kreuzfeuer - zu führen, immer auf der Hut vor misstrauischen Behörden, Freunden, Nachbarn. Es ist wohl dieser Zustand, der den betroffenen Familien mehr zusetzt als jede Geldstrafe. Der Staat will/braucht die Kontrolle über seine Bürger und schränkt zum Wohle aller die individuellen Freiheiten ein. Den Staatsvertrag hat jeder (symbolhaft auf seinem Personalausweis) unterzeichnet und akzeptiert. Dennoch - und dieses kleine Beispiel ist nur eines von zig anderen - müssen Freiräume gelassen werden für individuelle Lebensentwürfe. Die Möglichkeit für Kinder aus solchen Familien, das Abitur ablegen zu dürfen, gehört dazu. Es ist gewiss eine Gratwanderung. Einerseits der nötige Vertrauensvorschuss seitens des Staates den Eltern gegenüber, andererseits das Bündel Verantwortung auf den Schultern der Eltern (und die benötigte Zeit!).

Die gelungene Integration in die soziale Gemeinschaft - so vermute ich - ist die Hauptangst des Staates, berührt sie doch auch ureigene Existenz- und Überlebensängste. Doch darum wissen die allermeisten Eltern nur zu gut. Oder warum haben sie wohl sonst ihre Kinder in Vereinen, Chören, etc. (dem jeweiligen Wohnort benachbarter Städte) angemeldet?
Vertrauen ist schwer. Nicht nur bei Ärzten oder Bankern.

By the way: Die amerikanische 'Homeschool Legal Defense Association' hat in den USA in allen Bundesstaaten das Zuhause-Unterrichten gesetzlich gesichert. Ob dieses Recht ähnlich wie die Freiheit in alle Welt exportiert werden wird?

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In gewisser Weise fällt Wissen ja auch unter die Exportgüter - nur wie verhält es sich bei WikiLeaks? Nach Festnahme des Kopfes der Organisation hoffen die durch öffentlich zugängliche Geheimdokumente Gehörnten, mehr Kontrolle über den ansonsten unfassbar in seiner Tintenwolke verschwindenden Kraken zu bekommen.
"Wir sind eine zivilisierte Spezies. Deshalb soll künftig niemand einen unrechtmäßigen Vorteil aufgrund der Tatsache erlangen, dass wir gemeinsam mehr wissen, als einer von uns wissen kann." (John Brunner)
Das Zitat aus dem Schockwellenreiter hat einen apodiktischen Charakter, auch und gerade für den Journalismus. Nun hält Julian Assange WikiLeaks für eine "neue Art des Journalismus", weshalb es angebracht ist, hier ein bisschen weiterzuspinnen.
Angenommen, hinter der Masche - Nachricht und Beleg (Original-Dokument) gemeinsam zu veröffentlichen - steckt ein wahrhaft aufklärerischer Geist, so muss die Frage erlaubt sein: Warum werden die vielen tausend Dokumente zuerst ausgewählten Vertragspartnern (etwa dem Spiegel oder dem Guardian) zugespielt und im Internet nur peu à peu freigeschaltet?

Weil ein journalistischer Filter nötig ist? Weil man Kapital generieren muss? Weil man so erst die maximale weltweite Aufmerksamkeit - vom Bekanntheitsgrad großer, renommierter Nachrichtenportale profitierend - erreichen kann?
Gewiss spielen meist sehr persönliche Gründe die erste Geige, wenn es um den Verrat interner Informationen an Dritte geht. Aber muss Loyalität gleich Schweigen bedeuten? Selbstverständlich nicht, so dass wohl die weitere Zutat Moral mit in die Waagschale geworfen werden muss. Jetzt kneten wir das Ganze, rollen den Teig auf dem Backpapier aus und setzen unsere Plätzchenformen an. Fast fertig. Wie lange muss das Blech jetzt in den Ofen, damit eine gut verdauliche, allen mundende Leckerei heraus kommt?

20 Minuten? 30 Minuten? Und was, wenn ich gar keine Plätzchen mag, sondern nur Christstollen (ohne Rosinen), das alle wissen, und mir daher schon einen Extra-Teller eingerichtet haben? Lasst es euch schmecken.

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Hmm, was wird wohl der diesjährige Preisträger des Friedensnobelpreises am Abend der Verleihung gespeist haben? Keiner weiß es. Minutenlanger Applaus im Osloer Rathaus für einen leeren Stuhl kreierte einen unwirklichen Moment. Die westliche Welt hat ihre Entscheidung nachvollziehbar begründet und setzt nun auf den bleibenden Symbolcharakter dieser Szene. Allein die genauen Ursachen für die Abwesenheit sind vielschichtig und nicht mit dem Bagger, eher mit dem Skalpell freizulegen. The times, they are a changin'.

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So, jetzt zum Abschluss noch ein wenig harter Tobak:
  • Die USA werden im kommenden Jahr UNESCO-Gastgeber für den "Tag der Pressefreiheit"
  • Am Mittwoch beginnt die Urteilsverkündung im Chodorkowski-Prozess und aus diesem Anlass ein Gesprächsfetzen zwischen einem aufgebrachten Gast und einem Gerichtsdiener:
Gast im Gerichtssaal: "Gehört Russland etwa Putin?"
Gerichtsdiener: "Wem sonst?"
  • Durban (der Veranstaltungsort der nächsten UN-Klimakonferenz) plant, für in 20 l-Behältern aufgefangenen Urin 4 US-$ pro Woche an Hausbesitzer zu zahlen. Somit will die 3-Millionen-Einwohner-Stadt das Trinkwasser vor Verunreinigungen infolge weitverbreiteter Senkgruben bewahren. Das Versuchsprojekt kommt vom Schweizer Wasserforschungs-Institut EAWAG und wird von der Bill and Melinda Gates-Stiftung finanziert
  • Schon morgen gibts in Italien eine Vertrauensabstimmung im Parlament. Berlusconi ist Regierungschef eines Landes mit Schulden in Höhe von 120% des BIP. Damit gehört Italien zu den am höchsten verschuldeten Ländern der Welt. Außerdem steht morgen eine Entscheidung des Obersten Gerichts über ein Gesetz an, das Berlusconi in seiner Amtszeit Schutz vor Strafverfolgung wegen Korruptionsvorwürfen gewähren soll. Was wäre wohl, wenn er anstatt 1936 in Mailand, 1960 in China geboren worden wäre?
"Lesen Sie im Schwarzbuch des Kommunismus und Sie werden sehen, dass im China Maos keine Babys gegessen wurden, aber gekocht, um damit die Felder zu düngen."                    (Silvio Berlusconi)

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