Mittwoch, 2. März 2011

Meteorologischer Frühlingsanfang

Der war zwar schon gestern, aber im politischen Garten jubilieren - auch dem Klimawandel geschuldet? - die Singvögel ganzjährig. Ungewöhnlich ist gleichfalls, dass sich Revierinhaber noch vor Beginn der Hauptbrutsaison aus dem Staub machen. Da wird die Henne überraschend zurückgelassen und sich urplötzlich ein neues Revier gesucht. Einfach so? Nun, nein, tierisches Verhalten ist meist vorhersehbar. Im Fall des heute im Staubkornschen Zoogespräch vorgestellten Gegelten Wintergoldhähnchens (Regulus zuguttus) war es gar sehr genau vorhersehbar.

Quasi wie ein kleiner Phönix aus der Asche erhob sich dieser Vertreter der Passeriformes aus seinem unscheinbaren Leben in den dichten Wäldern der süddeutschen Lande hin zu einem Leben wie es nur wenigen Vertretern seiner Familie vergönnt ist. Er schwang sich auf, mit den Adlern zu fliegen; über den höchsten Gipfeln dieses Landes sowieso und entlang der höchsten Gebirgsketten der Welt obendrein. Was für eine Entwicklung!

"Hochmut kommt vor dem Fall" lautet ein altes deutsches Sprichwort, das mit dem Leben unseres Vogels in enger Beziehung steht. Zu Beginn seiner weiten Reise hießen die Begleiter noch Aqulia petraeus u.a. und unser Hähnchen machte ihnen sogleich was vor. Es fand sich in deren Welt sofort zurecht, zwitscherte fast auf Augenhöhe zu ihnen und ließ keinen Zweifel an seinem Führungsanspruch aufkommen.

Geradlinigkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Stärke und Weitblick waren die markanten Eigenschaften, die die daheimgebliebenen Verwandten und wir Ornithologen als Beobachter (obwohl Verhaltensbiologen tunlichst auf menschliche Bezeichnungen/Interpretationen für tierisches Verhalten verzichten sollten) dem jungen Vogel zuschrieben. Und das kam ja nicht von ungefähr.

"Kleider machen Leute" heißt ein anderes Sprichwort, dem auch im Tierreich gewisse Entsprechungen zu entlocken sind. Ich denke da an die Lauben (7 Gattungen)- oder die Fregattvögel (5 Arten).

Die einen bauen ein tolles Heim, die anderen blasen ihren Kehlsack auf und frönen dem Kleptoparasitismus. Weibchen lieben es, wenn die sekundären Geschlechtsmerkmale groß, auffällig, pompös sind und obendrein kreativ zur Schau gestellt werden. (Edit: Ist klar, die gebildeten Leserinnen fallen darauf nie rein.) Und während sie das eine Geschlecht erregen, sind sie für das andere Zeichen der Herausforderung, Zeichen des Kampfes, Zeichen gelebter Konkurrenz um knappe Ressourcen. Egal ob Vogel, Wildschwein oder Lemur; solange die artinternen Spielregeln befolgt werden, ist alles gut. Der Stärkere bekommt das beste Weibchen, pflanzt sich fort, vergrößert sein Revier. So funktioniert Leben.

Unser Wintergoldhähnchen hatte sich gut eingelebt in der Welt der Adler. Kein noch so kalter Winter, kein noch so knappes Nahrungsangebot schienen seine Kräfte schwinden zu lassen. Es war bemerkenswert. Sein Respekt innerhalb der Gruppe wuchs stetig, bis, ja bis zu diesem "Unfall." Bei der Jagd einer großen Gruppe junger Adler auf fliehende Schafe kam es zu einem tragischen Zwischenfall. Kein Tier macht mehr Beute, als es selbst verbrauchen kann, denn das sinnlose Töten ist den menschlichen Tieren vorbehalten. Aber die Adler machten mehr Beute als sie selbst benötigten. Viel mehr.

Die Adler verstanden nicht, wie es dazu kommen konnte. Wieso gerieten sie in so einen fatalen Blutrausch? Es mussten Konsequenzen gezogen werden. Zwei alte und sehr erfahrene Adler wurden in Folge aus der Gruppe verbannt. Das bizarre Leben eines kleinen Vogels inmitten großer Jäger ging weiter.

Doch dann schien plötzlich der Kuckuck Vorbild für unseren heutigen Vogel des Tages geworden zu sein. Ein fremdes Ei wurde als das eigene ausgebrütet und als das Junge schließlich schlüpfte, gebärdete es sich als Mimus polyglottos. Kein junger Adler also.
Ein Affront gegen die weisen Adler war das! Diese schrien auf, forderten den Ausschluss aus der Gruppe wegen Unwürdigkeit. Unwürdigkeit ist ein starkes Wort. Es kann verletzliche Gemüter in den Abgrund reißen und so taumelte auch unser kleiner Vogel mächtig hin und her. Einige Getreue schützten ihn anfangs noch (halbherzig), doch der Druck der Weisen wurde immer größer. Schließlich blieb für das Wintergoldhähnchen nur eine einzige Alternative, wollte es nicht selbst zum Futter werden. Es zog sich wieder in sein angestammtes Revier im heimischen Nadelwald zurück.

Und die Moral von der Geschicht': Vertrau den kleinen Vögeln oder vertrau ihnen nicht.

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