Mittwoch, 18. Mai 2011

Spontan zum Rennsteig

Ich habe gestern einen Platz im schon lange "ausverkauften" Starterfeld des Rennsteig-HM am 21.05.2011 angeboten bekommen.

Kurzentschlossen nahm ich an, wissend, dass mein letzter "Lauf" exakt 3 Monate zurückliegt. Tja, heute musste ich daher das Gewissen beruhigen und bin die gleiche 12 km-Strecke wie vor 3 Monaten gelaufen.

Ins Ziel komm ich, soviel steht fest, ob es aber für die Altenburg-Zeit reichen wird (identische hm) steht in den Sternen. Meine einzige Hoffnung bleibt die berauschende Wirkung von guten Pacemakern...

---

Es ist Donnerstag, der 26.05.2011 und das letzte Wochenende liegt schon wieder arg weit zurück. Doch bevor ich zu den von allen ersehnten Stories über existierende oder nicht existierende Pacemaker kommen kann, muss ich ein paar Worte zur Anreise verlieren.

Okay, wen soll ich schlachten?!

Diese begann nämlich am späten Freitagnachmittag ebenso luxuriös wie der darauffolgende Samstag ausklingen sollte:


In meine Sänfte bis nach Neuhaus am Rennweg passte das Fahrrad nämlich locker für quer, während ich dahinter saß, den Arm auf den Kühlschrank gebettet. Um 20.30 Uhr verließ ich schließlich am Startort des Rennsteig-Marathons meine Gastgeber und rollte allein weiter zum Nachtlager in Frauenwald bei Schmiedefeld. Luftlinie sind es 21 km, auf der Straße 35 (600 hm), Abendessen, ich komme! Der Gewitterschauer von vor einer guten halben Stunde hatte noch etwas Restfeuchte auf den Straßen zurückgelassen, allerdings so wenig, dass meine Hose trocken blieb.

Katzhütte, Altenfeld, Kahlert - alles Orte, in denen ich noch nie einen Fuß auf den Boden gesetzt habe. Dabei blieb es auch, rollte es doch schön angenehm meinem Tagesziel entgegen. In Neustadt am Rennsteig passierte ich während der Fahrt erstmals die Marathonstrecke, was sogleich Erinnerungen weckte. Und tatsächlich: Genau hier, wo man vom Fußweg auf den Wiesenweg überwechselt, standen vor einigen Jahren A. und M., Kekse reichend und anfeuernd. Morgen werde ich einmal mehr ohne persönlichen Support unterwegs sein und bereits wieder in Gedanken an diesem Artikel schreiben.

Auf den restlichen Kilometern kreuzte ich den Rennsteig noch ein paar Male, bevor es wieder gen Süden schwenkend schon fast nach Abendessen roch.

Bänke in Frauenwald
Hatte ich vorhin "Abendessen" gesagt? Nun, es gibt leider nicht nur in bayrischen Dörfern die schöne Tradition, nach 21 Uhr nichts Warmes mehr aus der Küche zu bekommen (vom Spülwasser abgesehen); es gibt sie auch in Thüringen. Wie würde der Ostfriese sagen? Genau, basst scho, 2 Müsliriegel und eine Banane stellen schließlich eine vollwertige Mahlzeit mit Obstdessert dar; und zum Frühstück bin ich garantiert pünktlich. Gute Nacht.


Man beachte Punkt 8
Morgenstund hat...

5 Uhr gab es endlich Frühstück in diesem kleinen Hotel, das alljährlich zum Rennsteiglauf auf eine "Herde" sächsischer Läufer eingestellt ist und dementsprechend klaglos das Buffet zu unüblichen Zeiten herrichtet. So, wo ist denn hier die Müsliecke? Ah, gibt's doch nicht, da ist sie ja! Man hatte den Eindruck, sie ist nur als Lückenfüller zwischen Weizenmehlbrötchen und Butterbergen eingerichtet worden, in aller Hektik obendrein noch mit leerer Milchkanne.

Die seelige Bedienung muss meine langsam in Richtung Schreikrampf entgleisende Physiognomie ziemlich gut interpretiert haben, denn ich bekam nicht nur Milch, sondern dazu noch Tee. Ja, Tee. Trinkt hier sonst sicher auch kein Schw***, ich weiß, aber ich trinke ihn. Danke. Die Morgenstund hatte so zu guter Letzt also doch noch ...Gold im Mund.


Hubschraubereinsatz

Mit dem Auto ging es wenig später für die Halbmarathonis auf nach Schmiedefeld, um dort einen der im Minutentakt zum Startort Oberhof abfahrenden Busse zu besteigen. Warum der Busfahrer die Lüftung erst 10 Minuten vor Fahrtende eingeschaltet hat, bleibt sein Geheimnis, für die im hinteren Abschnitt sitzenden Läufer war es jedenfalls ein feiner erster Test für das Funktionieren der Schnappatmung. Apropos Schnappatmung, nein, erst später.

Gestartet wird der Halbmarathon in Blöcken, zu deren Einteilung die jeweilige Zeit des Vorjahres herangezogen wird. Ist man nicht gelaufen, ist man automatisch in einem der hinteren Blöcke.
6788 Starter zählte das Feld zum diesjährigen Halbmarathon beim 39. GutsMuths-Rennsteiglauf und es waren noch 30 Minuten bis zum Start. Zeit genug, u.a. einmal die vom Moderator gerühmten Cheerleader aus Jena zu besuchen. Diese hat man nämlich hinter dem Starttor immer nur mal ansatzweise in die Luft fliegen sehen. Ja, schon, ein Start im Pro-Lager lohnt.

Was ich außerdem bei Veranstaltungen dieser Art toll finde, sind die Ansagen der Moderatoren. Die müssen bis zum (für alle Seiten wohl) erlösenden Startschuss die Menge unterhalten. Oder es zumindest versuchen. Für Abwechslung sorgte da der MDR-Hubschrauber, für welchen sogleich eine La-ola mehrfach über die Menschenmasse geschickt wurde. Das ist euch immer noch zu wenig, ihr seid nicht warm genug? Dann los!

Wir singen: "Hu-Hu-Hu-Hubschrauberein-satz, Hu-Hu-Hu-Hubschrauberein-satz, Hu-Hu-Hu-Hubschrauberein-satz,..." Yes, we can! Fremdschämen einmal anders oder: Mittendrin statt nur dabei.

7.30 Uhr fällt der Startschuss ... und ich stehe. Ich stehe auch 6 Minuten später noch und bin heilfroh, zu wissen, dass die Zeitnahme erst beim Passieren der Sensormatte gestartet wird.
Aus Oberhof hinaus führt der Trail ab Kilometer 3 bergan, erst zur "Sommerwiese" (855 m NN) und später zum Großen Beerberg, an welchem sich mit "Plänckners Aussicht" (973 m NN) zugleich der höchste Punkt der Strecke befindet. 194 hm und 7 km haben der werte Läufer, die werte Läuferin bis dahin in den Beinen, 90 weitere hm sollen noch folgen.

Zeit, sich umzuschauen

Bis hierhin war schon so einiges passiert, wurde zwischen Menschengruppen hin- und hergesprungen, auf Trampelpfade zum Überholen ausgewichen, der ein oder andere Pacemaker-Vorsatz verworfen, der ein oder andere Knöchelbruch verhindert. Aber was viel entscheidender war: Die unmittelbare Umgebung.

Neben den obligatorischen Shirts der Rechtsanwaltskanzlei S. und unzähliger Laufvereine gab es außerdem Vertreter der Lufthansa (A 380), des Mercedes-Benz-Werkes in Sindelfingen, der Staatskanzlei Brandenburg, des - mit dem ziemlich lässigen Aufdruck "Home of MP3" versehen - Fraunhofer ILS sowie des direkt neben dem Start ansässigen Hotels, dessen Name mir bereits beim Warmlaufen ins Auge stach.

Doch wer kann sich all die Werbe-, Hallo-hier-ich-gehöre-auch-dazu-Shirtträger merken, wenn vor einem der leibhaftige Engel läuft. Schlumpfblaue Shorts, weiße Kompressionsstrümpfe, 1,68 m (hehe), weißes Oberteil, blonder Schopf, fast schon zu schnell unterwegs. Heiß, heißer, Schwedin? Ich hätte mit dieser Aussicht jedenfalls ins Ziel und unendlich weiter laufen können, blieb schließlich aber doch meinem Tagesvorsatz treu und näherte mich weiter der 100%-Auslastung an.

Vom "Borstenplatz" (km 10,7 / 880 m NN) aus ging es um den Goldlauterberg herum und nach weiteren 1,5 km am "Mordfleck" vorbei. "Mordfleckswand", "Bierfleck", "Großer Eisenberg" und "Kalte Herberge" (km 15,7) folgten, bevor man bei km 18 die Supermarathon-Strecke betritt und getrost die letzten Reserven verheizt werden können, denn es geht von nun an nur noch bergab.

Teil 2 des Tages

1:43 h, ein Staubkorn von vielen war im Ziel und bekam die Medaille mit Aufschrift "Ich war dabei" umgehängt. "Ich war dabei" reicht selbstverständlich ganz und gar nicht, wenngleich der spontane Lauf realistisch nicht viel besser hätte funktionieren können und ich mit mir bezüglich des persönlichen Einsatzes auch im Reinen war.

Shirt aus, ab zur Getränkestelle, ab zur Gemüsesuppe, ab zur Gepäckwiese, ab gen Frauenwald.
5 km läuft man durch den Wald - Zeit für ein paar Telefonate und Gedankensortieren.

Ich checke aus, packe meinen Rucksack und rolle zurück nach Schmiedefeld, um die Stimmung im Ziel festzuhalten, bzw. mich von meinen Gastgebern zu verabschieden.

Hotelrezeption
Die Getränkestelle in Frauenwald (km 38) wird gerade von der bis dahin führenden Frau beim Marathon passiert, während ich weiterfahre, begleitet von ersten Tropfen, die sich zu einem veritablen Gewitterguss auswachsen sollten.





Im Zielbereich angekommen wird der Regen immer stärker, so stark, dass ich nachgebe und der völligen Durchnässung aller Bekleidungsschichten mit einem Besuch im Klamotten-Shopping-Zelt vorbeuge.





Hier, gleich neben dem Salomon-Stand spielte ein Junge mit einem Luftballon. Soweit nicht weiter erwähnenswert? Doch, diesmal schon:



Thomas, sei unbesorgt, das sind deine Freiwilligen. Sportliche Gene scheinen sie obendrein vererbt bekommen zu haben - ja meine Güte, was will der Bund denn noch?!

Knappe 2 Stunden währte der "Regenschauer", eine Zeit, in der unablässig die Marathonis ins Ziel stürmten und auch die Zielsprecher nicht schlapp machen durften.



Weg hier

Nach Begrüßung von S.' Vater im Ziel breche ich zur Heimfahrt auf, in der optimistischen Überzeugung, von weiteren CB's verschont zu bleiben und flott voranzukommen.
Bereits unterwegs, statte ich "Mr. Evergreen" aus Erfurt noch einen Besuch ab und bekomme von ihm eine persönliche Darbietung des Rennsteigliedes:


Michael "Mr. Evergreen" Schneider
Bei Gillersdorf (Blickrichtung SO) entsteht das folgende Panorama:


Zwischen Allersdorf und Mellenbach drehten sich die Laufräder lediglich nur noch aufgrund der Hangabtriebskraft:


Dafür war die anschließende Fahrt durch das Schwarzatal ein umso schöneres Erlebnis - und bis Bad Blankenburg hatte sich die Sonne auch soweit durchgesetzt, dass erneut in kurz-kurz gefahren werden konnte. Von nun an rollte es mit Rückenwind parallel zur Saale, vorbei an Rudolstadt, Orlamünde und Kahla.


Mein Essensbilanz beschränkte sich (ab dem Frühstück) bis 20 Uhr übrigens auf 1 Becher Suppe, 1 Banane, 2 Äpfel, 2 Gels und 5 Riegel. Da kann es schon einmal vorkommen, dass Grillfeste in Dörfern oder Gaststätten mit schönen Freisitzen etwas länger betrachtet...

...und konsequent passiert werden. Schließlich wollte ich wissen, wie lange die Reserve an diesem Tag reicht und ob ich autark bleiben kann.

Und wieder hoch


Solche Fotos haben einen bleibenden Charme, wenn nämlich nur du weißt, wie es dir zum Aufnahmezeitpunkt ging und welch große Bedeutung Traubenzucker im Trinkwasser beigemessen werden kann. Jedenfalls sollte ich noch 50 km weiter kommen - und beginnen, über jeden verd****** Höhenmeter zu schimpfen - bevor in Altenburg dem Ruf einer Esso-Tankstelle nachgegeben werden musste. Okay, das Limit ist erreicht, jetzt gib mir bitte ein Baquette, einen Teller Nudeln und hör dir mein Gequatsche an, lieber Tankstellenmitarbeiter.

Herrlich, zu spüren, wie der Körper seine ATP-Garden neu aufrichtet, die Cola ihren erhofften Dienst erweist und die Energie zurückkehrt. Es waren noch 30 km bis zum Tagesziel, 30 km, die in einer guten Stunde absolviert waren und einmal mehr den weichen Kern unserer Existenz in den Fokus rücken sollten.

200 km / 1323 hm

Bewegte Bilder:

Keine Kommentare: