Dienstag, 7. Juni 2011

700 km sind 700 km sind 700 km

"Es gibt Tage, da denk ich leise...", so beginnt mein Bericht zum 400K-Brevet des Audax Sachsen vom 07.05.2011. Heute nun blicke ich auf ein Wochenende zurück, welches im Stande ist, diese angesprochene Tour im nachhinein arg zu relativieren.

7.25 Uhr | 0 km | 03.06.11

Start in Bennewitz war diesmal (wegen der längeren Strecke) bereits an einem Freitag, allerdings zur üblichen Zeit - wieder 9 Uhr. Für meine 52 km Anfahrt bis zum Startpunkt bedeuten 7 Uhr Abfahrt 2 h entspanntes Radeln, 7.25 Uhr Abfahrt hingegen Warmfahren deluxe. In der Deluxe-Version ging es bis Grimma, wo ich schon fast zum Handy gegriffen und meine Kontaktpersonen um einen 5-Minuten-Aufschub des Startschusses gebeten hätte ... was dann schließlich nicht notwendig wurde, da meine Beine gut waren (hah, zum ersten Mal überhaupt schreibe ich jetzt diesen ausgelutschten Radfahrerspruch) und das Ziel, äh, den Start um 8.55 Uhr erreichen ließen.

Jacke ausziehen, eine Banane einwerfen, aufsteigen, START zum 600K-Brevet des Audax Sachsen 2011!

9.00 Uhr | 52 km | 03.06.11

Über Taucha, Leipzig und Schkeuditz führte uns Olaf als (fast) geschlossenes Gruppetto bis nach Halle. Fast deswegen, weil es manche nicht sein lassen konnten und hinter Schkeuditz ein erstes Feuerwerk als Pacemaker abbrennen ließen. Aber wer hört Kommentare der Art, "35 km/h hätten auch genügt", schon nicht gern. ;-)

Taucha entgegen

Messeallee Leipzig

Also war die Meute in Korbetha bereits geteilt und hatten sich erste Fahrergrüppchen mit ähnlichen Ambitionen gefunden. Die Sache mit den ähnlichen Ambitionen ist jedoch erst dann eindeutig erkennbar, wenn man gemeinsam ein paar Hügel gefahren ist und danach noch atmen kann.

Seeburg am Süßen See
Seeburg am Süßen See bot mit seinen Weinbergen den landschaftlich (und nur das!)
perfekten Rahmen für einen Passen-wir-zusammen-Test. Also Brust raus und Feuer, hinauf nach Neehausen und jetzt bloß nicht nachlassen. Oben dann sah alles gut aus, die Spitzengruppe lag im Blickfeld, ich schloss wieder auf ... und musste nur mal ganz kurz anhalten, um neues Futter aus der Gepäcktasche in die Trikottasche, respektive den Magen, zu transferieren. Zwei, drei Minuten sind eine Ewigkeit. Nicht nur in peinlichen Situationen, sondern auch während einer Ausfahrt. Du hast einfach keine Chance mehr, auf den Zug aufzuspringen.

12.50 Uhr | 152 km | 03.06.11

Alleine ging es deshalb weiter bis Hedersleben und Polleben; Ich tat mich mit zwei weiteren "Abgesprengten" zusammen und gemeinsam ging es fort bis Mansfeld.
Wie jetzt "Mittagessen"? Hm, einerseits wären 10 Minuten Schatten ganz nett, andererseits bedeuten 10 Minuten Schatten 10 Minuten mehr Rückstand - es sei denn, die Spitze handelt wie wir. Okay, ich bin dabei und nutze die Zeit, um erstmalig an diesem Tag zur Sonnencreme zu greifen.

Wieder on the road und keine 1,5 km später hörten wir drei beim Pinkeln plötzlich die vertrauten Sprüche: "Abschütteln nicht vergessen", "Wer suchet, der findet",... YES, die waren auch alle im Schatten!!!

Jetzt aber nichts wie hinterher und nochmal Anschluss an Olaf gewinnen (der übrigens schon eine Woche zuvor einen nicht ganz flachen 600er gerissen hat). Yippieh, die Lücke wird kleiner, los, nur noch 100 m pushen, dann ist der rettende Windschatten erreicht. Geschafft.
Ich will mich zu M. umdrehen: aber der ist nicht mehr da. Wie ich später erfahren sollte, war er ein Opfer der Hitze und damit einhergehender Risiken geworden. Mir war die gewonnene Gruppe allerdings zu wichtig, um sie final zu verspielen, so blieb ich.

Ich blieb circa 15 Kilometer, bevor die Vernunft (oder das was von ihr übrig war) obsiegte und allen eine gute Fahrt wünschen ließ.

Olaf himself
So rollte ich im besten Randonneursgedanken allein durch Harzgerode, Güntersberge und Bärenrode, immer mal wieder einen Schulterblick riskierend, ob da nicht vielleicht doch wer heran kommt. Und siehe da, welche Freude (obwohl, die sind folglich schneller gefahren als du), hinter Bärenrode finden wir drei "Pollebener" erneut zusammen. Die Chemie stimmt zwischen uns - dass hatte ich schon zu Beginn gespürt - und auch die angeschlagene Pace kann ich nicht nur im Flachen mitgehen.

15.30 Uhr | 210 km | 03.06.11

Mittlerweile haben wir frühen Nachmittag, 23 km verblieben bis zur Rappbodetalsperre. Ein Motorradunfall an der Kreuzung Altenbraker Straße / B81 ließ uns gegen viertel fünf die Gefahren der Straße allzu nachdrücklich gewahr werden. Einziger Lichtblick: Man konnte mit dem Fahrrad problemlos am Stau in alle vier Richtungen vorbei und den angestrebten Weg fortsetzen.

Blick von der Staumauer der Rappbodetalsperre auf die Talsperre Wendefurth
In Rübeland kann ich die zwei Mitstreiter noch überzeugen, bis Schierke mit dem kühlen Hefeweizen warten, in Elbingerode schaffe ich es aber nicht mehr. Wir bogen in den Wald ab und erreichten mit dem "Hirschbrunnen" nach 700 m die für manche so ersehnte "Bocki".


Der Mensch links im Bild ist übrigens schon Touren mit 17.000 hm am Stück gefahren. Ende der Durchsage und winselnder Rückzug...

So, von hier an sind es nur noch 20 Kilometer bis zum Brockengipfel und folglich 10 bis Schierke. Die Brockenstraße wird bereits kräftig saniert und bot auf den ersten Metern einen wesentlich rennradfreundlicheren Eindruck als noch vor einem Jahr. Hat man diesen bereits fertiggestellten Abschnitt jedoch passiert, wird das Geläuf deutlich ungemütlicher, durchlöchert und bucklig.
Welche Motivation war da das (jetzt aber wirklich letztmalige während des gesamten Brevets) Entgegenkommen der Spitze rund um Olaf auf circa halber Strecke hinauf zum Gipfel.

Die Jungs hatten ihre ersten Stempel gesammelt und strebten sichtlich zufrieden der Nacht entgegen. Bis zu dieser waren es aber noch gute 2,5 h.



Blickrichtung SO





Auf "Bocki"-Suche
Was für ein schönes Erlebnis, erneut aus eigener Kraft von zu Hause aus auf den Brocken gekommen zu sein. Keine Emissionen, kein Lärm, kein schlechtes Gewissen. Stattdessen Befriedigung, Fernsicht und ein Haufen Gleichgesinnter.

Ein Omen
20 Uhr | 270 km | 03.06.11

Nachdem die Leute ihre Stempel in der DWD-Wetterwarte bekommen hatten, traten wir - jetzt wieder zu zweit wie ursprünglich angedacht - die Ab- und Weiterfahrt gen Kyffhäuser an.

Oberhalb von Trautenstein schließlich verabschiedete sich der erste Tag mit einer Abendstimmung, die viel schöner nicht hätte sein können. Na doch, in einem Punkt schon.

Luftlinie zum Brocken: 19 km | Fahrstrecke: 31 km

Was'n Traum I


Wenn man das Abendrot als gutes Omen für die Nacht nehmen mag, dann musste man die Spaghetti Carbonara in Hasselfelde (kurz vor Küchenschluss beim "Dilan Kebab Haus") als Garantie für eine gute Nacht nehmen. Eine große Portion (naja, zu dem Zeitpunkt gab es eigentlich keine großen Portionen) und eine Coke versüßten uns ab 21.45 Uhr den Einstieg in eine laue Frühsommernacht.
Was'n Traum II
Stiege, Stolberg (Geburtsstadt Thomas Müntzers), Rottleberode (hier endet der Harz nach Süden, denn das Grundgebirge taucht unter den Zechstein) und Uftrungen lagen am Wegesrand, während es mittlerweile zwar stockdunkel aber keinesfalls kalt war. Wir unterquerten bei Berga die A38 und rollten auf der B85 (inzwischen zu dritt) weiter bis Kelbra, an den Fuß des Kyffhäusers. Tja, natürlich gäbe es eine Straße außenherum - gesäumt von so feinen Ortsnamen wie Hackpfüffel und Borxleben - doch wir nahmen den Kyffhäuser selbstverständlich gemäß Streckenplan direkt. Jetzt in der Nacht ist er außerdem sehr angenehm zu fahren, weil man nämlich nicht Angst haben muss, hinter der nächsten Kurve von einem Motorrad umgemäht zu werden.

0.42 Uhr | 360 km | 04.06.11

Wir haben den Kyffhäuser hinter uns gelassen und rollen (jetzt wieder zu zweit - nein, der Kollege ist vor uns) Artern entgegen. Die Geologie dieser Region ist geprägt vom Zechstein (daher auch die Bezeichnung "Bad" Frankenhausen für dessen Solquellen) und damit einhergehend Auslaugungsniederungen. Durch eine solche, nämlich die Kleine Goldene Aue, fuhren wir.

In Nausitz - es hatte mittlerweile 1.38 Uhr - lud ein besonderer Platz ein zu einem Nickerchen. Er war zwar steinig, aber dafür breit und warm und befand sich im Halbschatten der Straßenlampen. Die nächtliche Stille auf dieser Friedhofsmauer wurde nur vom Gesang der Nachtigall und ein paar plötzlich heransurrenden Laufrädern durchbrochen. Aufstehen! 30 Minuten Pause waren vorüber und es galt, den Anschluss an die Windschattenspender nicht zu verpassen.

Nach kurzer Aufholjagd hatten wir sie eingeholt und mussten ernüchtert feststellen, dass die Gruppe leider etwas zu langsam unterwegs war. Also allein weiter, immer parallel zur Finnestörung über Wiehe, Eckartsberga bis nach Bad Sulza.

4.02 Uhr | 430 km | 04.06.11

Die zweite Kontrolle im Hotel An der Therme in Bad Sulza war ganz speziell. Die Frau an der Rezeption bereitete nämlich eine Kanne Hagebuttentee zu und ließ uns für eine Stunde auf den Ledersesseln im Eingangsbereich dösen.

Einmal rund um den Kurpark und dann hinauf nach Bergsulza führte uns der Track anschließend weiter gen Süden. Die Landschaft hier ist weiterhin geprägt von der Finnestörung, eine Tatsache, die bei Camburg besonders markant zu Tage tritt; unterer Muschelkalk ist hier im Stadtgebiet eindrucksvoll aufgeschlossen. Wir konnten dies bei der Saalepassage im Ort sehen - und haben dabei die rote Ampel in eine grüne umgedeutet.

Morgenstimmung bei Rodameuschel
Frauenpriessnitz, Wetzdorf, Mertendorf, Rauschwitz, Trotz, Serba, Hermsdorf, tausend Nester, tausend Felder, tausend Höhenmeter, tausend Sonnenstrahlen ... mir fielen immer wieder die Augen zu und ich musste arg gegen mich arbeiten. Da half es, Teil einer Gruppe von nunmehr 4 Personen zu sein, die kräftemässig perfekt aufeinander abgestimmt war.

Gemeinsam widerstanden wir dem schwachen Fleisch und arbeiteten uns - für kurze Zeit von einem einheimischen Rennradler begleitet - bis Stadtroda vor.

7.20 Uhr | 470 km | 04.06.11

Der hiesige "Meisterbäcker" hielt dem Kennermund zufolge jedoch kein meisterliches Gebäck vor. Mir war das aber eher von nachrangiger Bedeutung, bekam ich als Nicht-Kaffeetrinker doch endlich eine Koffeinladung und dazu etwas Brennstoff für die Mitos.




"Yippieh, bloß noch 80 km bis zum 3. Kontrollpunkt in Berg" hätte man ausrufen können, wären da nicht diese latente Müdigkeit und eine Landschaft gewesen, deren (letztere) Modellierung keinem Zuchtmeister besser hätte gelingen können als es Kreide und Tertiär vorgemacht haben.

9.23 Uhr beschlossen wir, diese herrliche, frisch gemähte Wiese im Halbschatten einer kleinen Waldzunge genauer zu untersuchen und einfach mal probezuliegen. Ja, 5 Sterne.

Das nennt sich also Randonneure :-)
Fit und munter rollte es doch gleich wieder in ansprechendem Tempo den Plothener Teichen entgegen. Was für eine Lanschaft! Für die Autofahrer: A9, Abfahrt Dittersdorf. Einfach mal vorbeischauen - es lohnt sich ganz bestimmt. Im besten Fall kommt man selbstverständlich mit dem Rad hierher. Klarer Fall.

So, wo war ich stehengeblieben? Ah, gutes Stichwort. Wir wurden nämlich hinter Möschlitz buchstäblich von Oldtimern ausgebremst. Die hatten just auf unserer Strecke ein Rennen veranstaltet und wollten uns tatsächlich nicht durchlassen. Also kurzerhand die Straße verlassen und entlang des Roggenfeldes weitergelaufen. Dass es jetzt keine Autobilder zu sehen gibt versteht sich von selbst.

Remptendorf, mein Remptendorf, wir werden dich nie vergessen. Du geliebtes D*****nest beschertest uns eine 5 km lange Waldpassage auf MTB-Wegen, über Schotter, Löcher und Wurzeln!

Versöhnlich stimmen konnte der Blick auf Schloss Burgk an der Bleilochtalsperre da nur bedingt:

Schloß Burgk
Es hügelte fleißig vor sich hin, Ortsnamen wie Hölle (Stadt Naila) fielen und außerdem waren wir plötzlich im Westen. Also im östlichen Westen. Also in Bayern.

14.04 Uhr | 555 km | 04.06.11

Am Autohof Berg trafen wir wieder auf andere Teile unserer Gruppe, füllten die Wasservorräte auf und tankten ein paar Kalorien. Schon ein interessantes Gefühl: Da bist du bis dato quasi 17 h lang mit einer Meute auf gleicher Strecke unterwegs und erkennst lediglich an den Kontrollpunkten die Verdickungen dieser Perlenschnur.

Anyway, auf uns (wieder wir vier) warteten jetzt die letzten 130 km bis nach Frohburg - bei zunehmender Gewitterstimmung hoffentlich nicht noch verbunden mit einer Dusche.

Was soll ich sagen, es war einfach ein geiler Ritt. Flott, durch das traumhafte Vogtland, mit pittoresken Abfahrten auf 4 Meter breiten Straßen und ohne Gewitter.

Meerane (Kontrollpunkt 4) erreichte ich trotzdem allein, weil meine Befürchtung eines leeren Tanks zu einem Stopp und Zugriff auf die Gelreserven veranlasste. Also hab ich die Steile Wand allein in Angriff genommen und oben mit einem weiteren Randonneur die Fahrt gen Frohburg fortgesetzt.

Die Steile Wand in Meerane
Kurz vor Neukirchen hatten mich die drei von der Tankstelle (Shell in Meerane) wieder eingeholt und gemeinsam ging es auf die letzten 30 Kilometer bis nach Frohburg.

20.11 Uhr | 661 km | 04.06.11

Also diese letzten Kilometer waren irgendwie speziell. Einerseits. Und andererseits auch wieder ganz und gar nicht speziell, eher schrecklich vorhersagbar, so unausweichlich.

Unser Tempotier mit geliehenem Rad zog die Pace ordentlich an und hielt diese auch an Hügeln konstant hoch. Soweit, so bekannt. Nur wie reagiert man da jetzt? Im Windschatten mitrollern, selber Windschatten geben ... und es wissen wollen.

Wie oft habe ich mich schon aus Gründen irgendwelcher erhoffter Anerkennung oder Zuneigung nicht natürlich gegeben, mich dabei sehr unsicher gefühlt und am Ende mehr zerstört als es zu gewinnen gab. Auf das Unwohlsein folgte der Vorsatz, es in Zukunft besser zu machen, darauf zu bauen, auch authentisch mir wohlgesonnene Menschen zu treffen.

Jetzt war so ein Zeitpunkt für Authentizität gekommen. Kein Versteckspiel, kein Windschatten, nur du und dein Weg. Gemeinsam mit M. ging es im orangenen Bereich hinein nach Kohren-Sahlis und - **** - nur mühsam wieder hinaus. Ein Radweg führte auf einen Sportplatz, führte auf die Straße nach Streitwald. Egal, wir kamen ins Ziel, beglückwünschten uns, saßen einmal mehr in Radklamotten im Abendrot und hingen unterschiedlichen Gedanken nach.

Das Ratpack in Formation

21.17 Uhr | 691 km | 04.06.11

Ich musste an die Schlussszene des Films "Höllentour" denken. Rolf Aldag sitzt da im Ziel der Tour 2003 auf dem Oberrohr seines Bikes auf der Avenue des Champs-Elysées und schaut irgendwie leer drein. Dann steigt er auf und fährt aus dem Bild. Wir fuhren auch aus dem Bild, heimwärts und einem neuen Projekt entgegen.

Cue-sheet, Seite 1
Cue-sheet, Seite 2
Aus der Online-Trainingsdatenbank
* 717 km
* 7000 hm
* 30 h Netto
* 38 h Brutto

Die Strecke: klick.

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