Donnerstag, 21. Juli 2011

Two became one

Es kann eine große Welle gewesen sein, damals, irgendwo im Atlantik, auf einem Schilfboot. Ein kurzer Verlust des Gleichgewichts, die gegenseitige Suche nach Halt, zaghafte Berührungen, Blicke, Geborgenheit ... es kann aber auch einfach nur der Fakt des Nicht-ausweichen-könnens gewesen sein, der Männlein und Weiblein zusammenführte. Hey Thomas, solltest du das hier jemals lesen: Vergiss einfach die zweite Spekulation. ;-)

Wie auch immer, am vergangenen Wochenende fanden wir (seit der Schulzeit mehr oder weniger eng Befreundete) in einem sächsischen Dorf zusammen. Gemeinsam mit Holländerinnen, Russen, Algeriern und Bayern.

Als ich exakt 95 Tage vor der Polterhochzeit eine Einladung aus dem fernen Aachen erhielt, war ich zuerst konsterniert. "Oha, unser Thomas prescht voran. Der Junge wusste halt schon immer, was er wollte. Will ich mir diese Veranstaltung wirklich antun?", so in etwa rauschten damals meine Gedanken durch den Kopf. Ich kannte weder die Braut, noch wusste ich gut über den Bräutigam in spe Bescheid; allerdings wäre eine Hochzeit doch der perfekte Anlass, um diese Wissenslücken zu schließen?! Hast ja Recht, du inneres Gewissen. Und wie soll ich einen Besuch mit meiner Einstellung gegenüber solchen gesellschaftlichen Ritualen rechtfertigen?
Den kannst du denen gegenüber nicht rechtfertigen. Genausowenig kannst du aber ein Fernbleiben mit mir (deinem Gewissen) vereinbaren. Die Zusage wurde zwei Tage später abgeschickt.

Pünktlich zur großen Scherbenparade trafen wir am Freitagabend ein, ich noch unsicher was mich erwarten würde. Meiner Zusage folgend, das Geschehen rund um die Feierlichkeiten für die beiden Hauptpersonen festzuhalten, stand ich jedoch sofort mittendrin im Hagel von Tassen, Tellern...Waschbecken. Die beiden mussten die Scherben zusammenfegen und in einen Container entsorgen. Dann kamen die Freunde - und schütteten den Container wieder aus. Das war so ein Moment der nonverbalen Kommunikation, der mir als Zuschauer eine kleine Träne in die Augen trieb. Sollte ich die Zügel doch besser loslassen?





Fehlt nur noch der gefesselte Sänger im Baum...
Statt fanden die Feierlichkeiten auf einem sog. Naturerlebnishof. Das Gut ist über 200 Jahre alt und besteht aus einem wunderschön sanierten Vierseithof mit Streichelzoo, einem Bauerngarten, einem großen Spielplatz, angrenzenden Wiesen und Feldern. Ein toller Ort zum Leben und Lieben. Ähm, ja, hab ich mich wieder erwischt.

Nach "unkompliziertem Frühstück" am Samstagmorgen (unkompliziert bedeutete übersetzt: Kein Müsli - *heul* -, stattdessen Brötchen, Käse, Weißwürste und Brezeln) brachen wir in Freundesrunde zu einer kleinen Tour in die Umgebung auf. Ich hatte nämlich eine Schnitzeljagd für das Brautpaar konzipiert und wollte die Hinweise dazu verstecken. Dass man für 8 km allerdings 3 h benötigen kann, war eine neue Erfahrung. Mit dem avisierten Trip in die Sächsische Schweiz jedenfalls hätte ich mir rückblickend gewiss keine Freu(n)de gemacht. (Manche) Solotouren haben eben doch ihre Berechtigung.



Vorher...
Schnell noch das Hemd aufgebügelt, in die Anzughose geschlüpft, die Kamera geschnappt und dann auf die Rückkehrer vom Standesamt gewartet. 15 Uhr war es endlich soweit: Die beiden entstiegen frisch getraut einem Москви́ч und nahmen die zahlreichen Glückwünsche entgegen. Nebenan wartete bereits das Kuchenbuffet, welches im Gegensatz zum Frühstück alles andere als unkompliziert war. Es folgten charmante Darbietungen verschiedener Gäste ... und volle Kuchenteller natürlich. Anschließend zog es mich nach draußen - um im Bauerngarten zu fotografieren, die zwischen frischem Heu spielenden Kinder abzulichten und um bei mir zu sein.


...nachher








Der Lavendel oben am Zaun, wo das Maisfeld angrenzt, wurde umschwirrt von unzähligen Bienen und Tagfaltern, die Sonne schien in allerbester Julimanier, ein kleiner Pavillon gleich neben dem Steingarten hätte theoretisch zum Verweilen eingeladen und am Fuße einer Natursteinmauer standen wilde Erdbeeren im Nachmittagslicht. Es war ein schöner Ort, der zu meiner Überraschung auch von Menschen besucht wurde, denen der Unterschied zwischen Hülsen und Schoten sonst eher herzlich egal ist.






Gegen 7 war ich wieder zurück am Buffet, äh, um dem Vortrag Dominique Görlitz' zu lauschen.
Unterdessen hatte man im Hof die Gelegenheit, sich - genauer seine Initialen - auf einer Leinwand zu verewigen. Seit langem nahm ich mal wieder Farbe und Pinsel in die Hand.




Die Party am Abend war dann gewürzt mit den ersehnten unvergesslichen Momenten. Okay, ich fange gleich mit dem Höhepunkt an: Sabrinas Großvater. Während ich nämlich noch mit meinem Kirschsaft in der Hand am Tanzflächenrand gedanklich an diesem Text feilte, legte der DJ Moskau von Dschinghis Khan auf. Aus die Maus. Sofort fanden sich alle Gäste im Kreis zusammen und begannen ekstatisch die Beine zu schwingen. Mein Glas wanderte auf den Tisch. In der Mitte des Reigens tauchte plötzlich der erwähnte Großvater auf, ließ im Takt lasziv Oberkörper und Hinterteil kreisen. Wuuuuuuuhuuuuuuuu!!! Als dann noch die Oma hinzustieß war das Ensemble perfekt. Lieber nichtanwesender Fotograf: Das war das Bild des Abends.

Bis in die frühen Morgenstunden gab es Mucke auf die Ohren - dafür nun auch von dieser Stelle erneut herzlichen Dank an den 12h-Einsatz des Herrschers hinter den Plattentellern.
Besonders gelungen war die auf persönlichen Wunsch gespielte Langversion von Purple Rain. Hach ja, *schmacht*. Gleich hinter o.g. Tanzeinlage rangierte unser "Abtransport" des Bräutigams nach draußen. Schon komisch; es waren nicht seine Arbeitskollegen, anderen Freunde oder so, nein, es waren die Schulfreunde, die sich einfanden und die eine Hauptperson sanft (wenn das Festhalten am Balken nicht gewesen wäre, durchgehend sanft) zum Auto beförderten. Die Braut blieb den Abend über trocken nicht-alkoholisiert und ist gefahren - tja, ich habe im Blog schon des öfteren von einer weiblichen Weltherrschaft gemunkelt -, wie sie den Beifahrer wieder aus dem Wagen bekommen hat bleibt allerdings Legende.

Keine Legende war die frühe Anwesenheit der beiden am Sonntagmorgen, um die Spuren des zurückliegenden Abends zu beseitigen. Disziplin war schon immer seine Stärke. Und so verzehrten wir diszipliniert erneut die Weißwürste, trugen Stühle auf die Tenne, packten Essensreste ein ... und schauten auf das fertige Bild.




Die Gäste reisten ab, die Hochzeitsreise führt nach Afrika, wir umarmten uns und ich weiß bei diesem Burschen ganz genau: Du hast deine zweite Hälfte gefunden.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ein wunderschöner Artikel, lieber Christian. Ich wartete schon seit Tagen darauf...fast hätte ich gedacht, du hättest die Arbei eingestellt.
So manchen unfassbaren Witz oder Spruch, so manche Anekdote...ich wünschte ich hätte sie aufgeschrieben...um sie am Leben zu erhalten, länger als für ein Wochenende. Es ist mir nicht gelungen, denn sie sind schon wieder weitergezogen, verblasst in den vielen Terminen und to do´s, die danach schon wieder gnadenlos über mich herzogen. Was bleibt ist allerdings die Erinnerung an die wunderschöne Hochzeit unseres Freundes, einem unvergesslichen Wochenende unter uns Freunden in Colmnitz und dem Gefühl, dass es richtig ist, wir richtig sind - auf der Sonnenseite des Lebens und mit den besten Freunden der Welt! Sisa