Montag, 17. Oktober 2011

Gemeinsam mehr erreichen - Hamburg-Berlin 2011

Es ist zäh, der Druck auf den Pedalen war auch schon mal größer und der Abstand zum vierten Mann in der Teamreihe kleiner. Gerade hab ich ein paar Minuten lang Führungsarbeit gemacht und befinde mich nun wieder am Ende der Schlange. Ich verspüre keinerlei Motivation, um die Kamera in diese schöne Auenlandschaft zu halten, ich verspüre nicht einmal Motivation, um einen Riegel unter der Jacke hervorzukramen und in Aeroposition (dabei ein paar klebrige Krümel auf dem GPS verteilend) zu ... hineinzufressen. Letzteres muss aber unbedingt sein. Die Ankunftszeit wird mir mit 16.12 Uhr angegeben - diese berechnet der Bordcomputer aus dem aktuellen Speed. Doch den können wir in der Stadt nicht halten. In der Stadt? Die ist noch so weit weg. Es wird eine enge Kiste, aber ich will unter 9 h fahren. Doch warum eigentlich und was mache ich hier überhaupt?


Was bisher geschah

Der Audax Club Schleswig Holstein von 2000 e.V. fährt traditionell zu dessen offiziellem Saisonabschluss ein Zeitfahren von Hamburg nach Berlin aus. Immer Mitte Oktober, immer bei jedem Wetter. Nun haben wir vor ein paar Jahren damit begonnen - anfangs nur zu zweit - an diesem Event teilzunehmen. In den Folgejahren wuchsen unser Team und unsere Erfahrung gleichermaßen.

Bei der letzten Teilnahme im Herbst 2008 schafften wir schließlich zu fünft bei sehr guten äußeren Bedingungen eine Zeit von exakt 9 h auf 274 km. Drei Jahre später waren wir wieder fünf Leute (darunter zwei neue Gesichter) und mittlerweile alle um einige 1000 km in den Beinen reicher. Doch gefahrene Kilometer allein bringen dir nicht automatisch eine gute Zeit. Was vielmehr zählt, ist eine gewisse Tempohärte und Leidensfähigkeit. Beides (naja, eher nur letzteres) habe ich in diesem Jahr bei neuen Herausforderungen auf die Probe zu stellen versucht.


Unser Zug verließ Leipzig Hbf um 11.40 Uhr am späten Vormittag dieses 14.10.2011. An Bord begrüßten wir unsere "neuen" Teamgefährten aus der sächsischen Landeshauptstadt - beide im besten Randonneursalter. 4:30 h betrug unsere Fahrzeit bis nach Hamburg Hbf, eine Fahrt, die zwar teilweise im Stehen genossen werden durfte, jedoch ohne größere Verzögerungen vonstatten ging. Apropos Verzögerungen: Unser Spezi für Last-minute-Überraschungen benötigte noch zwei(!) Kugeln für seine Lager am Vorderrad. Gewichtsoptimierung hin oder her, wir versuchten im nächsten Radladen unweit der Außenalster unser Glück.


Außenalster, Blick von St. Georg auf Uhlenhorst
Hamburg Rotherbaum
Anschließend ging es auf der grünen Fährte meines Navis entlang aus der Innenstadt hinaus und in die südöstlichen Vororte hinein. Wir schliefen 1,3 km vom Start und 9 km von Krümmel entfernt in einer schönen Unterkunft mit typisch norddeutschen Bewohnern (geradlinig, etwas egozentrisch und doch irgendwie charmant) sehr entspannt hinter dem Altengammer Elbdeich.

Das Altengammer Fährhaus, der Startort von HH-B







Unsere Startzeit war mit 7.17 Uhr so gewählt, dass die Abfahrt nicht mehr in völliger Dunkelheit erfolgt und somit das Risiko, im Nebel der Elbauen übersehen zu werden, ein wenig (hoffentlich) gesenkt wird.





Nach gutem Frühstück, dem Anbringen der Startnummern und letzten wichtigen Geschäftsabschlüssen ging es pünktlich auf die Strecke. Vor uns Berlin, hinter uns bis 8.04 Uhr noch 105 weitere Teilnehmerinnen.






On the road. Again.

Vom Wetter konnten wir für einen Oktobertag kaum mehr erwarten. Am Morgen hatte es 0°C, im Tagesverlauf sollten 15°C Höchsttemperatur erreicht werden und das alles bei einer stabilen Hochdruckwetterlage. Sooo stabil war diese dann allerdings doch nicht, denn ein auf dem Papier zwar unmerklicher Wind mit 7 bis 10 km/h aus Südost sollte uns den ganzen Tag (spürbar ab Sonnenaufgang) begleiten; vielmehr entgegenkommen.


Wir wechseln uns im Wind ab, überziehen nicht, versuchen stattdessen auf den ersten 90 Kilometern einen 34er Schnitt bis Dömitz zu halten. Es rollt gut - kein Wunder, sind wir doch erst etwa 10 km lang unterwegs. Beim Anblick der Waden eines Mitfahrers wird mir zwar etwas mulmig zumute, doch ich versuche erfolgreich diesen Anflug von Urangst zu unterdrücken. Wir rollen bald auf die ersten Gruppen auf, eine koppelt sich an den Sachsenzug an.

In Hohnsdorf, keine 24 km hinter dem Start, mache ich einen ersten Navigationsfehler und fahre am Abzweig nach Bleckede geradeaus, anstatt rechts abzubiegen. Das Team bleibt dran, die anderen biegen ab und sind weg. 40 Sekunden sind damit auch "weg" und obwohl jetzt nicht das Tagesziel unerreichbar geworden ist, nervt selbst so ein kleiner Fehler. Ich bin angespannt.

Kurz vor Dömitz befinden sich die Stadt Hitzacker sowie ein paar nette Eiszeithinterlassenschaften in Form von - mindestens - nebelhorngleichen Moränenbergen. Wir schrauben uns tapfer hinauf und bei Nienwedel nach rechts, obwohl es hier immer nach links ging. Okay, 1,6 km konnten wir so bis Damnatz sparen. Ob die zahlreichen 90°-Kurven den Streckenvorteil im nachhinein nicht doch aufgezehrt haben, bleibt dabei ungewiss. Gewiss war jetzt einzig unsere Ankunft in Dömitz.


Fazit nach dem ersten Drittel: Hmm.

Wir lagen zwar gut in der Zeit und doch zweifelte ich etwas an meinen Beinen. Die Oberschenkel gaben klare Rückmeldung über das Verrichten von Arbeit und sehnten sich jetzt durchaus nach Solofahrten, die nicht im orangenen Bereich absolviert werden. Aber vielleicht waren es gar nicht die unteren Extremitäten, sondern eher Teile der oberen Steuerzentrale, die langsam ermüdeten.
An diesem Punkt kam der große Vorteil eines Teamzeitfahrens zum tragen: Du musst bis zum Ende durchhalten und dich voll reinhängen. Sonst schadest du dem Team (durch eine Zeitstrafe) und dir selbst (durch langanhaltende Selbstvorwürfe im Anschluss).

Man muss schlicht fokussiert bleiben und darf den Gedanken keinen Spielraum geben, der über den weißen Randstreifen hinausreicht. So soll(te) es sein. Weitere Teams werden überholt, teilweise testen wir deren Geschwindigkeit, nur um dann (das Hirn war ermüdet!) festzustellen, dass, wenn man jemanden einholen kann, dieser wohl kaum die vorher von einem selbst angeschlagene Pace geht. Vorbei, vergessen, weiter im Tunnel.

Ein anderes Kaliber war da schon dieser Cervélo Soloist-Fahrer (so ungefähr muss man sich sein Gefährt vorstellen). Nomen est omen schlug er sich wacker und zog das Einholmanöver in die Länge. Starker Mann, willkommen im Team. Glücklicherweise blieb er uns auch bei Pinkelpausen und einer Konsumeinlage erhalten.

Der Sack ist zu

Ich mag dieses Gefühl: zu wissen, dass man das Ziel erreichen wird - ungeachtet des noch ausstehenden Restweges. Plötzlich verschwinden alle Bedenken, seien sie nun auf Befürchtungen vor Materialschäden, einem Einbruch der Leistungsfähigkeit oder was auch immer gegründet. In Bienenfarm, 45 km vor dem Ziel, neben einem kleinen Flugfeld war es soweit. "Jetzt kommt Nauen, dann die lange Waldpassage, dann Falkensee, dann noch bissl durch die Stadt. Fertig.", so ungefähr meine Gedanken. Das GPS gab uns 5 Minuten Luft, pendelte zwischen 16.10 Uhr und 16.12 Uhr Ankunftszeit. Ein entgegenkommender Lkw, der vor uns nach links abbog, hätte kurze Zeit später mein Gefühl fast noch in die Irre geführt; denn A. musste scharf bremsen und diesem Zeitgenossen knapp ausweichen. Stadtverkehr ist nichts für schwache Nerven.

Linksabbieger, Gegenverkehr, cool bleiben, das passt schon. Für andere Radfahrer und Fußgänger ist man als Teilnehmer dieser Veranstaltung innerhalb der Berliner Stadtmauern eine nicht ganz kleine Gefahr. Denn all diese "Gegenstände" werden eben nur als Gegenstände wahrgenommen, umkurvt und vergessen.

In Wilhelmstadt schließlich die letzte Rechtskurve, von nun an fährt man nur noch 3 km geradeaus und biegt dann links ab zum Wassersportheim Gatow. Rad an die Wand, hoch zum letzten Kontrollpunkt, Teamnummer angeben. 16.15 Uhr steht auf der Ergebnisliste.

Wir haben es geschafft!

Wir sind in neuer Besetzung unter 9 h geblieben und das bei (wenn auch keinem orkanartigen) Gegenwind. Wunderschön. Die Kartoffelsuppe im Aufenthaltsraum der Wassersportler schmeckte daraufhin umso besser und die anschließende heiße Dusche hätte nicht enden sollen.
Meinen vorher (wahrscheinlich in einer kleinen Halluzinationsphase) gefassten Plan, in die Havel zu springen, hab ich verworfen. Aber bei einer Zeit unter 8:30 h - wer weiß.

To be continued.












Die Strecke:

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