Sonntag, 27. November 2011

Allein in vier Wänden

Die russischstämmige Filmemacherin Alexandra Westmeier erzählt in ihrem Dokumentarfilm aus dem Jahr 2007 vom Alltag im Kindergefängnis von Tscheljabinsk. Es ist ein tief berührendes Portrait junger Erwachsener im Alter zwischen elf und sechzehn Jahren, die aufgrund verschiedener Verbrechen im Gefängnis gelandet sind. Es ist das schonungslose Portrait einer Gruppe Jugendlicher, die stellvertretend für einen Teil ihrer Generation Auskunft geben. Auskunft geben über mangelnde Anerkennnung durch den Vater, mangelnde Anerkennung durch die Mutter, mangelnde Anerkennung durch die Gesellschaft. Sie sind Teil eines Strudels und zu schwach und unerfahren, um nicht ins Zentrum gesogen zu werden.

Sie haben gestohlen, geschlagen, gemordet. Und doch reden sie vor der Kamera keineswegs wie die - ja, auch im demokratischen Deutschland - allzu oft zu Psychopathen Stigmatisierten.

"Wenn nichts los ist, trinken wir Bier und basteln an den Motorrädern." Er hat eine Wohnung ausgeräumt, wurde wegen Rowdytum angeklagt, war im Knast. Er spricht von einer Familie, die er dort gefunden hat, von Anerkennung, von Respekt. Ist es so einfach? Gegenfrage: Ist es einfach, den LHC zu konstruieren?

Zwei Protagonisten sitzen beide wegen Mordes ein. Beide werden getrennt voneinander interviewt. Beide beschuldigen in ihren Ausführungen den jeweils anderen, einen Ziegelstein mit letaler Wirkung auf den Kopf eines Dritten geschlagen zu haben. Alle Jungs schildern ihre ganz persönliche Geschichte, die Kamera bleibt nach dem Ende ihrer Statements drauf. Sie beobachtet die Gesichter, zeigt die Jungs als Menschen und nicht als Psychopathen.

Eine Mutter schildert, dass Krähen den zerbrochenen Unterkiefer ihres Sohnes, eine Hälfte davon, weggetragen haben, bevor sie selbst die Leiche beschützen konnte. Wir leben im 21. Jahrhundert. Die Menschheit ("die Menschheit", hach ja) hat gerade ein neues Marsmobil auf die Reise geschickt - es heißt Curiosity, Neugier, und beherbergt das Nonplusultra heute verfügbarer Fernanalyse- und Kameratechnologien. Wir leben alle im 21. Jahrhundert.

Diese jungen Erwachsenen sie insgesamt erstaunlich tief reflektierend, schildern die familiären Zerwürfnisse schonungslos und in einer angsteinflösenden (besser: respekteinflösenden), roboterhaften Nüchternheit, dass es einem kalt den Rücken herunterläuft. Solch eine abgeklärte, pessimistische (hm, da bin ich mir nicht sicher) Weltsicht ist beeindruckend. Und traurig zugleich. Die unbeschwerte Zeit des Spiels im Sandkasten, des Herumtollens einfach nur des Herumtollens willen, des Bauens von Baumhäusern - sie währte für die Mehrheit unter ihnen viel zu kurz (war manchmal gar nicht vorhanden). Das ist ein großes Problem. Denn wann sonst sollen sie in ihrem Leben Vertrauen erlernen?

Die Familie gilt als die "Keimzelle" einer Gesellschaft. Aber wenn die Keimzelle schon beschädigt ist, wie kann dann der daraus erwachsende Organismus gesund sein?

Einer sagt: "Wenn ich herauskomme, werde ich Fahrstuhlführer. Das ist ein guter Beruf."
Sein Vater war Fahrstuhlführer, verlor aber einen Arm, wurde arbeitslos, alkoholabhängig, starb.

Am Schluss stehen alle Portraitierten in adretter Kleidung beisammen und singen im Chor:
"Ein russischer Junge läuft nicht vor Kugeln weg /
Ein russsischer Junge stöhnt nicht vor Schmerz /
Ein russischer Junge brennt nicht im Feuer /
Ein russischer Junge geht im Wasser nicht unter /
[...]
Unsere Familie wird bald wieder beisammen sein."
Die russische Seele lebt in einer schönen Melodie unnachahmlich auf. Kann sie sich auch in dieser neuen Generation entfalten?

91% der Kinder in diesem Gefängnis landen wieder hinter Gittern. Curiosity.

* Kritik von Florian Krug auf Zeitgeschichte online
* Pressemappe von LINGER ON Filmproduktion
* Interview mit der Regisseurin auf TIEFKULTUR

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