Mittwoch, 4. Januar 2012

The Ides of March

Wir befinden uns im Endspurt des Wahlkampfs um die Nominierung des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers. Mike Morris, Gouverneur von Pennsylvania, und Senator Ted Pullmann liefern sich in Ohio die entscheidende "Schlacht" um die Wahlmänner des Senators Franklin Thompson. Wer nämlich dessen Wahlmänner bekommt, wird Präsidentschaftskandidat der Demokraten und - da die Republikaner keinen ernstzunehmenden Gegner aufbieten können - neuer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Dem Zuschauer wird dieser "Lagebericht" aus dem demokratischen War Room relativ schnell vermittelt, so dass die Bedeutung der Gunst Thompsons jedem klar wird.

Jetzt beginnt der Film. Clooney verkörpert einen perfekten Kandidaten. Hochintelligent; erfahren; durchtrieben und gleichzeitig charmant; gutaussehend; eloquent; verheiratet; gesegnet mit der Gabe, fähige und loyale Menschen um sich zu scharen; kurzum: ein virtuoser Pianist auf dem Flügel der Macht.

Es läuft gut für Morris. Es läuft perfekt für Morris. Sein Kontrahent ist schon so gut wie geschlagen, seine Auftritte werden - die wohl schelmigste Adaption des Obama-Wahlkampfs - zunehmend von einer unterschwelligen Überheblichkeit durchdrungen. Zwar nett verpackt, aber doch spürbar. "Mir kann keiner was - ich bin euer neuer Präsident. Schaut zu mir auf und lauscht meinen Worten. Ihr Schäfchen.", so in etwa meine freie Interpretation der gezeigten Wahlkampfauftritte.

Der junge, hochtalentierte Wahlkampfstratege Stephen Meyers ist unterfordert. Er surft die Wellen des Vorwahlozeans scheinbar mühelos, steckt einer Times-Journalistin gezielt Informationen, beobachtet routiniert die Umfragewerte, reagiert prompt mit Anpassungen der nächsten Reden Morris'. Langeweile.

Da trifft es sich gut, dass ihn die junge Praktikantin Molly für ebenso talentiert hält und - die Szene der Anbahnung des Dates ist hundertmal aufregender als das eigentliche Date - mit Meyers ins Bett will. Sie bekommt was sie will (Meyers natürlich auch, nur ist er viel zu idealistisch, um seine "Macht" im Wahlkampfteam für solche Zwecke zu missbrauchen) - und liefert in der zweiten gemeinsamen Nacht eine handfeste Überraschung.

Handfest überrascht wird Meyers auch von Tom Duffy, dem Wahlkampfmanager Pullmanns. Dieser lädt ihn nämlich zu einem Gespräch unter vier Augen und offenbart seine Bewunderung. Dass er den Konkurrenten nicht wird abwerben können, ist ihm bewusst - sein Plan deswegen umso durchtriebener. Die Wellen werden höher und höher, drohen, Meyers zu verschlingen. Sein Bild der Realität beginnt zu bröckeln, er erkennt, dass es Unterschiede gibt zwischen Umfragen und Meinungen. Dass es Unterschiede gibt zwischen Worten und Taten. Dass jeder sich selbst der Nächste ist.

Paul Zara, Morris' erfahrener Kampagnenmanager, steht auf Loyalität. Das sagt er jedenfalls. In Wahrheit ist er Perfektionist und versucht, jede Fliege von der Windschutzscheibe, die ihm den Weg zum Ziel weist, abzuwischen. Meyers war nicht loyal. Er fliegt. Wenig später gibt es einen Todesfall, der dem Film spürbar Dynamik und Nachdruck verleiht.

Aus dem jungen, vom Talent und den Visionen Morris' angetanen Stephen Meyers wird ein kalter, berechnender Stratege. Er nutzt seine Begabung von nun an für eigene Zwecke und er bekommt seinen Stuhl zurück. Am Ende des Films sitzt er wieder auf "seinem" Stuhl - ähnlich der Eingangsszene. Der Stuhl steht auf einer Bühne, die Spots sind auf ihn gerichtet, Helfer versehen ihn mit einem kleinen Kopfhörer. Es sind die letzten Minuten vor einem landesweit übertragenen Fernsehinterview. Der Film ist zu Ende.

"Schade eigentlich!", möchte man als Zuschauer nun ausrufen; denn es gäbe noch viel zu erzählen. Clooney - seines Zeichens Hauptdarsteller und Regisseur - sieht das genauso, vertritt aber die Ansicht, das noch zu Erzählende sei bereits bekannt. Es ist dies nur der letzte Ausdruck seiner mit diesem Film erneut Gestalt gewordenen Vorstellung vom Politzirkus.

Macht und Loyalität sind die Kernpunkte dieses politischen Weltbildes. Worauf beides basiert, darüber kann man sich - darüber soll sich der Zuschauer - trefflich streiten. Für die einen basiert Macht auf Bildung und fortschrittlichen Ideen, auf der Gabe, Sicherheit und Orientierung zu geben. Für die anderen basiert Macht auf schierer Stärke, auf Dominanz und Manipulation.

Loyalität ist eine ebenso ambivalente Eigenschaft. Sie kann auf Zuneigung und Respekt basieren; sie kann aber auch durch Erpressung erkauft worden sein.

Ein jeder ist angehalten, die jeweiligen Gründe von Macht und Loyalität zu hinterfragen.

Das ist das lobenswerte Statement dieses Films. Die Umsetzung ist mir persönlich aber zu gerade, zu stringent ausgefallen. Mag sein, dass sich dahinter Kalkül und eine weitere Adaption des sauber dahinschnurrenden Politikmotors verbirgt. Es mag aber auch sein, dass man sich schlicht nicht die Mühe machen wollte, einen Film mit dann zwar verdoppelter Spiellänge aber ungleich tiefer gezeichneten Charakteren und Handlungssträngen zu drehen.

The Ides of March

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