Mittwoch, 4. April 2012

Unter der bunten Schale

Mit Beginn der Karwoche leitet das Christentum das Ende der Fastenzeit und damit die letzten Tage vor dem Osterfest ein.

[Interessant dabei ist der Umstand, dass die orthodoxen Christen trotz mehrerer Anläufe einer Vereinheitlichung Ostern immer noch nach dem julianischen Kalender und damit mindestens 13 Tage später als der Rest der Welt feiern.]

Man sieht bunte Eier an fast jedem Busch baumeln, Osterhasen in allen Geschäften, ja manchmal gar überlebensgroß neben den Eingangsbereichen von Häusern stehen. Spätestens ab Mittwoch werden sich lange Schlangen in den Geschäften bilden, weil ab Gründonnerstag die Schweinenackensteaks ausverkauft sind, man aber für die Dauergrillorgie unbedingt welche benötigt. Spätestens am Morgen des Karfreitags werden sich die Autobahnen füllen, weil man zu oder mit seinen Lieben unterwegs sein will. Dann wird der Liter Superbenzin erstmals 1,80 Euro kosten - aber es juckt keinen, weil schließlich Ferien sind und die Sonne scheint und die Vöglein zwitschern und überhaupt: "Die 10 Euro mehr pro Tankfüllung sind doch nicht der Rede wert..."

Haben Sie in den letzten Wochen gefastet, bewusst auf das eine oder andere Laster verzichtet, ihren Körper gespürt (nicht bloß die schmerzende Wirbelsäule am Schreibtisch)? Sind Sie mit sich selbst ins Gericht gegangen, haben Sie bereits erste Vorsätze in diesem nun schon wieder zu einem Viertel abgelaufenen Jahr umgesetzt?

Mir scheint, viele Menschen verwirklichen ihre Vorsätze gerade deswegen nicht, weil es eine schöne Welt ist, in der sie leben. Sie können sich nicht vorstellen, in eine noch schönere zu gelangen, verstellten sie nur ein klein wenig die Regler ihres Daseins. Den kurzen Arbeitsweg mit dem Rad oder der Bahn zurücklegen; die Brötchen nicht mit dem Auto holen; täglich 30 Minuten Sport; morgens Müsli und nicht 4 mit Wurst belegte Weißbrotscheiben; Obst und Gemüse aus heimischem Anbau und nach saisonaler Verfügbarkeit kaufen; das Mindesthaltbarkeitsdatum NICHT mit einem Verfallsdatum verwechseln; kritisch den Energie- und Wasserverbrauch betrachten...? "Lass gut sein, Ökospinner!" Ich denke, viele haben sich einem gesellschaftlichen Anpassungsdruck unterworfen. Teilweise bewusst (die tun mir wirklich leid), teilweise aber gänzlich unbewusst (die sollten sich meine obige Liste an den Spiegel kleben). Zum Beispiel: Auto = Wohlstand = Freiheit = Statussymbol. Diese Formel gilt nach wie vor. Und es gäbe an ihr auch nichts zu kritisieren - wenn, ja wenn dafür keine fossilen Energieträger verheizt und die Umwelt nicht zerstört werden müssten. Doch bis zur nächsten automobilen Revolution ist es noch ein weiter Weg. Gehen Sie auf diesem Weg ein paar Schritte zu Fuß.

[Das Laufen ist übrigens eine kleine Apotheke, die immer zur Hand ist. Denn es stärkt nicht nur die Physis, sondern lockert auch Denkblockaden und macht aufnahmefähiger. Unser Gehirn hat sich im Laufe der etwa 7 Millionen Jahre dauernden menschlichen Evolution an einen sich (seit etwa 3,7 Millionen Jahren) im Schritttempo vollziehenden Informationsfluß adaptiert.]

Gerne würde ich wissen, ob sich Lucy schon mit ADHS-geplagten Zeitgenossen herumschlagen musste. Wohl eher nicht und deshalb erscheint mir das aktuelle Buch von Christoph Türcke als sehr zeitgemäß. Darin weißt er auf die Gefahren der sog. "konzentrierten Zerstreuung" hin und regt an, sich beim Thema ADHS auch und gerade der Erwachsenenwelt anzunehmen.
"Wir sind zwar insgesamt erschreckend konformistisch. Es wird erschreckend viel mitgemacht und auch für selbstverständlich gehalten in diesem Prozess konzentrierter Zerstreuung, aber es gibt Gegenstrategien, Verlangsamungsstrategien."
(Christoph Türcke)
Seine Vorschläge zum Umgang mit und zur Prävention von Aufmerksamkeitsdefiziten reichen bis hin zur Reformation des Unterrichts. Übrigens fordert Türcke auch eine verstärkte Gewichtung der Rituale in unserer Gesellschaft. Womit wir wieder bei Ostern wären und...
"Mein Ansatz ist nach wie vor einer der Gesellschaftskritik."
(Christoph Türcke)
...danke.

Reflektiert die Mehrheit überhaupt den Sinn dieser Osterzeit; oder ist es lediglich eine willkommene Gelegenheit, um den Tank auf der Autobahn leerzublasen?
Das war eine rhetorische Frage.

Und weil man mit Rhetorik allein - außerhalb von Debattierkursen und Kinderspielplätzen - in diesem Land nichts auszurichten vermag, präsentiere ich lieber ein paar Fakten. Mit Fakten allein kann man in diesem Land zwar noch weniger bewegen als mit Worten, doch ich möchte mich gerade in dieser so optimistischen Frühlings-alles-erwacht-grünt-frohlockt-tanzt-geniesst-Stimmung nicht als Spielverderber gerieren und schlechte Stimmung verbreiten.

Denn Optimismus siegt - oder wie Obama unlängst in Seoul zu Medwedjew so schön sagte: "Das ist meine letzte Wahl im November. Danach habe ich mehr Handlungsspielraum."
Und was liest der unbeteiligte Beobachter aus diesem rhetorischen Kaffeesatz? Dass Demokratie die Handlungsfreiheiten einschränkt. Russland ist deshalb schon einen Schritt weiter und zeigt den Amerikanern, wie man Kontinuität nicht nur predigt sondern auch umsetzt. Das dürfte dem afghanischen Präsidenten imponiert und zum lauten Äußern der schon lange hinter abgeschalteten Mikrofonen und verschlossenen Türen gehandelten Meinung - die ISAF-Truppen sind lediglich Besatzer in unserem Land und sollen besser gestern denn morgen verschwinden - bewegt haben.
"Beide Seiten müssen dabei zusammenarbeiten, den Übergabeprozess von den internationalen Truppen zu den afghanischen Kräften 2013 statt 2014 abzuschließen."
(Hamid Karsai am 15.03.2012)
Vorzeitiger Truppenabzug 2013 und Unterschrift Karsais unter einen Vertrag zur ständigen US-Präsenz im Land in Form von Militärbasen vor dem Nato-Gipfel in Chicago stehen auf der Agenda Washingtons nun ganz oben.

Uns braven Osterlämmern bleibt da nur zu hoffen, dass nicht bald wieder Familien in ihrem Heim erschossen werden und die Tat danach einem angeblich Irren in die Schuhe geschoben wird.

Sollten wir nicht lieber daran arbeiten, Leben zu erhalten, anstatt es zu vernichten und im Anschluss seine Wiederauferstehung herbeizusehnen?!

PS:
* 2009 wurden in Deutschland 18 Mrd. (!!!) Eier verzehrt
* Bioeier haben einen Anteil von 7 % am Gesamteiermarkt
* von 2000 bis 2010 sank die Zahl der Legehennen in Deutschland um 5 Mio. - im gleichen Zeitraum legten die Hennen aber jeweils 5 Eier mehr pro Jahr (289 --> 294 Stück)
* manche Legehennenrassen (in D. existieren etwa 200 Hühnerrassen) produzieren bis zu 340 Eier im Jahr
* nicht mehr "profitable" Bestände gehen geschlossen in Schlachthaus und Tierfutter
* "Super-Legehennen" werden maximal 2 Jahre alt
* in Deutschland werden jährlich knapp 600 Mio. Masthühner geschlachtet

Quellen: Die Bio-Branche 2011, Destatis, Peta

Frohe Ostern

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