Donnerstag, 16. August 2012

Hammertage im deutschen Flachland

In dieser Woche wurden zahlreiche Drachen- und Gleitschirmflüge mit knapp unter bzw. knapp über 200 km Strecke realisiert. Tage an denen dies möglich ist sind selten und stellen an ambitionierte Piloten hohe Anforderungen hinsichtlich ihrer zeitlichen Flexibilität. Denn das Wetter nimmt keine Rücksicht auf Wochentage, Jobs oder Familienplanungen und man muss obendrein das richtige Startgelände wählen.

Ab dem vorigen Freitag ist kühle Meeresluft nach Deutschland eingeflossen, die in Folge unter Hochdruckeinfluss geriet und sich langsam erwärmte. Damit Thermik entstehen kann, bedarf es verschiedener Faktoren. Die wichtigsten sind: eine relativ kühle Luftmasse am Boden und eine labile Atmosphärenschichtung.

Luft steigt nur auf, wenn sie gegenüber der Umgebung einen Temperaturvorsprung hat. Die Beschaffenheit des Bodens spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn ein großer Parkplatz oder dunkle Felder wirken gegenüber Auen oder Seen vergleichsweise wie "Heizflächen". Luft über diesen Heizflächen (jeder kennt das Flimmern der Luft an heißen Tagen über der Landschaft) wird stärker erwärmt als die Umgebungsluft. Hat ein Luftpaket schließlich die Auslösetemperatur erreicht, steigt es auf. Wir sprechen von Thermik.

Der Unterschied zwischen einer labilen und einer stabilen Schichtung

Eine aufsteigende Luftmasse kühlt sich zuerst trockenadiabatisch (1 °C je 100 m Höhe), über der Wolkenbasis (Synonym für Kondensationsniveau oder Wolkenuntergrenze) dann feuchtadiabtisch (0,5 °C je 100 m Höhe) ab. Kühlt sich aber die Luft der Umgebung mit der Höhe geringer ab - sprich: ist ihr Gradient kleiner als jener der aufsteigenden Luftmasse -, dann gibt es einen Punkt, an dem die Temperatur der aufsteigenden Luftmasse niedriger ist als die Temperatur in ihrer Umgebung. Kalte Luft besitzt eine höhere Dichte als warme Luft, sie ist "schwerer"; folglich kann kalte Luft in warmer Umgebungsluft nicht weiter aufsteigen. Man spricht von einer stabilen Schichtung. (--> Inversion)

Kühlt sich die Luft der Umgebung mit der Höhe schneller ab - sprich: ist ihr Gradient größer als jener der aufsteigenden Luftmasse -, dann tritt der umgekehrte Effekt ein. Relativ warme Luft wird immer weiter angehoben und an ihrem Aufstieg nicht gehindert. Die Folge sind hoch aufschießende Wolken (Cumulus, Cumulonimbus, Nimbostratus u.a.) und im Extremfall heftige Gewitter.

Zusammenfassung:

Eine stabile Luftschichtung ist gekennzeichnet durch:
  • höhere Temperaturen in der Umgebung als im aufsteigenden Luftpaket
  • kalte Luft ist dichter als warme Luft --> der Aufstiegsprozess stoppt, kann sich umkehren
  • keine Wolkenbildung oder Auflösung von Wolken (bei Wind in der Höhe gleitet die verhältnismäßig warme Luft über die kältere Luft und führt zu Stratuswolken ("Schichtwolken")

Eine labile Luftschichtung ist gekennzeichnet durch:
  • niedrigere Temperaturen in der Umgebung als im aufsteigenden Luftpaket
  • warme Luft hat eine geringere Dichte als kalte Luft --> der Aufstiegsprozess wird nicht behindert
  • Wolkenbildung setzt ein (Cumulus = "Schönwetterwolken")

Soweit in aller Kürze zu den Grundlagen der Thermik. Wesentlich ausführlichere Quellen zur Thematik finden sich hier versammelt.

Die Wahl des Startgeländes hat einen nicht unbedeutenden Einfluss auf die Erfolgsaussichten des späteren Fluges. Denn wie oben erwähnt, spielt die Beschaffenheit des Bodens eine Rolle. Sandböden beispielsweise erwärmen sich relativ schnell und sind gute Thermikproduzenten. Außerdem hat der Wind in dieser Angelegenheit ein Wörtchen mitzureden. Wir Freunde der motorlosen Fliegerei lassen uns nämlich "vom Winde verwehen" und möchten bei einem Start im Osten Deutschlands bei Westwind ungern irgendwo in Polen landen müssen. Darüberhinaus müssen wir uns mit der Luftraumstruktur auseinandersetzen, dürfen also keineswegs (wie von manchen mitunter missbilligend behauptet) da oben "machen was wir wollen".

Ostwind und die hohe Thermikgüte der Lausitz führten in Kombination mit den eingangs erwähnten Faktoren dazu, dass zwischen dem 12. und 14. August zahlreiche Piloten sowohl ihre persönlichen Rekorde als auch bspw. den Fluggebietsrekord in Cottbus Nord einstellen konnten.

Ich wünsche viel Spaß beim virtuellen "Nachfliegen" auf dem XC-Server des Deutschen Hängegleiterverbandes (DHV):

Gleitschirm | Startplatz: Cottbus Nord
Startplatz: Altes Lager
Startplatz: Hausstein
Startplatz: Böhming

Drachen | Startplatz: UL-Flugplatz Forst

Anmerkung: Es gibt unterschiedliche Faktoren, die mit der erreichten Streckenlänge in km multipliziert werden, um den DHV-XC-Punkte-Wert zu ermitteln.

Als Königsdisziplin gilt in unserer Sportart das sog. FAI-Dreieck. Dabei handelt es sich um eine geflogene Dreiecksstrecke, deren kürzester Schenkel mindestens 28 % der Gesamtstrecke zu betragen hat; der Faktor dafür ist 2. Alle anderen Dreiecke erhalten 1,75 Punkte pro geflogenem Kilometer. Für die freie Strecke (also eine meist gerade Linie zwischen Start- und Landepunkt) beträgt der Faktor 1,5.

[Einen schönen Vergleich der erreichbaren Punktwerte für jeweils 180 km Gesamtstrecke zwischen "freier Strecke" und "FAI-Dreieck" kann man mithilfe dieser zwei Flüge anstellen.]

Warum "Königsdisziplin"? Weil man immer mindestens einen Schenkel dabei hat, der im Gegenwind zurückgelegt werden muss. Die Thermik kommt einem quasi entgegen, man muss aber in die Gegenrichtung der ziehenden Thermiken fliegen. Da heißt es stets aufs Neue Höhe machen und anschließend möglichst effektiv gegen den Wind vorankommen. FAI-Dreiecke werden deshalb von Gleitschirmen nur bei schwachwindigen Wetterlagen angegangen. Im Vorteil sind hier übrigens die Drachen, denn deren Gleitleistung und maximaler Groundspeed sind im Verhältnis zu den Gleitschirmen etwa um den Faktor 2 größer.

Informationen zum DHV-XC

Zum Schluss ein traumhaftes Video vom Fliegen außerhalb Deutschlands.
In den Dolomiten:

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