Donnerstag, 18. Oktober 2012

Deutschlands jüngster Professor

"Mathe-Genie jüngster deutscher Lehrstuhl-Professor"
(SZ-Newsticker, 15.10.12)
"24-Jähriger wird Deutschlands jüngster Professor"
(Spiegel Online, 16.10.12)
"Dresdner Mathe-Genie Peter Scholze übernimmt Lehrstuhl an der Universität Bonn."
(LVZ, 16.10.12, S. 4)
Die Meldung über die Berufung eines 24-Jährigen auf den Bonner Lehrstuhl für Arithmetisch-algebraische Geometrie machte in dieser Woche Schlagzeilen. Faszinierend, oder?

Hochbegabte (siehe unten EXKURS: Intelligenz) zeichnen sich bereits in ihrer Jugend durch überdurchschnittliche Leistungen aus. Der Sohn eines Physikers und einer Informatikerin besuchte in Berlin das Heinrich-Hertz-Gymnasium und begann vor 5 Jahren sein Studium der Mathematik in Bonn.

Während seiner Schulzeit gewann der gebürtige Dresdner dreimal Gold bei der Internationalen Mathematik-Olympiade (IMO), einem Bewerb mit über 500 Teilnehmern.
D r e i m a l  G o l d ! ! !
Die besten Schüler der Welt treten dort gegeneinander an und lassen mitunter auch Fachleute hinter sich, wie diese Notiz zur IMO des Jahres 1988 glauben macht:
"Kein Mitglied des Aufgabenausschusses konnte diese Aufgabe lösen, sodass sie die Aufgabe einigen mit Zahlentheorie vertrauten Universitätsmathematikern vorlegten, die, bei einer begrenzten Bearbeitungszeit von 6 Stunden, ebenfalls keinen Beweis fanden. Dennoch wurde die Aufgabe gestellt und von elf Schülern gelöst."
(Quelle)
Später, als er nach Studienbeginn nicht mehr an den Olympiaden teilnehmen durfte, war Peter Scholze u.a. in die Erstellung der Aufgaben für diesen Wettbewerb involviert.

Das Studium verlief zügig: 5 Semester für Bachelor und Master, mehrere Monate Auslandsaufenthalt in Frankreich und den USA, Promotion. Von 2011 bis 2016 ist Scholze jetzt Stipendiat des Clay Mathematical Institute und damit in einem der renommiertesten Förderprogramme für junge Mathematiker weltweit.

Bemerkenswert und ein Zeichen der Bodenständigkeit ist die Tatsache, dass Scholze vorerst an seinem Ausbildungsort verbleiben und dort lehren möchte. Schon im Jahr 2005 gab er dies übrigens als seinen Plan aus, denn damals sagte er dem Berliner Tagesspiegel: "Ich will Mathematik studieren und Professor werden."

Warum bemerkenswert? Nun, Leute wie ihn nehmen internationale Großbanken mit Kusshand...

EXKURS: Intelligenz und Hochbegabung
(mit einem einfachen Selbst-Test zum Abschluss)

Intelligenz (von lat. intelligentia: erkennen, verstehen, zwischen etwas wählen) ist ein allgemeiner Begriff für die Fähigkeit, zu lernen und zu verstehen sowie sich in konkreten Situationen erfolgreich zu verhalten. Als hypothetisches Konstrukt aus verschiedenen, ineinander greifenden Fähigkeiten ist der Begriff indes nur schwer von verwandten Eigenschaften, wie z.B. der Phantasie oder Gedächtnisleistung abgrenzbar.

Im engeren Sinn ist Intelligenz die aus Intelligenzleistungen erschlossene und durch Intelligenztests messbare Dimension der Persönlichkeit. Eine allgemein anerkannte Definition für Intelligenz gibt es aber bis heute nicht.

Die einen verstehen Intelligenz als allgemeine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufgaben und Bedingungen des Lebens. Die anderen als die globale Befähigung eines Individuums zu verstehen, zweckvoll zu handeln, vernünftig zu denken und sich erfolgreich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. Wieder andere mischen die Fähigkeit zum effektiven Wissenserwerb bzw. zur Wissensnutzung und zur Vereinfachung von komplexen kognitiven Anforderungssituationen dazu.

Intelligenz ist die Summe verschiedener Faktoren

Man muss bei den Intelligenztheorien unterscheiden zwischen psychometrischen Ansätzen und kognitiven Ansätzen. Während erstere sich mit der quantitativen Messung psychischer Merkmale beschäftigen, nehmen die kognitiven Ansätze die Fertigkeiten, die für die denkende und handelnde Person von Wert sind in den Fokus.

Einen psychometrischen Ansatz verfolgten u.a.

a) SPEARMAN mit seiner Theorie eines allgemeinen ("g"-Faktor) und vieler daneben existierender spezifischer "s"-Faktoren;

b) THURSTONE mit einem Modell von 7 gemeinsamen Faktoren, die grundlegende intellektuelle Fähigkeiten kennzeichnen (Auffassungsgeschwindigkeit, Sprachverständnis, Rechengewandtheit, räumliches Denken, Gedächtnis, schlussfolgerndes Denken und Wortflüssigkeit);

und

c) GUILFORD mit seinem an die Chemie erinnernden Modell, in dem ein systematischer Rahmen die Möglichkeit eröffnet, noch unentdeckte intellektuelle Faktoren zu postulieren. 1961 stellte er sein Modell vor. Es sagte 120 intellektuelle Fähigkeiten voraus, bestimmt waren 1961 aber erst 40 davon.

Einen kognitiven Ansatz verfolgt der amerikanische Psychologe Howard Gardner. Er vertritt die Theorie der Multiplen Intelligenzen. Nach seinem Verständnis geht es um sogenannte "Ebenen des Könnens" (vgl. Gardner 1994), also um bestimmte Ausprägungsstufen einer Intelligenz auf dem Weg bis hin zu ihrer vollständigen Manifestation in Form überragender Kompetenzen. Gardner identifizierte diese 7 "Intelligenzen":
  • linguistische Fähigkeit;
  • logisch-mathematische Fähigkeit;
  • räumliches Wahrnehmungsvermögen - Zurechtfinden im Raum, Formbildung und -veränderung, Gebrauch mentaler Bilder;
  • musikalische Fähigkeit - Wahrnehmen und Schaffen von Tonmustern;
  • körperlich-kinästhetische Fähigkeit - Fertigkeiten der motorischen Bewegung und Koordination;
  • interpersonale Fähigkeit - Verstehen anderer;
  • intrapersonale Fähigkeit - Verstehen des eigenen Selbst, Entwicklung eines Identitätsbewusstseins.
(Zimbardo 1995, S. 535)
Die Auffassung von einer Mehrdimensionalität der Intelligenz stellt die Intelligenzdiagnostik vor große Herausforderungen, denn ein klassischer IQ-Test mit Stift und Zettel wird dadurch verunmöglicht. Die Theorie der multiplen Intelligenzen ist daher auch eher als Bildungs- oder Lerngrundlage denn als Werkzeug zu verstehen. Lehrern und Eltern wird aber anhand dieses Modells klar empfohlen, Lerninhalte unterschiedlich zu kodieren. Unterschiedliche Zugänge zu einem Thema regen mehrere Formen des Lernens an und bewirken so eine vielfältige Ansprache des Empfängers.

Intelligenzentwicklung

Gene und Umwelt bestimmen die Entwicklung der Intelligenz. Dieser Satz besagt, dass es nicht die spezielle Gruppe von Menschen mit den speziellen Eigenschaften gibt; stattdessen ist jeder Mensch einzigartig. Eine Tatsache, die zahlreiche Rassenideologien am liebsten gleich mit ausrotten würden.

Vergessen Sie die Mär von der abnehmenden Intelligenz nach dem frühen Erwachsenenalter (18 - 35 Jahre). Denn für das mittlere Erwachsenenalter (35 - 65 Jahre) kann zumindest von einer Bewahrung des bis dato entwickelten Intelligenzniveaus ausgegangen werden, wobei für bestimmte Faktoren (z.B. Wortschatz, Wissen, Verständnis) häufig sogar eine signifikante Intelligenzzunahme festgestellt werden konnte. Für die Intelligenzentwicklung im (mittleren) Erwachsenenalter spielen deshalb die Lebensumstände (Partnerschaft, Elternschaft, Anforderungen im Job, soziales Umfeld) eine größere Rolle als das Lebensalter.

Eine noch heute bedeutsame Theorie der Intelligenzentwicklung stammt von Jean Piaget (1896 - 1980). Dieser Schweizer Psychologe war ab 1925 Professor und lieferte wichtige Arbeiten zur Entwicklungspsychologie, speziell zur Entwicklung von Sprache und Denken sowie zur moralischen Entwicklung des Kindes. In den 1930er- und 1940er-Jahren entstanden seine Werke über die frühkindliche Entwicklung, in denen Piaget sich seiner eigenen drei Kinder als Modelle bediente.

Für ihn ist die Intelligenz aus einfachen biologischen Adaptationsmechanismen hervorgegangen und stellt die höchste Form der Anpassung des Individuums an die Umwelt dar. Der Mensch durchläuft nach Piaget, beginnend mit der sensomotorischen Phase, verschiedene Stufen der Intelligenzentwicklung, wobei jeweils komplexere und vielfältigere kognitive Schemata und Organisationssysteme zur beweglichen Anpassung an die Umwelt aufgebaut werden.

Fazit

Intelligenz ist kein solitäres Persönlichkeitsmerkmal. Sie ist vielmehr ein Konstrukt aus zahlreichen Faktoren, deren Zusammenspiel uns erst von einem "intelligenten" Menschen (oder Tier) sprechen lassen. Zwei Dinge sind ganz entscheidend für die Ausprägung der Intelligenzfaktoren: Gene und Umwelt. Überragende Veranlagungen können sich in einer defizitären Umwelt nicht oder nur unvollständig im Individuum entfalten. Und mäßige Veranlagungen können umgekehrt in einer qualitativ hochwertigen Umwelt zu außerordentlichen Leistungen befähigen.

Literatur:

Gardner, Howard (1994): Abschied vom IQ. Stuttgart
Zimbardo, Philip (1995): Psychologie. Berlin

Stichwort Hochbegabung
"Wer aus eigenem Impuls gerne schreibt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit überdurchschnittlich begabt. Keine Garantie - aber ein deutlicher Hinweis."
(Jürgen vom Scheidt)
Man spricht dann von Hochbegabung, wenn ein Kind oder Jugendlicher in einem anerkannten Intelligenztest einen IQ von 130 oder mehr erreicht. Ganz so einfach ist die Feststellung in der Praxis jedoch nicht, da erst die Kombination verschiedener Anhaltspunkte eine zuverlässige Aussage darüber erlaubt, ob eine Hochbegabung vorliegt oder nicht.
Anhaltspunkte können sein:
  • ein Kind zeigt schon von früh an konstant ein deutlich überlegenes Entwicklungsniveau im Vergleich zu seinen Altersgenossen;
  • ein Kind hat Interessen, die normalerweise erst ältere Kinder entwickeln, und verfolgt diese mit großer Ausdauer und starkem Engagement;
  • ein Kind ist auf/in vielen Gebieten/Schulfächern überdurchschnittlich gut;
  • weitere Merkmale.
In Deutschland wird der Anteil Hochbegabter an der Gesamtbevölkerung auf einen Wert zwischen 1 und 2 % geschätzt (0,8 bis 1,6 Mio. Menschen). Deren wohl bekanntestes Netzwerk ist der Verein Mensa - in den man aber erst aber einem IQ von 130 aufgenommen wird.

Ein oft unterschätztes Thema ist die Identifikation von Hochbegabten in der Schule. Die Geschichten vom hochintelligenten Sitzenbleiber, der sich schlicht unterfordert fühlt, stimmen tatsächlich. Man spricht von sog. "Underachievern" und schätzt deren Anteil auf 15 bis 20 % an den Hochbegabten.

Doch ebenso gibt es Fälle, in denen eine besondere Begabung nicht erkannt wird, der jeweilige Schüler stromlinienförmig mitschwimmt, gute bis sehr gute Leistungen zeigt, aber sein wahres Potential nie preisgeben kann, nie preisgeben will, nie preisgeben darf. Als Lehrer gerät man obendrein schnell in Versuchung, besonders gute Schüler als hochbegabt einzustufen; dabei kann sich dahinter schlicht ein besonders großer Ehrgeiz verbergen. Gefordert sind Familie und Pädagogen gleichermaßen, Begabungen zu erkennen und zu fördern. Denn ohne Förderung verkümmert jede Begabung.

Literatur und Links zum Thema Hochbegabung gibt es hier.

Kleiner Selbst-Test: Sind Sie hochbegabt?
"Genie ist ein Prozent Inspiration und neunundneunzig Prozent Transpiration."
(Thomas Alva Edison, 1930)
In diesem Sinne: "We are the 99 percent!" :-)

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