Dienstag, 30. Oktober 2012

Winterzeitrunde

Der erste Schnee dieses Winters Herbstes im Flachland kam wie immer schneller als gedacht. Noch vor einer Woche konnte man bei Mittagstemperaturen nahe der 20 °C-Marke in der Herbstlandschaft schwelgen und bereits 6 Tage später hat einen nun schon die arktische Kaltluft im Griff. Das heißt, so richtig im Griff hat sie einen nicht, denn hinter dem schnellen Kaltlufteinbruch aus N folgten mehrere Frontensysteme aus W mit für gewöhnlich unbeständigem Wettercharakter.

Mit der wiedergewonnenen Stunde im Rücken wollte ich am Sonntag ursprünglich ein noch nicht abgeschlossenes Projekt beenden. Kamera, Stativ und Verpflegung waren auch schon bereit, einzig die Wetterprognose war es nicht. Die versprochene Auflösung der dichten Bewölkung am Sonntagnachmittag kam für mich eindeutig zu spät, denn so hätte ich quasi eine halbe Nacht und den ganzen Tag im Sattel verbringen müssen, ohne die gewünschten Bilder zu bekommen. Nö, das macht so keinen Spaß, denn wenn die Motivation fehlt, fehlt auch die Kraft.

Mann im Ohr und trockene Füße

Stattdessen begab ich mich auf eine kurze Sonntagsrunde in mein Lieblingsrevier mit Aussicht auf etwas - wie gesagt - Sonne am Nachmittag. Neugierig lugte ich wieder um die Ecke, als die Stelle mit den Weihnachtspyramiden erreicht war. Fehlanzeige. Außer zusammengeklappten Verkaufsständen, auf denen sich in ein paar Wochen wieder Berge von Plunder für die seelige Besucherschar der Weihnachtsmärkte türmen, gab es nichts zu sehen.

Mit Eric Clapton als Begleitung erreichte ich wenig später das erste größere Waldgebiet. Es hatte sich in einen Mantel aus feuchtem, schwerem Weiß gekleidet; einige Bäume - vornehmlich Birken - konnten dieser Last nicht widerstehen und bogen sich gefährlich in Richtung Fahrbahn.



[Am Montagmorgen wurden im Radio etliche Straßen aufgrund von Schneebruch als gesperrt gemeldet.]


Exakt 7 Wochen ist es her, das ich zuletzt auf dem Rochlitzer Berg stand. Damals näherte ich mich von Chemnitz kommend der markanten Landschaftsmarke und hatte wenig Sinn für das Fotografieren. Denn wegen der Geburtstagsfeier eines Freundes konnte ich erst am Morgen starten und so geriet die ins Auge gefasste lange ruhige Runde zu einer 180er-Intensiveinheit mit 170er Durchschnittspuls. Immerhin konnte ich sie im Tagebuch als "Training" verbuchen. ;-)






Die Straße auf den Rochlitzer Berg war am Sonntag (wegen der Gefahr des Schneebruchs) für den Verkehr gesperrt worden. Das hielt ein paar Unentwegte selbstverständlich nicht davon ab, auf den oberen Parkplatz zu fahren und sich dann die letzten 400 Meter bis zu Kaffee und Kuchen am Friedrich-August-Turm hinaufzuschleppen. Überhaupt nichts gegen Spaziergänger - aber ist es denn wirklich zuviel verlangt, wenn schon mit dem Auto, dann wenigstens am Fuße des "Berges" zu parken und die knappen 2 Kilometer zu Fuß gehen?! Oder - Warnung: tollkühner Vorschlag - warum nicht einmal das Auto wenigstens am Wochenende stehen lassen und stattdessen aus eigener Kraft einen Ausflug unternehmen? Mit dem Rad oder zu Fuß. Ach, weil es kalt und nass ist? Niedlich. Hauptsache man hat die Jack Wolfskin-Jacke immer beim Stadtbummel dabei und findet die Schöffel-Werbung ("Ich bin raus") so richtig prima, ja? Oder denken Sie vielleicht wesentlich universeller als ich und sagen sich: "Junge, Kind, was soll das ganze Gezeter! Wir können doch verheizen was wir wollen, in spätestens 4 Mrd. Jahren ist die Erde eh Geschichte." Stimmt. Und es gibt tatsächlich Momente, in denen ich mir einen Teil Ihrer Einstellung wünsche. Ob Sie es glauben oder nicht.

Auf dem Rochlitzer Berg
Diese Ruhe dort oben war irgendwie magisch. Ich stand allein an der Panoramaaussicht im 10 Zentimeter tiefen Schnee und schaute in Richtung SO. Der Schnee schluckte fast sämtliche Geräusche der Menschenwelt und ließ nur die Unterhaltung der Meisen, die sich rundum in den Lärchen und Kiefern tummelten, an meine Ohren. Es sind genau diese Momente, die mir extrem wichtig sind. Apropos Frauen glücklich machen. Heute habe ich einen interessanten Forschungsbeitrag just zu diesem Thema gefunden.

Demnach besteht der optimale Tag "einer Durchschnittsfrau" (was auch immer das sein soll) aus:
  • 106 min romantischer Zeit mit dem Partner/der Partnerin,
  • 82 min Freunde treffen,
  • 73 min Beten/Meditieren (!!!),
  • 68 min Sport (!!!),
  • 56 min Einkaufen,
  • 50 min Kochen,
  • 48 min Zeit am Computer,
  • 46 min Kinderbetreuung,
  • 46 min Schlafen,
  • 36 min Arbeiten (!!!)
und, logisch, 57 min Telefonieren. :-)

Rechnet man die Angaben zusammen, stellt man fest, dass diese 900 befragten Frauen bereits nach 15:55 h von einem perfekten Tag sprechen. Doch selbst bei Hinzuziehung der 8:05 h Differenz erreicht man kein ausgewogenes Verhältnis aus "Erwerbs"-Arbeit, Schlafpensum und den übrigen Bedürfnissen.

Die Erklärung der Forscher für diesen Effekt ist, dass "das Vergnügen in der ersten Stunde einer Aktivität" [...] größer sei "als das nach drei Stunden derselben Aktivität." Okay, das kann ich jetzt nicht so pauschal bestätigen...

Da es in der Studie primär um die Frage nach dem persönlichen Glücksempfinden bei bestimmten Tätigkeiten ging, gibt zu denken, dass die Arbeit lediglich bei 36 Minuten landet. Nach 36 Minuten Arbeit sinkt also bereits das Vergnügen daran? Da stimmt was nicht. Arbeit soll schließlich Spaß machen. Und Arbeit kann ganz wesentlich zum eigenen Glück beitragen. Die Ursachen für diesen Mißstand muss man erkennen und beheben. Man muss zukunftsfähige Arbeitsbedingungen schaffen, bei denen Familie, Freunde und Beruf nicht miteinander um Zeit konkurrieren. Man muss vermehrt flexible Arbeitszeitmodelle schaffen und weg vom herkömmlichen 9-to-5-Bürojob kommen ... man muss Arbeit insgesamt neu denken lernen und danach fragen, wonach wir eigentlich alle - als Gesellschaft - streben möchten.

Offenbar sehen das auch viele der befragten Frauen so. Denn trotzdem die Stichprobe verhältnismäßig klein ist, zeigt das Ergebnis doch einen klaren Wandel bei der Prioritätensetzung. Neben dem "Höher, Schneller, Weiter" gewinnt die eigene Zufriedenheit zunehmend an Bedeutung und wird auch konsequenter eingefordert. Sei es mit Elternzeiten, die sich Mutter und Vater teilen; sei es mit Teilzeitregelungen; sei es mit Homeoffice; sei es mit Betriebskitas; sei es mit dem Wunsch, zurück zum Mehrgenerationenwohnen zu gehen.

Frau im Ohr und Wasser in den Schuhen

Meine Füße waren dank der Neopren-Überschuhe etwa bis zur Hälfte der Tour trocken geblieben, andauernde Rinnsale von den Feldern und Waldpassagen mit Schneematsch auf der Fahrbahn mühten sich aber schließlich erfolgreich damit ab, diesen Zustand zu ändern.

Dieselben Pferde, diesmal von der anderen Seite der Koppel
Die spontane Entscheidung, ein paar Höhenmeter in Streckenkilometer zu transformieren, führte mich zuerst auf direktem Wege nach Waldenburg und dann weiter westwärts. Während ich unter einer sich zögerlich auflockernden Wolkendecke dahinrollte, lauschte ich im Deutschlandfunk dem Gespräch zwischen Helena Schätzle und Sabine Küchler.

Die Fotografin und Autorin Schätzle sprach unter anderem über ihr neues Buch "9645 Kilometer Erinnerung", in dem sie die Stationen aus den Erzählungen ihres Großvaters vom Zweiten Weltkrieg aufsucht, mit Zeitzeugen ins Gespräch kommt und versucht, das Unfassbare des Krieges in Bildern auszudrücken. Bemerkenswert, was diese Frau, Jahrgang 83, in ihrem Leben schon alles gesehen/gemacht hat.

In Waldenburg
Sie bereiste nach dem Abitur Australien und Asien, publizierte etliche Bücher, hat Fotoausstellungen in Deutschland, den USA und Indien und gab bereits Fotokurse für Getty Images. Ihr Herz hat sie während der vielen Reisen an Indien verloren, wie sie im Interview deutlich macht, denn besonders das Schicksal der dortigen jungen Frauen liegt ihr sehr am Herzen und lässt sie regelmäßig dahin zurückkehren. So begleitet sie beispielsweise ein Mädchen seit dessen früher (Ver)Heirat(ung) auf ihrem Lebensweg und veröffentlicht regelmäßig Berichte für NGOs.

Ich mag solche Sendungen sehr und kann mich noch gut an eine mit Michael Succow erinnern. Er erzählte im April gerade vom schwierigen Weg bis hin zur Realisierung des DDR-Nationalparkprogramms, als ich die langen Reihen der Apfelplantagen bei Leisnig passierte:


"Wir müssen retten, was zu retten ist!" Weg von der Hybris, sich die Erde untertan zu machen, hin zu mehr Demut. Auch in Westeuropa, wo es kaum noch unberührte Natur gibt, können Wildnisräume entstehen." (Michael Succow)


Anspruch und Wirklichkeit sind - so lerne ich aus diesen Interviews mit interessanten Menschen immer wieder - nur soweit entfernt, wie du es zulässt. Die beharrliche Arbeit an ihren Projekten hat diese Menschen zu denen gemacht, die sie sind: zu außergewöhnlichen Menschen. Sie haben sich schon lange vom Wunsch verabschiedet, von allen geliebt zu werden (höchstwahrscheinlich hatten sie diesen nie), und sind stattdessen dem eigenen Ruf, den eigenen Wünschen gefolgt. Wohl dem, der diesen Ruf irgendwann deutlich vernimmt.















148 km | 5:22 h | 1200 hm

PS: Am Abend hörte ich die Kraniche über dem Haus rufen

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