Sonntag, 2. Dezember 2012

Kurztrip nach Mittelfranken

Am 27. November 2011 hieß es an dieser Stelle:
"Wir fahren das Bett gemeinsam ins Zimmer. Ich am Fußende, die blonde Krankenschwester am Kopfende. Er atmet tief und regelmäßig, hat einen kleinen Beutel mit Blut neben dem soeben geflickten rechten Bein liegen. Die Augen sind etwas geschwollen und ruhen fast unbewegt in einem Meer aus Tränenflüssigkeit. Aber ich kann ihn nach der Vollnarkose bereits wieder ansprechen und - erleichtert - feststellen, dass er meinen Namen kennt. Meine linke Hand streicht seine Haare zum Scheitel, die rechte zieht die Decke über die freiliegende Schulter. Mehr kann man im Moment nicht tun. Ich werde noch bis zum Abendbrot bleiben."
Heute nun, ein Jahr später, hat sich der Gesundheitszustand der oben beschriebenen Person auf einem Niveau eingependelt, dass wohl am besten durch das Attribut stabil gekennzeichnet ist. Trotzdem ist man jeden Tag aufs Neue gefasst, von der einen, von der finalen Nachricht eingeholt zu werden. Ach was sag ich, gefasst kann man darauf nicht sein. Man kann sich einreden, gefasst zu sein; man kann sich einreden, rational und nüchtern zu bewerten; man kann sich über Mini-Fortschritte freuen, darüber, dass das gestern Erzählte heute noch in Teilen präsent ist; darüber, dass die Erdnüsse wieder schmecken; darüber, dass der Vorhang vor den breiten Fenstern noch aufbleiben soll, um das letzte Licht des Tages nicht zu verpassen; darüber, dass man ein zweites Mal Suppe holen soll.

Aber man kann nicht darauf gefasst sein. Nie.

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Aus guten Gründen wurde meine Teilnahme an der DHV-Jahreshauptversammlung in 2011 abgesagt und so war ich heuer verständlicherweise froh darüber, zur diesjährigen Auflage fast unbeschwert reisen zu können. Zugegeben, "unbeschwert" trifft den Kern der Sache nicht ganz, denn die Minimierung meines ökologischen Reisefußabdrucks gestaltete sich spannend.

Fracht: 85 kg
Strecke: 330 km
Reiseziele: Nürnberg (Besichtigung der Altstadt), Gunzenhausen (DHV-Tagung)
Zeitfenster Anreise: Freitag 16 Uhr bis Samstag 12 Uhr
Zeitfenster Abreise: Sonntag 14 Uhr bis Sonntag 22 Uhr

Ich musste leider schnell einsehen, dass ein Radprojekt mit den beabsichtigten Zielen nicht vereinbar war. Die Nutzung des Pkw fiel aufgrund nicht vorhandener Mitfahrer ebenfalls aus. Blieben die Bahn und www.mitfahrgelegenheit.de.

Es schien am besten, am frühen Samstag die Reise anzutreten, um das Reise(zwischen)ziel Nürnberg in bescheidenem Umfang erkunden zu können. Gesagt getan und tatsächlich hatte ich Glück: Eine junge Dame startete um 5 Uhr ab Leipzig im Pkw in Richtung München. Zum vereinbarten Treffpunkt reiste ich per Rad an und mit lediglich 10 Minuten Verspätung ihrerseits nahm ich 5.10 Uhr auf dem Beifahrersitz Platz. Während ich noch mit der Innenraumbelüftung dieses Mitsubishi versuchte, Scheiben und Füße mit warmer Luft zu versorgen, begann unsere Kennlernphase. Sie war ein paar Jahre jünger, arbeitete in ihrer Freizeit als Poledance-Trainerin und sollte im Auftrag ihres Chefs (der ist selbstverständlich am Vorabend allein nach München gefahren) ein Seminar besuchen, um dieses später in abgewandelter Form für die eigene Firma anzubieten. Alles in allem eine sexy Erscheinung, keine Frage, wenngleich die Fingernägel für meinen Geschmack 1 cm zu lang waren. Die halbhohen, hellbraunen Lederstiefel und die elegante schwarze Winterjacke über einem sportlichen 1,75 m-Frauenkörper glichen diesen Minuspunkt aber mehr als aus :-).

Ich nutzte die Tatsache, dass ihr Chef und sie getrennt jeweils in einem Auto reisen, als Einstieg, um über Ökologie, Sinn und Unsinn unserer auf Mobilität angewiesenen Gesellschaft und ... über spritfahrende Fahrweise zu sprechen. Denn bei letzterem hatte sie noch Nachholbedarf. Frühzeitiges Schalten, maximal 120 anstatt 160, im Verkehr mitschwimmen, vorausschauendes Fahren - ich war in meinem Element. Jetzt so im Nachhinein wird es mir jedoch immer unverständlicher, warum ich nicht schon bei Jena aus dem Auto geworfen wurde...

Meine Fahrerin war aber durchaus interessiert und brachte unter dem permanenten Klangteppich aus gefühlten (nein: mitgezählten!) 100 Remixes von "One day" durchaus interessante Ideen ein. So schlug sie beispielsweise eine Art Taxameter mit den während einer Fahrt "verbrannten" Euro vor. Das gefiel mir. Den potentiellen Vorteil lieferte sie gleich mit: "Dann würde ich sicher sparsamer fahren, wenn ich immer sofort sehe, was ich jetzt pro Kilometer mehr bezahle." Nicht aus dem Auto wurde ich auch geworfen, als wir eine Ausfahrt zum Rasthof, nun ja, "verpassen". Ich hätte schwören können, dass nach dem McDonalds-Schild noch eine zweite Ausfahrt kommt. Ehrenwort.

So musste sie ihren gewünschten Kaffee eben woanders trinken. Jedenfalls nicht bei McDonalds. Dafür stoppten wir an einer Raststätte, die - es scheint, als hätte man bei den wenigen Fahrten auf der A 9 in Richtung Süden schon überall mal gepinkelt - ich wiedererkannte ... irgendwo muss ich auch noch diese Sanifair-Coupons haben. Während man(n) so die Schlagzeilen der Tageszeitungen inspizierte, marschierte meine Fahrerin schnurstracks zur Süßwarenabteilung - denn Kaffee gab es um 7 Uhr am Samstagmorgen noch nicht (!). Die Ersatzdroge nannte sich "Red Bull plus Gummibären" und war meinen mitgebrachten Äpfeln anscheinend haushoch überlegen. Und seien wir ehrlich: Wer will schon Bioobst, wenn er nach einem kurzen Klack Flüüüügel verleiht bekommt. Eben. Apropos, die Zeit verging leider wie im Fluge und ich musste mir ernsthafte Gedanken darüber machen, wo für mich wohl der beste Absetzpunkt bei Nürnberg sein könnte. Ich wollte keine Umstände bereiten, genauso schnell aus ihrem Leben verschwinden, wie ich in jenes getreten war. Auf meine Frage, ob sie nicht mitunter besorgt sei, wildfremde Menschen im Auto zu haben, entgegnete sie übrigens differenziert. Wichtig sei für sie, längere Strecken nicht allein fahren zu müssen, die Sorge wird verdrängt. Eher beschäftigt sie das Gebaren mancher ausländischer Passagiere, die es anscheinend für völlig selbstverständlich erachten, bis zur Haustür gebracht zu werden. Reine "Frauen-Fahrten", wie sie bei den diversen Mitfahrportalen auch angeboten werden, findet sie "blöd".

Willkommen in Nürnberg
Langsam wurde es Zeit Abschied zu nehmen, denn wir näherten uns Nürnberg. Mein GPS meinte, 7 Kilometer neben der Autobahn hätte ich guten Straßenbahnanschluss in die Innenstadt, also lotste ich uns zu der Stelle. Aussteigen, Rucksack schultern, sie noch einmal anschauen, ihr ein schönes Leben wünschen. Das wars. Sie winkte zum Abschied und rollte davon. Für einen Augenblick hatte ich wieder einsteigen und mit ihr weiter gen Süden fahren wollen. Für einen Augenblick.

Die nun folgenden Bilder entstanden entlang dieses Weges durch Nürnberg:















































Die Weiterfahrt in Regionalzügen tangierte das Triathlon-Mekka in Franken - Roth - und führte durch eine Bilderbuchlandschaft, die einen weit weg von Euro-, Demographie- und Klimakrise wähnen ließ. Junge Menschen auf Heimatbesuch und junge Familien auf Verwandtenbesuch teilten mit mir die Plätze in den sonnendurchfluteten Waggons des dieselgetriebenen Zuges.

Willkommen in Gunzenhausen

1. FC-Nürnberg-Fahnen wehten an Kränen über Eigenheimbaustellen, ich sah Radfahrer zwischen den sanft geschwungenen Wiesen rollen, ich sah Trecker vor Bahnübergängen warten. Angekommen in Gunzenhausen, folgte ich dem GPS zu meiner Pension und dank der überschaubaren Dimensionen dieser Gemeinde läuft man von einem zum anderen Ende auch kaum mehr als 30 Minuten. Eine ältere Dame empfing mich freundlich und bat, ihr die Treppe nach oben zu folgen. Drei Zimmer waren dort für Gäste eingerichtet, das Bad mit WC und Dusche befand sich auf dem Flur. Perfekt. Weniger perfekt war, dass in meinem Zimmer die Ölheizung für tropisches Klima sorgen musste. Ich erlöste sie rasch von dieser Aufgabe und drehte den Heizkörper auf Frostschutz. Schließlich wollte ich hier nur schlafen, obendrein unter einem dicken Federbett.

Reserviert für den Hausherrn
Nach fixem Garderobenwechsel schnappte ich die Kameraausrüstung und machte mich auf den Weg zu C. Und siehe da, sie hat trotz meines Fehlens auf dem Vereinsabend nicht mit meiner heutigen Abwesenheit gerechnet, mich im Gegenteil gleich mit einem Job vor Ort versorgt. Und was soll ich sagen: Hobby und Gemeinnutz verbinden zu können ist immer noch die schönste Art zu leben. Liebe C., vielen Dank dafür! B. meinte im Anschluss, "wir sollten das wiederholen." Sollten wir wirklich. Die Zeit verging leider viel zu schnell, mein Magen war für das Buffet leider viel zu klein und die Band spielte für die komplette Bildbearbeitung leider viel zu kurz. So hab ich im Bett noch ein paar Panoramen rechnen lassen und das Frühstück um 7.30 Uhr pünktlich wahrgenommen.










Mit zu Tisch saß am Sonntagmorgen ein Hamburger mit mecklenburg-vorpommerschem Migrationshintergrund. Er arbeitet am Band bei Nestlé in der Schokoladenproduktion und machte gerade eine Woche Urlaub in Bayern. Zwar geistig etwas gehandicapt, schien er trotzdem in der Lage, sein Leben gut alleine zu regeln. Ich bemerkte bereits in diesem überschaubaren Setting eines Frühstückstisches, dass feste Regeln und eine bestimmte Ordnung Konstanten in seinem Leben darstellen (müssen).

Der Brotkorb wurde wieder an seinen Platz gestellt, die Kaffeekanne dreimal verschoben und platziert. Meine Aussagen wurden wiederholt und erst dann der Gesprächsfaden weitergesponnen. Es war spannend und gern hätte ich diesen Menschen noch etwas näher kennengelernt. Allein, ich hatte eine Zusage einzuhalten und musste dafür noch ein wenig am Schreibtisch arbeiten. Was ich ihm nicht sagte: Ich musste auch noch meine Heimfahrt organisieren. Ein paar MFGs kamen in Frage, standen und fielen jedoch mit meiner pünktlichen Abreise. Letztendlich entschied ich, die Siegerehrung der Gleitschirmpiloten sausen zu lassen und gemeinsam mit einem Pärchen im Zug nach Hause zu fahren. Lieber wär mir zwar das Mädel vom Vortag gewesen, aber sie hatte sich bereits am Samstagabend wieder auf den Nachhauseweg begeben und das Auto für diese Tour auch nach Eigenaussage voller Passagiere. Ob da wohl wieder so ein verkopfter Typ darunter gewesen war?

Der Saumarkt in Gunzenhausen

Stadtansicht auf dem Weg zum Bahnhof










1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Lieber Christian,
das hab' ich doch gerne gemacht. Und ich hoffe Du und B. werdet noch oft zusammen arbeiten :-) Wir können ja nur davon profitieren.
Viele Grüße,
C.