Montag, 26. August 2013

Zwischen Schulanfang und Brückenfest

Der 18 Tage alte Mond wirft das Sonnenlicht auf die abgeernteten Weizenfelder ringsum und sorgt im Duett mit einem unverändert aus südöstlicher Richtung wehenden Wind für die optimale Rahmung des sich seinem Ende zuneigenden Radausflugs. Ich setze die Titelliste des Vormittags fort und lasse mich sowohl von der warmen Stimme in den Ohren als auch von der (kühleren) Luft im Rücken treiben. Die Gedanken gehen auf die Reise, die Kilometer verfliegen, die Müdigkeit spielt keine Hauptrolle mehr. Panta rei.

Die Würfel sind gefallen

Am Vorabend des vergangenen Samstags fällt die Entscheidung. Nachdem mir Wetterbericht und innere Stimme grünes Licht gegeben haben, beginne ich damit, das GPS mit den Streckenkoordinaten und den MP3-Player mit Grimms Märchen zu füllen. Richtig gelesen. Ein kurzer Exkurs als Babysitter hatte mich in die Rolle des Märchenonkels versetzt und dabei intolerable Wissenslücken zu Tage gefördert. Was liegt also näher, als diese Lücken Krater quasi im Vorbeifahren zu füllen? Da ich meinem Autarkiegrundsatz bezüglich fester Nahrung treu bleiben und die Kamera samt Stativ einpacken möchte, ist diesmal obendrein der Rucksack mit an Bord. Außerdem habe ich so Gelegenheit dazu, Beinlinge und Jacke problemlos verstauen zu können.

Während der Deutschlandfunk seine Informationen am Morgen in die Welt sendet, das Müsli verdaut wird und die Katzen im Hof ihre Näpfe leeren, prüfe ich abschließend mein kleines Gepäck, setze den Helm auf und schließe die Haustür. Vor mir liegt ein Tag im Sattel.

Der seinen Prognosen folgende SO-Wind kuriert mich flott von den PB-Illusionen auf der Strecke bis nach Dresden, weshalb ich mir die Freiheit für drei Fotostopps auf dem heute prinzipiell nur als Transfer ausgelegten Teilstück herausnehme.


Da in Sachsen Schulanfang gefeiert wird, begegnen mir in den Städten zahlreiche herausgeputzte Familien, die sich brav auf den Weg in die jeweiligen Grundschulen machen. Ist das tatsächlich ein so feierwürdiger Anlass? Wie denken die Eltern über dieses Datum? Welche Wünsche legen sie den Kleinen mit in ihre Zuckertüten? Ich erinnere den eigenen Schulanfang nur noch bruchstückhaft, weiß aber genau, an welchem Baum der süße Teil des Zeremoniells hing. Leider sind manche Lehrerpersönlichkeiten alles andere als ein süßer Teil des Systems, ja, bleiben einem mitunter sogar im Halse stecken und sorgen für Brechreiz. Das System Schule krankt an vielen Unzulänglichkeiten. Zeitmangel, zu große Klassen, überfordertes Personal, fehlende Leitbilder sind in meinen Augen besonders prekär. Wie kann ich fächerverbindenden Unterricht fordern und die nötigen Voraussetzungen nicht schaffen wollen? Wir müssen die strikte 45-Minuten-Taktung verlassen und den Schulen viel mehr Freiräume geben; wir müssen stärker in Dialog mit den Schülern treten und Lerninhalte flexibler gestalten; wir müssen das Klassenzimmer für mehr Praxis und außerschulische Erfahrungen öffnen; wir müssen ... mit gutem Personal die optimalen Lernbedingungen für unsere Schüler Lernpartner schaffen.


Hier, neben der Grundschule Klipphausen ("Eine moderne, ländliche Schule mit Kopf, Herz und Hand"), stelle ich das Rad ab und falle sofort als Fremdkörper inmitten der herausgeputzten Gesellschaft auf. Einer der jungen Protagonisten läuft weinend an mir vorbei und setzt sich auf die Bordsteinkante des Parkplatzes neben dem elterlichen Auto. Seine Mutter reagiert mit einem Erpressungsversuch ("Wenn du jetzt wieder Dickkopf spielst, dann fahren wir heute nicht in den Saurierpark."). Ob das bei dem Kleinen Wirkung zeigt? Nun, mir obliegt die Rolle des Beobachters, des Fragenstellers, des Zweiflers; ich schule keine eigenen Kinder ein, werde das nie tun. Die Gesichter der Erwachsenen sind voller freudiger Erwartung. Man sieht stolze Väter und Mütter, stolze Großeltern, stolze Tanten und Onkel. Ältere Schwestern haben sich - so scheint es - für diesen Tag in ihre heißesten Kleider gezwängt. Ob die wissen, dass das hier ein Schulanfang und keine Bachelor-Show ist? Seis drum, bei den Mädels saß alles am rechten Fleck. ;-)

Ein Großvater steht vor dem Zaun zum Schulgelände und blickt in Richtung Gebäude. Sein linker Arm stützt sich auf den Maschendraht, sein rechter auf einen Gehstock. Denkt er an die eigene Schulzeit unter damals gänzlich anderen Bedingungen? Ist er stolz auf seinen Enkel/seine Enkelin? Ist er stolz auf sein Kind/seine Kinder? Oder muss er bloß hier draußen stehen, weil das Rauchen im gesamten Schulgelände untersagt ist? Meine Abendlektüre ist gerade Die Enden der Welt von Roger Willemsen und ich stelle mir vor, wie er wohl diese Szenerie erleben würde. Ganz sicher mit seinem Notizbuch in der Hand, exakt beobachtend, keinen Zwischenton verpassend, die Gesichter lesend und die Gesten interpretierend. Ich mag seine stark selbstreflektorischen Reiseberichte mit den fein ziselierten Sätzen, ich konnte mich schon in vielen Gefühlsschilderungen wiedererkennen.

Noch 10 Kilometer liegen zwischen mir und dem Elberadweg, 10 Kilometer, die mich durch 7 Dörfer im Nordwesten der sächsischen Landeshauptstadt führen. Hühndorf, Rennersdorf, Brabschütz, Mobschatz, Stetzsch, Kemnitz und Briesnitz lauten ihren Namen. Sinnvollerweise fährt man auf dem Elberadweg in Richtung Innenstadt, vorbei an Alberthafen, Friedrichstadt und Landtag direkt zum Terrassenufer. Das Verkehrsaufkommen ist zwar nicht unerheblich, ab der Albertbrücke elbaufwärts aber auf dem Käthe-Kollwitz-Ufer bis zur Loschwitzer Brücke (aka das Blaue Wunder) auszuhalten. Bevor ich in die Kletterei auf der rechten Elbseite einsteige, müssen ein paar Sätze zu dem Ereignis des Tages in der Stadt verloren werden: Die Einweihung der Waldschlößchenbrücke.
Was war das für ein Hickhack. Der Bau einer innerstädtischen Brücke entwickelte sich vom ersten Stadtratsbeschluss 1994 über sage und schreibe 19 Jahre (in Worten: Neunzehn) zu einem Politikum mit landesweiter Tragweite. Mitte der 1990er Jahre wurde beschlossen, in Höhe des Waldschlößchenareals eine Elbquerung zu errichten. Im November 2000 schließlich erfolgte der symbolische Baubeginn durch den damaligen OB Wagner. Soweit schien alles reibungslos zu laufen; doch es war nur die Ruhe vor dem Sturm. Mit der Gründung von mehreren Bürgerinitiativen ("Verkehrsfluss", "Welterbe Dresdner Elbtal", "Elbtunnel Dresden") begann nämlich sukzessive der Widerstand gegen das Projekt zu wachsen. Jedenfalls wurde in der medialen Berichterstattung dieser Eindruck geweckt, denn die Brückengegner hatten u.a. in Wolfgang Thierse und Friedrich Schorlemmer prominente Fürsprecher gefunden. Tatsächlich waren die Brückengegner innerhalb der Stadtgrenzen stets in der Minderheit, wie aus Umfragen schon vor dem Bürgerentscheid von 2005 klar hervorging. Trotzdem wurde nicht sofort gebaut. Warum? Weil der neu gewählte Stadtrat 2006 gegen den Baustart war. Es kommt in der Folge zum Eingreifen des Regierungspräsidiums, das den Baustart 2006 anordnet. Was danach kam, versteht kein (demokratisch denkender) Mensch:

2007
Tausende Dresdner protestieren wöchentlich gegen den Brückenbau; plötzlich wird wegen der Kleinen Hufeisennase ein Baustopp verhängt; das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Bautzen hebt den Baustopp auf und ordnet ein späteres temporäres Tempolimit von 30 km/h an; Baubeginn; Baumbesetzungen.

2008
Ablehnung eines Bürgerbegehrens gegen den Brückenbau am OVG.

2009
Aberkennung des Unesco-Welterbetitels für das Dresdener Elbtal (2004 wurde das Elbtal erst auf diese Liste gesetzt).

2010-2013
Naturschutzverbände klagen und zögern die Fertigstellung immer weiter hinaus - das OVG weist die Klagen zurück. Die Stadt verklagt Bauunternehmen wegen Zusatzkosten, das OVG gibt den Bauunternehmen Recht. Installation eines Fledermausleitsystems für eine Viertelmillion. Verkehrsfreigabe am 26. August 2013.

180 Mio. Euro wurden investiert um täglich etwa 20.000 Kfz gemeinsam mit einer noch unbekannten Zahl an Fußgängern, Fahrradfahrern und Inlineskatern hier über die Elbe bringen zu können (Zählschleifen in der Fahrbahn werden in den nächsten Monaten das tatsächliche Verkehrsaufkommen ermitteln helfen).

Heute und morgen feiert Dresden nun also sein Brückenfest und bei Betrachtung der Menschenmassen auf dem neuen Bauwerk kommt man nicht umhin, die Umfragen bestätigt zu sehen und den Krawall der Vergangenheit für den Krawall einer Minderheit zu halten. Nicht falsch verstehen: Naturschutz ist gut, richtig und wichtig. Doch Naturschutz muss nicht stets in Verboten gipfeln. Vielmehr schafft im speziellen eine neue Brücke hier im dicht besiedelten Elbtal Entlastung für bisher am Rande ihrer Leistungsfähigkeit betriebene Verkehrsinfrastruktur. Von der Altstadt elbaufwärts gibt es auf einer Strecke von 6 Kilometern fortan 6 Brücken und eine Fähre, die die Stadtbezirke Innere Neustadt, Radeberger Vorstadt und Loschwitz mit den linkselbischen Stadtteilen verbinden. Intelligente Verkehrsleitung vermindert Staus, reduziert die Lärmbelastung und sorgt für kürzere Wege. Kürzere Wege bedeuten weniger Schadstoffe, weniger Schadstoffe gehen mit einer erhöhten Lebensqualität einher. Diese einfache Rechnung geht freilich nur im Zusammenspiel mit vielen weiteren Komponenten auf (Parkplatzangebot, ÖPNV etc.). Die neue Waldschlößchenbrücke ist eine davon.

Nochmal zum Thema Naturschutz: Die als Streitobjekt missbrauchte Kleine Hufeisennase lebt in mehreren Populationen zwischen Meißen und der Sächsischen Schweiz. Bei ihren Flügen entlang der Elbe stoßen die Tierchen schon seit Jahrzehnten auf zahlreiche Brückenbauwerke - überlebt haben sie augenscheinlich trotzdem bis heute. Das nächtliche Tempolimit von 30 km/h auf der neuen Brücke ist zwar gut, zum Artenschutz beitragen kann es als Insellösung aber nur bedingt. Für mich sieht das eher nach einer getarnten Grußkarte aus Bautzen aus: Das OVG könnte damit bequem der Stadt einen Teil des verlorenen Geldes wieder zukommen lassen ... wenn diese Einnahmen wenigstens in nachhaltige Naturschutzprojekte investiert werden würden.

PS: Die vom OVG 2011 abgeschmetterte Klage der Naturschutzverbände gegen den Planfeststellungsbeschluss für die Brücke liegt nun beim Bundesverwaltungsgericht in Leipzig (Urteilsbekanntgabe: Sommer 2014). Erwarten Sie Überraschungen? Ich auch nicht.

Edit (02.09.13): Über die Waldschlößchenbrücke rollen mittlerweile täglich zw. 23.000 und 24.000 Autos sowie über 2.000 Radfahrer. Geblitzt hat es innerhalb von einer Woche 734 Mal.

Die drei Elbschlösser: Schloß Albrechtsberg, Villa Stockhausen und Schloß Eckberg (v.l.n.r.)
Von der Heide zur Festung

"Kletterei"? Genau damit geht es jetzt weiter. Ich zitiere hier am besten die Lokals aus "Zwinkis Tourenverzeichnis":
"Pillnitzer Landstr. etwa 600m hinterrollen (Osten), bis in S-Kurve links die Calberlastr. hochzieht (anfangs mit Lock-Asphalt). Diese zunächst äußerst gemächlich (5-7%) hoch (rechts schönes Panorama), dann geringfügig steiler (10-13%, inzwischen mit Pflaster der höchsten Schwierigkeitsstufe 4 nach Paris-Roubaix-Skala). Die Straße führt nun genau auf den Hang zu. Nicht nach rechts in die Hegenbarth-Straße einbiegen, sondern links halten und subjektiv sehr flach (6%) die Robert-Diez-Str. auf Pflaster der Stufe 5 weiterfahren. Am besten versuchen, die Doppelreihe Wackersteine in der Mitte zu halten. Bei Gabelung (links Fußgängerzone) biegt die Robert-Diez-Str. rechts ab, kleinstes Kettenblatt und größtes Ritzel sofort auflegen! Anfangs relativ ordentliches Kleinkopfpflaster. Straße sieht sehr steil aus, bleibt aber nicht so flach (d.h., nicht nur etwas über 20% wie am Anfang). Nach Linkskurve rechts ein Geländer an der Mauer; nicht benutzen. Nach folgender Rechtskurve freundlich lächeln, weil oben meist Leute stehen und staunen. Am Schild (dazu umdrehen) "18%" bitte hörbar lachen."
Das obere Ende der Robert-Diez-Straße
Der Bezirk Dresden-Loschwitz ist fest in CDU Händen und wird das auch noch lange bleiben, denn hier, oberhalb des rechten Elbufers, siedeln all jene, die es sich leisten können. Nimmt man an. Plakate für DIE LINKE sehe ich jedenfalls keine an den Laternen ... dafür die Crème de la Crème der deutschen Automobilindustrie zwischen selbigen. Ich musste weiter, raus aus der Heile-Welt-wir-trinken-Kaffee-auf-unserer-Terrasse-und-plauschen-über-die-Nachbarn-Zone in die Weite des Schönfelder Hochlandes.

Der ländlich geprägte Raum bietet neben ruhigen Landstraßen und einer schönen Fernsicht über die Kulturlandschaft des Elbtales auch für Forscher ideale Bedingungen. Das heutige Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf nämlich ging nach der Wende aus dem zu DDR-Zeiten aufgebauten Zentralinstitut für Kernforschung hervor und widmet sich u.a. der zivilen Grundlagenforschung in den Bereichen Medizin und Physik. Von Rossendorf aus fahre ich weiter nach Eschdorf, um dort auf dem ehemaligen Bahndamm der Strecke Dürrröhrsdorf–Weißig nach Wünschendorf zu gelangen. Einziges Manko dieses Streckenabschnitts: Gefühlt aller 100 m wird der perfekte Asphalt durch 6 Meter breite Streifen üblen Kopfsteinpflasters (aka Dresdener Hauspflaster) unterbrochen.

Vorbei an Obstbäumen und Pferdekoppeln rollt es nach diesem Intermezzo wieder flotter auf unseren damaligen Spuren durch den Liebethaler Grund und Lohmen bis nach Hohnstein. Die S 165 Lohmen-Hohnstein muss man sich als Radfahrer zum Wochenende nicht geben - beim nächsten Mal teste ich die 3 km nördlich davon verlaufende Route. Hat man einmal die Hocksteinschänke lebend erreicht, ist das Schlimmste überstanden. Ab da schlängelt sich die Fahrbahn nämlich in Serpentinen hinab ins Polenztal, abschnittsweise unmittelbar entlang der Grenze zur Kernzone des Nationalparks Sächsische Schweiz; überholen können hier nur Motorräder. ;-)
Die Lausitzer Überschiebung

Die Quadersandsteine des Elbsandsteingebirges zeigen unterschiedliche Mächtigkeiten. An der NO-Grenze, nahe der Lausitzer Überschiebung, findet man die größte Mächtigkeit und die tiefste Absenkung derselben vereint. Diese Grenze zwischen dem Lausitzer Granitgebiet und dem Elbsandsteingebirge verläuft von Oybin über Hinterhermsdorf, Hohnstein, Pillnitz und Klotzsche bis nach Meißen. Am deutlichsten sichtbar in der Landschaft wird sie aber bei Hohnstein, weil man hier direkt beobachten kann, wie der ältere Granit auf den jüngeren Sandstein geschoben wurde. Das Polenztal ist gewissermaßen ein geologisches Lehrzimmer, denn die orographischen Besonderheiten von weichem Sandstein und hartem Granit fallen sofort auf. Während in Richtung S (zum Elbtal) senkrechte Sandsteinwände U-Täler bilden, sind es in Richtung N (zum Granitgebiet) gerundete Formen und V-Täler. Die Polenz kreuzt die Lausitzer Überschiebung an der Grenze dieser beiden Talformen und gibt einen tiefen Einblick in das Wesen dieser bedeutendsten Störungslinie innerhalb der Elbtalzone.
Was hat Hohnstein neben seinen geologischen Besonderheiten zu bieten? Eine Burg aus dem 13. Jhd. mit wechselvoller Geschichte, eine verwinkelte Altstadt, Bergsport Arnold und den Ausgangspunkt zur 3. Etappe des Malerweges.

Burg Hohnstein

Stadtzentrum von Hohnstein

Bergsport Arnold


Sebnitz lautet mein nächstes Ziel, am Nordzipfel des Elbsandsteingebirges gelegen. Perfekt asphaltierte Wege schlängeln sich bis dahin durch die Agrarlandschaft, die der geneigte Radler nur mit glücklicherweise selten anzutreffenden landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen teilen muss. Eine Idylle. Augen und Geist finden stets neue Anknüpfungspunkte für eigenständige Exkursionen, sei es in das südlich lockende Felslabyrinth oder in die Höfe der kleinen Ortschaften am Wegesrand.


Am Viadukt der Sebnitztalbahn angekommen beschließe ich, die Stadt der Kunstblumen heute nicht mehr in Augenschein zu nehmen. Einerseits weil das Fotolicht nicht so toll ist und andererseits weil mein Zeitbudget nicht bis zum Morgengrauen ausgereizt werden soll. Also los, auf nach Lichtenhain.

Ein Bild, viele Antworten.
Wachstum, Wachstum, Wachstum, Wachstum, Wachstum, Woaar!
Bei Lichtenhain
Manchem Leser wird gewiss der Lichtenhainer Wasserfall im Kirnitzschtal ein Begriff sein; diesen erreiche ich sehr schnell über einen tollen - rennradtauglichen - Waldweg aus dem Ortszentrum heraus nach nur 2,5 km. Man muss ein wenig auf verpeilte Wanderer achten, kann ansonsten seinem Affen aber uneingeschränkt Zucker geben. Nach langer, nach viel zu langer Zeit rolle ich erneut vorbei an unserer nächtlichen Wasserstelle, an unserem unfreiwilligen Fotospot, an der Einmündung des Wanderweges Mittelndorf-Ostrauer Mühle, an den gelben Wartebänken der Kirnitzschtalbahn, am Stadtpark und unserem Eisladen. Wehmut? Nein. Unter diesen Voraussetzungen musste sich alles so entwickeln.

Im...
Kirnitzschtal
Nationalparkzentrum in Bad Schandau
Bad Schandau hat außer dem Nationalparkzentrum für mich nichts zu bieten, so dass die Elbbrücke schnell erreicht ist und der Anstieg nach Gohrisch als willkommenes Neuland unter die Räder genommen wird. Noch einmal 60 hm warten zwischen Gohrisch und Pfaffendorf - doch die lohnen. Der steile Weg aus dem Elbtal oder einem seiner Nebentäler führt zu einem flachen Gelände, das sich Ebenheit nennt.

Am Horizont: Der Lilienstein, Blickrichtung NW















Links: Bad Schandau, Blickrichtung SO
Diese Landschaft, circa 100 bis 120 m über der Elbe gelegen, wird nur noch von den Steinen überragt. Bekannte Beispiele sind Königstein, Pfaffenstein, Lilienstein, Falkenstein und Schrammsteine. Ein Vergleich der Höhen dieser Steine zeigt, dass die Schichten des Elbsandsteingebirges elbabwärts zum Elbtalgraben hin großräumig abtauchen.

Festung Königstein
Ein malerischer Blick auf die sich in 2,3 km Entfernung befindende Festung Königstein lädt mich zur kurzen Rast und Stärkung aus dem Proviantdepot ein. Meine letzte Ration von Molkeriegelalternativen verschwindet in der warmen Nachmittagssonne und schmeckt soviel intensiver als sonst. Unten im Tal läuft parallel das Stadtfest von Königstein, bis hier hoch dringen die Geräusche aber nicht vor. Ich sitze vielleicht 10 Minuten auf der kleinen Wiese am Ortsrand von Pfaffendorf, wissend, dass das Erleben in Begleitung wohl schöner wäre. Anspruch und Wirklichkeit verwischen wie die Farben des Himmels, der sich von Stunde zu Stunde mehr hinter einem Schleier verbirgt.

Der Pfaffenstein

Königstein
Des Teufels Haare

Zurück im Tal bringt mich der Elberadweg sicher bis zur Mündung des Baches Pehna in den großen Strom. Hier wende ich den Lenker in den Pehnaberg und klettere über Thürmsdorf hinauf nach Struppen. Die Abfahrt Struppen - Obervogelgesang ist für Rennräder kein Genuß, es sei denn man liebt multipel geflickte Straßen, gepaart mit Schlaglöchern im Zwielicht rapide wechselnder Licht-Schatten-Abschnitte. Mit der Rückkehr an die Elbe ist sogleich das Gröbste überstanden, rollt man entspannt der nächsten größeren Stadt, Pirna, entgegen. Einerseits ist dieses Radlermekka unbestritten die schnellste und sicherste Transferoption zurück nach Dresden, andererseits muss man sich als Preis dafür regelmäßig mit dem uns schon bekannten Dresdener Hauspflaster, intensiver Nutzung und ungleichmäßiger Fahrweise abfinden. Eines der nächsten Projekte wird deswegen bereits ab Königstein das beliebte Elbtal verlassen und mich nach Altenberg bringen.

Anlegestelle für Schaufelraddampfer in Pirna
Pirna, irgendwelche Vorurteile in petto? Nazi-Hochburg Sachsens? Mit aktuell zwei Sitzen im Stadtrat (DIE LINKE: 5, GRÜNE: 1) hat die NPD natürlich Rückhalt in der Bevölkerung. Doch in Leipzig sitzen ebenfalls 2 Braune im Stadtparlament. Bei den sächsischen Kommunalwahlen 2009 konnte die NPD ihre Mandate von 22 auf 73 mehr als verdreifachen, was einem Anteil von 2,3 % entspricht. Bei genauer Betrachtung fallen zahlreiche kommunale Besonderheiten auf, die den Rechten den Weg in die Parlamente bahnten. So begleiten die jeweiligen Funktionäre meist zentrale Positionen in den Ortschaften, sind Firmeninhaber, Ärzte oder Anwälte. Rechtschaffenes Leben und rechte Gedanken müssen sich nicht ausschließen, bedingen im Gegenteil nicht selten erst den relativ hohen Zuspruch der lokalen Wählergemeinschaft. So war es in Königstein, so war es in Sebnitz, so war es in Reinhardtsdorf-Schöna. Langfristige Effekte entstehen daraus keine. Der hocherfreuliche Abwärtstrend bei den Landtagswahlen zeigt zudem, dass die NPD nach wie vor neben der Schwäche anderer Parteien auf ein hohes Maß von Protestwählern angewiesen ist. Die Politik muss die Ängste und Sorgen der Protestwähler ernstnehmen. Tut sie das, erledigt sich das Problem von ganz allein.



Ich biege in die Innenstadt ab, um meine Wasservorräte am Marktbrunnen aufzufüllen und den Heimweg diesbezüglich unterbrechungsfrei bewältigen zu können. Die Stimmung entlang des Flusses ist eine friedliche, die Menschen sitzen in kleinen Cafés, spielen Volleyball, angeln, halten Händchen, füttern die Schwäne, joggen vorbei an den noch mit Treibgut verzierten Bäumen. Diese scheinbare Idylle. Sie währt länger als die 19 Kilometer Wegstrecke Pirna - Dresden, mit Erreichen der Waldschlößchenbrücke nämlich intensiviert sich das Schauspiel spürbar. Die ganze Brücke ist bevölkert wie jene als Ameisenstraßen genutzten Baumstämme. Tische und Stühle wurden herantransportiert, um den Menschen den Hauch von Einmaligkeit bei Bier und Bratwurst etwas länger um die freien Waden und Arme wehen zu lassen. Was zieht uns an, was stößt uns ab? Die Menschen sind alle auf der Suche nach Individualität - mal mehr, mal weniger - und verschwinden doch in der Masse...

Die Loschwitzer Brücke (das "Blaue Wunder")

Filmnächte am Elbufer
PUR spielt heute Abend bei den Filmnächten am Elbufer, gestern und vorgestern gaben die Toten Hosen ausverkaufte Konzerte. Hier am Terrassenufer ziehe ich ein letztes Mal die Kamera aus dem Rucksack, packe die für den Heimweg benötigten Riegel in die Rückentasche und breche auf zur Stadtgrenze.

Mit Rückenwindunterstützung sollte die letzte Etappe richtig Spaß machen, da können mir die Bauarbeiten auf jeweils mehreren hundert Metern in Nossen, Döbeln und Hartha noch soviele Steine in den Weg legen. 36 Märchen der Gebrüder Grimm (die Geschichten hatten sie sich u.a. auf ihren Reisen durch die Lande von der Bevölkerung erzählen lassen und später als Grimms Kinder- und Hausmärchen in zwei Bänden veröffentlicht.) umfasst meine kleine Playlist, die gute Hälfte davon hörte ich bereits am Vormittag, den Rest jetzt. BTW: Was riet Der Teufel mit den drei goldenen Haaren doch gleich dem Fährmann?


Quelle: Märchenblog

348 km | 3086 hm | 15:44 h

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