Donnerstag, 27. März 2014

Warum ich?

Gestern Abend nicht mehr erreichbar, wurde heute Morgen sofort zurückgerufen. Ein Freund wollte mit mir reden. Über seine Frau. Über ihre Krankheit. Hautkrebs.
Schon seit Kindestagen trägt sie auf dem Rücken Leberflecken, wie wohl die meisten von uns. Einer von ihnen sah aus wie eine Warze und wurde bereits mehrfach von einem Arzt unter die Lupe genommen - ohne Befund. Nun die anfänglich niederschmetternde Nachricht: Wir müssen operieren. Genaue Ergebnisse zum Befall der Lymphknoten stehen noch aus, sodass bis Anfang der nächsten Woche weiter Unklarheit und Bangen im Raum stehen.

Ein guter Freund verlor durch den Krebs seinen Vater. Viel zu früh. Lange bevor dieser die Chance erhalten konnte, mit seinen Enkeln zu spielen. Lange bevor die Zeit als Rentner mit Konstruieren, Lesen, Reisen und Tüfteln richtig Fahrt aufzunehmen begann. Dann im November letzten Jahres die nächste Hiobsbotschaft: M. hat einen Hirntumor. Heutzutage sind die Statistiken zur durchschnittlichen Überlebensrate der jeweiligen Karzinome schnell zur Hand. Beim Hirntumor stehen die Chancen auf Heilung sehr gut. Aber stehen die Chancen bei mir deshalb automatisch auch sehr gut? Nein.

Ich besuche ihn in der Klinik und bin erstaunt, noch keinen Haarausfall zu bemerken. Wir plaudern locker über den Klinikalltag, über die Ereignisse hinter den großen Glasfenstern mit Blick auf den zu einer AG gehörenden Gebäudekomplex, über das Tanzen, über unsere Familien, über unsere Arbeit. Seine Beschreibung des OP-Ablaufs ist rational, handwerklich solide, unaufgeregt. Als Mann der Tat akzeptiert er die Fakten, wissend, nie verstehen zu können, warum es ihn traf. Fünf Wochen sind ins Land gezogen, draußen haben die Frühblüher die Bühne betreten, Forsythien erhellen die ansonsten noch recht sparsam mit Farben gemalte Natur. Ein Winter der keiner war ist endgültig ad acta gelegt.

Das Haupthaar fehlt, ein Bäuchlein hat sich gebildet. M. ist umgezogen in ein neues Zimmer, wieder hat er einen Fensterplatz, diesmal mit Blick über die Stadt. Er wirkt einsam, obwohl er nicht einsam ist. Täglich kommt Besuch, täglich kommen Anrufe. Doch die Anrufe zum Befinden werden seltener, eine unausgesprochene Routine hat sich im Bekanntenkreis eingestellt. Jeder lebt seinen Alltag, hat M. darin nun einen anderen Platz zugewiesen. Nicht mehr als der Macher, der auch am Sonntag erreichbar und bereit für eine Hilfestellung ist. Stattdessen als der schon seit 5 Monaten in der Onkologie Weilende. Man wartet auf Neuigkeiten, das schon, jedoch ist eine Transformation des Unnormalen hin zum Normalen für den aufmerksamen Beobachter nicht zu leugnen.

Ist das moralisch schlecht? Oder können wir schlichtweg nicht anders? Aus Selbstschutz? Ich denke, die Akzeptanz der Tatsachen spricht für uns. Auf die verordneten Chemozyklen haben wir keinen Einfluss; wir können dem Patienten nur das berechtigte Gefühl (und dann wird es zum Fakt) geben, an ihn zu denken, und die Gewissheit, zuzuhören, das eigene Leben auch weiterhin zu teilen, aus ihm zu berichten. Naturgemäß ist die Beziehung zwischen Familienmitgliedern enger als zwischen Freunden. Wenn beide gleichstark sind, umso besser ... tägliche Besuche sind daher für die Familie eine Art der Fortführung ihres gemeinsamen Lebens - selbstverständlich unter ungleich erschwerten Bedingungen.

Bis in den letzten Herbst hinein war mein Verhältnis dem eigenen Empfinden gegenüber ambivalent. Ich hatte einerseits Fakten akzeptiert, obwohl ich wusste, wie ich sie gegen andere (bessere?) tauschen konnte. Ich hatte andererseits soviele Pläne wie nie zuvor in meinem Kopf. Diese - Achtung, furchtbarer Begriff! - Wundertüte des Lebens will ich gern ausschütten und mir daraus jene Sachen als persönliches Inventar wählen, die nicht in jeder Wohnung anzutreffen sind. Lernen musste ich erst, dass die Auswahl mir allein nicht gelingt. Ich benötige dazu Hilfe und fand diese Hilfe auf vergleichbar wundersame Weise. Geradlinigkeit und eine bemerkenswerte Vermeidung von gedanklichen Sackgassen bekomme ich seitdem täglich vorgelebt. Und die Ungewissheit, das Bangen? Wenn es eine sinnvolle Möglichkeit gibt, die Ungewissheit zu beenden, dann sollten wir deren Status von "Option" auf "Plan" setzen. Aber: Resultiert daraus nicht die große Langeweile eines durchstrukturierten Lebens? Nein. Denn eben jener Trugschluss gründet auf der Überheblichkeit, zu glauben, ziemlich alles erreichen zu können, wenn man nur will. Eine Verweigerungshaltung ist unter dieser Prämisse ungleich einfacher aufrecht zu erhalten, als unter einer anderen. Denn obschon die Eintrittswahrscheinlichkeit unserer Prämisse mit derer des Lottojackpots verwandt, ist sie ähnlich anziehend.

Der Begriff Dilemma mag im vorliegenden Kontext ähnlich fehl am Platz sein wie der Begriff Faulheit. Bloß wie damit umgehen? Genauso wie Menschen bestimmte Krebsvorstufen in ihre Gene geschrieben bekamen, erhielten andere ein stetig suchendes Gemüt. Diese Menschen sammeln permanent Informationen und werden schlußendlich zum Opfer ihrer Veranlagung. Weil niemals alles zufriedenstellend aufbereitet werden kann, wächst in ihnen der Frust. Sie fühlen sich unfähig, Sachverhalte vollständig zu durchdringen, sie drehen sich im Kreis und treten auf der Stelle. Sie hassen Oberflächlichkeit und sind selber oberflächlich. Sie hassen feste Muster und fallen dem Irrglauben anheim, ohne Muster freier zu sein. Sie unterstützen andere mit vollen Kräften und vernachlässigen sich selbst. Sie übergehen die eigenen Wünsche, anstatt sich offen zu ihnen zu bekennen. Sie sind ungreifbar und wollen das Gegenteil dessen sein. Sie entziehen sich der Masse und wollen gleichzeitig im Mittelpunkt stehen.

Ein Ausweg aus der Spirale: Die unmittelbare Konfrontation mit dem Ende.

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