Samstag, 19. April 2014

Unterwegs zwischen Oschatz, Riesa und Meißen

Wer sich von Oschatz aus in Richtung Elbtal bewegt, durchquert einige der ackerbaulich fruchtbarsten Landschaften Sachsens und Deutschlands insgesamt. Sie verdanken ihre hohen Bodenwertzahlen mit Werten bis 90 der letzten Eiszeit, als nämlich aus dem sogenannten Periglazialraum - das nicht vergletscherte Gebiet an der Randlage der Inlandeismassen - Sand und Schluff ausgeweht (u.a. aufgrund kalter Fallwinde von den Gletschern) und über weite Strecken transportiert werden konnten. Die Ablagerung erfolgte in Beckenlagen, wo sich schließlich aus dem feinen Sediment Löss (= eiszeitlicher Steppenstaub) bildete. Die bekannteste dieser Landschaften innerhalb Sachsens dürfte die Lommatzscher Pflege sein, westlich der Elbe zwischen Riesa und Meißen gelegen.

[Vertiefende Informationen zum Löss in der Lommatzscher Pflege finden sich in dieser Diplomarbeit.]


Deichsanierung auf dem Elberadweg bei Riesa.
Wo Jahna und Döllnitz in die Elbe münden und der Sage nach einst ein Riese Rast machte, liegt die Stadt Riesa. Wir queren den großen Fluß via B 169 und gelangen sogleich auf den Elberadweg. Deichsanierungsarbeiten unterbrechen unsere flotte Fahrt mehrfach und zwingen im Extremfall zu Umwegen. Es zeigt sich deutlich das Dilemma flussnaher Siedlungsbereiche: Die Gefährdung durch Hochwasser. Da sich extreme Wetterereignisse zukünftig häufiger einstellen werden, sind die Menschen gezwungen, a) ihre Heimat aufzugeben oder b) sich im Rahmen des Möglichen gegen die Natur zu schützen.

Dabei gilt es, einen guten Kompromiss aus Anpassung und Rückzug zu erzielen, denn unverhältnissmäßig hohe Kosten für die Neuanlage oder die Aufstockung von Deichen können vielfach sinnvoller in Umsiedlungs- und Renaturierungsmaßnahmen - sprich beispielsweise die Schaffung von Retentionsflächen - investiert werden.

Sechs Kilometer elbaufwärts hinter Riesa fallen uns die großen Industrieanlagen von Nünchritz ins Auge. Sie gehören zum Standort der Wacker Chemie und beschäftigen über 1000 Mitarbeiter - Platz 1 der größten industriellen Arbeitgeber im Landkreis Meißen. Hier im Werk werden Silikonöle als Bestandteile diverser Kosmetikprodukte sowie für Kältetechnik und Fahrzeugbau produziert.

Direkt im Anschluss führt der Radweg durch Merschwitz und zwingt auf einem üblen Kopfsteinpflastersegment zum Absteigen. Eine Furt durch die Elbe machte den Ort an der Hohen Landstraße (Teil der Via Regia) zu einem wichtigen Umschlagplatz für Waren innerhalb Europas vor dem Eisenbahnzeitalter. Bevor Eisenbahn und Dampfschiff den Transportsektor revolutionierten, hatten nämlich unter anderem die Treidler einen ganz wichtigen Job inne: Schiffe ziehen. Der Hauptsitz dieser auf sächsisch "Pomätscher" genannten Männer war - richtig - Merschwitz.

Reste des Treidlerpfades bei Merschwitz.

Zur Geologie der Region

Vom Präkambrium bis zum Unterkarbon befand sich in der heutigen Elbtalzone ein Senkungstrog, der sich über Jahrmillionen mit Sedimenten füllte und schließlich im Rahmen der Variszischen Gebirgsbildung zwischen Erzgebirge und Lausitzer Block zusammengepresst wurde. In das entstehende Elbtalschiefergebirge drangen silikathaltige Schmelzen ein, die zu Granit erstarrten. Gegen Ende dieser Orogenese stiegen bei Riesa und Meißen Magmamassen kuppelförmig auf und formten einen in der Elbtalzone liegenden Tiefengesteinskörper mit NW-SO-Ausrichtung. Als roter Dekostein bekannt ist daraus der Meißner Riesengranitstein, der im Vorort Zscheila gebrochen wird.

Noch im Unterperm, aus geologischer Sicht kurz nach der Entstehung des Meißner Tiefengesteinskörpers, wurde das Schiefergebirge abgetragen, der Granit also freigelegt. Vulkanische Laven ergossen sich über den Granit und kristallisierten zu Quarzporphyr und Pechstein aus. In Kreidezeit und Tertiär verwitterten diese Gesteine oberflächlich zu Kaolin und schufen insofern die Grundlage für den späteren Siegeszug des Meißner Porzellans um die Welt.

Fruchtbarer Boden im Elbtal: Hier Spargelfelder.



Weinterrassen am Bocksberg, unmittelbar hinter Meißens Marina.


Die bekannte Albrechtsburg befindet sich ebenfalls auf einem Granitfelsen.

Linkselbisch unterwegs.



Definitiv hochwassergeschützt.


Unterhalb von Meißen musste die Elbe sich in den festen Granit des Meißner Plutons einschneiden.


Während der Löss der Landwirtschaft große Erträge beschert, war er für die Steinbruchbetriebe hinderlich. Hier bei Karpfenschänke am nördlichen Stadtrand von Meißen erreicht die Löss-Überlagerung teils mehrere Dekameter.

Durch die Lommatzscher Pflege

Weite Felder, kleine Täler, blühende Kirschalleen und leere Landstraßen rahmen unseren Heimweg. Passend dazu hatte sich der hartnäckige Morgennebel verzogen und der warmen Aprilsonne den Weg auf unsere unterdessen von den Jackenärmeln befreiten Arme bereitet. Hier in der "Kornkammer Sachsens" lässt es sich gut radeln.






Die Strecke

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