Sonntag, 20. Juli 2014

Am Himmel über Kahnsdorf

Kahnsdorf mit seiner Lagune.
Rund um Leipzig, vor allem im Norden und Süden der Stadt, liegt das sukzessive in Entstehung befindliche "Leipziger Neuseenland". Dort, wo seit dem vorigen Jahrhundert die Gier nach billiger Energie aus Kohle ganze Landstriche verwüstete, entstehen heute Seen mit Feriendörfern in Lagunen und werden Musikfestivals auf Tagebauabraum veranstaltet. Der Mensch hat sich arrangiert, der Mensch musste sich arrangieren mit diesen Sünden der Vergangenheit. Darunter das naheliegendste war die Flutung der - was für ein Euphemismus - Tagebaurestlöcher. Die daraus erwachsenen neuen Probleme wie beispielsweise steigendes Grundwasser (nasse Keller, dauerhaft gesperrte Straßen, Erdrutsche), Verockerung, saures Wasser, unwiederbringlicher Verlust von Acker- und Forstflächen geraten gegenüber den so viel häufiger herausgekehrten positiven Folgen des Braunkohletagebaus fast aus dem Blickfeld der allgemeinen Öffentlichkeit.

Aktuell noch in Betrieb ist in der hiesigen Region der Tagebau Vereinigtes Schleenhain, dessen Kohle das Kraftwerk Lippendorf noch bis mindestens 2040 versorgen soll. Der tägliche Bedarf liegt bei 26.000 t Rohbraunkohle (das sind im Jahr 10 Mio t.!). Der schwarzen Regierung in Sachsen liegt wenig an einem raschen Ausstieg aus der Kohleverstromung oder am Erhalt unbedeutender Dörfer, dafür viel an dauerhaft zuverlässig fließenden Steuereinnahmen. Klimawandel? Seit 1900 stieg die globale Temperatur um rund 0,8 °C, die Temperaturen der letzten zehn Jahre waren global betrachtet die wärmsten seit Beginn der Messungen im 19. Jh. (und wahrscheinlich seit mindestens 1000 Jahren). Der überwiegende Teil dieser Erwärmung ist auf die gestiegene Konzentration von CO2 und anderen anthropogenen Gasen zurückzuführen. Das Ende des fossilen Zeitalters korreliert mit dem Aussterben ewiggestriger Entscheidungsträger und dem Mut/Innovationshunger einer jungen, ihr Leben nachhaltig gestaltenden Generation.

Ein Flug über devastierte Orte

Witznitz - 1941
Treppendorf - 1962
Trachenau - 1962
Kreudnitz - 1968
Kleinzössen - 1968
Hain - 1968

An diese sechs Ortschaften erinnern heute nur noch Straßennamen und Bezeichnungen von Seen. An die Stelle früherer Dörfer, Felder, Wälder und Wiesen sind heute Bootsstege, Seegrundstücke und Wassersportangebote getreten. Auf dem Störmthaler See kann man sich gar in der "Vineta" trauen lassen. Das ist eine schwimmende Kapelle - genau dort, wo vor der Eröffnung des Tagebaus Espenhain die Gemeinde Magdeborn ihren Standort hatte.

Ein Tagebau in der Nachbarschaft hatte zwischen 1942 und 1993 über 650 Mio. m³ Abraum für die Förderung von 300 Mio. t Kohle bewegt: Witznitz II.
Auf einer Innenkippe neben dem seit vier Jahren mit 126 m NN komplett gefüllten Hainer See, vor Kahnsdorfer S. und Haubitzer S. das größte der Restlöcher von Witznitz II, unterhält der Luftsportverein Neuseenland Leipzig e.V. ein Fluggelände. An thermisch aktiven Tagen starten wir Gleitschirmpiloten von dort mithilfe einer Schleppwinde zu Flügen bis in den Spreewald (der aktuelle Geländerekord) oder zum Kyffhäuser.

Wem das zu weit ist - bzw. wem das nötige Können und die Erfahrung fehlen (wie dem Autor) - der kreist vor Ort gemeinsam mit den Vögeln und schaut der Welt dabei zu, wie sie, begleitet vom steten Piepen des Variometers, unter den frei hängenden Füßen immer kleiner und runder wird. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wenn Mauersegler um einen herumzischen, Mäusebussarde, Milane oder Schwalben neugierig schauen, was für ein buntes Etwas sich da in ihr Element verirrt hat. Wenn Sie die Möglichkeit haben, das Fliegen zu erlernen, dann tun Sie es! Unkomplizierter und umweltfreundlicher als unter einem Gleitschirm ist die freie (Strecken)Fliegerei nicht möglich.

Die folgenden Bilder präsentieren die Landschaft rund um den Hainer See aus Höhen zwischen 300 und 750 Metern über Grund, darunter ein 22 Einzelaufnahmen umfassendes 360°-Panorama.

Im Vordergrund Kahnsdorf, dahinter der Kahnsdorfer See.


Unten in Bildmitte: Das Rittergut von Kahnsdorf.










Links oben der Tagebau Vereinigtes Schleenhain, rechts das Kraftwerk Lippendorf.

Hainer See mit Innenkippe.

v.l.n.r.: Hainer See, Haubitzer See, Witznitzer See.


Der Witznitzer See mit der Kreisstadt Borna im Südosten.


360°-Panorama über Kahnsdorf.



Großzössen.


Haubitz.

Eine Europahymne aus Kahnsdorf?

Es waren die Schulden, die Friedrich Schiller im Dezember 1784 den Kontakt zu einem Kreis sächsischer Verehrer um Christian Gottfried Körner aufnehmen ließen. Im April 1785 schließlich folgte er einer Einladung nach Leipzig - der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Schiller blieb zunächst einige Monate in Leipzig-Gohlis (damals war Gohlis noch ein eigenständiges Dorf) und siedelte im Herbst 1785 nach Dresden über.

Angeblich soll aus einem Treffen von Körner und Schiller auf Einladung von Johann Christian Ernesti auf dessen Rittergut in Kahnsdorf im Juli 1785 eines der bekanntesten Gedichte im deutschen Sprachraum und nach der Vertonung durch Beethoven (Schlusschor der 9. Sinfonie) eine weltweit gespielte Hymne hervorgegangen sein: "An die Freude".

Zutreffender ist wohl eher, dass die seit seiner Zeit in Sachsen gesicherte Lebenslage in Verbindung mit der freundschaftlichen Atmosphäre des Körnerschen Kreises bei Schiller einen schriftlichen Widerhall im berühmten Gedicht fand.


(Quelle)

Luftsportverein Neuseenland Leipzig e.V.

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