Mittwoch, 6. August 2014

Rendezvous mit einem Kometen

Ein Weckruf aus dem Tiefschlaf läutete die heiße Phase ein. Am 20. Januar wurde die Kometensonde "Rosetta" erfolgreich aus ihrem zuvor 957 Tage währenden Ruhezustand geweckt, der ihr während der Reise Energie zu sparen half - denn beim Bau wurde bewusst auf eine Radionuklidbatterie an Bord verzichtet und die Solarsegel lieferten so weit vom heimatlichen Stern entfernt nicht mehr genügend Energie. Die Vorstellung ist faszinierend: Irgendwo im All, mehrere 100 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, fliegt ein von Menschen gebautes Objekt seit 10 Jahren zu einem definierten Ziel. Plötzlich richtet sich seine Hauptantenne aus, beginnt es im Inneren wärmer zu werden, starten die Navigationssysteme, wird ein Funksignal mit 45 Minuten Laufzeit zur Erde geschickt. Seine Botschaft: Ich bin bereit. Die Freude unter den Ingenieuren war riesig, denn selbst die wohl akribischsten Planer dieses Planeten können nicht jeden Zwischenfall im Vorfeld berücksichtigen.

Ice, ice baby!

"Rosetta" soll den Kometen 67P/Churyumov-Gerasimenko erforschen und war vor 7 Monaten noch 9 Millionen Kilometer von ihm entfernt. Heute nun wird sie nach über 6,4 Milliarden Kilometern Gesamtwegstrecke in 404 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde in dessen Umlaufbahn einschwenken, im November dann sogar einen Lander mit Namen "Philae" auf der Oberfläche absetzen.

Rosetta mit dem Lander Philae am Ziel. Quelle: DLR.
Bei früheren Missionen hatte die NASA bereits Staubpartikel von Kometen einfangen können, doch eine derart exakte und aufwändige Untersuchung wie die hier geplante gab es in der Geschichte der Raumfahrt noch nie. Zwei russische Astronomen entdeckten 1969 den aus Eis und Staub (mit organischem Material?) bestehenden "dirty snowball", am 2. März 2004 hob eine Ariane 5 in Kourou ab, deren ursprüngliches Ziel 46P/Wirtanen lautete. Bereits am 13. Januar 2003 sollte die Kometenmission nämlich starten, Probleme mit der Ariane 5 sorgten dann jedoch für die Verschiebung um 13 Monate mitsamt der Neudefinition des Flugziels: 67P/Churyumov-Gerasimenko.

Der Name der Sonde rührt von einer 1799 im Niltal gefundenen Steinstele her, die eine dreisprachige Inschrift aufweist. Dieser Fund war vergleichbar mit den Erfolgen berühmter Codeknacker etwa zu Kriegszeiten (Stichwort "Enigma"), denn jetzt war es möglich geworden, den Code der Hieroglyphen zu entschlüsseln.

Der Stein von Rosetta aus dem Jahr 2014 ist nun möglicherweise dieser Komet, denn von ihm erhofft man sich den Code zur Entschlüsselung der Vergangenheit des Sonnensystems. Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Sternen und den Planeten? Wie gelangten organische Moleküle auf die Erde? Wo liegt der Ursprung des Lebens?

67P/Churyumov-Gerasimenko, fotografiert am 6. August. Quelle: DLR.

Wichtige Antworten auf solche Fragen kann diese Mission liefern, denn sie untersucht ein Objekt, das sich womöglich seit der Entstehung der Erde durch das Weltall bewegt - und seitdem wenig verändert hat. Die Besonderheit von Kometen - ihr Kern aus Eis - macht sie u.a. so attraktiv für die Forschung. Denn bringt deren Bahn sie näher an einen Stern sublimiert das zuvor feste Eis (wird gasförmig), reißt beim Weg an die Oberfläche Staubpartikel mit und bildet eine Koma sowie den bekannten Kometenschweif aus. Wie das alles genau funktioniert, ist bislang unklar.

Rosetta wird live dabei sein, wenn der stumme Brocken (Maße: 3 x 5 km) zu erwachen beginnt. Auf sechs Monate ist die Einsatzzeit des Landers konzipiert, sein Schicksal wird von der Sonne besiegelt. Im August 2015 erreicht 67P/Churyumov-Gerasimenko den sonnennächsten Punkt seiner Bahn um unser Zentralgestirn (Umlaufzeit: 6,45 Jahre) und durchläuft dabei seine aktivste Phase, bevor er zu Jahresende wieder in die äußeren, sonnenfernen und kalten Bereiche des Planetensystems zurückkehrt.

DLR: Kometenmission Rosetta

PS: Unser aktuell sichtbarer Sommerkomet heißt Jacques (C/2014 E2) und befindet sich im Sternbild Perseus. Zur Beobachtung benötigt man mindestens ein gutes Fernglas und idealerweise einen dunklen Standort, denn mit 0,7 AE Entfernung ist das kleine Objekt sehr schwer auszumachen. Erfreulich: Der Abstand des Kometen zur Erde nimmt bis Ende August auf 0,5 AE ab, zudem wird er nach dem 8. August zirkumpolar.

Position von "Jacques" (C/2014 E2) am 14. August um 23 Uhr MESZ von der Region Leipzig aus.

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