Montag, 13. Oktober 2014

Der Welthungerindex 2014

Zum neunten Mal veröffentlichte heute die Deutsche Welthungerhilfe in Bonn gemeinsam mit zwei weiteren Organisationen den Welthungerindex (WHI).

Der WHI-Wert (0-100) berechnet sich aus dem jeweiligen
  • Anteil der Unterernährten an der Gesamtbevölkerung,
  • dem Anteil untergewichtiger Kinder unter fünf Jahren an allen unter Fünfjährigen eines Landes
  • sowie dem Anteil der Kinder, die vor dem fünften Lebensjahr sterben.
Hunger ("Qual durch den Mangel an Nahrung") bedeuten Werte > 5, Werte über 10 gelten als ernst, Werte über 20 als sehr ernst, Werte über 30 als gravierend. Erfasst werden für den WHI nur Entwicklungs- und Schwellenländer.

Beitrag der drei Indikatoren zum Gesamtwert des WHI 1990, 1995, 2000, 2005 und 2014 nach Regionen. Quelle: Pressemappe Welthunger-Index 2014

Das Ziel der UN, den weltweiten Hunger im Zeitraum 1990 bis 2015 zu halbieren, wird ebenso wie andere Millenniumsziele nicht erreicht. Trotzdem sich der WHI bis heute um 39 % verbessert hat, leiden nach wie vor 805 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung ("Chronisches Kaloriendefizit (1800 kcal/Tag) und/oder Unterversorgung mit Nahrungsenergie, Protein- und Mikronährstoffen").

Prozentualer Anteil der Bevölkerung mit ausgewählten Mikronährstoffdefiziten. Quelle: Pressemappe Welthunger-Index 2014

Welthungerindex 2014 nach Schweregrad. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Welthunger-Index

Laut den aktuellen Daten wird die Lage in 14 Ländern als "sehr ernst" eingestuft, darunter vor allem Vertreter aus Schwarzafrika südlich der Sahara (WHI-Wert: 18,2).

Anzahl der Länder nach Schweregrad im aktuellen WH-Index 2014. Quelle: http://www.welthungerhilfe.de/welthungerindex-zahlen-2014.html

Eritrea und Burundi werden wie schon 2013 als "gravierend" eingestuft, über 60 % der Bevölkerung gelten als unterernährt. Die Ursachen liegen wie so oft im sozialen und politischen Sektor. Burundi hat die nach dem Niger mit 46 % unter 15-Jährigen zweitjüngste Bevölkerung aller Staaten weltweit - darunter sind leider auch schon 27.000 Aids-Kranke. Die Kindersterblichkeitsrate weist den erschütternden Wert von 62 auf 1.000 Geburten auf, das entspricht circa 16.000 toten Säuglingen jährlich.

Die Situation der Menschenrechte ist ebenfalls katastrophal, laut Amnesty International sind Folter, willkürliche Verhaftungen und schwere Misshandlungen Alltag. UNICEF prangert die Ausbeutung der Kinder an: 27 % der zwischen 7 (!!!) und 14-Jährigen verrichten Kinderarbeit (Bergbau, Landwirtschaft, Prostitution, Hausknechte), dazu kommen sexuelle Gewalt ebenso wie Rekrutierungen durch Warlords. Die Analphabetenrate beträgt bei den Männern 27,1 %, bei den Frauen 38,2 % (Stand: 2010); mehr als 25 % der Grundschulen wurden im Krieg zerstört.

Der jahrzehntelange Bürgerkrieg zwischen Hutus und Tutsis manifestierte Hass und Gewalt in den Köpfen einer ganzen Generation. Baldige gemeinsame politische Anstrengungen aller Bevölkerungsschichten zum Wohle des gesamten Landes erscheinen angesichts solcher Fakten in weiter Ferne. Und doch: es gibt Fortschritte. So stieg die Einschulungsrate, Kindersoldaten wurden befreit und über 3.000 von ihnen erfolgreich in Familien (re)integriert.

Global betrachtet zeigt der aktuelle Welthungerindex, dass seit 1990 immerhin 26 Länder den Hunger um mindestens die Hälfte reduzieren konnten. Während in manchen afrikanischen Staaten Kriegsfolgen langsam überwunden werden, nehmen andere Regierungen offensiv den Agrar- und Bildungssektor in den Fokus, investieren in die eigene Landwirtschaft und die Gesundheit ihrer Bevölkerung (z.B. Ghana und Vietnam).

Gewinner und Verlierer des WHI 2014 im Vergleich zu 1990. Quelle: Pressemappe Welthunger-Index 2014

Die Industrieländer müssen gleichzeitig ihren Teil zur Minderung des weltweiten Hungers leisten. Sie dürfen regionale Märkte nicht durch Billigimporte ihrer eigenen Produktionsüberschüsse kaputt dumpen; sie müssen die Importzölle für Entwicklungsländer senken/abschaffen; sie müssen kompetente Beratungen zum Aufbau leistungsfähiger Selbstversorgungssysteme in den Entwicklungsländern ohne den Hintergedanken, hier billige Importsklaven zu kreieren, durchführen; sie müssen ihren Egoismus überwinden und sich endlich als Teil einer globalen Gemeinschaft sehen, in der alles vernetzt ist. Genauso wie die - ein schönes Wort - Weltgemeinschaft eine Ebola-Epidemie hätte frühzeitig verhindern können, hätte das Millenniumsziel "50 %ige Hungerreduktion" schon längst erreicht sein können. Allein die nach wie vor viel zu große Fokussierung auf potentielle Wachstumsmärkte bei gleichzeitiger Ignorierung sogenannter "Underperformer" wird den Industriestaaten noch sehr teuer zu stehen kommen.

Sie überschätzen sich maßlos und unterschätzen den gewaltigen Hebel, den Millionen Menschen auf der Flucht vor lebensfeindlichen Bedingungen in ihren Heimatländern bedienen werden. Schon jetzt ist beispielsweise Deutschland monatelang mit der Frage beschäftigt, ob es mehr Flüchtlinge aufnehmen kann und soll. Unser schwarzer Innenminister möchte das nicht, er will sie stattdessen im übrigen Europa verteilen. Das "C" im Namen der Parteien hatte vielleicht im vorigen Jahrhundert eine Bedeutung, heute ist es jedoch zur puren nostalgischen Fußnote verkommen. Für mich ist es blanker Zynismus, wenn unsere Regierungschefin Diktatoren aus dem Nahen und Fernen Osten im Kanzleramt die Hand schüttelt, während in deren Heimatländern Menschen unterdrückt bzw. ihre Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Alles zum Wohle der Investoren ist der falsche Weg. Der Neoliberalismus ist eine Sackgasse, die Gier schafft sich ihren größten Feind selbst.

Die ungleiche Entwicklung der Weltregionen (Stichwort "Nord-Süd-Konflikt") ist ein Produkt der Moderne, das bei gleichzeitiger Globalisierung zunehmende wirtschaftliche Disparitäten, insbesondere ungleich verteilte Entwicklungspotenziale und -chancen sowie Macht- und Einflusspositionen einschließt. In der Dritten Welt existiert verbreitet ein permanent hohes, potentiell gewalttätiges Konfliktpotenzial, dem nationale Grenzen egal sind. Zahlreiche Entwicklungsländer verfügen über nur geringe Pro-Kopf-Einkommen, als Folge leiden sie unter den oben exemplarisch umrissenen Merkmalen der sozialen Degradation. Umweltzerstörungen sind nur eine der sehr wahrscheinlichen Folgen von Unterentwicklung (angefangen bei der Rodung von Wäldern für Acker- und Weideflächen bis hin zur Verseuchung ganzer Ökosysteme beim Abbau Seltener Erden).

Disparitäten führen zu wachsender innergesellschaftlicher Polarisation zwischen Elend und Reichtum, die auf längere Sicht gesellschaftliche Stabilität nur unter dem Regiment des Schlagstocks für Außenstehende vorgaukeln. Samuel P. Huntingtons Essay "The clash of civilizations" aus dem Jahr 1993 fokussierte im Disparitäten-Kontext auf die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jh. unter der Prämisse, dass sich weltweite Konflikte auf Basis kulturell-religiöser Unterschiede in neuen Dimensionen darstellen werden. Er behielt insofern Recht, als dass er noch zu Lebzeiten Zeuge von 9/11 und dem sich daraus entspinnenden globalen "Krieg gegen den Terror" wurde. Dass die Ursache für diesen Krieg sowohl in US-amerikanischen Hegemonialansprüchen des ausgehenden 20. Jh. als auch im imperialen Agieren innerhalb der G20 begründet liegt, ergo mit konventionellen Waffen niemals ein Sieg wird errungen werden können, ist zwar jedem intelligenten Militärberater bewusst, trotzdem werden weiter kräftig die bereits als solche erkannten Fehler wiederholt. Vorsätzliche Destabilisierung von Staaten resultierte in Afghanistan im al-Qaida-Terror (ursprünglich war es ein Befreiungskampf gegen die russischen Besatzer, in welchen sich die USA - ganz im Sinne des Kalten Krieges - gern einmischten) und später im Nahen Osten im IS-Terror der Gegenwart. Ein stabiler Irak mit gleichberechtigter Beteiligung von Sunniten und Schiiten an der Regierung und folglich der Respektanz der Gleichberechtigung jener zwei islamischer Glaubensrichtungen, hätte den Nährboden für radikale Gruppierungen dieser Größenordnung entzogen.

Stattdessen leben wir heute in einer Welt, in der von den Regierungen unterschwellig latenter Fremdenhass geschürt wird und durch die pauschale Verdächtigung von Millionen Bürgern die dunklen Seiten der Macht uns allen bewusst werden. Die Vereinten Nationen sind dermaßen instrumentalisiert, dass es nicht einmal bei offensichtlichen Genoziden (Ruanda, Sudan, Syrien, Mali) zu schnellen - wenn überhaupt zu - Resolutionen kommt. Auch die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates entscheiden primär im Eigeninteresse, zuletzt für jedermann am Veto Russlands in Syrien und der Ukraine bzw. an der Enthaltung Chinas ersichtlich. Im Sinne eines "good global governance" zu handeln, braucht die schon länger von einer breiten Mehrheit der Mitgliedsländer geforderte Reform der UN. In ihr muss das Gewicht der Entwicklungsländer adäquat vertreten sein und effizienter an der Lösung der aus dem Nord-Süd-Konflikt resultierenden Probleme gearbeitet werden.

Welthungerindex 2014

PS: Als Kontrastprogramm zum Thema zwei Grafiken zu Fleischproduktion und Fleischverzehr in Deutschland. GUTEN HUNGER!

Schlachtungen nach Tierart in Mio. Tonnen 2012 und 2013 in Deutschland. Quelle: http://de.statista.com/infografik/1873/fleischproduktion-in-deutschland/

Fleischverbrauch in Deutschland 2011, Häufigkeit des Fleischverzehrs, Geschlachtete Tiere 2012, Gesamtschlachtmenge in Mio. Tonnen (ohne Geflügel) der Jahre 2009 bis 2012. Quelle: http://de.statista.com/infografik/921/fleischverzehr-der-deutschen/

Keine Kommentare: