Sonntag, 29. März 2015

Eine Halbmarathon-Premiere für zwei

Drei Kilometer verbleiben, der Wind schlägt uns entgegen, K. muss noch härter kämpfen. Unerbittlich rückt die Schwelle näher, nachdrücklich komme ich meiner Funktion als Pacemaker nun nach. Vorher war ich Begleiter, doch gegen Ende müssen alle verbliebenen Körner mobilisiert werden, muss ihr Tempo das meine erreichen. Der Schmerz in den Beinen darf nicht die Oberhand gewinnen, der Kopf muss klar auf unser gemeinsames Ziel fixiert bleiben. Ein letzter kurzer Anstieg ist zu nehmen, bevor man auf die Zielgerade einbiegt. Da passiert es...

Prolog

Wir schreiben Sonntag, den 29. März 2015. Der Klosterbäcker hält um 7.10 Uhr die Pforten noch verschlossen, wird erst in 50 Minuten seine schlaftrunkene Kundschaft empfangen. Zu spät für uns, wir brauchen das leckere Backwerk jetzt! Der Chef verhindert die Zerstörung seiner Ladentür, indem er mir eigenhändig aufschließt und den Baumwollbeutel füllt. So mag ich es. :-)

Kurz nach acht brechen wir auf nach Grimma, dem heutigen Zielort in mehrfacher Hinsicht. Einer der letzten wenigen freien Parkplätze neben dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion wird augenblicklich belegt, 10 Minuten später laufen wir in Sportkleidung zur Bushaltestelle. Der Himmel signalisiert nur unzureichend, wann er seine Schleusen heute öffnen wird. Dass er es tun wird, steht außer Frage. Ich habe vorsorglich mein Stirnband eingepackt, will Regen und Gegenwind nicht komplett schutzlos den Kopf umspielen lassen.

Der heute nicht öffentliche Personennahverkehr bringt quasi im Minutentakt bunt gekleidete Menschen in die Ringelnatzstadt Wurzen. Wir sitzen 9 Uhr in einem der letzten Transporte, entsteigen dem warmen Innenraum circa 9.20 Uhr auf dem Marktplatz unweit des Stadtmuseums. Ein halbes Jahr ist es mittlerweile her, dass wir am 14. September 2014 hier waren, in zwei Monaten werden wir wieder beim Hoffest vorbeischauen. Beide damalige Termine boten wechselhaftes, eher kühles Schauerwetter. Genauso wie heute. Auf dem zentralen Platz vor dem Rathaus drängen sich mehrere hundert Menschen, über Lautsprecher ertönen Musik und charmant unprofessionelle Durchsagen der Veranstalter. Wir sind zu Gast beim Muldentaler Städtelauf, einem Halbmarathon zwischen den beiden Großen Kreisstädten Wurzen und Grimma im Süden des Landkreises Leipzig.

Die Laufgemeinschaft Hängebrücke Grimma e.V. organisiert zum elften Mal diesen Landschaftshalbmarathon, dessen Hauptteil auf einer seit Ende 2004 als Radweg fungierenden ehemaligen Bahntrasse verläuft. Ab den späten 1960er-Jahren verkehrt hier schon kein Personenzug mehr, Anfang der 1990er-Jahre wurde schließlich der Güterverkehr eingestellt. Heutzutage nutzen Radfahrer, Wanderer und Inlineskater das schmale Asphaltband, um darauf bequem das schöne Muldental zu erkunden.

Start

Nach einer Tasse warmen Tees und der geglückten Blasenentleerung im Inneren der Gemeindeverwaltung, unterqueren ab 10 Uhr 800 Läuferinnen und Läufer bei einsetzendem Nieselregen das gelbe, aufblasbare Portal. Wir sind mittendrin und überrascht, als die Schar nach etwa 300 Metern links abbiegt, weg von der Wenceslaigasse auf die Dresdener Straße. Eine Runde um die Innenstadt dient sowohl dem Dank an die Gastfreundschaft als auch der Sammlung von wichtigen Kilometern, denn der uns wenig später begrüßende Muldentalbahn-Radweg misst für sich genommen keine 21 Kilometer.

Aus dem Nieselregen wird ein veritabler Landregen, wir passieren den Landgasthof Dehnitz, unweit von hier empfängt das Fährhaus Dehnitz, dessen Inhaber Sirko Wedekind beim Hochwasser 2013 zum zweiten Mal nach 2002 die Existenzgrundlage verlor, seine Gäste. Mit dem Wechsel vom Tal des in die Mulde mündenden Mühlbaches hoch auf die Ebene der Agrarflächen, sind sowohl die Höhenmeter als auch die anfängliche Aufregung größtenteils verschwunden. Ich bewege mich an ihrer Seite im mittleren bis oberen GA2, vor uns windet sich die lange bunte Schlange in südliche Richtung. Jeder muss sein Tempo finden, besonders bei Distanzen über 10 Kilometer kommt es darauf an, seine Kräfte gut einzuteilen. K. macht das gut, wir laufen mit einer konstanten Geschwindigkeit von 5 min/km, orientieren uns an Vorläufern, hängen eigenen Gedanken nach.

Vier Verpflegungsstellen halten unterwegs Getränke - ich würde mich freuen, im kommenden Jahr Papp- anstelle der Plastikbecher greifen zu dürfen (!) - sowie Apfel- und Bananenstücke bereit, die zu querenden Straßen werden entweder von Polizisten oder der örtlichen FF-Gruppe gesperrt. Es herrscht durchweg gute Stimmung, womöglich auch weil der Regen unterdessen nachgelassen hat. Streckenkilometer 10 ist in Nitzschka erreicht und ich werde gerügt. Ja, verständlicherweise gerügt, denn anstatt bei ihr zu bleiben, beschleunige ich immer wieder im Feld, nur um mich anschließend locker trabend erneut zurückfallen zu lassen. Klar, das nervt und kann durchaus als Überheblichkeit ausgelegt werden. Ich habe keine Ahnung, mit welchen Ambitionen hier die Mehrzahl unterwegs ist, gleichwohl wird wohl jeder versucht sein, zumindest ein konstantes Tempo zu laufen, im Idealfall mit Crescendo zum Finale.

Ich habe am Vortag beschlossen, heute nicht an die Grenzen gehen zu wollen. Nach über 7 Stunden im Sattel und 4:50 Stunden Schlaf gewiss kein schlechter Vorsatz. Insofern ist das, was ich zurzeit abliefere, schlicht Blödsinn. Etwas beschämt reihe ich mich in das Feld ein, denke daran, wie oft ich diese Strecke schon mit dem Rennrad befahren, welche intensiven Erfahrungen ich gesammelt habe.

200k - 04/2011
400k - 05/2011
600k - 06/2011

Am 21. Mai 2011 lief ich meinen bis dato letzten Halbmarathon - völlig unvorbereitet und infolgedessen mehr schlecht als recht. Ich bin ehrgeizig, ja, doch vom Ehrgeiz allein erntet man keine Meriten. Training, Training, Training und der Wille zum Kampf müssen in gleicher Weise vorhanden sein. Da wir diese (Leiden)schaft teilen, fällt es mir keineswegs schwer, momentan für sie die persönlichen Ambitionen zurückzuschrauben.

Finale

Kilometer 17, Papierfabrik Golzern. Wir müssen unser Tempo erhöhen, wollen wir unter 1:50 Stunden finishen. K. weiß das ebenso wie ich - immerhin trägt sie einen Foot-POD bei sich und kennt die aktuelle Pace. Ich sage kein Wort, wissend, dass sie von ganz allein schneller werden wird. Genauso kommt es. Wir biegen an der Loreley nach rechts ab, als ich die Tempoverschärfung bemerke. Ein Lächeln kann ich genauso unterdrücken wie eine kleine Träne - wie lange habe ich mir diese gemeinsamen Erfahrungen, in dieser Kombination, mit einem solchen Menschen gewünscht! Wir queren die letzte öffentliche Straße, erhalten aufmunternde Worte von den Bewohnern eines früheren Bahnwärterhäuschens. Das ist lieb gemeint, freilich läuft ihre Maschine schon längst auf Hochtouren. Unaufhaltsam streben wir dem Ziel entgegen, alle 30 Sekunden gleitet mein Blick auf die Uhr. Wir überholen und nähern uns einer Dame mit blauer Leipzig Marathon-Jacke. Sie wird überholt, die Pöppelmannbrücke kommt in Sichtweite.

Los Mädel, HOL ALLES AUS DIR RAUS!!!

Ich lasse K. vor mir laufen, ihr gehört dieser Zieleinlauf, sie hat von uns am meisten dafür gekämpft. Noch ein letzter kurzer Anstieg vor der Zielgeraden, dann nach rechts über die Brücke und vorbei am Sensor. Plötzlich werden unser beider Namen gerufen - wir erblicken einen heimlich angereisten "Fan" unmittelbar am Brückenanfang. Was für eine Überraschung! Vielen Dank dafür, liebe U.!

Die finalen 90 Meter über die vom Hochwasser 2002 zerstörte und im August 2012 wiedereröffnete Pöppelmannbrücke mögen nie enden - denke ich, während sie behend am Zeitnehmer vorbeihuscht. Dieses Ziel haben wir erreicht. Viele weitere warten auf uns.

Muldentaler Städtelauf

Keine Kommentare: