Sonntag, 12. April 2015

Ein veganer Sonntagsbrunch in Brandis


Der am 17. Mai 2015 nach 10 Amtsjahren als Pfarrer der Kirchgemeinde Brandis-Polenz in den Ruhestand wechselnde Herr Dr. Ulrich Seidel ist überzeugter Veganer, erster Vorsitzender der Aktion Kirche und Tiere (AKUT) e.V. sowie Kuratoriumsmitglied des Institutes für Theologische Zoologie.

Dr. Ulrich Seidel.
Karen Kriegel-Bunk.

















"Seit vielen Jahren liegt mir das Thema des Umganges von uns Menschen mit den Tieren am Herzen. Mein Vater weckte als Biologielehrer in mir die Liebe zur und die Achtung vor der Natur. Später beeindruckten mich Fernsehsendungen, die hinter die Fassaden von Tierfabriken und Schlachthöfen leuchteten. Dazu kamen Begegnungen mit Vegetarierinnen und Vegetariern und mein Engagement im "konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung" in der ehemaligen DDR. Ich bekam einen Blick für die weltweite Gerechtigkeit und die verheerenden Folgen unseres Lebensstils für Menschen, Tiere und die Natur."
(Dr. Ulrich Seidel)

Auch uns liegt das Tierwohl am Herzen, wir lehnen Massentierhaltung ab, kennen den ökologischen Fußabdruck von Schnitzel, Steak und Roastbeef, ernähren uns vegetarisch. Der verbreitete, gedankenlose Fleischkonsum widert uns an, die Billig-Billig-Billig-Mentalität beutet uns nicht nur aus, sie degradiert Tiere zur schlichten Ware. Der Respekt früherer Generationen gegenüber den zur Schlachtung bestimmten Haustieren ist durch die industrielle Fleischproduktion - ein abscheuliches Wort!!! - gänzlich verloren gegangen. Was zählt ist einzig der Profit, das Lebewesen ist bloßer Teil einer ständig rotierfenden Konsumwalze, deren Motto lautet: Mehr, schneller, billiger!


Wo diese Walze ihre Spuren hinterlässt, sehen wir ausgebeutete Wasserreservoirs, wir sehen Waldschäden durch Ammoniak-Emissionen, wir sehen MRSA-Keime, Monokulturen und Fettleibigkeit.

Seit circa vier Jahren verzeichnet der Vegetarierbund Deutschland (VEBU) eine signifikante Zunahme des Anteils sich bewusst vegetarisch bzw. vegan ernährender Menschen in unserem Land. Die meisten von ihnen folgen keinem Trend, nein, sie teilen eine Lebenseinstellung. Denn der Schritt über die vegetarische hin zur veganen Ernährung ist das Bekenntnis zum Leben im Einklang mit der Natur, dazu, die eigene Bedeutung im globalen Gefüge richtig zu verorten, dazu, nicht auf Kosten der Nachfolgegenerationen leben zu wollen, dazu, täglich mit gutem Gewissen aufzuwachen.

Würde man 50 Prozent der in der EU verzehrten Fleisch- und Milchprodukte sowie Eier durch Getreide und Hülsenfrüchte ersetzen - die Effekte für unsere Gesundheit, unsere Luft- und Trinkwasserqualität, für den weltweiten Hunger wären gigantisch:

  • Reduktion der Treibhausgase und Stickstoffverbindungen über tierischen Dünger um jeweils 40 Prozent,
  • Reduktion des Soja-Imports um 75 Prozent,
  • Vergrößerung der Agrarflächen für den Anbau von Getreide zur humanen Versorgung,
  • Reduktion ernährungsbedingter Leiden wie Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und somit Reduktion der Krankenkosten von gegenwärtig 70 Mrd. Euro/a in Deutschland!
(Quelle)


Aktuell leben in Deutschland etwa eine Million Menschen vegan, 7,8 Millionen ernähren sich vegetarisch. Die Wirtschaft reagiert auf diesen Trend. Handelsketten listen verstärkt vegetarische Fleischalternativen - die mit dem "V" -, nehmen fair gehandelte Produkte auf und verzeichnen ein kontinuierliches Umsatzplus in diesem Segment. Wer heute noch über Tofuwürste oder Seitanschnitzel lächelt, wird morgen einer Minderheit angehören und sich ernstlich fragen, was er da in seinem bisherigen Leben eigentlich angerichtet hat.



Hm, lecker Lebervurst!

90 Personen passen in den Gemeinderaum der Kirchgemeinde Brandis-Polenz, links unterhalb der Fenster wurden die ersten veganen Leckereien für ein 4-stündiges Festmahl angerichtet. Gekocht und warmgehalten werden einige Speisen in der winzigen angeschlossenen Küche - ein Sinnbild für Reduktion und Verzicht ganz eigener Art. :-)

Pfarrer Seidel und Köchin Karen Kriegel-Bunk sprechen die Eröffnungsworte dieser von ersterem initiierten und seit zwei Jahren einmal im Frühjahr und einmal im Spätsommer stattfindenden Veranstaltung, kurz darauf bildet sich eine lange Schlange vor dem Korb mit Brot und Brötchen vom Biogut Wagelwitz.


Im Gemeinderaum der Kirchgemeinde Brandis-Polenz.


Essbare Becher mit trinkbarem Inhalt.



Ich schaue in glückliche Gesichter eines bunt gemischten Brunchpublikums. Sechsjährige mit jungen Eltern, Teenager, Mittzwanziger bis Mittsechziger haben an den Tischen Platz genommen, Männlein und Weiblein in etwa gleich verteilt. Nicht alle sind Veganer, ich würde behaupten, nicht einmal alle sind Vegetarier. Und doch folgten sie dieser Einladung unvoreingenommen, wollen den Sonntag gemeinsam mit Freunden verbringen und nicht dem eventuell heute verpassten Mettbrötchen hinterherjammern. Wobei, Mett hat die vegane Küche ebenfalls zu bieten - Veggie-Mett logischerweise. Ab 11.30 Uhr wandelt sich das Buffet sukzessive vom Frühstücksangebot hin zum Mittagsmenü, kommen Sellerieschnitzel nebst Grünkernrisotto dazu. Eigentlich hätte ich längst satt sein müssen, doch dieses schier paradiesische Angebot verhilft meinem Magen zu krokodilsartigen Eigenschaften, ich kann essen und essen und...




Ach, ich hab das vegane Kuchensortiment noch nicht erwähnt? Wie schade! Jetzt ists leider schon alle!





"Charles Darwin bemerkt in seinem Werk von der „Abstammung des Menschen“: „Da Menschen und Tiere dieselben Sinne haben, sind auch die fundamentalen Empfindungen gleich“. Das heißt: Mensch und Tier empfinden gemeinsam, wobei Tiere oft noch schärfere Sinne haben als wir. Hier taucht der Samaritergedanke auf, das Mitleid mit denen, die unter die Räuber gefallen sind. Spätestens hier wird es ethisch, denn kraft der Spiegelneuronen unserer Gehirne können wir uns in andere hineinversetzen, auch in den Schmerz und das Leiden der Tiere. Wir haben doch das meiste mit ihnen gemeinsam, nur das bisschen Verstand trennt uns von ihnen und das hat uns so hochmütig gemacht. Der Unterschied ist „graduell, nicht prinzipiell“ (Darwin), das sollten wir demütig zugestehen."
(Dr. Ulrich Seidel)

Das Gemeindehaus in Brandis neben der Kirche.


Wir beschließen den Tag mit einer Radtour zur Turmwindmühle in Paschwitz.

Vegetarierbund Deutschland VEBU

Kirchgemeinde Brandis-Polenz

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