Samstag, 7. November 2015

Nationalpark Nummer 5 - Unteres Odertal

Wir befinden uns auf dem Rückweg von einem Tagesausflug nach Stettin, der aufgrund des Wetters leider keinen allzu positiven ersten Eindruck dieser aus geografischer und historischer Sicht interessanten Stadt an der Odermündung hinterlassen hat. Unser nächstes Ziel heißt Gartz, dort wollen wir einem Vortrag über die Vögel des Glücks lauschen.

Der Großteil Ostdeutschlands wird von Tiefland gebildet. Die mehrmaligen Vereisungen sowie die Erosions- und Sedimentationsvorgänge der Zeiten zwischen den Eisvorstößen und der Nacheiszeit haben eine Landschaft geschaffen, die teils duch weite Ebenen, teils durch wellige Höhenzüge, Talungen und Seen geprägt wird. Geformt wurde das Landschaftsbild hier zwischen Stralsund und Frankfurt (Oder) im wesentlichen von den pleistozänen Vereisungen mitsamt ihrer Begleiterscheinungen. Infolge eines Abfalls der Jahresmitteltemperaturen rückten die skandinavischen Gletscher mehrmals über das Ostseegebiet nach Süden vor, breiteten sich als geschlossene Inlandeismassen über große Gebiete des Tieflandes im Norden aus und hinterließen beim Abschmelzen den bei ihrem Vorrücken aus dem Untergrund aufgenommenen Gesteinsschutt. Diese Sedimente weisen im Durchschnitt eine Mächtigkeit von 50 - 100 Meter auf – in lokalen Depressionen über 400 Meter.

Dreimal drang das Eis während es Pleistozäns von Skandinavien her in das Tiefland im Norden vor. Jeder große Eisvorstoß war in sich noch in mehrere Vorstöße gegliedert, zwischen denen Phasen eines räumlich enger begrenzten Eisrückzuges lagen. Das Jungmoränengebiet der dritten Eisrandlage der Weichselkaltzeit, das Pommersche Stadium, ist aufgrund seines relativ geringen Alters (bzgl. Elster-/Saaleeiszeit!) landschaftlich besonders attraktiv, da noch nicht sehr stark erosiv überprägt.

Gegen Ende der Weichselkaltzeit (vor 90.000 bis 8.500 Jahren) entstand während des Pommerschen Stadiums vor ca. 10.000 Jahren die Landschaft zwischen Penkun und Schwedt (Oder). Die Grundmoränenlandschaft wird vorwiegend landwirtschaftlich genutzt, die Endmoränen tragen oft Laubwald, die nährstoffarmen Sander dagegen Kiefernwald. In den Urstromtälern (z.B. Eberswalder Urstromtal) dominieren wegen des hohen Grundwasserspiegels Wiesen und Weiden.


Ich mag vor allem die Alleen hier im Norden, denen anderswo in Deutschland der Garaus gemacht wurde. Zu gefährlich seien sie für den Straßenverkehr, der ADAC setzte sich in den 1960ern vehement für deren Beseitigung ein. Wir fahren zwischen Feldern entlang, deren eiszeitlich geformter Untergrund keine monotonen Agrarwüsten zulässt. Vielmehr finden sich zwischen den zahlreichen landwirtschaftlich genutzten Stauchendmoränen kleine Waldstücke, Weiher und Feldrandgehölze.

Wenn das von den Gletschern ausgeschürfte Material weiter zu Höhenrücken zusammengeschoben wird, dann spricht man von Stauchendmoränen. Die meisten Endmoränen sind wohl Mischformen von Aufschüttungs- und Stauchendmoränen.

Mein Auge verliert sich inmitten dieser so abwechslungsreichen Landschaft geradezu, als sie plötzlich neben uns auftauchen: Hunderte Kraniche!

Auf mehreren Zugrouten pendeln die bis zu 1,30 m großen Vögel zwischen ihren Brut- und Wintergebieten. Die in Nordeuropa (Norwegen, Schweden, Finnland) heimische Population zieht ab Ende August/Anfang September südwärts nach Deutschland, um sich dort die nötigen Reserven für den Weiterflug im November in die Extremadura anzufuttern.



Im Zuge des Klimawandels kann seit ca. 20 Jahren eine steigende Zahl in Frankreich überwinternder Kraniche beobachtet werden. Der europäische Brutbestand umfasst aktuell 76.000 Paare, darunter auch 7.800 in Deutschland (48 im Unteren Odertal!). Eine Erweiterung des Brutareals nach Südwesten ist offensichtlich, so liegen erste Nachweise für Bayern und Nordrhein-Westfalen vor.

Wer diese Vögel fotografieren will, benötigt leistungsstarke Optiken, denn mit einer Fluchtdistanz von 200 Metern gelingen unter 400 mm Brennweite nur Aufnahmen mit starkem Landschaftsbezug ;-). Ich parke, steige aus, bewege mich langsam an den Feldrand ... und schon geben die Späher Alarm zum Aufbruch. So gelingen leider nur zwei Aufnahmen – von denen es eine immerhin als Sepia-Umsetzung in unseren Flur geschafft hat.


Der Besuch eines neu errichteten Aussichtsturmes bei Mescherin (direkt neben der grenzüberschreitenden Brücke) ab 17 Uhr lehrt uns später, dass man für den Anblick voller Kranichschlafplätze im Oderbruch bis spätestens Anfang Oktober hierherkommen muss. Doch interessant waren die Nachmittagsstunden im Zeichen dieser symbolträchtigen Tiere allemal.

Stare fliegen von einer abgestorbenen Weide am Oderufer auf.


Kranich-Schlafplatz bei Mescherin (im Hintergrund: die Oder).



Deutschlands Auen-Nationalpark

Auf deutscher und polnischer Seite erstreckt sich auf mehr als 1.000 km² zwischen Hohensaaten im Süden und der polnischen Stadt Stettin im Norden beiderseits der Oder ein internationales Schutzgebiet, das insbesondere auch das Zwischenstromland zwischen Ost- und Westoder von Fiddichow bis zur Klützer Querfahrt als grenzüberschreitendes Schutzgebiet betrachtet. Unter dem Namen "Internationalpark Unteres Odertal" werden der Nationalpark Unteres Odertal (seit 10.09.1995, 10.500 ha) nebst einem diesen umgebenden deutschen Landschaftsschutzgebiet sowie zwei polnische Landschaftsschutzparks subsummiert.

Der eigentliche Nationalpark ist nur zwischen zwei und acht Kilometern breit, das Ostufer der Oder steigt steil auf Höhen bis zu 100 m ü. NN an, das Westufer der Westoder ist hier bei Mescherin etwas weniger steil. Unsere dortige Herberge ist das Alte Zollhaus Mescherin, dessen Inneneinrichtung zwischen seinem Namen gerecht werdender Authentizität und Allerwelts-IKEA-Schick changiert. Das Pendel schlägt deutlich in Richtung des multinationalen schwedischen Konzerns aus – da kann auch der gemütliche Freisitz nichts dran ändern. Der Gast bekommt saubere Zimmer, die den Namen Junior-Suite tragen und interessant geschnitten sind. So konnten wir beispielsweise direkt aus dem Schlafzimmer ins Bad und von da weiter ins Wohn-/Fernsehzimmer laufen. Wer sich im Bad befindet und nicht gestört werden möchte, sollte ergo immer zwei Türschlösser im Blick haben...

Das Frühstück dort ist spartanisch, was auch am Betreiber liegen mag. Während nämlich das Haus einem Sachsen gehört, wird das integrierte Restaurant von Polen geführt. Unsere erste Plötze zum Abendbrot war phantastisch und der Preis gemessen an der Menge auf den Tellern völlig in Ordnung. Das passt, der Autor ist satt geworden. ABER: Das im Übernachtungspreis integrierte Frühstück ist einfach nur schlecht. Meine Ansprüche? Müsli-Auswahl ad libitum, Körnerbrötchen, Käseplatte, Joghurt, Obstsalat, Marmeladen. Es gab puddingweiche polnische Weizenbrötchen, Schnittkäse, Schnittwurst, Tomatenscheiben, harte Äpfel, Haferflocken pur, Cornflakes, Honig, schlechten Kaffee. Der Knaller kam allerdings zum Schluß. Als wir nämlich unseren Tisch verließen, sollten 5 Euro für zwei geschmierte Käse"brötchen" obendrauf gezahlt werden. Wir haben uns verbotenerweise ein Lunchpaket mitgenommen, ach Gottchen. Dabei bietet ihr die "Brötchen" doch abends in eurem Restaurant eh wieder als "Baguette" an! So what?!

Als friedliebender Mensch hielt ich die Faust still, als kritischer Gast rate ich aber zum unübersehbaren Verbot von Lunchpaketen bzw. zur offiziellen Zubuch-Option. Und an den Betreiber gerichtet: Wenn man seine Subunternehmer zu kurz hält, hat das im schlimmsten Fall negative Auswirkungen auf das Endprodukt – hier: die Herberge. Wir kommen vor Verbesserung dieses Zustands nicht wieder!

Altes Zollhaus Mescherin.


Deutschlands einzige intakte Polder-Landschaft

Der Nationalpark ist ein bedeutendes Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiet für Vögel. Bis zu 35.000 Blässgänse, 30.000 Saatgänse, 17.000 Stockenten und mehr als 32.000 Vertreter weiterer Entenarten wurden hier rastend gezählt. Rund 200.000 Wasservögel ziehen jährlich durch die Oderniederung; dazu kommen 15.000 Kraniche im Herbst. Besonders die zahlreichen Talrandhänge sind als Brutgebiet seltener Großvögel wie Seeadler, Kranich und Schwarzstorch bekannt. Arten wie der Seggenrohrsänger leben deutschlandweit nur noch im unteren Odertal. Neben der reichen Avifauna bietet die Region 50 Säugetier-, 49 Fisch-, 11 Amphibien- und 6 Reptilienarten Lebensraum. Ein prominenter Vertreter ist der Biber, von dem etwa 70 Exemplare im Nationalpark leben.

Das untere Odertal wird von Grund- und Endmoränen bzw. Talsandterrassen gesäumt. Das in den Jahren 1906 bis 1928 nach holländischem Vorbild errichtete Poldersystem bestimmt trotz Flussbegradigung und Deichbau speziell im Winterhalbjahr bis heute den Wasserstand der Oder und das Geschehen in großen Teilen der Aue. Die Polder können bis zu 130 Mio. m³ Wasser aufnehmen und gewährleisten auf diese Weise einen "natürlichen" Schutz vor Hochwasser.



Einfahrt in den Mittelpolder.


Unsere erste Biberburg!

Nummer 2!

Manche Kanäle sind Sackgassen...

Das Motto eines Nationalparks: Natur Natur sein lassen.



Uff!

Endlich freie Fahrt...

...und freier Blick auf ein polnisches Steinkohlekraftwerk.




Was sind Polder?

Als Polder bezeichnet man im Allgemeinen eingedeichte Flächen. Sie bilden Überschwemmungsgebiete, die zur Erweiterung des Abflussprofils bei Hochwasserführung dienen. Im Nationalpark Unteres Odertal gibt es Polder zwischen der Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße und der Stromoder zwischen der südlichen und mittleren Talniederung. In der nördlichen Oderniederung werden die Polder von der Westoder und der Ostoder begrenzt – man nennt sie deshalb Mittelpolder.

Hinsichtlich der Nutzung werden Nass- und Trockenpolder unterschieden. Die Nasspolder können bei Bedarf geflutet werden.

Funktionsweise
Über die Einlassbauwerke an der Stromoder werden die Nasspolder zu Beginn des Winterhalbjahres geflutet (ab Mitte November). Über die Auslassbauwerke fließt das Oderwasser in die Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße wieder ab; in den Poldern herrscht somit ein Durchfluss des Oderwassers. Während der Überflutung der Polderwiesen werden diese gedüngt und das Oderwasser gereinigt. Wenn im Frühjahr die Wasserstände sinken, werden die Einlassbauwerke ab Mitte April geschlossen und das Oderwasser kann über die Auslassbauwerke an der Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße und der Schwedter Querfahrt aufgrund des vorhandenen Gefälles in den Poldern abfließen.

Der Abfluss wird durch die an der Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße befindlichen Schöpfwerke unterstützt, sodass im Sommer die Wiesenflächen der Polder landwirtschaftlich genutzt werden können. Im Fall eines Sommer-Hochwassers können die Polder schnell geflutet werden, um Ortschaften entlang des Tals zu schützen. Alle Polderflächen sind wertvolle Lebens- und Rückzugsgebiete verschiedener Tier- und Pflanzenarten, besonders wichtig sind die Nasspolder für die Vogelwelt.


Das Tor zur Ostoder.



Nationalpark 1 – Sächsische Schweiz
Nationalpark 2 – Hochharz
Nationalpark 3 – Bayerischer Wald
Nationalpark 4 – Müritz
(Nationalpark Riesengebirge)

Nationalpark Unteres Odertal

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