Montag, 25. Mai 2020

Ein Brief an dich selbst

Liebe/r Bekannte/r, das ist ein Brief von einem guten Freund.

Ich trage viele Namen und bin stets bei dir, obwohl du mich noch nie in persona gesehen hast. Du wirst feststellen, dass du selbst diesen Brief hättest schreiben können, du wirst dich umsehen in deiner Wohnung, im Park, in der Tram, im Café, auf der Straße, an deinem Kraftort - wo auch immer du ihn öffnest.

"Wie geht es dir?" Das hat man dich schon oft gefragt, doch nur ganz selten so wie du es hören möchtest. Sei ihnen dafür nicht böse. Du möchtest stattdessen scheinbar grundlos eingeladen werden, obwohl du natürlich dank deiner starken Empathie den Grund ganz genau kennst. Du freust dich ehrlich und geniesst die Gemeinschaft. Du bist ein toller Gast, beherrschst Smalltalk, kannst dich sogar auf Kleinkinder einlassen, diskutierst mit über absolute Belanglosigkeiten. Du kannst sehr gut zuhören und tolle Ratschläge geben. Denn es ist ihre Welt und du willst irgendwie ein Teil davon sein. Du willst ihnen helfen.

Überhaupt willst du immer anderen helfen nur nicht dir selbst. Du hoffst - warum auch immer -, dadurch auf dich aufmerksam zu machen. Das gelingt auch, doch nie so, wie du es dir wünschst. Du versinkst erneut, besuchst deine Kraftorte und liegst dennoch stundenlang völlig kraftlos auf dem Boden. Du ignorierst deine Nachrichten, du nimmst Telefonate nicht entgegen, du sagst feste Termine ab. Du sinkst tiefer. Deine Projekte verlieren sämtlichen Reiz, dein Schreibtisch wird immer voller, du bist am Boden.

Mittwoch, 1. April 2020

Corona über alles

Sonnenaufgang am 1. April 2020.
Seit drei Wochen sind die Schulen in Sachsen und bundesweit geschlossen als Teil eines so noch nie dagewesenen Maßnahmenpaketes gegen eine Pandemie.

Die Bundesregierung hat ferner einerseits alle Grenzen geschlossen und andererseits alle Kassen geöffnet, um die sozialen und wirtschaftlichen Folgen eines kompletten Shutdowns abzumildern. Sie verstolpert sich dabei in Aktionismus, will unverständlicherweise krampfhaft am Status quo festhalten. Dabei sind Pandemien biologisch erwartbare Ereignisse in jeder Population. Sie sorgen für die Verbreitung resistenter Gene und wirken als Evolutionsbeschleuniger.

Und unsere aufgeklärte Gesellschaft? Schottet sich komplett ab - von lobenswerten Ausnahmen wie Schweden einmal abgesehen -, diskutiert allen Ernstes Hamsterkäufe von Klopapier, erzwingt teilweise (bald flächendeckend?) das Tragen von Schutzmasken und will Kranke tracken.

Es fallen täglich hart erkämpfte Freiheiten dem "Kampf" gegen einen Virus zum Opfer, der sich so oder so global ausbreiten wird. #FlattenTheCurve zieht eine globale Wirtschaftskrise nach sich, von deren Ausmaß wir uns noch gar keine Vorstellung machen können.

Was ich nicht verstehe:
* Warum erhalten Mitarbeiter der weltgrößten Automobilbauer Kurzarbeitergeld?
* Warum gibt es einen Aufschrei, wenn Großkonzerne auf das neue Recht der Mietstundung zurückgreifen?
* Warum werden Saisonarbeiter in der Landwirtschaft erst jetzt als "systemrelevant" [sic!] tituliert?
* Warum tötet man den Einzelhandel und lässt den Onlinehandel unangetastet?
* Warum darf ich als mündiger Bürger nicht allein in die Nationalparks zum Wandern reisen?

Sächsische Corona-Schutzverordnung vom 31. März 2020 (PDF)

Sonntag, 29. März 2020

Wild

Die Masturbationsphantasie einer 18-Jährigen? Freudsche Metaphorik? Coming of Age-Drama? Ganz großes Selbstfindungskino?

Um ehrlich zu sein, weiß ich überhaupt nicht, woran ich mit Nicolette Krebitz' Film aus dem Jahr 2016 bin. Da ist eine junge Frau, die in einer ostdeutschen Plattenbausiedlung wohnt, in einer Werbeagentur arbeitet und deren soziales Umfeld aus einem schwerkranken Opa im Krankenhaus und einer Schwester besteht. Und da ist ein Wolf, den die Protagonistin eines Tages auf dem Arbeitsweg in einem winzigen Stück Grün zwischen den tristen 13-Geschossern entdeckt. Der Gedanke an das Tier lässt sie fortan nicht mehr los und der Zuschauer wird hineingezogen in einen undurchschaubaren Strudel aus Realität und Fiktion.

Die Sehnsucht, selbst wild zu sein, soviel ist klar, treibt Ania an. Von den männlichen Kollegen wird sie mit verhohlen gierigen Blicken verfolgt, vom Chef wird sie wie eine Praktikantin behandelt (dieses Arschloch wirft regelmäßig einen Ball an die Glasscheibe zwischen seinem Büro und dem Großraumbüro der Angestellten als Zeichen, A. möge ihm bitte schnell Kaffee bringen!) und auch im Privaten mangelt es an menschlicher Zuneigung. Sie lebt allein und wünscht sich gewiss einen starken Partner. Einen starken Partner, der buchstäblich auf unsere menschlichen Konventionen... (dazu später mehr).

Mittwoch, 18. März 2020

Fliegen und Wandern in Laucha

Mein letzter Besuch der Weinberge? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr genau. Es können zwei, vielleicht auch drei Jahre sein. Auf jeden Fall viel zu lang.

Wir starten kurz nach 8 Uhr in Leipzig und sind eine Stunde später am Drachen- und Gleitschirmstartplatz des LSV Laucha-Dorndorf e.V.

Ein feines Gespräch mit dem Vereinsvorsitzenden wird gefolgt von hektischen Startvorbereitungen. Der Wind nahm zu - das sollte er im Tagesverlauf noch weiter machen - und die erfahrenen Piloten hoben allesamt ab. Zu den Erfahrenen gehöre ich in diesem Fluggebiet definitiv nicht und so schloss sich das Startfenster bereits wieder als ich startklar war: Der Wind blies mit Spitzen von über 40 km/h über die Kante und machte ein sicheres Starten unmöglich.

Sonntag, 27. Oktober 2019

Zu den Thüringer Landtagswahlen 2019: Eine Lanze für Wolfgang Tiefensee

Es war ein Samstagvormittag im November 2010, ich befand mich als Ausrichter der Jahrestagung des DHV (Deutscher Hängegleiterverband) im Parkschloss Markkleeberg, als das Handy klingelte - "Hier ist Wolfgang Tiefensee, wo muss ich denn lang fahren?"

Der langjährige Leipziger OBM, ehem. Bundesverkehrsminister und Bundestagsabgeordnete telefonierte leibhaftig mit mir. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, denn ich habe nicht nur Hochachtung für seine Verdienste rund um die Entwicklung Leipzigs zu DER boomenden Kommune in Ostdeutschland, ich habe auch Hochachtung vor seiner sehr warmherzigen, offenen, ehrlichen Art.

Er saß am Steuer seines Privat-Pkw und bog auf den Parkplatz ein, ich stand bereits draußen und begrüßte ihn. Wow, der Mann hat Charisma, keine Frage!

Kurz darauf durfte ich vor 250 geladenen Delegierten die Eröffnungsrede halten. Ich spannte einen Bogen von der Bergbaugeschichte über die Renaturierung bis zu den heutigen touristischen Potenzialen des Leipziger Südraumes und zeigte meine schönsten Luftaufnahmen.

Kurz darauf sprach Herr Tiefensee - ungleich witziger, pointierter, facettenreicher - über die Freiheit des Fliegens und Parallelen zu seiner Arbeit. Ich saß einfach nur da und war total begeistert. Soviel politisches Können, soviel rhethorisches Können, soviel Aufrichtigkeit!

Lieber Herr Tiefensee, ich wünsche Ihnen alles alles Gute (nicht nur an diesem Wahlsonntag)!

Der Vorstand des DHV, Herr Tiefensee, der Autor.

Ehrlich, eloquent, witzig.

Charlie Jöst, Vorsitzender des DHV, überreicht Herrn Tiefensee ein Präsent des Verbandes.