"Die deutsche „Verteidigungsministerin“ von der Leyen, die gerne richtige Kriegsministerin sein will, stellt den geplanten Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan im nächsten Jahr in Frage. Sie warnt vor einem zu frühen Truppenabzug. Ist denn noch immer nicht genug? In Afghanistan kamen 54 junge deutsche Soldaten ums Leben. Wofür? Von einer Stabilisierung der Lage in der Region kann wirklich nicht die Rede sein. Rund 1,3 Millionen Menschen sind durch den sogenannten „Krieg gegen den Terror“ allein in Afghanistan, im Irak und in Pakistan bislang getötet worden, nach Angaben der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ im März 2015. Dieser Krieg wird von vielen selbst als Terror empfunden – und hat Terrororganisationen wie Al Quaida und ISIS Auftrieb gegeben. Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, hat den internationalen Kriegseinsatz in Afghanistan schon vor vier Jahren für gescheitert erklärt. Der Einsatz habe zwar „den politischen Zweck, Solidarität mit den Vereinigten Staaten zu üben, erfüllt. Wenn man aber das Ziel zum Maßstab nimmt, ein Land und eine Region zu stabilisieren, dann ist dieser Einsatz gescheitert“, sagte er. In Deutschland sind selbst die Militärs klüger als die Politiker. Das Ganze ist ein Beispiel für die Ideologisierung und Unbelehrbarkeit der deutschen Politik."
(Oskar Lafontaine)
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Freitag, 2. Oktober 2015
Kommentar: Unbelehrbar
Oskar Lafontaine zum erfolgreichen deutschen "Stabilisierungseinsatz" (Peter Struck) am Hindukusch.
Quelle: NachDenkSeiten
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Montag, 13. Oktober 2014
Der Welthungerindex 2014
Zum neunten Mal veröffentlichte heute die Deutsche Welthungerhilfe in Bonn gemeinsam mit zwei weiteren Organisationen den Welthungerindex (WHI).
Der WHI-Wert (0-100) berechnet sich aus dem jeweiligen
Das Ziel der UN, den weltweiten Hunger im Zeitraum 1990 bis 2015 zu halbieren, wird ebenso wie andere Millenniumsziele nicht erreicht. Trotzdem sich der WHI bis heute um 39 % verbessert hat, leiden nach wie vor 805 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung ("Chronisches Kaloriendefizit (1800 kcal/Tag) und/oder Unterversorgung mit Nahrungsenergie, Protein- und Mikronährstoffen").
Der WHI-Wert (0-100) berechnet sich aus dem jeweiligen
- Anteil der Unterernährten an der Gesamtbevölkerung,
- dem Anteil untergewichtiger Kinder unter fünf Jahren an allen unter Fünfjährigen eines Landes
- sowie dem Anteil der Kinder, die vor dem fünften Lebensjahr sterben.
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Beitrag der drei Indikatoren zum Gesamtwert des WHI 1990, 1995, 2000, 2005 und 2014 nach Regionen. Quelle: Pressemappe Welthunger-Index 2014 |
Das Ziel der UN, den weltweiten Hunger im Zeitraum 1990 bis 2015 zu halbieren, wird ebenso wie andere Millenniumsziele nicht erreicht. Trotzdem sich der WHI bis heute um 39 % verbessert hat, leiden nach wie vor 805 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung ("Chronisches Kaloriendefizit (1800 kcal/Tag) und/oder Unterversorgung mit Nahrungsenergie, Protein- und Mikronährstoffen").
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Prozentualer Anteil der Bevölkerung mit ausgewählten Mikronährstoffdefiziten. Quelle: Pressemappe Welthunger-Index 2014 |
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Sonntag, 3. März 2013
Benedikt XVI. - Bilanz eines Pontifikats
Am 28. Februar 2013 schließt sich um 20 Uhr das Hauptportal der Papstresidenz in Castel Gandolfo. Die Schweizergarde zieht ihre Posten ab - es gibt hier keine Arbeit mehr für sie. Denn für die Sicherheit des emeritierten Bischofs von Rom ist die Gendarmerie zuständig.
Acht Jahre zuvor, am 19. April des Jahres 2005, wurde der Dekan des Kardinalskollegiums, Joseph Kardinal Ratzinger, zum 264. Nachfolger des hl. Petrus gewählt. Mit 78 Lebensjahren.
Ich wiederhole an dieser Stelle nicht die Schlagzeile des großen deutschen Meinungsmachers, weil mich diese Publikation schlicht anwidert. Dennoch darf man einen gewissen Stolz in Deutschland zur damaligen Zeit nicht verhehlen. Warum war das so? Ein deutscher Papst in einer Zeit, in der sich die Blöcke des Kalten Krieges wieder aus dem Staub der Geschichte zu erheben scheinen, weckt den indirekten Anspruch auf Meinungsführerschaft. Deutschland war und ist einer der zentralen Bausteine Europas und quasi als Beleg dieser Tatsache mögen Teile der Bevölkerung die Wahl eines "Landsmannes" zum geistigen Oberhaupt von über 1 Mrd. Menschen gesehen haben. Man erhoffte sich von dieser zentralen (deutschen) Position innerhalb der katholischen Kirche nicht zuletzt eine Stärkung der im Grundgesetz verankerten christlichen Werte sowie eine Art Werbung für die das Christliche im Namen tragenden Parteien.
Acht Jahre zuvor, am 19. April des Jahres 2005, wurde der Dekan des Kardinalskollegiums, Joseph Kardinal Ratzinger, zum 264. Nachfolger des hl. Petrus gewählt. Mit 78 Lebensjahren.
Ich wiederhole an dieser Stelle nicht die Schlagzeile des großen deutschen Meinungsmachers, weil mich diese Publikation schlicht anwidert. Dennoch darf man einen gewissen Stolz in Deutschland zur damaligen Zeit nicht verhehlen. Warum war das so? Ein deutscher Papst in einer Zeit, in der sich die Blöcke des Kalten Krieges wieder aus dem Staub der Geschichte zu erheben scheinen, weckt den indirekten Anspruch auf Meinungsführerschaft. Deutschland war und ist einer der zentralen Bausteine Europas und quasi als Beleg dieser Tatsache mögen Teile der Bevölkerung die Wahl eines "Landsmannes" zum geistigen Oberhaupt von über 1 Mrd. Menschen gesehen haben. Man erhoffte sich von dieser zentralen (deutschen) Position innerhalb der katholischen Kirche nicht zuletzt eine Stärkung der im Grundgesetz verankerten christlichen Werte sowie eine Art Werbung für die das Christliche im Namen tragenden Parteien.
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Freitag, 27. Juli 2012
Citius. Altius. Fortius
In meinem ehemaligen Gymnasium hängt immer noch diese Schautafel im Treppenbereich, gleich hinter den schweren Eingangstüren. Auf ihr sind unter dem lateinischen Spruch für "Schneller. Höher. Weiter" die Schulrekorde in den verschiedenen Sportdisziplinen verewigt. Ich weiß noch genau, dass mich diese 100 m-Zeit von 10-irgendwas nicht in Ruhe ließ. Zwei Sekunden schneller als meine damalige Zeit war das. Im Sprintbereich, wo es auf Hundertstel und mitunter Tausendstel ankommt, kann man die Diskrepanz ruhig als "Welt" bezeichnen. Es lag und liegt eine Welt zwischen meinen Leistungen und denen von talentierten Athleten; es lag und liegt eine Welt zwischen meinen persönlichen Ansprüchen und dem Ausführen der zu ihrem Erreichen nötigen Handgriffe; es lag und liegt eine Welt zwischen meinem Halb- und anwendungsbereitem Wissen; es liegt eine Welt zwischen 12 Lebensjahren; es liegt keine Welt mehr zwischen mir und mir. Zumindest keine große.
Dörfer im Sonnenschein
Ein Dorf ist der idealisierte Schutzraum, das Symbolbild einer Gemeinschaft ursprünglicher Prägung. Als die Menschheit den Schritt vom Jäger und Sammler hin zum sesshaften Bauern vollzogen hatte, war dies der eigentliche Beginn unserer Kulturgeschichte. Mit dem ertragreichen Anbau von Getreide nämlich, das infolge einer Mutation seine Samen nicht vorzeitig entließ, bekamen die modernen Menschen zum ersten Mal Zeit für ... nennen wir es Müßiggang. Dörfliche und arbeitsteilige Strukturen schufen Freiräume für Kreativität und gänzlich neue Tagesabläufe.
Dörfer im Sonnenschein
Ein Dorf ist der idealisierte Schutzraum, das Symbolbild einer Gemeinschaft ursprünglicher Prägung. Als die Menschheit den Schritt vom Jäger und Sammler hin zum sesshaften Bauern vollzogen hatte, war dies der eigentliche Beginn unserer Kulturgeschichte. Mit dem ertragreichen Anbau von Getreide nämlich, das infolge einer Mutation seine Samen nicht vorzeitig entließ, bekamen die modernen Menschen zum ersten Mal Zeit für ... nennen wir es Müßiggang. Dörfliche und arbeitsteilige Strukturen schufen Freiräume für Kreativität und gänzlich neue Tagesabläufe.
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Freitag, 30. März 2012
Karl May - auf der Suche nach dem Leben
Ich habe mir während der Arbeit an diesem Beitrag zum 100. Todestag Karl Mays eine Zeitmaschine gewünscht. Eine Zeitmaschine, um mich selbst in den Neunzigern besuchen und fragen zu können, warum ich 21 Bücher dieses sächsischen Autors gelesen habe; denn dieses Wissen könnte heute zu einer Art Freud'scher Eingebung führen und mich mir selbst ein Stück näherbringen. Unter dieser Annahme könnte es aber genauso möglich sein, dass der damals deutlich jüngere Autor dieser Zeilen darauf keine Antwort weiß.
War es der über Generationen gewachsene Konsens, gar eine legislaturperiodenüberdauernde und nie ausgesprochene politische Maxime(?), der deutschen Jugend via May anscheinend typisch deutsche Werte vorzuleben? Stehen Winnetou und Old Shatterhand stellvertretend für das (unbewusst?) gewünschte Außenbild einer Nation im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert? Dienen seine Figuren besonders gut als ideale Vorbilder junger Erwachsener? Wollte May aufklärerisch wirken? Waren es bloß die Neugier und der Wunsch, an fremde Orte zu reisen (wenn auch nur gedanklich) und dort Abenteuer zu erleben, die May zum Verfassen seiner Reiseromane veranlassten - Abenteuer, die Millionen Leser gleichermaßen faszinierend fanden (und bis heute finden)? Oder geht es in Mays Schaffen vielmehr um den persönlichen Versuch des Autors, eine gerechtere, eine bessere, ein von ihm verstandene Welt zu kreieren? Eine Welt, in der er Erfolg hat und das Ende der Geschichte ganz allein bestimmen kann? Eine Welt, die ihn so respektiert, wie er ist? Ja, eine Welt, die ihn gerade deshalb liebt, weil er so ist wie er ist?
Wahrscheinlich sollte ich auch in diesem Fall nicht zu tief nach einem versteckten Sinnschatz suchen, mich stattdessen der Schaufel entledigen, durch den Wald spazieren und an Aussichtspunkten den Blick weg von den Bäumen hin zur Ferne schweifen lassen. Dumm nur, dass die Schaufel mit meiner Hand verwachsen ist.
Von Ernstthal nach Zwickau
Karl May wurde am 25.02.1842 im erzgebirgischen Weberstädtchen Ernstthal geboren. Chemnitz liegt ein paar Kilometer weiter östlich, Ernstthal ist heute mit Hohenstein zu einer Gemeinde verschmolzen und grenzt im Norden direkt an die A4. Es ist auch 170 Jahre später kein optimaler Startplatz für eine Weltkarriere als Schriftsteller (oder was auch immer). Aber existiert so ein Platz denn überhaupt - kann er außerhalb unserer Phantasie existieren?
Ärmlich und hart war das Leben damals, brachte die Arbeit an den heimischen Webstühlen doch zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben ein. Die sich rasch entwickelnde Industrialisierung tat ihr übriges, die Handwerker vollends um Lohn und Brot zu bringen. (--> Weberaufstand)
[Nach Hans Wollschläger litt Karl May unter einer, Ophthalmia pustularis genannten, Infektion, die sich in einem Bläschenausschlag der Bindehaut äußert und durch Schleim- und Eiterfluß zu einer Entstellung der Augen führt. Wird sie nicht behandelt, führt sie unweigerlich zur Erblindung.
William E. Thomas führt das Leiden auf Vitamin A-Mangel infolge einer Mangelernährung zurück. Bekannt ist, dass May nicht operiert, stattdessen auf rein diätetischem Wege behandelt wurde - was ein gutes Indiz für Thomas' These und Beleg für eine sehr entbehrungsreiche Kindheit wäre.]
Auch die Schulzeit in der Ernstthaler Volksschule war kein Genuss. Schon gar nicht bei diesem Vater. Denn Heinrich August May wollte partout nicht, dass der einzige Sohn ebenfalls Weber wird; Karl May sollte den Zugang zu Höherem erhalten. Was auf den ersten Blick eine ehrenwerte Einstellung ist, verwandelt sich auf den zweiten jedoch in ein Kolorit aus überzogenen Erwartungen und der Kur eigener Minderwertigkeitskomplexe. So musste May Jr. neben dem Exerzieren für den Vater ganze Bücher abschreiben, Geigen-, Klavier- und Orgelunterricht nehmen sowie Sprachen lernen. Das Geld dafür verdiente er in einer Gastwirtschaft, die eine kleine Leihbibliothek einschloss. Es waren deren Bücher, die ihn von einem Sieg des Guten und von sozialer Gerechtigkeit träumen ließen - zentrale Pfeiler in all seinen späteren Werken.
Zum Volksschullehrer sollte der spätere Sucher des Schatzes im Silbersee ab 1856 in Waldenburg/Sachsen ausgebildet werden. In einer Zeit, in der die Obrigkeit besonders streng den liberalen Gedanken auf dem Fuße war und Fächer wie Geographie, Geschichte, Philosophie und Naturkunde entweder ganz aus dem Lehrplan gestrichen oder zu einem unbedeutenden Teil desselben degradiert wurden (fast wie heute).
Unterricht im Sinne einer allgemeinen Bildung gab es nicht, die strenge Schulordnung unterband jeden Freigeist im Ansatz. May beugte sich den Vorgaben und nahm verschiedene Stellen als Lehrer an. Bis, ja bis er die vom Zimmergenossen seiner damaligen Unterkunft regelmäßig geliehene Uhr in den Weihnachtsferien mit nach Hause nahm. Absicht oder nicht: Der Besitzer alarmierte die Polizei, Karl May kam für anderthalb Monate ins Gefängnis in Chemnitz. Es war dies der letzte Nagel im Sarg der Lehrerkarriere. In seinem späteren Werk "Weihnacht" wird er auch jene Zeit Revue passieren lassen.
Ihm schien, niemand sei gewillt ihm eine Chance geben, stets hatte man etwas gegen seinen Charakter oder andere Befindlichkeiten. Und was macht man, wenn offenbar alle legalen Türen versperrt sind? Man öffnet die illegalen. Als falscher Augenarzt, als falscher Kupferstecher, als falscher Musiker erschlich er sich diverse Annehmlichkeiten. Diese Tour endete schließlich 1865 in Leipzig mit Verhaftung wegen Pelzdiebstahls und Verurteilung zu 4 Jahren Gefängnis - von denen er dreieinhalb absitzen musste - in Zwickau.
Von Zwickau nach Waldheim
Auf diese Zeit in seiner Autobiographie zurückblickend, wird May sie als gewinnbringend würdigen und gar von Honoraren sprechen, die er als Verfasser von Manuskripten während seiner Tätigkeit als Verwalter der Gefangenenbibliothek nach der Entlassung angeblich einstrich. Phantasie und Wirklichkeit scheinen in diesem Charakter untrennbar verbandelt und es drängt sich der Verdacht auf, May litt unter einer schizophrenen Persönlichkeit, gar unter Paranoia.
Wollschläger verortet seine psychologischen Deutungsversuche zu anfangs in einer Liebesversagung durch die Mutter: "Wie häßlich diese beiden Kleinen sind." (Wollschläger 2004, 203). Tatsache ist, dass von 13 (!) Geschwistern Karl Mays lediglich 4 Schwestern älter als 20 Jahre wurden und eine Schwester noch vor Mays Genesung an den Masern erkrankte.
Kann man einer Mutter Vorwürfe machen, die 10 eigene Kinder beerdigen musste und sich nun sehr enttäuscht über die äußerliche Entstellung von zwei der Überlebenden äußert? Kann man die Verzweiflung und den Schmerz nachempfinden, den es bedeuten muss, diesen Sohn ohne Augenlicht aufwachsen zu sehen? Man kann das alles nicht. Man kann der Mutter nur größte Anerkennung für diesen Lebensmut in trostloser Umgebung zollen.
Es dauerte nicht lange und die Gerichte hatten einen neuen Fall zu bearbeiten. Jemand hatte sich als Polizist ausgegeben, hatte Kaufleute bestohlen und auf der Flucht Passanten mit einer Waffe bedroht. Karl May war wieder unterwegs. Der Urteilsspruch lautete auf 4 Jahre Zuchthaus in Waldheim - Häftlingsnummer 402. Wir wissen nicht, was ihm während dieser Haftzeit durch den Kopf ging, wir kennen aber den Fortgang der Geschichte: Es sollte der (vorletzte) Haftaufenthalt gewesen sein. Wie groß der Anteil der drakonischen Anstaltsführung an der späteren Läuterung des Verurteilten war, bleibt auf ewig Spekulation. Klein kann er aber nicht gewesen sein, denn "das oberste Waldheimer Prinzip" bestand aus "Demütigung und Vergeltung" in Form von Sprechverboten während der Arbeitszeit, Einzelhaft und Stockschlägen bei Ungehorsam. Ein Jahr wird Karl May in Isolierhaft verbringen. (vgl. Heermann 1988, 96f)
Von Waldheim nach Freiburg i. Br.
Ab der Mitte des 18. Jh. stieg die Produktion von Büchern und Heften rasant an. Es gründeten sich Lesegesellschaften, immer mehr Leihbüchereien eröffneten und es bedurfte eines ständigen Nachschubs an Unterhaltungs- und Trivialliteratur. Mays erster Verleger jedenfalls - Heinrich Gottlob Münchmeyer - bezeichnete den eigenen Verlag als "Schundverlag". (Walther 2002, 56)
So oder so, 1875 erschien die erste Erzählung des neuen Redakteurs Carl Friedrich May mit dem Titel "Die Rose von Ernstthal". Eigene Produktionen folgten für diverse Wochenblätter ebenso wie Aufsätze und Gedichte. Man könnte seine damalige Arbeit im (aller)weitesten Sinne mit der eines heutigen Freien Journalisten vergleichen, der sich (durchaus auch wissenschaftliches) Faktenmaterial aneignet und dieses in leicht verständlicher Form unter die Leute bringt.
Der Durchbruch vor dem Durchbruch erfolgte noch im Herbst 1875 mit einer Veröffentlichung im Deutschen Familienblatt, die den Titel "Aus der Mappe eines Vielgereisten" trägt. Darin geht es erstmals um Indianer und Westmänner ... und um eine Person mit Namen Winnetou.
1877 trennt sich May von Münchmeyer und schreibt fortan für wechselnde Auftraggeber. Eher amüsant kann der Umstand seiner (nun wirklich) letzten Haftperiode genannt werden. Denn damals war eine Denunziation als "Socialdemokrat" (Walther 2002, 72) noch mit Strafe verbunden - ein Umstand, der den Protagonisten 1879 für 3 Wochen einsitzen ließ.
1882 kommt Karl May noch einmal mit Münchmeyer in Kontakt, wird für einen in hundert Heften erscheinenden Roman jedoch nur lächerlich gering entlohnt. Die Liste seiner Verleger ist lang und zu einem gewissen Teil auch von Betrügereien und Fälschungen nicht frei. Trotzdem war es eine wichtige Zeit für den Autor, machte sie seine Arbeiten doch weit über die sächsischen Grenzen hinaus bekannt. Es sollte 1891 der Jungverleger Friedrich Ernst Fehsenfeld sein, der Karl May schließlich anbot, dessen Erzählungen in Buchform herauszubringen.
Die Weltkarriere mit bis heute 200 Millionen verkauften Exemplaren (davon 50% in Deutschland) war nicht mehr aufzuhalten.
Teil 2: Karl May und ich
Verwendete Literatur:
HEERMANN, Christian (1988): Der Mann, der Old Shatterhand war. Berlin
WALTHER, Klaus (2002): Karl May. München
WOLLSCHLÄGER, Hans (2004): Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Göttingen
Links:
Karl-May-Stiftung
Karl-May-Gesellschaft
War es der über Generationen gewachsene Konsens, gar eine legislaturperiodenüberdauernde und nie ausgesprochene politische Maxime(?), der deutschen Jugend via May anscheinend typisch deutsche Werte vorzuleben? Stehen Winnetou und Old Shatterhand stellvertretend für das (unbewusst?) gewünschte Außenbild einer Nation im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert? Dienen seine Figuren besonders gut als ideale Vorbilder junger Erwachsener? Wollte May aufklärerisch wirken? Waren es bloß die Neugier und der Wunsch, an fremde Orte zu reisen (wenn auch nur gedanklich) und dort Abenteuer zu erleben, die May zum Verfassen seiner Reiseromane veranlassten - Abenteuer, die Millionen Leser gleichermaßen faszinierend fanden (und bis heute finden)? Oder geht es in Mays Schaffen vielmehr um den persönlichen Versuch des Autors, eine gerechtere, eine bessere, ein von ihm verstandene Welt zu kreieren? Eine Welt, in der er Erfolg hat und das Ende der Geschichte ganz allein bestimmen kann? Eine Welt, die ihn so respektiert, wie er ist? Ja, eine Welt, die ihn gerade deshalb liebt, weil er so ist wie er ist?
Wahrscheinlich sollte ich auch in diesem Fall nicht zu tief nach einem versteckten Sinnschatz suchen, mich stattdessen der Schaufel entledigen, durch den Wald spazieren und an Aussichtspunkten den Blick weg von den Bäumen hin zur Ferne schweifen lassen. Dumm nur, dass die Schaufel mit meiner Hand verwachsen ist.
Von Ernstthal nach Zwickau
Karl May wurde am 25.02.1842 im erzgebirgischen Weberstädtchen Ernstthal geboren. Chemnitz liegt ein paar Kilometer weiter östlich, Ernstthal ist heute mit Hohenstein zu einer Gemeinde verschmolzen und grenzt im Norden direkt an die A4. Es ist auch 170 Jahre später kein optimaler Startplatz für eine Weltkarriere als Schriftsteller (oder was auch immer). Aber existiert so ein Platz denn überhaupt - kann er außerhalb unserer Phantasie existieren?
Ärmlich und hart war das Leben damals, brachte die Arbeit an den heimischen Webstühlen doch zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben ein. Die sich rasch entwickelnde Industrialisierung tat ihr übriges, die Handwerker vollends um Lohn und Brot zu bringen. (--> Weberaufstand)
"Ich bin im niedrigsten, tiefsten Ardistan geboren, ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers." (Walther 2002, 17)Der spätere Bestsellerautor kannte Hunger und Krankheit, er kannte Ausbeutung und Machtmissbrauch aus schmerzlicher eigener Erfahrung. Und hätte seine Mutter nicht das Glück gehabt, an zwei fähige Ärzte in Dresden zu geraten, so wäre der junge Karl möglicherweise dauerhaft erblindet. Manche Biographen übertragen der Großmutter einen Gutteil Verantwortung dafür, dass aus einem armen Jungen ein weltweit bekannter Geschichtenerzähler werden konnte. Die Oma nämlich las ihm - dem noch stark sehbehinderten Vierjährigen - mit großer Geduld Märchen vor und trug dadurch unbestritten dazu bei, die Leere vor dem inneren Auge mit Leben und Farbe zu erfüllen.
[Nach Hans Wollschläger litt Karl May unter einer, Ophthalmia pustularis genannten, Infektion, die sich in einem Bläschenausschlag der Bindehaut äußert und durch Schleim- und Eiterfluß zu einer Entstellung der Augen führt. Wird sie nicht behandelt, führt sie unweigerlich zur Erblindung.
William E. Thomas führt das Leiden auf Vitamin A-Mangel infolge einer Mangelernährung zurück. Bekannt ist, dass May nicht operiert, stattdessen auf rein diätetischem Wege behandelt wurde - was ein gutes Indiz für Thomas' These und Beleg für eine sehr entbehrungsreiche Kindheit wäre.]
Auch die Schulzeit in der Ernstthaler Volksschule war kein Genuss. Schon gar nicht bei diesem Vater. Denn Heinrich August May wollte partout nicht, dass der einzige Sohn ebenfalls Weber wird; Karl May sollte den Zugang zu Höherem erhalten. Was auf den ersten Blick eine ehrenwerte Einstellung ist, verwandelt sich auf den zweiten jedoch in ein Kolorit aus überzogenen Erwartungen und der Kur eigener Minderwertigkeitskomplexe. So musste May Jr. neben dem Exerzieren für den Vater ganze Bücher abschreiben, Geigen-, Klavier- und Orgelunterricht nehmen sowie Sprachen lernen. Das Geld dafür verdiente er in einer Gastwirtschaft, die eine kleine Leihbibliothek einschloss. Es waren deren Bücher, die ihn von einem Sieg des Guten und von sozialer Gerechtigkeit träumen ließen - zentrale Pfeiler in all seinen späteren Werken.
Zum Volksschullehrer sollte der spätere Sucher des Schatzes im Silbersee ab 1856 in Waldenburg/Sachsen ausgebildet werden. In einer Zeit, in der die Obrigkeit besonders streng den liberalen Gedanken auf dem Fuße war und Fächer wie Geographie, Geschichte, Philosophie und Naturkunde entweder ganz aus dem Lehrplan gestrichen oder zu einem unbedeutenden Teil desselben degradiert wurden (fast wie heute).
Unterricht im Sinne einer allgemeinen Bildung gab es nicht, die strenge Schulordnung unterband jeden Freigeist im Ansatz. May beugte sich den Vorgaben und nahm verschiedene Stellen als Lehrer an. Bis, ja bis er die vom Zimmergenossen seiner damaligen Unterkunft regelmäßig geliehene Uhr in den Weihnachtsferien mit nach Hause nahm. Absicht oder nicht: Der Besitzer alarmierte die Polizei, Karl May kam für anderthalb Monate ins Gefängnis in Chemnitz. Es war dies der letzte Nagel im Sarg der Lehrerkarriere. In seinem späteren Werk "Weihnacht" wird er auch jene Zeit Revue passieren lassen.
Ihm schien, niemand sei gewillt ihm eine Chance geben, stets hatte man etwas gegen seinen Charakter oder andere Befindlichkeiten. Und was macht man, wenn offenbar alle legalen Türen versperrt sind? Man öffnet die illegalen. Als falscher Augenarzt, als falscher Kupferstecher, als falscher Musiker erschlich er sich diverse Annehmlichkeiten. Diese Tour endete schließlich 1865 in Leipzig mit Verhaftung wegen Pelzdiebstahls und Verurteilung zu 4 Jahren Gefängnis - von denen er dreieinhalb absitzen musste - in Zwickau.
Von Zwickau nach Waldheim
Auf diese Zeit in seiner Autobiographie zurückblickend, wird May sie als gewinnbringend würdigen und gar von Honoraren sprechen, die er als Verfasser von Manuskripten während seiner Tätigkeit als Verwalter der Gefangenenbibliothek nach der Entlassung angeblich einstrich. Phantasie und Wirklichkeit scheinen in diesem Charakter untrennbar verbandelt und es drängt sich der Verdacht auf, May litt unter einer schizophrenen Persönlichkeit, gar unter Paranoia.
Wollschläger verortet seine psychologischen Deutungsversuche zu anfangs in einer Liebesversagung durch die Mutter: "Wie häßlich diese beiden Kleinen sind." (Wollschläger 2004, 203). Tatsache ist, dass von 13 (!) Geschwistern Karl Mays lediglich 4 Schwestern älter als 20 Jahre wurden und eine Schwester noch vor Mays Genesung an den Masern erkrankte.
Kann man einer Mutter Vorwürfe machen, die 10 eigene Kinder beerdigen musste und sich nun sehr enttäuscht über die äußerliche Entstellung von zwei der Überlebenden äußert? Kann man die Verzweiflung und den Schmerz nachempfinden, den es bedeuten muss, diesen Sohn ohne Augenlicht aufwachsen zu sehen? Man kann das alles nicht. Man kann der Mutter nur größte Anerkennung für diesen Lebensmut in trostloser Umgebung zollen.
Es dauerte nicht lange und die Gerichte hatten einen neuen Fall zu bearbeiten. Jemand hatte sich als Polizist ausgegeben, hatte Kaufleute bestohlen und auf der Flucht Passanten mit einer Waffe bedroht. Karl May war wieder unterwegs. Der Urteilsspruch lautete auf 4 Jahre Zuchthaus in Waldheim - Häftlingsnummer 402. Wir wissen nicht, was ihm während dieser Haftzeit durch den Kopf ging, wir kennen aber den Fortgang der Geschichte: Es sollte der (vorletzte) Haftaufenthalt gewesen sein. Wie groß der Anteil der drakonischen Anstaltsführung an der späteren Läuterung des Verurteilten war, bleibt auf ewig Spekulation. Klein kann er aber nicht gewesen sein, denn "das oberste Waldheimer Prinzip" bestand aus "Demütigung und Vergeltung" in Form von Sprechverboten während der Arbeitszeit, Einzelhaft und Stockschlägen bei Ungehorsam. Ein Jahr wird Karl May in Isolierhaft verbringen. (vgl. Heermann 1988, 96f)
Von Waldheim nach Freiburg i. Br.
Ab der Mitte des 18. Jh. stieg die Produktion von Büchern und Heften rasant an. Es gründeten sich Lesegesellschaften, immer mehr Leihbüchereien eröffneten und es bedurfte eines ständigen Nachschubs an Unterhaltungs- und Trivialliteratur. Mays erster Verleger jedenfalls - Heinrich Gottlob Münchmeyer - bezeichnete den eigenen Verlag als "Schundverlag". (Walther 2002, 56)
So oder so, 1875 erschien die erste Erzählung des neuen Redakteurs Carl Friedrich May mit dem Titel "Die Rose von Ernstthal". Eigene Produktionen folgten für diverse Wochenblätter ebenso wie Aufsätze und Gedichte. Man könnte seine damalige Arbeit im (aller)weitesten Sinne mit der eines heutigen Freien Journalisten vergleichen, der sich (durchaus auch wissenschaftliches) Faktenmaterial aneignet und dieses in leicht verständlicher Form unter die Leute bringt.
Der Durchbruch vor dem Durchbruch erfolgte noch im Herbst 1875 mit einer Veröffentlichung im Deutschen Familienblatt, die den Titel "Aus der Mappe eines Vielgereisten" trägt. Darin geht es erstmals um Indianer und Westmänner ... und um eine Person mit Namen Winnetou.
1877 trennt sich May von Münchmeyer und schreibt fortan für wechselnde Auftraggeber. Eher amüsant kann der Umstand seiner (nun wirklich) letzten Haftperiode genannt werden. Denn damals war eine Denunziation als "Socialdemokrat" (Walther 2002, 72) noch mit Strafe verbunden - ein Umstand, der den Protagonisten 1879 für 3 Wochen einsitzen ließ.
1882 kommt Karl May noch einmal mit Münchmeyer in Kontakt, wird für einen in hundert Heften erscheinenden Roman jedoch nur lächerlich gering entlohnt. Die Liste seiner Verleger ist lang und zu einem gewissen Teil auch von Betrügereien und Fälschungen nicht frei. Trotzdem war es eine wichtige Zeit für den Autor, machte sie seine Arbeiten doch weit über die sächsischen Grenzen hinaus bekannt. Es sollte 1891 der Jungverleger Friedrich Ernst Fehsenfeld sein, der Karl May schließlich anbot, dessen Erzählungen in Buchform herauszubringen.
Die Weltkarriere mit bis heute 200 Millionen verkauften Exemplaren (davon 50% in Deutschland) war nicht mehr aufzuhalten.
Teil 2: Karl May und ich
Verwendete Literatur:
HEERMANN, Christian (1988): Der Mann, der Old Shatterhand war. Berlin
WALTHER, Klaus (2002): Karl May. München
WOLLSCHLÄGER, Hans (2004): Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Göttingen
Links:
Karl-May-Stiftung
Karl-May-Gesellschaft
Themen:
Heimat,
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Literatur,
Zeitgeschichte
Dienstag, 20. Dezember 2011
Erwartete Überraschungen
Keine Woche im Jahr bereitet angeblich so vielen Menschen soviel Stress wie die Woche vor Heiligabend. Es ist die Rede vom Last-minute-Geschenkeshopping; vom Last-minute-Baum-aussuchen; vom Last-minute-Festtagseinkauf-planen; von der Last-minute-Feiertagsbesuche-Routenplanung; vom Weihnachtsfeier-Overkill in Betrieben, Behörden und Vereinen; von Last-minute-schnell-mal-in-die-Sonne-Urlaubsbuchungen...
Es ist aber bei allem (völlig berechtigten) Stress viel zu wenig die Rede von Menschen, denen der Feiertag am kommenden Montag bereits jetzt schon Kopfzerbrechen bereitet, weil sie da nicht im Büro sitzen und arbeiten können; von Menschen, die keine Einladungen zum Plätzchenbacken erhalten; von Menschen, die sich manchmal gern in eine Zeitmaschine setzen und - nein, nicht in die Vergangenheit - in die Zukunft reisen würden; von Menschen, deren Persönlichkeit beim Iditarod wahrscheinlich endlich erwachsen und offenbar würde; von Menschen, deren Wege sich im Gewimmel der Stadt verlieren; von Menschen, die in der Bahnhofsmission ausharren; von Menschen, die in U-Bahn-Schächten erfrieren; von Menschen, die tagaus, tagein hungern; von Menschen, die keine eigenen Kinder bekommen können; von Menschen, die vereinsamt sind; von Menschen, die jeden Tag an Suizid denken. Es ist viel zu wenig die Rede von jenen Menschen, deren Fehlen erst dann bemerkt wird, wenn sie keinen Rat mehr geben können.
In dieser Woche vor dem Heiligen Abend sollten Sie, liebe Leserin/lieber Leser, neben Ihrer Vorfreude auf das Fest der Geburt Jesu sich auch Zeit dafür nehmen, Ihr Adressbuch nach Namen zu durchsuchen. Nach Namen, die Ihnen mehr bedeuten als nur "Annemarie", "Bernd", "Christian" oder "Dirk".
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Hallelujah! Bei manchen Menschen würde ich mir eindringlich wünschen, sie fortan nur noch mit ihrer Fleischereifachverkäuferin kommunizieren zu sehen. Wobei, Fleisch, Klimawandel ... och menno, sorry.
Stattdessen setzen sie sich zur besten Sendezeit in das Zweitstudio von Wer wird Millionär? und geben im Ersten Deutschen Fernsehen am 4. Advent anno 2011 Auskunft über die moralischen und potentiell juristisch zu ahndenden Verfehlungen eines Ex-Ministerpräsidenten und amtierenden Bundespräsidenten. Also, was hat Wulff falschgemacht? Nichts. Er hat - wie unter Menschen üblich - die Hilfe eines Freundes in Anspruch genommen. Und ein Darlehen für sein Häusl erhalten. Von einem befreundeten Unternehmer. Das Darlehen wurde ordnungsgemäß verzinst und mittlerweile abgelöst. Im Ministergesetz des Landes Niedersachsen ist solches Verhalten nur dann untersagt, wenn ein berechtigter Verdacht auf Vorteilsnahme im Amt besteht:
Denn Wulff und sein Kreditgeber kennen sich schon aus einer Zeit vor seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter und späterer Ministerpräsident. Ergo: keine Vorteilsnahme durch das Amt des Ministerpräsidenten. Ferner bezog sich der Kredit nicht auf Wulffs Anwaltsprofession. Ergo: keine geschäftsmäßige Beziehung.
Die von der FAZ in persona Frank Schirrmachers himself vorgebrachte Analyse von Wulffs Fehlern im Umgang mit den gegen ihn gerichteten Anschuldigungen bemüht indirekt u.a. Kants Kategorischen Imperativ über ein Zitat Wulffs: "Was man selbst nicht machen würde, sollte man auch nicht von anderen verlangen."
Lassen wir vorerst diese Aussage im Raum stehen und folgen wir Schirrmachers Argumentationsweg weiter. Er interpretiert Wulffs Rede in Lindau als vorzeitiges Geständnis. Als, besser, vorzeitiges Eingeständnis der Tatsache, mit jedem Kredit in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten, aus dessen Zwang man sich nur dann befreien kann, wenn gegenseitiges Vertrauen darin besteht, "wieder auf die eigenen Füße zu kommen."
Schirrmacher bleibt vorsichtig, wenn er sagt: "In der politisch-ökonomischen Sprache, die Politiker seit Jahr und Tag im Munde führen, müsste man sein Verhalten anders beurteilen: Der Bundespräsident hat über seine Verhältnisse gelebt."
Sicher, der sprachliche Wind weht scharf um die Häuserecke aus Vertrauen und Ehrlichkeit. Und dennoch: Bloß weil jemand einen Privatkredit "für 120 % der Kaufsumme" seines Hauses erhalten hat, muss man ihn verdächtigen? Come on, das ist lahm! Mich deucht, hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Und ich nähere mich dem eigentlichen Problem: Wulffs Umgang mit dem Kredit. Denn er fühlte eine moralische Zwickmühle. Einerseits existiert die persönliche Überzeugung, bei einer seit 30 Jahren bestehenden Freundschaft nicht im Traum an Amtsmissbrauch oder gar Bestechung denken zu können. Das stimmt wohl. Andererseits existiert die Außenwahrnehmung der Gesellschaft. Der politischen Feinde, der politischen Freunde, der Wähler.
Wulff sah sich gezwungen, eine im niedersächsischen Landtag gegebene Antwort nachträglich als zwar juristisch korrekt, doch im Kern unvollständig zu bezeichnen:
Die Bundeskanzlerin gab schon Geburtstagsessen für den Chef der Deutschen Bank. Im Bundeskanzlerinnenamt. Eine Verfehlung? Ein Gesetzesbruch gar? Oder ein Freundschaftsdienst? Ein Taxifahrer fährt bei Rot über die Ampel. Weil weit und breit kein anderer an der Kreuzung steht, weil er allein im Wagen sitzt und weil weit und breit keine Polizeistreife zu sehen ist. Derselbe Taxifahrer würde nie über eine rote Ampel fahren, wenn er Fahrgäste chauffiert, sich im mittäglichen Stadtverkehr befindet oder eine Polizeistreife hinter sich weiß. Handelt er nun grob fahrlässig? Ist er gar untragbar für dieses verantwortungsvolle Geschäft? Ist er nicht (mehr) vertrauenswürdig?
Warum diese Beispiele? Weil von Wulff übermenschliches Verhalten eingefordert wird. Verhalten, dem er, dem keiner gerecht werden kann.
Christian Wulff ist nicht die Idealbesetzung für das Amt eines Bundespräsidenten. Das ist keine Neuigkeit. Ein Richard von Weizsäcker war es zu 90 Prozent. Ein Roman Herzog zu 99 Prozent. Ein Johannes Rau zu 70 Prozent. Wulff liegt irgendwo dazwischen.
Aber: Seine Außenwahrnehmung ist immer noch (und völlig berechtigt!) um Längen besser, als jene seiner zahlreichen (aktuell sehr laut aufschreienden) Möchtegernkritiker.
Denn die sich unter der tarnenden Patina verbergende falsche Moral unserer werten Volksvertreterinnen und Volksvertreter, unserer werten Journalistinnen und Journalisten ist nicht nur widerlich, sie ist auch Zeichen einer der wenig schönen Eigenheiten des menschlichen Wesens: des Neides.
Wer der aktuell besonders laut Aufschreienden begleitet denn neben seinem Abgeordnetenmandat nicht auch Ämter im Aufsichtsrat mittelständischer Unternehmen? Wer kann von sich behaupten, nur und ausschließlich seinem Gewissen folgend Entscheidungen zu treffen (ich stelle das Wort "Fraktionszwang" in den Raum)? Wer ist immun gegenüber täglich anklopfenden Lobbyisten? Ihnen allen rate ich zur inniglichen Auseinandersetzung mit Kants Kategorischem Imperativ.
Sie werden mir entgegnen, dass man Amts- und Privatperson trennen könne. Gut, Recht haben Sie. Dann billigen Sie diese Fähigkeit bitte auch dem deutschen Bundespräsidenten zu und beenden Sie diese Scharmützel. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf die wirklich wichtigen Dinge im Amts- und Privatleben und kritisieren Sie das Staatsoberhaupt dort, wo es Kritik verdient hat. Sie werden nicht lange suchen müssen. Danke.
[ähnlicher Artikel: Stahlgewitter]
Es ist aber bei allem (völlig berechtigten) Stress viel zu wenig die Rede von Menschen, denen der Feiertag am kommenden Montag bereits jetzt schon Kopfzerbrechen bereitet, weil sie da nicht im Büro sitzen und arbeiten können; von Menschen, die keine Einladungen zum Plätzchenbacken erhalten; von Menschen, die sich manchmal gern in eine Zeitmaschine setzen und - nein, nicht in die Vergangenheit - in die Zukunft reisen würden; von Menschen, deren Persönlichkeit beim Iditarod wahrscheinlich endlich erwachsen und offenbar würde; von Menschen, deren Wege sich im Gewimmel der Stadt verlieren; von Menschen, die in der Bahnhofsmission ausharren; von Menschen, die in U-Bahn-Schächten erfrieren; von Menschen, die tagaus, tagein hungern; von Menschen, die keine eigenen Kinder bekommen können; von Menschen, die vereinsamt sind; von Menschen, die jeden Tag an Suizid denken. Es ist viel zu wenig die Rede von jenen Menschen, deren Fehlen erst dann bemerkt wird, wenn sie keinen Rat mehr geben können.
In dieser Woche vor dem Heiligen Abend sollten Sie, liebe Leserin/lieber Leser, neben Ihrer Vorfreude auf das Fest der Geburt Jesu sich auch Zeit dafür nehmen, Ihr Adressbuch nach Namen zu durchsuchen. Nach Namen, die Ihnen mehr bedeuten als nur "Annemarie", "Bernd", "Christian" oder "Dirk".
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Hallelujah! Bei manchen Menschen würde ich mir eindringlich wünschen, sie fortan nur noch mit ihrer Fleischereifachverkäuferin kommunizieren zu sehen. Wobei, Fleisch, Klimawandel ... och menno, sorry.
Stattdessen setzen sie sich zur besten Sendezeit in das Zweitstudio von Wer wird Millionär? und geben im Ersten Deutschen Fernsehen am 4. Advent anno 2011 Auskunft über die moralischen und potentiell juristisch zu ahndenden Verfehlungen eines Ex-Ministerpräsidenten und amtierenden Bundespräsidenten. Also, was hat Wulff falschgemacht? Nichts. Er hat - wie unter Menschen üblich - die Hilfe eines Freundes in Anspruch genommen. Und ein Darlehen für sein Häusl erhalten. Von einem befreundeten Unternehmer. Das Darlehen wurde ordnungsgemäß verzinst und mittlerweile abgelöst. Im Ministergesetz des Landes Niedersachsen ist solches Verhalten nur dann untersagt, wenn ein berechtigter Verdacht auf Vorteilsnahme im Amt besteht:
"Die Mitglieder der Landesregierung dürfen, auch nach Beendigung ihres Amtsverhältnisses, keine Belohnungen und Geschenke in Bezug auf ihr Amt annehmen. Die Landesregierung kann Ausnahmen zulassen. Sie kann diese Befugnis auf die Staatskanzlei übertragen."Ab wann besteht ein berechtigter Verdacht auf Vorteilsnahme im Amt? Wenn persönliche Vergünstigungen zu einem Machtmissbrauch führen und geschäftsmäßige Beziehungen existieren. Hat Wulff gegen Gesetze verstoßen? Sagen wir es so: Juristisch wird man ihm kein Fehlverhalten nachweisen können.
[§ 5, Abs. 4, gültig ab 01.04.2009]
Denn Wulff und sein Kreditgeber kennen sich schon aus einer Zeit vor seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter und späterer Ministerpräsident. Ergo: keine Vorteilsnahme durch das Amt des Ministerpräsidenten. Ferner bezog sich der Kredit nicht auf Wulffs Anwaltsprofession. Ergo: keine geschäftsmäßige Beziehung.
Die von der FAZ in persona Frank Schirrmachers himself vorgebrachte Analyse von Wulffs Fehlern im Umgang mit den gegen ihn gerichteten Anschuldigungen bemüht indirekt u.a. Kants Kategorischen Imperativ über ein Zitat Wulffs: "Was man selbst nicht machen würde, sollte man auch nicht von anderen verlangen."
Lassen wir vorerst diese Aussage im Raum stehen und folgen wir Schirrmachers Argumentationsweg weiter. Er interpretiert Wulffs Rede in Lindau als vorzeitiges Geständnis. Als, besser, vorzeitiges Eingeständnis der Tatsache, mit jedem Kredit in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten, aus dessen Zwang man sich nur dann befreien kann, wenn gegenseitiges Vertrauen darin besteht, "wieder auf die eigenen Füße zu kommen."
Schirrmacher bleibt vorsichtig, wenn er sagt: "In der politisch-ökonomischen Sprache, die Politiker seit Jahr und Tag im Munde führen, müsste man sein Verhalten anders beurteilen: Der Bundespräsident hat über seine Verhältnisse gelebt."
Sicher, der sprachliche Wind weht scharf um die Häuserecke aus Vertrauen und Ehrlichkeit. Und dennoch: Bloß weil jemand einen Privatkredit "für 120 % der Kaufsumme" seines Hauses erhalten hat, muss man ihn verdächtigen? Come on, das ist lahm! Mich deucht, hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Und ich nähere mich dem eigentlichen Problem: Wulffs Umgang mit dem Kredit. Denn er fühlte eine moralische Zwickmühle. Einerseits existiert die persönliche Überzeugung, bei einer seit 30 Jahren bestehenden Freundschaft nicht im Traum an Amtsmissbrauch oder gar Bestechung denken zu können. Das stimmt wohl. Andererseits existiert die Außenwahrnehmung der Gesellschaft. Der politischen Feinde, der politischen Freunde, der Wähler.
Wulff sah sich gezwungen, eine im niedersächsischen Landtag gegebene Antwort nachträglich als zwar juristisch korrekt, doch im Kern unvollständig zu bezeichnen:
"Es wäre besser gewesen, wenn ich auf die Anfrage der niedersächsischen Abgeordneten im Landtag über die konkreten Fragen hinaus auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte, denn in der Sache hatte und habe ich nichts zu verbergen."Warum war das so? Weil ihn das schlechte Gewissen plagt(e). Moment: Ein schlechtes Gewissen hat man nicht ausschließlich in Verbindung mit Dreck am Stecken! Jeder Mensch weiß sehr wohl über die Höhe der moralischen Hürden seiner Gesellschaft Bescheid. Und jeder Mensch - ob nun Ministerpräsident oder Taxifahrer - lebt um sie herum. Mal näher, mal ferner.
Die Bundeskanzlerin gab schon Geburtstagsessen für den Chef der Deutschen Bank. Im Bundeskanzlerinnenamt. Eine Verfehlung? Ein Gesetzesbruch gar? Oder ein Freundschaftsdienst? Ein Taxifahrer fährt bei Rot über die Ampel. Weil weit und breit kein anderer an der Kreuzung steht, weil er allein im Wagen sitzt und weil weit und breit keine Polizeistreife zu sehen ist. Derselbe Taxifahrer würde nie über eine rote Ampel fahren, wenn er Fahrgäste chauffiert, sich im mittäglichen Stadtverkehr befindet oder eine Polizeistreife hinter sich weiß. Handelt er nun grob fahrlässig? Ist er gar untragbar für dieses verantwortungsvolle Geschäft? Ist er nicht (mehr) vertrauenswürdig?
Warum diese Beispiele? Weil von Wulff übermenschliches Verhalten eingefordert wird. Verhalten, dem er, dem keiner gerecht werden kann.
"Was endlich verlangt Aristoteles, der Heide, in seiner <Politik> vom Herrscher? [...] Die höchste und vollkommenste Tugend. Bei Privaten ist er mit einer durchschnittlichen zufrieden. Wenn du Herrscher und gleichzeitig ein guter Mensch sein kannst, dann erfülle die schönste Aufgabe; wenn aber nicht, dann gib lieber den Herrscher auf, als dass du aus diesem Grunde ein schlechter Mensch wirst. Es ist möglich, einen guten Menschen zu finden, der kein guter Herrscher sein könnte. Aber es kann keinen guten Herrscher geben, der gleichzeitig kein guter Mensch wäre."Das sogenannte Volk möchte von Menschen mit eben dieser "vollkommensten Tugend" regiert werden. Wer die Reden, wer das Wirken, wer das Bild der Person Wulffs betrachtet, kommt zu dem Schluss, es hier mit einem guten Menschen zu tun zu haben. Mit einem nach außen zwar sehr unsicher wirkenden Menschen (daran wird sich nichts ändern) aber mit einem ehrlichen Menschen. Die damals im niedersächsischen Landtag an ihn gerichtete Anfrage ließ ihn unsicher werden und den Privatkredit ablösen. Der - ich weiß um die Vorbelastung des nun folgenden Wortes - Mob am Horizont machte ihm Angst. Der Mob besitzt die Macht, dich einfach zu überrollen. Ob schuldig oder nicht schuldig. Also geht man dem Mob besser aus dem Weg. Obwohl man rechtens auf der Straße bleiben könnte.
(Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften Bd. 5, Darmstadt 1968, S. 221)
Christian Wulff ist nicht die Idealbesetzung für das Amt eines Bundespräsidenten. Das ist keine Neuigkeit. Ein Richard von Weizsäcker war es zu 90 Prozent. Ein Roman Herzog zu 99 Prozent. Ein Johannes Rau zu 70 Prozent. Wulff liegt irgendwo dazwischen.
Aber: Seine Außenwahrnehmung ist immer noch (und völlig berechtigt!) um Längen besser, als jene seiner zahlreichen (aktuell sehr laut aufschreienden) Möchtegernkritiker.
Denn die sich unter der tarnenden Patina verbergende falsche Moral unserer werten Volksvertreterinnen und Volksvertreter, unserer werten Journalistinnen und Journalisten ist nicht nur widerlich, sie ist auch Zeichen einer der wenig schönen Eigenheiten des menschlichen Wesens: des Neides.
Wer der aktuell besonders laut Aufschreienden begleitet denn neben seinem Abgeordnetenmandat nicht auch Ämter im Aufsichtsrat mittelständischer Unternehmen? Wer kann von sich behaupten, nur und ausschließlich seinem Gewissen folgend Entscheidungen zu treffen (ich stelle das Wort "Fraktionszwang" in den Raum)? Wer ist immun gegenüber täglich anklopfenden Lobbyisten? Ihnen allen rate ich zur inniglichen Auseinandersetzung mit Kants Kategorischem Imperativ.
Sie werden mir entgegnen, dass man Amts- und Privatperson trennen könne. Gut, Recht haben Sie. Dann billigen Sie diese Fähigkeit bitte auch dem deutschen Bundespräsidenten zu und beenden Sie diese Scharmützel. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf die wirklich wichtigen Dinge im Amts- und Privatleben und kritisieren Sie das Staatsoberhaupt dort, wo es Kritik verdient hat. Sie werden nicht lange suchen müssen. Danke.
[ähnlicher Artikel: Stahlgewitter]
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Dienstag, 18. Oktober 2011
Frei! Frei. Frei?
Wieviel ist ein Menschenleben wert? Unbezahlbar! Sicher? Welche Rolle spielen bei der Bewertung soziale Stellung, nationale Zugehörigkeit und Geschlecht? Keine? Welche Rolle spielen wirtschaftliche Interessen, bilaterale Interessen, multilaterale Interessen? Keine? Wie hoch schätzen Sie eigentlich den Wert ihres Lebens ein? Na?
Nun, nur keine falsche Bescheidenheit - denn auch Ihr Wert ist auf den Cent genau berechenbar.
Die alten jüdischen Gemeinden in Osteuropa wurden im Holocaust nachhaltig zerstört, Überlebende mussten nur allzu oft feststellen, dass in ihrer alten Heimat kein Platz mehr für sie war. Israel wurde das neue Ziel, das Gelobte Land bot Zuflucht. Scheinbar. Denn die umliegenden Länder Ägypten, Jordanien, Libanon, Syrien weiger(te)n sich, einen Judenstaat in ihrer Mitte zu dulden. Der Antisemitismus bei den Arabern wuchs.
Die Errichtung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde damals von vielen Juden als die Erfüllung eines religiösen Traumes betrachtet; nachdem fast 2000 Jahre vergangen waren, seit die jüdische Herrschaft in Palästina erlosch. Am 29.11.1947 einigte sich die UN-Generalversammlung mit Unterstützung sowohl der SU als auch der USA darauf, dass Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufgeteilt wird. Jerusalem wurde zur internationalen Zone erklärt. Am 15.05.1948 wurde der jüdische Staat in Palästina für unabhängig erklärt, was zum einen mit der UN-Resolution und zum anderen mit angestammten Rechten begründet wurde.
Israel bemächtigte sich ab 1949 großer Gebiete (Gazastreifen, Golanhöhen, Jerusalem, Westbank des Jordan) über die von den UN umschriebenen Grenzen hinaus. Denn Israel brauchte mehr Raum, die Bevölkerung wuchs stetig; und so hatten Kriege in den Jahren 1956, 1967, 1973, 1982 und 2006 auch kaum Auswirkungen auf den steten Bevölkerungszuwachs, der bis 1989 die Einwohnerzahl Israels auf über 3,5 Millionen und bis 2011 auf fast 8 Millionen hat wachsen lassen.
1993 - 6 Jahre nach der ersten Intifada - reichte Rabin symbolisch Arafat die Hand. Die Palästinenser sollten die Autonomie über den Gazastreifen und das Westjordanland erhalten. Im Gegenzug anerkannte die PLO Israel. Ende 2000, nach dem Scheitern der amerikanischen Friedensverhandlungen unter Bill Clinton in Camp David, brach die zweite Intifada aus. Auch sie forderte bis 2005 unnötig viele Menschenleben in diesem scheinbar nie enden wollenden Konflikt am östlichen Mittelmeer. Die palästinensischen Autonomiegebiete gaben sich 2006 schließlich mit der Hamas eine radikale Führung und Israel damit erneut (wenn auch indirekt) eine Kriegserklärung. Im gleichen Jahr entführten Hamaskämpfer zwei israelische Soldaten in den Gazastreifen - Israel reagierte mit Angriffen auf den Gazastreifen und im Westjordanland. Es war der Beginn des zweiten Libanonkrieges.
Heute, am 18.10.2011, wurde einer der damals entführten israelischen Soldaten, Gilad Schalit, in einem groß inszenierten Gefangenenaustausch in die Arme Benjamin Netanjahus entlassen. Solche Aktionen sind für die beiden Parteien kein Novum. Im Gegenteil, schon mehrere dieser Art fanden statt und statistisch ist dabei ein israelischer Soldat soviel wert (jetzt ist der Bogen schlossen) wie 800 palästinensische Fr...(ja, was für Kämpfer sind es eigentlich genau?)kämpfer.
Doch warum erfolgte diese "Freilassung" erst jetzt? Warum konnte man sich nicht früher einigen? Klar ist, dass Ägypten eine wichtige Vermittlerrolle in diesen Austauschprozeduren zukommt. Und seit in Kairo ein neuer grüner Wind weht, ist die Hamas eher bereit, Zugeständnisse zu machen. Nicht zuletzt geht es dabei auch um ein potentielles Exil für die Hamas selbst, sollte der grüne Wind für Sturm in Damaskus sorgen. Aber auch Abbas' jüngster Schachzug, die Unabhängigkeit eines Palästinenserstaates vor den Vereinten Nationen zu fordern, ist nicht ohne Folgen für die Hamas geblieben. Das Image der ewig Gestrigen, der unflexiblen Starrköpfe haftet ihnen an. Da kommt eine Imagepolitur gerade recht.
Und Israel? Versuche einer gewaltsamen Befreiung schlugen abermals fehl, folglich blieb der Regierung nichts anderes übrig, als sich an den Verhandlungstisch zu begeben.
Leider zeigte sich Israel nach Abbas' Rede in New York brüskiert, weshalb (quasi als direktes Zeichen der Ignoranz gegenüber dem Palästinenserpräsidenten) der aktuelle Deal über seinen Kopf hinweg mit der Hamas und ohne die Fatah ausgehandelt wurde. Für die Hamas ist dieser Dienstag im Oktober unbestritten ein großer Tag. Denn Fernsehbilder von jubelnden, sich nach Jahren der Trennung wieder in den Armen liegenden Familien erreichen eine Menge potentieller Wähler.
Und Gilad Schalit? Wie geht es ihm? Er sieht auf den Bildern ziemlich ausgemergelt und geschwächt aus. 5 Jahre Isolationshaft hinterlassen Spuren, keine Frage. Doch der Körper erholt sich relativ schnell - im Gegensatz zur Psyche. Welche Folgen wird die Gefangenschaft für sein Leben haben? Kann das Rundum-Sorglos-Paket Israels auch die verlorenen Jahre eines jungen Erwachsenen ausgleichen? Wie lang hält der Status des Nationalhelden vor?
Malte Lehming vom Tagesspiegel ist diesbezüglich ziemlich optimistisch, wenn er Schalit quasi prämortem einen Platz in der Geschichte einräumt und dessen Freilassung als Grundstein eines eigenständigen Palästinenserstaates interpretiert. Sein Wort in Gottes Ohr. Inschallah.
Nun, nur keine falsche Bescheidenheit - denn auch Ihr Wert ist auf den Cent genau berechenbar.
- Kompensatorische Lohndifferenziale und der Wert eines statistischen Lebens in Deutschland (von Hannes Spengler) - PDF (225 KB)
- Hat ein Menschenleben einen Geldwert? (aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 05.06.2005, Nr. 22, S. 34)
Die alten jüdischen Gemeinden in Osteuropa wurden im Holocaust nachhaltig zerstört, Überlebende mussten nur allzu oft feststellen, dass in ihrer alten Heimat kein Platz mehr für sie war. Israel wurde das neue Ziel, das Gelobte Land bot Zuflucht. Scheinbar. Denn die umliegenden Länder Ägypten, Jordanien, Libanon, Syrien weiger(te)n sich, einen Judenstaat in ihrer Mitte zu dulden. Der Antisemitismus bei den Arabern wuchs.
Die Errichtung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde damals von vielen Juden als die Erfüllung eines religiösen Traumes betrachtet; nachdem fast 2000 Jahre vergangen waren, seit die jüdische Herrschaft in Palästina erlosch. Am 29.11.1947 einigte sich die UN-Generalversammlung mit Unterstützung sowohl der SU als auch der USA darauf, dass Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufgeteilt wird. Jerusalem wurde zur internationalen Zone erklärt. Am 15.05.1948 wurde der jüdische Staat in Palästina für unabhängig erklärt, was zum einen mit der UN-Resolution und zum anderen mit angestammten Rechten begründet wurde.
Israel bemächtigte sich ab 1949 großer Gebiete (Gazastreifen, Golanhöhen, Jerusalem, Westbank des Jordan) über die von den UN umschriebenen Grenzen hinaus. Denn Israel brauchte mehr Raum, die Bevölkerung wuchs stetig; und so hatten Kriege in den Jahren 1956, 1967, 1973, 1982 und 2006 auch kaum Auswirkungen auf den steten Bevölkerungszuwachs, der bis 1989 die Einwohnerzahl Israels auf über 3,5 Millionen und bis 2011 auf fast 8 Millionen hat wachsen lassen.
1993 - 6 Jahre nach der ersten Intifada - reichte Rabin symbolisch Arafat die Hand. Die Palästinenser sollten die Autonomie über den Gazastreifen und das Westjordanland erhalten. Im Gegenzug anerkannte die PLO Israel. Ende 2000, nach dem Scheitern der amerikanischen Friedensverhandlungen unter Bill Clinton in Camp David, brach die zweite Intifada aus. Auch sie forderte bis 2005 unnötig viele Menschenleben in diesem scheinbar nie enden wollenden Konflikt am östlichen Mittelmeer. Die palästinensischen Autonomiegebiete gaben sich 2006 schließlich mit der Hamas eine radikale Führung und Israel damit erneut (wenn auch indirekt) eine Kriegserklärung. Im gleichen Jahr entführten Hamaskämpfer zwei israelische Soldaten in den Gazastreifen - Israel reagierte mit Angriffen auf den Gazastreifen und im Westjordanland. Es war der Beginn des zweiten Libanonkrieges.
Heute, am 18.10.2011, wurde einer der damals entführten israelischen Soldaten, Gilad Schalit, in einem groß inszenierten Gefangenenaustausch in die Arme Benjamin Netanjahus entlassen. Solche Aktionen sind für die beiden Parteien kein Novum. Im Gegenteil, schon mehrere dieser Art fanden statt und statistisch ist dabei ein israelischer Soldat soviel wert (jetzt ist der Bogen schlossen) wie 800 palästinensische Fr...(ja, was für Kämpfer sind es eigentlich genau?)kämpfer.
"Am 11. Oktober 2011 erklärte Benjamin Netanjahu, dass sich die israelische Regierung mit der Hamas auf einen Gefangenenaustausch geeinigt habe. Nach Angaben der Hamas sollen 1000 männliche und 27 weibliche Häftlinge in zwei Schritten freikommen. [...] Zunächst werden 479 Häftlinge freigegeben, darunter 279 zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen Verurteilte und alle 27 Palästinenserinnen, die wegen „Sicherheitsverstößen“ in Israel inhaftiert sind. [...] In einem zweiten Schritt sollen in zwei Monaten weitere 550 Häftlinge freigelassen werden."Der Handel sei besiegelt liest man jetzt in den Zeitungen. Verdammt nochmal, hier geht es nicht um Autoteile, hier geht es um Menschenleben, hier geht es um zerrissene Familien (teilweise seit mehreren Jahrzehnten), hier geht es um das Verständnis unserer Kultur!
(Quelle)
Doch warum erfolgte diese "Freilassung" erst jetzt? Warum konnte man sich nicht früher einigen? Klar ist, dass Ägypten eine wichtige Vermittlerrolle in diesen Austauschprozeduren zukommt. Und seit in Kairo ein neuer grüner Wind weht, ist die Hamas eher bereit, Zugeständnisse zu machen. Nicht zuletzt geht es dabei auch um ein potentielles Exil für die Hamas selbst, sollte der grüne Wind für Sturm in Damaskus sorgen. Aber auch Abbas' jüngster Schachzug, die Unabhängigkeit eines Palästinenserstaates vor den Vereinten Nationen zu fordern, ist nicht ohne Folgen für die Hamas geblieben. Das Image der ewig Gestrigen, der unflexiblen Starrköpfe haftet ihnen an. Da kommt eine Imagepolitur gerade recht.
Und Israel? Versuche einer gewaltsamen Befreiung schlugen abermals fehl, folglich blieb der Regierung nichts anderes übrig, als sich an den Verhandlungstisch zu begeben.
Leider zeigte sich Israel nach Abbas' Rede in New York brüskiert, weshalb (quasi als direktes Zeichen der Ignoranz gegenüber dem Palästinenserpräsidenten) der aktuelle Deal über seinen Kopf hinweg mit der Hamas und ohne die Fatah ausgehandelt wurde. Für die Hamas ist dieser Dienstag im Oktober unbestritten ein großer Tag. Denn Fernsehbilder von jubelnden, sich nach Jahren der Trennung wieder in den Armen liegenden Familien erreichen eine Menge potentieller Wähler.
Und Gilad Schalit? Wie geht es ihm? Er sieht auf den Bildern ziemlich ausgemergelt und geschwächt aus. 5 Jahre Isolationshaft hinterlassen Spuren, keine Frage. Doch der Körper erholt sich relativ schnell - im Gegensatz zur Psyche. Welche Folgen wird die Gefangenschaft für sein Leben haben? Kann das Rundum-Sorglos-Paket Israels auch die verlorenen Jahre eines jungen Erwachsenen ausgleichen? Wie lang hält der Status des Nationalhelden vor?
Malte Lehming vom Tagesspiegel ist diesbezüglich ziemlich optimistisch, wenn er Schalit quasi prämortem einen Platz in der Geschichte einräumt und dessen Freilassung als Grundstein eines eigenständigen Palästinenserstaates interpretiert. Sein Wort in Gottes Ohr. Inschallah.
"Israel befindet sich seit seiner Gründung im Verteidigungszustand. Den Bürgern des Landes wird viel abverlangt. Wir kämpfen für jeden von euch bis zum Äußersten, keiner wird je im Stich gelassen – diese Botschaft nach innen schweißt die Gesellschaft zusammen. Gilad Schalit symbolisiert daher beides, zum einen die Verwundbarkeit des Landes und die Amoral seiner Feinde, zum anderen die Kraft des Landes und seine Moral. Und wer weiß? Womöglich erwächst daraus sogar neuer Mut. Wer Verbrecher freilässt, um einen Menschen zu befreien, der kann vielleicht auch ein Volk in die Selbstbestimmung entlassen, um sich selbst vom Joch der Herrschaft über dieses Volk zu befreien."
Dienstag, 26. Juli 2011
Taxi industry paralysed
Norwegen, diese 385.000 km² lange schmale Landmasse im Norden Europas, verbinden die meisten Menschen mit schroffer Natur, einer geringen Bevölkerungsdichte, einer unauffälligen Demokratie, reichen Erdöl- u. Erdgasvorkommen sowie einer prosperierenden Wirtschaft, dank derer das hochindustrialisierte Land zu den (gemessen am BSP) reichsten (Liechtenstein, Luxemburg, Monaco einmal außen vor gelassen) Staaten Europas gehört.
Obwohl Norwegen zu den Gründungsmitgliedern der NATO gehört, stimmte die Bevölkerung gegen einen Beitritt zur Europäischen Union. Ursächlich hierfür mögen Befürchtungen (gewesen) sein, die eigene Souveränität in Teilen an Brüssel abtreten und lediglich als neuer Nettozahler ohne große Stimmgewalt (4,7 Mio. EW) dastehen zu müssen.
Geschadet haben diese Entscheidungen dem Land jedenfalls nicht und auch den minimalen Beitrag als NATO-Mitglied - etwa zum Einsatz in Libyen (zwei Flugzeuge) oder in Afghanistan (500 Soldaten) - dürfte die Bevölkerung mit Wohlwollen gesehen haben.
Umso brutaler wirkte da der Anschlag vom vergangenen Freitag; erst mit der Detonation einer Bombe im Zentrum Oslos und anschließend mit einem Massaker im Jugendlager der regierenden Arbeiterpartei auf einer rund 40 Kilometer entfernten kleinen Insel im Tyrifjord. Der Täter ist ein 32-jähriger Norweger, der diese Taten über einen langen Zeitraum geplant hat.
Der Kreuzzugsgedanke
Erstes Indiz dafür ist die Existenz eines 1500 Seiten umfassenden Manifests Anders Behring Breiviks. Es ist sein Versuch, die Geschichte zu wiederholen und nach "Mein Kampf" (er bewundert Hitler im Text allerdings nicht direkt) nun mit "2083 - A European Declaration of Independence" ein neues altes Zeitalter des Rassenhasses heraufzubeschwören. Das Titelblatt ziert ein rotes Kreuz - Symbol der Kreuzritter.
Zwischen 1095 und 1291 fanden die von den Päpsten propagierten Kreuzzüge statt, "um nach dem Willen Gottes Jerusalem und das Heilige Land zurückzuerobern und die morgenländischen Christen vom Joch der Heiden zu befreien. [...] Die durch ein Kreuz gekennzeichneten Kreuzfahrer verpflichteten sich durch ihr Gelübde zum Kampf für das Erbe Christi. [...] Sie erwarten als Lohn für die Kreuzfahrt neben anderen Gnaden die Vergebung ihrer Sünden." (aus: Der Große Ploetz. 34. Aufl., 1998, S. 400).
Die Christianisierung Norwegens erfolgte gewaltsam durch König Olaf II. der Heilige Anfang des 11. Jh., seine Nachfolger gründeten im späten 11. und frühen 12. Jh. Bistümer und Städte und etablierten das Erbkönigtum. Unter König Haakon IV. (1217 - 1263) schließlich kommt die Hanse ins Spiel, als nämlich deutsche Kaufleute in Bergen mit der Getreideeinfuhr beginnen. Bis ins 19. Jh. war Norwegen an Schweden und Dänemark im Zusammenhang mit dem Kalmarer Reich gebunden. Das Land blieb sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg neutral - wurde von den Deutschen aber dennoch 1940 besetzt.
Wer Norwegen heute als liberales und fortschrittliches Land einschätzt, hat gewiss Recht. Das bestätigte in den letzten Jahren auch immer wieder der Human Development Report der UN.
Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund beträgt etwa 11% (zum Vergleich: in Deutschland sind es 18%). Ein Ausländeranteil von 27% in der Hauptstadt belegt obendrein die Attraktivität der Lebensbedingungen - und die Herausforderungen für die Gesellschaft.
Breivik konzipierte für sich eine umfassende Theorie, um die gegebenen Fakten zu manipulieren. Er wollte/er will mit seinem Manifest einen Kreuzzug in die Vergangenheit ermöglichen.
Error
Georg Paul Hefty schreibt in der FAZ:
Das Problem dieser Kriterien liegt nun darin, dass keines für sich alleinstehend eine notwendige Bedingung einer psychischen Störung ist. Wie verfährt man also? Nun, es werden mehrere Klassifikationssysteme angewandt, mit der Zielstellung, Störungen als graduelle Unterschiede zwischen Menschengruppen aufzufassen.
Ich möchte inmitten dieses kleinen Psychologie-Exkurses im folgenden nur kurz auf die drei häufigsten Persönlichkeitsstörungen hinweisen.
a) Narzisstische Persönlichkeitsstörung
b) Zwanghafte P.
c) Antisoziale P.
Weitere Links:
- Liste der psychischen und Verhaltensstörungen nach ICD-10 in der Wikipedia
- Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information | ICD-10, F60-F69 (Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen)
Bis auf die letztgenannte P. sind übrigens alle höchst umstritten und manche Fachvertreter stellen gar das ganze Konstrukt der Persönlichkeitsstörungen in Frage. Psychologie eben.
Eine liberale Gesellschaft
Erstaunlich war für mich die Festnahme des Täters. Von anfänglichen Startschwierigkeiten der norwegischen Einsatzkräfte einmal abgesehen (ein Hubschrauber befand sich in Wartung, zwei weitere trafen verspätet am Treffpunkt ein; zuerst war kein passendes Boot vorhanden), verlief die weitere Aktion vorbildlich. Vorbildlich für ein demokratisches Land. Denn man erschoss den Täter nicht einfach (und behauptete später, in Notwehr gehandelt zu haben), sondern nahm ihn, den sich Ergebenden, fest - das Risiko einer versteckt am Körper getragenen Bombe mag dabei wohl die größte Angst ausgelöst haben.
Was bis zu diesem Zeitpunkt, was 90 ewig lange Minuten vorher geschah, mag man sich nicht ausmalen. Die Augenzeugenberichte sprechen eine grauenhafte Sprache. Man ist erneut verstört angesichts der Unberechenbarkeit und Grausamkeit des menschlichen Handelns.
Und man ist verstört ob der eigenen Hilflosigkeit, dem Ausgeliefertsein. Wir vertrauen anderen täglich. Dabei verlässt man sich einerseits auf die Erfahrung, andererseits auf die gesellschaftliche Kontrolle. Die meisten Menschen sind übersichtlich strukturiert und folgen einfachen Handlungsmustern. Sie stehen unter sog. sozialer Kontrolle und sind harmlos; hegen allenfalls Groll, wenn ihnen der Parklplatz vor der Nase weggeschnappt wird. Gefährlich sind diejenigen, die sich dank ihrer Intelligenz unentdeckt im Schwarm bewegen können.
Obwohl Norwegen zu den Gründungsmitgliedern der NATO gehört, stimmte die Bevölkerung gegen einen Beitritt zur Europäischen Union. Ursächlich hierfür mögen Befürchtungen (gewesen) sein, die eigene Souveränität in Teilen an Brüssel abtreten und lediglich als neuer Nettozahler ohne große Stimmgewalt (4,7 Mio. EW) dastehen zu müssen.
Geschadet haben diese Entscheidungen dem Land jedenfalls nicht und auch den minimalen Beitrag als NATO-Mitglied - etwa zum Einsatz in Libyen (zwei Flugzeuge) oder in Afghanistan (500 Soldaten) - dürfte die Bevölkerung mit Wohlwollen gesehen haben.
Umso brutaler wirkte da der Anschlag vom vergangenen Freitag; erst mit der Detonation einer Bombe im Zentrum Oslos und anschließend mit einem Massaker im Jugendlager der regierenden Arbeiterpartei auf einer rund 40 Kilometer entfernten kleinen Insel im Tyrifjord. Der Täter ist ein 32-jähriger Norweger, der diese Taten über einen langen Zeitraum geplant hat.
Der Kreuzzugsgedanke
Erstes Indiz dafür ist die Existenz eines 1500 Seiten umfassenden Manifests Anders Behring Breiviks. Es ist sein Versuch, die Geschichte zu wiederholen und nach "Mein Kampf" (er bewundert Hitler im Text allerdings nicht direkt) nun mit "2083 - A European Declaration of Independence" ein neues altes Zeitalter des Rassenhasses heraufzubeschwören. Das Titelblatt ziert ein rotes Kreuz - Symbol der Kreuzritter.
Zwischen 1095 und 1291 fanden die von den Päpsten propagierten Kreuzzüge statt, "um nach dem Willen Gottes Jerusalem und das Heilige Land zurückzuerobern und die morgenländischen Christen vom Joch der Heiden zu befreien. [...] Die durch ein Kreuz gekennzeichneten Kreuzfahrer verpflichteten sich durch ihr Gelübde zum Kampf für das Erbe Christi. [...] Sie erwarten als Lohn für die Kreuzfahrt neben anderen Gnaden die Vergebung ihrer Sünden." (aus: Der Große Ploetz. 34. Aufl., 1998, S. 400).
Die Christianisierung Norwegens erfolgte gewaltsam durch König Olaf II. der Heilige Anfang des 11. Jh., seine Nachfolger gründeten im späten 11. und frühen 12. Jh. Bistümer und Städte und etablierten das Erbkönigtum. Unter König Haakon IV. (1217 - 1263) schließlich kommt die Hanse ins Spiel, als nämlich deutsche Kaufleute in Bergen mit der Getreideeinfuhr beginnen. Bis ins 19. Jh. war Norwegen an Schweden und Dänemark im Zusammenhang mit dem Kalmarer Reich gebunden. Das Land blieb sowohl im Ersten als auch im Zweiten Weltkrieg neutral - wurde von den Deutschen aber dennoch 1940 besetzt.
Wer Norwegen heute als liberales und fortschrittliches Land einschätzt, hat gewiss Recht. Das bestätigte in den letzten Jahren auch immer wieder der Human Development Report der UN.
Der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund beträgt etwa 11% (zum Vergleich: in Deutschland sind es 18%). Ein Ausländeranteil von 27% in der Hauptstadt belegt obendrein die Attraktivität der Lebensbedingungen - und die Herausforderungen für die Gesellschaft.
Breivik konzipierte für sich eine umfassende Theorie, um die gegebenen Fakten zu manipulieren. Er wollte/er will mit seinem Manifest einen Kreuzzug in die Vergangenheit ermöglichen.
Error
Georg Paul Hefty schreibt in der FAZ:
"Das Handeln dieses Täters ist weder politisch noch gesellschaftlich, weder religiös noch esoterisch verständlich. Die einzige Kategorie, die darauf passt, ist Wahnsinn."Mit Wahnsinn umschreibt der Volksmund psychische Störungen und die Wissenschaft hat dafür sechs klare(?) Kriterien parat:
- Leiden und fehlangepasstes Verhalten (eigenschädliches Verhalten)
- Irrationalität
- Unvorhersagbares Verhalten, Kontrollverlust
- Unkonventionelles Verhalten (von allgemeinen Maßstäben abweichend)
- Moralisch inakzeptables Verhalten
- löst beim Beobachter Unbehagen aus
Das Problem dieser Kriterien liegt nun darin, dass keines für sich alleinstehend eine notwendige Bedingung einer psychischen Störung ist. Wie verfährt man also? Nun, es werden mehrere Klassifikationssysteme angewandt, mit der Zielstellung, Störungen als graduelle Unterschiede zwischen Menschengruppen aufzufassen.
Ich möchte inmitten dieses kleinen Psychologie-Exkurses im folgenden nur kurz auf die drei häufigsten Persönlichkeitsstörungen hinweisen.
a) Narzisstische Persönlichkeitsstörung
- übertriebenes Gefühl der eigenen Bedeutung
- Erfolgs- und Machtphantasien
- Sehnsucht nach Anerkennung und Bewunderung
- Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen
- Empathiemangel
b) Zwanghafte P.
- aufgabenorientierter Perfektionismus
- übertriebene Fixierung auf die Arbeit bis hin zum Ausschluss jeglichen Vergnügens
- autoritär anderen gegenüber - aber selbst nicht auf Anordnungen hörend
- beschäftigen sich gern mit Regeln, Rollen, Trivialitäten - übergenau und egozentristisch
- große Angst vor Fehlern
c) Antisoziale P.
- Verletzung der Rechte anderer und die Zurückweisung sozialer Normen
- Gesetzesbruch, Kriminalität
- fehlendes Schamgefühl
- fehlendes Verantwortungsgefühl
- "Soziopathen"
Weitere Links:
- Liste der psychischen und Verhaltensstörungen nach ICD-10 in der Wikipedia
- Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information | ICD-10, F60-F69 (Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen)
Bis auf die letztgenannte P. sind übrigens alle höchst umstritten und manche Fachvertreter stellen gar das ganze Konstrukt der Persönlichkeitsstörungen in Frage. Psychologie eben.
Eine liberale Gesellschaft
Erstaunlich war für mich die Festnahme des Täters. Von anfänglichen Startschwierigkeiten der norwegischen Einsatzkräfte einmal abgesehen (ein Hubschrauber befand sich in Wartung, zwei weitere trafen verspätet am Treffpunkt ein; zuerst war kein passendes Boot vorhanden), verlief die weitere Aktion vorbildlich. Vorbildlich für ein demokratisches Land. Denn man erschoss den Täter nicht einfach (und behauptete später, in Notwehr gehandelt zu haben), sondern nahm ihn, den sich Ergebenden, fest - das Risiko einer versteckt am Körper getragenen Bombe mag dabei wohl die größte Angst ausgelöst haben.
Was bis zu diesem Zeitpunkt, was 90 ewig lange Minuten vorher geschah, mag man sich nicht ausmalen. Die Augenzeugenberichte sprechen eine grauenhafte Sprache. Man ist erneut verstört angesichts der Unberechenbarkeit und Grausamkeit des menschlichen Handelns.
Und man ist verstört ob der eigenen Hilflosigkeit, dem Ausgeliefertsein. Wir vertrauen anderen täglich. Dabei verlässt man sich einerseits auf die Erfahrung, andererseits auf die gesellschaftliche Kontrolle. Die meisten Menschen sind übersichtlich strukturiert und folgen einfachen Handlungsmustern. Sie stehen unter sog. sozialer Kontrolle und sind harmlos; hegen allenfalls Groll, wenn ihnen der Parklplatz vor der Nase weggeschnappt wird. Gefährlich sind diejenigen, die sich dank ihrer Intelligenz unentdeckt im Schwarm bewegen können.
"As for girlfriends; I do get the occasional lead, or the occasional girl making a move, especially now a day as I'm fit like hell and feel great. But I'm trying to avoid relationships as it would only complicate my plans and it may jeopardize my operation."Sicherlich bedeutet nicht jeder soziale Rückzug die Planung eines Amoklaufs, aber er gibt Anlass zum Nachdenken. Wenn wir alle ein bisschen weniger egoistisch und ein bisschen mehr empfänglich für das Tun unserer Umwelt werden - ein persönliches Lob kann Berge versetzen -, Feedback und Bestätigung geben, in den besten Momenten Bedürfnisse blind erkennen, dann, ja dann ist dies schon alles in unserer Macht stehende.
(Anders Behring Breivik)
"Die Antwort auf Gewalt ist mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nicht mehr Naivität."
(Jens Stoltenberg)
Freitag, 24. Juni 2011
Alles was zählt
Faszinierend. Immer wieder faszinierend. Wer die Nachrichten der vergangenen Tage und Wochen verfolgt hat, dem wird neben dem Klicken der griechischen Schirme auch eine Reihe deutsch-internationaler Regierungskonsultationen aufgefallen sein. Deutsch-israelische, deutsch-indische, deutsch-polnische und vor der Haustür stehend: chinesisch-deutsche. Ja, richtig gelesen, manche Gazetten titeln auf einmal Deutschland an zweite Stelle. Ob dies rein profane Höflichkeitsgründe (der Gast wird zuerst genannt) hat oder ob doch mehr dahinter steckt?
Wie dem auch sei, Anknüpfungspunkte für die 14 Ministerien gibt es gewiss immer, aber (und die Frage sei erlaubt), welche Aufgaben kommen dabei Ronald Pofalla, dem Chef des Bundeskanzler(auf der Regierungswebseite übrigens brav ins generische Maskulinum gesetzt - und wieso existiert dann parallel dazu die Domain www.bundeskanzlerin.de?)innenamtes zu?
Keine Sorge, der amtierende "Bundesminister für besondere Aufgaben" erfüllte schon damals als Generalsekretär stets die Anforderungen an die Stellenbeschreibung. Anno dazumal: Wadenbeißer.
Solch ein Hochglanzrhetoriker mit näselndem Singsang aus dem tiefsten NRW ist aktuell zwar (neue Stellenbeschreibung: Im Hintergrund den Regierungsapparat reibungsfrei am laufen halten) wieder unscheinbar (herrlich), dass man nichts hört, deutet aber keinesfalls auf Harmonie hin. Ein Spiegel-Artikel aus dem letzten Jahr macht meine Vermutungen publik. Karrierefixiertes Klein-Klein und sonst nur heiße Luft, die nach Kondensation beim jeweiligen Arbeitgeber und Wähler lechzt. Schönes Tagen.
---
Vielleicht hat Herr Pofalla im Hintergrund mit den Chinesen vereinbart, die Möglichkeit der Kaution in deren Rechtssystem aufzunehmen. So als Beseitigung unangenehmer Quietschgeräusche eines inhaftierten Ai Weiweis quasi...
Man weiß ja so wenig. Und was sind schon 100 Millionen handgefertigte Porzellan-Sonnenblumenkerne in der Londoner Tate Modern gegenüber einer Zahl von 750 Mrd. t CO2, die maximal bis Mitte des Jahrhunderts emittiert werden dürfen, will man die berühmte 2°C-Marke nicht reißen?
(Quelle: WBGU-Gutachten: Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation)
So oder so: bei deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen wäre ich gern dabei. Nicht nur, um das Bauchpinseln und Honig-ums-Maul-streichen aus nächster Nähe beobachten, nein, auch um konkrete Vereinbarungen aus erstem Munde hören zu können. Wir Zuschauer müssen nämlich aufpassen, den roten Faden nicht zu verlieren. Kommt es nur mir so vor oder stürzen jeden Tag mehr Nachrichten auf uns ein? Gestern noch die vage Ankündigung Medwedjews, im nächsten Jahr gegen einen Parteifreund nicht kandidieren zu wollen; gestern noch das Überleben eines Sprengfallenanschlags um Haaresbreite (dafür mussten mehrere afghanische Zivilisten ihr Leben lassen) eines ranghohen deutschen Militärs; gestern noch die Rede Obamas zum Truppenrückzug (ein Kommentar dazu auf faz.net); gestern noch das überstandene Misstrauensvotum Papandreous; gestern noch neue Rekordorders bei der Internationalen Luftfahrtmesse in Le Bourget; gestern noch die Meldung, dass der Nahrungsmittelpreisindex der FAO einen neuen Höchststand erreicht hat.
Über letzteres wird man in Delhi garantiert gesprochen haben und sicher auch über die Tatsache, dass ein Großteil der Bevölkerung des indischen Subkontinents in unmittelbarer Küstennähe, auf Meeresspiegelniveau lebt. Aufgrund anhaltenden Bevölkerungswachstums ist ferner davon auszugehen, dass die indische Bevölkerung im Jahr 2030 jene von China zahlenmäßig übersteigt - über 1,6 Mrd. Menschen -, ein Markt, den sich kein Industrieland entgehen lassen möchte. Doch bevor ein Interesse an Offshore-Windkraftanlagen besteht, muss die Nahrungssicherheit der Bevölkerung gewährleistet sein. Maslow hatte eben doch ins Schwarze getroffen.
(Quelle: Gemüsebauern in Maharashtra, Geographische Rundschau, 5/2011, S. 36-41).
---
Also, wer gibt uns heute Orientierung, gibt uns Rat in diesem Dschungel der Informationen? Wer besitzt die Fähigkeit der Führung in Zeiten globaler Vernetzung?
Nun, bei den Teilnehmern der Bilderberg-Konferenzen wähnt man sich diesbezüglich fast am Ziel. Seit 1954 treffen sich etwa 120 einflussreiche Menschen jährlich für jeweils 3 Tage an einem anderen Ort auf dem Globus. Der Termin ist stets geheim, der Ort ist stets geheim, die Teilnehmerliste ist stets geheim. Erst nach Ende der Tagung wird eine Liste mit den geladenen Gästen veröffentlicht: Hier die von 2011.
Mit dabei waren unter anderem Josef Ackermann, unser ehemaliger Finanzminister Peer Steinbrück sowie der griechische Finanzminister George Papaconstantinou. Daneben etliche Vertreter internationaler Banken- und Finanzforschungsinstitute ... sowie der Direktor der NSA.
Welch illustrer Kreis! Auf der offiziellen Webpräsenz heißt es allgemein zum Zweck der Übereinkünfte:
Wer zu einem dieser Meetings geladen wird, ist folglich ein Entscheidungsträger und Weichensteller, eine ausgewiesene Koryphäe auf seinem Gebiet oder ein Journalist ohne redaktionelle bzw. parteipolitische Scheuklappen. Welche Impulse aus den Treffen für die strategischen Planungen in den jeweiligen Herkunftsländern der Teilnehmer allerdings konkret erwachsen werden und ob dabei gewisse "Geschmäckle" zu identifizieren wären, werden wir Normalsterblichen folglich nie erfahren.
Bloß - und das sei noch den Planungen der Konferenz 2012 vorgeschoben -, liebe Organisatoren, einen ausgewiesenen Klimawissenschaftler hattet ihr noch nie auf eurer Agenda. Schade eigentlich, zählt in den nächsten 50 und mehr Jahren das "Primat eines transatlantischen Bündnisses" doch immer weniger.
Wie dem auch sei, Anknüpfungspunkte für die 14 Ministerien gibt es gewiss immer, aber (und die Frage sei erlaubt), welche Aufgaben kommen dabei Ronald Pofalla, dem Chef des Bundeskanzler(auf der Regierungswebseite übrigens brav ins generische Maskulinum gesetzt - und wieso existiert dann parallel dazu die Domain www.bundeskanzlerin.de?)innenamtes zu?
Keine Sorge, der amtierende "Bundesminister für besondere Aufgaben" erfüllte schon damals als Generalsekretär stets die Anforderungen an die Stellenbeschreibung. Anno dazumal: Wadenbeißer.
Solch ein Hochglanzrhetoriker mit näselndem Singsang aus dem tiefsten NRW ist aktuell zwar (neue Stellenbeschreibung: Im Hintergrund den Regierungsapparat reibungsfrei am laufen halten) wieder unscheinbar (herrlich), dass man nichts hört, deutet aber keinesfalls auf Harmonie hin. Ein Spiegel-Artikel aus dem letzten Jahr macht meine Vermutungen publik. Karrierefixiertes Klein-Klein und sonst nur heiße Luft, die nach Kondensation beim jeweiligen Arbeitgeber und Wähler lechzt. Schönes Tagen.
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Vielleicht hat Herr Pofalla im Hintergrund mit den Chinesen vereinbart, die Möglichkeit der Kaution in deren Rechtssystem aufzunehmen. So als Beseitigung unangenehmer Quietschgeräusche eines inhaftierten Ai Weiweis quasi...
Man weiß ja so wenig. Und was sind schon 100 Millionen handgefertigte Porzellan-Sonnenblumenkerne in der Londoner Tate Modern gegenüber einer Zahl von 750 Mrd. t CO2, die maximal bis Mitte des Jahrhunderts emittiert werden dürfen, will man die berühmte 2°C-Marke nicht reißen?
(Quelle: WBGU-Gutachten: Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation)
So oder so: bei deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen wäre ich gern dabei. Nicht nur, um das Bauchpinseln und Honig-ums-Maul-streichen aus nächster Nähe beobachten, nein, auch um konkrete Vereinbarungen aus erstem Munde hören zu können. Wir Zuschauer müssen nämlich aufpassen, den roten Faden nicht zu verlieren. Kommt es nur mir so vor oder stürzen jeden Tag mehr Nachrichten auf uns ein? Gestern noch die vage Ankündigung Medwedjews, im nächsten Jahr gegen einen Parteifreund nicht kandidieren zu wollen; gestern noch das Überleben eines Sprengfallenanschlags um Haaresbreite (dafür mussten mehrere afghanische Zivilisten ihr Leben lassen) eines ranghohen deutschen Militärs; gestern noch die Rede Obamas zum Truppenrückzug (ein Kommentar dazu auf faz.net); gestern noch das überstandene Misstrauensvotum Papandreous; gestern noch neue Rekordorders bei der Internationalen Luftfahrtmesse in Le Bourget; gestern noch die Meldung, dass der Nahrungsmittelpreisindex der FAO einen neuen Höchststand erreicht hat.
Über letzteres wird man in Delhi garantiert gesprochen haben und sicher auch über die Tatsache, dass ein Großteil der Bevölkerung des indischen Subkontinents in unmittelbarer Küstennähe, auf Meeresspiegelniveau lebt. Aufgrund anhaltenden Bevölkerungswachstums ist ferner davon auszugehen, dass die indische Bevölkerung im Jahr 2030 jene von China zahlenmäßig übersteigt - über 1,6 Mrd. Menschen -, ein Markt, den sich kein Industrieland entgehen lassen möchte. Doch bevor ein Interesse an Offshore-Windkraftanlagen besteht, muss die Nahrungssicherheit der Bevölkerung gewährleistet sein. Maslow hatte eben doch ins Schwarze getroffen.
(Quelle: Gemüsebauern in Maharashtra, Geographische Rundschau, 5/2011, S. 36-41).
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Also, wer gibt uns heute Orientierung, gibt uns Rat in diesem Dschungel der Informationen? Wer besitzt die Fähigkeit der Führung in Zeiten globaler Vernetzung?
Nun, bei den Teilnehmern der Bilderberg-Konferenzen wähnt man sich diesbezüglich fast am Ziel. Seit 1954 treffen sich etwa 120 einflussreiche Menschen jährlich für jeweils 3 Tage an einem anderen Ort auf dem Globus. Der Termin ist stets geheim, der Ort ist stets geheim, die Teilnehmerliste ist stets geheim. Erst nach Ende der Tagung wird eine Liste mit den geladenen Gästen veröffentlicht: Hier die von 2011.
Mit dabei waren unter anderem Josef Ackermann, unser ehemaliger Finanzminister Peer Steinbrück sowie der griechische Finanzminister George Papaconstantinou. Daneben etliche Vertreter internationaler Banken- und Finanzforschungsinstitute ... sowie der Direktor der NSA.
Welch illustrer Kreis! Auf der offiziellen Webpräsenz heißt es allgemein zum Zweck der Übereinkünfte:
"The Cold War has now ended. But in practically all respects there are more, not fewer, common problems - from trade to jobs, from monetary policy to investment, from ecological challenges to the task of promoting international security. It is hard to think of any major issue in either Europe or North America whose unilateral solution would not have repercussions for the other.(Quelle: http://www.bilderbergmeetings.org/index.html)
Thus the concept of a European-American forum has not been overtaken by time. The dialogue between these two regions is still - even increasingly - critical. [...]
What is unique about Bilderberg as a forum is
* the broad cross-section of leading citizens that are assembled for nearly three days of informal and off-the-record discussion about topics of current concern especially in the fields of foreign affairs and the international economy [...]
* the privacy of the meetings, which has no purpose other than to allow participants to speak their minds openly and freely. [...]
In short, Bilderberg is a small, flexible, informal and off-the-record international forum in which different viewpoints can be expressed and mutual understanding enhanced. [...]
Invitations to Bilderberg conferences are extended by the Chairman following consultation with the Steering Committee members. Participants are chosen for their experience, their knowledge, their standing and their contribution to the selected agenda. [...]
There usually are about 120 participants of whom about two-thirds come from Europe and the balance from North America. About one-third is from government and politics, and two-thirds from finance, industry, labour, education and communications. Participants attend Bilderberg in a private and not an official capacity."
Wer zu einem dieser Meetings geladen wird, ist folglich ein Entscheidungsträger und Weichensteller, eine ausgewiesene Koryphäe auf seinem Gebiet oder ein Journalist ohne redaktionelle bzw. parteipolitische Scheuklappen. Welche Impulse aus den Treffen für die strategischen Planungen in den jeweiligen Herkunftsländern der Teilnehmer allerdings konkret erwachsen werden und ob dabei gewisse "Geschmäckle" zu identifizieren wären, werden wir Normalsterblichen folglich nie erfahren.
Bloß - und das sei noch den Planungen der Konferenz 2012 vorgeschoben -, liebe Organisatoren, einen ausgewiesenen Klimawissenschaftler hattet ihr noch nie auf eurer Agenda. Schade eigentlich, zählt in den nächsten 50 und mehr Jahren das "Primat eines transatlantischen Bündnisses" doch immer weniger.
Themen:
Politik,
Vermischtes,
Zeitgeschichte
Montag, 30. Mai 2011
Ideale und gebrochene Versprechen
Amnesty International wurde vor 50 Jahren aus einem Anlass persönlicher Wut heraus gegründet. Der Brite Peter Benenson war es leid, bei den tagtäglich weltweit stattfindenden Vergehen gegen die Menschenrechte nur Zeuge zu sein. Er beschloss zu handeln und appellierte in einem Zeitungsartikel an die Leser, sich mit der eigenen Stimme gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen. Dieser Artikel wurde von zahlreichen Zeitungen weltweit nachgedruckt und gilt seitdem als Grundstein der Organisation.
Zu den Gründungsmitgliedern der "deutschen Sektion" zählt übrigens auch Gerd Ruge, altgedienter Russland-Korrespondent der ARD und bekannt durch seine genauen Porträts der russischen Seele.
Nun, schaut man sich die Ziele der Organisation an, so wird umso deutlicher, welche Tragik dahintersteckt. Denn der Schutz der Frauenrechte, der Kampf gegen Diskriminierung, die "Sicherstellung der körperlichen und geistigen Unversehrtheit aller Menschen" sollten Standard einer jeden zivilisierten Welt sein. Sollten sie. Sind es aber nicht.
So hat sich auch nach 50 Jahren die Organisation noch immer nicht überflüssig machen können, agiert im Gegenteil weiterhin in fast allen Staaten weltweit. Und wie das so ist im menschlichen Miteinander - nolens volens -, existiert auch bei Amnesty eine Hierarchie. Diese geht vom Internationalen Sekretariat in London aus und reicht weiter über die Sektionen bis hin zu den sog. Gruppen.
Aufpassen müssen die Verantwortlichen bei der Wahl der zukünftigen Strategie und ihrer Schwerpunkte. Das öffentliche Bewusstsein einer rechtlichen Schieflage ist ein unverzichtbarer Schlüssel zum Erfolg, zum Beenden der Schieflage. Die Frage, wie ich Öffentlichkeit/Mehrheiten gewinne, ohne derb plakativ handeln zu müssen (und damit zu scheitern), stellt sich daher gleich zu Beginn der nächsten 50 Jahre Amnesty International.
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Nun folgen Auszüge aus den "Amnesty-Reports 2011" für Deutschland, die USA, Russland und China. Das Staubkorn verzichtet auf einen dezidierten Kommentar und bleibt in seiner Auswahl gewohnt ausgewogen, objektiv und überparteilich. Jetzt aber, Bühne frei für die große Show der Humanisten in Nadelstreifen, resp. 3-, wahlweise 6-Knopf,-Jacketträgerinnen.
Deutschland
"Auf Misshandlungsvorwürfe gegen Polizeibeamte wurde nur unzureichend reagiert. [...]
Die mangelnde Bereitschaft der Behörden, Vorwürfe über Misshandlungen der Polizei angemessen zu untersuchen, aber auch unzureichende Informationen über das Verfahren beim Erstatten einer Strafanzeige und Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Polizeibeamten waren möglicherweise Gründe dafür, warum in Fällen rechtswidriger Polizeigewalt Täter nicht zur Verantwortung gezogen wurden und Opfer es schwer hatten, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu erlangen. [...]
Nach wie vor wurden Misshandlungsvorwürfe gegen Polizeibeamte erhoben. [...]
Nach Angaben von Demonstrierenden setzte die Polizei am 30. September 2010 bei den Protesten gegen das Bauprojekt Stuttgart 21 unverhältnismäßige Gewalt ein. [...]
Einige Bundesländer schoben weiterhin Roma, Aschkali und Ägypter in den Kosovo ab, obwohl ihnen dort bei ihrer Rückkehr Verfolgung und Diskriminierung drohten und sie deshalb nur begrenzt Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und Sozialleistungen hatten. [...]
Am 16. September 2010 wurden ein staatenloser Palästinenser und ein syrischer Staatsbürger, die beide aus Guantánamo Bay entlassen worden waren, in Hamburg bzw. Rheinland-Pfalz aufgenommen. Der Bundesinnenminister kündigte an, dass darüber hinaus keine weiteren ehemaligen Häftlinge aus Guantánamo Bay in Deutschland Schutz erhalten würden."
USA
"Im Jahr 2010 wurden 46 Menschen hingerichtet, darunter eine Frau. [...]
Am 15. Juni wurde David Powell für einen mehr als 30 Jahre zurückliegenden Mord an einem Polizeibeamten hingerichtet, obwohl alles dafür sprach, dass er keine weiteren Gewalttaten mehr begehen und für die Gesellschaft keine Bedrohung mehr darstellen würde. Powell hatte mehr als die Hälfte seines Lebens im Todestrakt verbracht.
Am 9. September wurde in Alabama der geistig behinderte Holly Wood hingerichtet. Sein unerfahrener Verteidiger hatte dem Gericht keine Beweise für die Behinderung seines Mandanten vorgelegt.
Am 27. September wurde Brandon Rhode in Georgia hingerichtet. Er hatte sich sechs Tage zuvor mit einer Rasierklinge schwere Schnittverletzungen an Hals und Armen zugefügt. Nach seiner Wiederbelebung im Krankenhaus wurde er mit der Giftspritze für ein Verbrechen hingerichtet, das er im Alter von 18 Jahren begangen hatte. [...]
Es trafen weiterhin Berichte über exzessive Gewaltanwendung und unzumutbare Haftbedingungen ein. Da Präsident Barack Obama seine Zusage, das Militärgefängnis auf dem Marinestützpunkt Guantánamo Bay binnen eines Jahres schließen zu lassen, nicht einhielt, waren dort nach wie vor zahlreiche Menschen unbefristet inhaftiert. [...]
Auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan wurden weiterhin Hunderte von Gefangenen festgehalten. Die US-Behörden blockierten alle Versuche, Verbrechen gegen das Völkerrecht zu ahnden, die im Rahmen des Programms der geheimen Inhaftierung und Überstellung an Inhaftierten begangen wurden. [...]
Am 22. Januar 2010, nach Ablauf der von Präsident Barack Obama zugesicherten einjährigen Frist für die Schließung des Haftlagers Guantánamo, wurden dort noch immer 198 Männer festgehalten, etwa die Hälfte davon jemenitische Staatsangehörige. Ende 2010 waren in Guantánamo noch 174 Männer inhaftiert. Drei von ihnen waren von Militärkommissionen in Prozessen verurteilt worden, die nicht den internationalen Standards für faire Verfahren entsprachen. [...]
Im April 2010 veröffentlichte das Verteidigungsministerium die Bestimmungen für die Verfahren vor den Militärkommissionen. In dem neuen Handbuch wurde bestätigt, dass sich die derzeitige US-Regierung - ebenso wie die Vorgängerregierung - das Recht vorbehält, Verdächtige selbst nach einem Freispruch durch die Militärkommission weiter unbefristet in Gewahrsam zu halten. [...]
Hunderte von Gefangenen wurden 2010 auf dem Gelände des US-Militärstützpunkts Bagram im neu errichteten Haftzentrum Detention Facility in Parwan (DFIP) festgehalten, das seit Ende 2009 das bisherige Gefangenenlager Bagram Theater Internment Facility ersetzt. [...] Nach Angaben der US-Behörden war geplant, das DFIP an die afghanischen Behörden "zur Inhaftierung von Strafgefangenen und Verurteilten" zu übergeben. Die "Übergangsmaßnahmen" sollten im Januar 2011 beginnen. [...] Die Länge der Übergangsphase hänge u.a. von den "operativen Rahmenbedingungen" und den Kapazitäten der afghanischen Justiz ab. Entscheidend sei auch, ob die afghanische Regierung umfassend geschult und ausgestattet sei, um ihre Verpflichtungen bezüglich Strafverfolgung und Inhaftierung gemäß nationalem und internationalem Recht zu erfüllen. [...]
Besorgt über Vorwürfe, wonach Häftlinge in einer Durchgangsstation des Luftwaffenstützpunkts Bagram Opfer von Folter oder anderen Misshandlungen wurden. In Berichten war von lang andauernder Isolationshaft und Schlafentzug die Rede, auch sollen die Häftlinge extremen Temperaturen ausgesetzt worden sein. [...]
Mindestens 55 Menschen starben 2010 nach Polizeieinsätzen mit Taser-Waffen. Damit stieg die Zahl der seit 2001 durch Elektroschockwaffen getöteten Menschen auf mindestens 450. Die meisten Opfer waren unbewaffnet und stellten zum Zeitpunkt des Angriffs offenbar keine ernste Bedrohung dar. In einigen Situationen wurde sogar wiederholt mit der Taser-Waffe gefeuert. Aufgrund dieser Fälle bestand weiterhin Sorge bezüglich der Sicherheit und des angemessenen Einsatzes dieser Waffen. [...]
Im Juni 2010 starb der 15-jährige Sergio Hernández Güereca an einem Kopfschuss durch einen US-Grenzschutzbeamten. Laut einer Pressemeldung des FBI hatte der Beamte das Feuer eröffnet, als er von einer Gruppe Jugendlicher umringt wurde, die Steine nach ihm warfen. Auf Videoaufnahmen war jedoch zu sehen, dass der Junge zurück nach Mexiko rannte, als der Beamte mehrmals über die Grenze hinweg feuerte und ihn aus einiger Entfernung erschoss. [...]
Es gab 2010 zahlreiche Beschwerden über unmenschliche Bedingungen, denen Gefangene in lang andauernder Isolationshaft in Hochsicherheitsgefängnissen unterworfen waren. [...]
Im Juli 2010 verabschiedete der Kongress ein Gesetz (Tribal Law and Order Act), das den Zugang indigener Frauen zum Justizsystem verbessern soll, wenn sie Opfer einer Vergewaltigung wurden. [...]
Auch 2010 starben noch immer Hunderte von Frauen an vermeidbaren Komplikationen während einer Schwangerschaft. Der Zugang zu qualitativ hochwertiger medizinischer Versorgung hing häufig von Faktoren wie ethnischer Zugehörigkeit bzw. Herkunftsland, Wohnort und Einkommen der Frauen ab. [...]
Am 14. Oktober forderte der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes die USA auf, die Kinderrechtskonvention zu ratifizieren. Die USA und Somalia sind die einzigen Länder, die dies bislang noch nicht getan haben."
Russland
"Menschenrechtsverteidiger und unabhängige Journalisten wurden weiterhin bedroht, schikaniert und tätlich angegriffen. Untersuchungen dieser Fälle lieferten kaum konkrete Ergebnisse. Die Rechte auf Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung wurden nach wie vor beeinträchtigt. [...]
Die Sicherheitslage im Nordkaukasus war noch immer instabil. Es gab in dieser Region weiterhin Angriffe bewaffneter Gruppen und eine hohe Zahl von Menschenrechtsverletzungen wie Tötungen, Folterungen und Fälle von "Verschwindenlassen". [...]
Ende 2010 schien es, als habe Russland die Wirtschaftskrise ohne größere soziale, wirtschaftliche und politische Unruhen überstanden. In den Beziehungen zu einer Reihe von Nachbarstaaten sowie zu westlichen Ländern waren Verbesserungen zu verzeichnen. [...]
Die Proteste in Moskau, St. Petersburg und anderen Orten verliefen meist friedlich. Einige nicht genehmigte Demonstrationen wurden allerdings von der Polizei mit exzessiver Gewaltanwendung aufgelöst. Es herrschte Besorgnis über die politisch sehr einseitige Berichterstattung der Rundfunk- und Fernsehstationen sowie der Printmedien. In den elektronischen Medien herrschte dagegen mehr Pluralismus. Digitale Videos und soziale Netzwerke im Internet wurden kreativ eingesetzt, um Informationen über Menschenrechtsverletzungen zu verbreiten und zum gesellschaftlichen Engagement aufzurufen. [...]
Es gab eine anhaltend hohe Zahl von Berichten über Folter und andere Misshandlungen durch Angehörige der Strafverfolgungsbehörden, die offenbar häufig dazu dienten, "Geständnisse" oder Geld zu erpressen. [...]
Um die Unabhängigkeit der Strafermittlungen zu verbessern, kündigte die russische Regierung im September 2010 an, das Ermittlungskomitee bei der Staatsanwaltschaft werde ab 2011 als unabhängiges Ermittlungsorgan agieren und der Kontrolle der Generalstaatsanwaltschaft entzogen. Es sei künftig direkt dem Präsidenten verantwortlich. [...]
Während des zweiten Verfahrens gegen den früheren Mehrheitsaktionär des Erdölkonzerns YUKOS, Michail Chodorkowski, und seinen ehemaligen Geschäftspartner Platon Lebedew, in dem ihnen u.a. die Unterschlagung von Erdöl im YUKOS-Konzern zur Last gelegt wurde, verstärkten sich die Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit der Richter und Staatsanwälte. Die Anklage erschien politisch motiviert. [...]
Im Oktober 2010 erklärte ein Gericht in St. Petersburg in einem aufsehenerregenden Urteil das Verbot einer Parade von Homosexuellen durch den Stadtrat für rechtswidrig. Noch im selben Monat entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), die Moskauer Stadtverwaltung habe mit dem Verbot der Paraden in den Jahren 2006, 2007 und 2008 gegen das Recht auf friedliche Versammlung verstoßen und die Organisatoren wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert. [...]
Die Untersuchungen von Überfällen sowie von Morden an bekannten Menschenrechtsverteidigern und Journalisten führten bislang kaum zu Ergebnissen. Im Zusammenhang mit der Ermordung der Journalistin und Menschenrechtsverteidigerin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 verdächtigte das Ermittlungskomitee bei der Staatsanwaltschaft nach wie vor die Männer, die bereits wegen Mangels an Beweisen freigesprochen worden waren. [...]
Im April wurde der Moskauer Richter Eduard Tschuwaschow, der mehrere rassistisch motivierte Gewalttäter zu langen Gefängnisstrafen verurteilt hatte, vor seiner Haustür erschossen. [...]
Im gesamten Nordkaukasus sollen Beamte mit Polizeibefugnissen an Menschenrechtsverletzungen beteiligt gewesen sein. Es wurden ihnen widerrechtliche Inhaftierungen und Folter vorgeworfen sowie in einigen Fällen auch die außergerichtliche Hinrichtung mutmaßlicher Mitglieder bewaffneter Gruppen. Da es keine wirksamen Untersuchungen dieser Menschenrechtsverletzungen gab, wurden die Täter auch nicht zur Rechenschaft gezogen. [...]
Im Februar 2010 ermordeten Berichten zufolge Angehörige der Strafverfolgungsorgane mindestens vier tschetschenische Zivilpersonen, die an der Grenze zwischen Tschetschenien und Inguschetien wilden Knoblauch pflückten. Die Behörden behaupteten, im Zuge einer Operation in einem abgeriegelten Gebiet seien bewaffnete Kämpfer getötet worden. Doch die Überlebenden aus der Gruppe der Knoblauchsammler stellten die Ereignisse anders dar. Mindestens ein Opfer wurde mit einem Messer getötet, andere wurden aus kürzester Entfernung erschossen."
China
"Die chinesische Regierung reagierte auf eine zunehmend wachsende Zivilgesellschaft mit der Inhaftierung und Strafverfolgung von Menschen, die in friedlicher Weise ihre Meinung zum Ausdruck brachten, vom Staat nicht zugelassenen Religionsgemeinschaften angehörten, für demokratische Reformen und Menschenrechte eintraten oder die Rechte ihrer Mitbürger verteidigen wollten. [...]
Die Behörden bekundeten erneut ihre Absicht, die Rechtsstaatlichkeit zu stärken. Nichtsdestotrotz konnten jene, die als politische Bedrohung des Regimes beziehungsweise der Interessen örtlicher Behördenvertreter angesehen wurden, weiterhin nicht damit rechnen, ihre Rechte geltend machen zu können. Die politische Einflussnahme auf die Justiz und die Korruption in deren Reihen waren nach wie vor allseits zu beobachten. [...]
Die Behörden setzten 2010 ihre Kampagne zur "Umformung" von Falun-Gong-Anhängern fort, die vorsah, dass in Haftanstalten und Untersuchungsgefängnissen inhaftierte Anhänger dieser Religionsgemeinschaft gezwungen werden, ihrem Glauben abzuschwören. Diejenigen unter ihnen, die sich weigerten, eine entsprechende Erklärung zu unterzeichnen und daher als "widerspenstig" galten, wurden nach gängiger Praxis so lange gefoltert, bis sie einwilligten. Viele von ihnen starben in der Haft oder kurz nach ihrer Haftentlassung. [...]
Zivilgesellschaftliche Strukturen breiteten sich weiter aus, und immer mehr nichtstaatliche Organisationen wurden im ganzen Land tätig. Die Behörden erließen indes weitere Restriktionen gegen solche Organisationen und gegen Menschenrechtsverteidiger. Auf Druck der Behörden kappte die Universität Peking im Mai 2010 ihre Verbindungen mit vier zivilgesellschaftlichen Gruppen, darunter mit dem Zentrum für Frauenrechte und Rechtsberatung. [...]
Die Statistiken über Todesurteile und Hinrichtungen waren 2010 weiterhin unter Verschluss. Öffentlich zugängliche Informationen weisen jedoch darauf hin, dass die Todesstrafe weiterhin in großem Umfang angewandt wurde und man Tausende nach unfairen Prozessen hingerichtet hatte. [...]
In der Autonomen Uigurischen Region Xinjiang wurde das Recht auf freie Meinungsäußerung per Gesetz stark beschnitten, indem die aus Sicht der Behörden missbräuchliche Nutzung des Internets und anderer Formen der digitalen Kommunikation unter Strafe gestellt wurden. [...]
Führende tibetische Intellektuelle gerieten zunehmend ins Visier der Behörden. So wurden mehrere namhafte Personen aus Künstler-, Publizisten- und Kulturkreisen unter Angabe fadenscheiniger Gründe zu drakonischen Strafen verurteilt. Die Weitergabe von Informationen über politisch brisante Themen an Ausländer zog schwere Strafen nach sich. [...]
Im Oktober 2010 wurde das Rechtsmittel einer transsexuellen Frau, nach einem operativen Eingriff ihren Freund heiraten zu dürfen, abgewiesen."
www.amnesty.de
Zu den Gründungsmitgliedern der "deutschen Sektion" zählt übrigens auch Gerd Ruge, altgedienter Russland-Korrespondent der ARD und bekannt durch seine genauen Porträts der russischen Seele.
Nun, schaut man sich die Ziele der Organisation an, so wird umso deutlicher, welche Tragik dahintersteckt. Denn der Schutz der Frauenrechte, der Kampf gegen Diskriminierung, die "Sicherstellung der körperlichen und geistigen Unversehrtheit aller Menschen" sollten Standard einer jeden zivilisierten Welt sein. Sollten sie. Sind es aber nicht.
So hat sich auch nach 50 Jahren die Organisation noch immer nicht überflüssig machen können, agiert im Gegenteil weiterhin in fast allen Staaten weltweit. Und wie das so ist im menschlichen Miteinander - nolens volens -, existiert auch bei Amnesty eine Hierarchie. Diese geht vom Internationalen Sekretariat in London aus und reicht weiter über die Sektionen bis hin zu den sog. Gruppen.
Aufpassen müssen die Verantwortlichen bei der Wahl der zukünftigen Strategie und ihrer Schwerpunkte. Das öffentliche Bewusstsein einer rechtlichen Schieflage ist ein unverzichtbarer Schlüssel zum Erfolg, zum Beenden der Schieflage. Die Frage, wie ich Öffentlichkeit/Mehrheiten gewinne, ohne derb plakativ handeln zu müssen (und damit zu scheitern), stellt sich daher gleich zu Beginn der nächsten 50 Jahre Amnesty International.
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Nun folgen Auszüge aus den "Amnesty-Reports 2011" für Deutschland, die USA, Russland und China. Das Staubkorn verzichtet auf einen dezidierten Kommentar und bleibt in seiner Auswahl gewohnt ausgewogen, objektiv und überparteilich. Jetzt aber, Bühne frei für die große Show der Humanisten in Nadelstreifen, resp. 3-, wahlweise 6-Knopf,-Jacketträgerinnen.
Deutschland
"Auf Misshandlungsvorwürfe gegen Polizeibeamte wurde nur unzureichend reagiert. [...]
Die mangelnde Bereitschaft der Behörden, Vorwürfe über Misshandlungen der Polizei angemessen zu untersuchen, aber auch unzureichende Informationen über das Verfahren beim Erstatten einer Strafanzeige und Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Polizeibeamten waren möglicherweise Gründe dafür, warum in Fällen rechtswidriger Polizeigewalt Täter nicht zur Verantwortung gezogen wurden und Opfer es schwer hatten, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung zu erlangen. [...]
Nach wie vor wurden Misshandlungsvorwürfe gegen Polizeibeamte erhoben. [...]
Nach Angaben von Demonstrierenden setzte die Polizei am 30. September 2010 bei den Protesten gegen das Bauprojekt Stuttgart 21 unverhältnismäßige Gewalt ein. [...]
Einige Bundesländer schoben weiterhin Roma, Aschkali und Ägypter in den Kosovo ab, obwohl ihnen dort bei ihrer Rückkehr Verfolgung und Diskriminierung drohten und sie deshalb nur begrenzt Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum und Sozialleistungen hatten. [...]
Am 16. September 2010 wurden ein staatenloser Palästinenser und ein syrischer Staatsbürger, die beide aus Guantánamo Bay entlassen worden waren, in Hamburg bzw. Rheinland-Pfalz aufgenommen. Der Bundesinnenminister kündigte an, dass darüber hinaus keine weiteren ehemaligen Häftlinge aus Guantánamo Bay in Deutschland Schutz erhalten würden."
USA
"Im Jahr 2010 wurden 46 Menschen hingerichtet, darunter eine Frau. [...]
Am 15. Juni wurde David Powell für einen mehr als 30 Jahre zurückliegenden Mord an einem Polizeibeamten hingerichtet, obwohl alles dafür sprach, dass er keine weiteren Gewalttaten mehr begehen und für die Gesellschaft keine Bedrohung mehr darstellen würde. Powell hatte mehr als die Hälfte seines Lebens im Todestrakt verbracht.
Am 9. September wurde in Alabama der geistig behinderte Holly Wood hingerichtet. Sein unerfahrener Verteidiger hatte dem Gericht keine Beweise für die Behinderung seines Mandanten vorgelegt.
Am 27. September wurde Brandon Rhode in Georgia hingerichtet. Er hatte sich sechs Tage zuvor mit einer Rasierklinge schwere Schnittverletzungen an Hals und Armen zugefügt. Nach seiner Wiederbelebung im Krankenhaus wurde er mit der Giftspritze für ein Verbrechen hingerichtet, das er im Alter von 18 Jahren begangen hatte. [...]
Es trafen weiterhin Berichte über exzessive Gewaltanwendung und unzumutbare Haftbedingungen ein. Da Präsident Barack Obama seine Zusage, das Militärgefängnis auf dem Marinestützpunkt Guantánamo Bay binnen eines Jahres schließen zu lassen, nicht einhielt, waren dort nach wie vor zahlreiche Menschen unbefristet inhaftiert. [...]
Auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Bagram in Afghanistan wurden weiterhin Hunderte von Gefangenen festgehalten. Die US-Behörden blockierten alle Versuche, Verbrechen gegen das Völkerrecht zu ahnden, die im Rahmen des Programms der geheimen Inhaftierung und Überstellung an Inhaftierten begangen wurden. [...]
Am 22. Januar 2010, nach Ablauf der von Präsident Barack Obama zugesicherten einjährigen Frist für die Schließung des Haftlagers Guantánamo, wurden dort noch immer 198 Männer festgehalten, etwa die Hälfte davon jemenitische Staatsangehörige. Ende 2010 waren in Guantánamo noch 174 Männer inhaftiert. Drei von ihnen waren von Militärkommissionen in Prozessen verurteilt worden, die nicht den internationalen Standards für faire Verfahren entsprachen. [...]
Im April 2010 veröffentlichte das Verteidigungsministerium die Bestimmungen für die Verfahren vor den Militärkommissionen. In dem neuen Handbuch wurde bestätigt, dass sich die derzeitige US-Regierung - ebenso wie die Vorgängerregierung - das Recht vorbehält, Verdächtige selbst nach einem Freispruch durch die Militärkommission weiter unbefristet in Gewahrsam zu halten. [...]
Hunderte von Gefangenen wurden 2010 auf dem Gelände des US-Militärstützpunkts Bagram im neu errichteten Haftzentrum Detention Facility in Parwan (DFIP) festgehalten, das seit Ende 2009 das bisherige Gefangenenlager Bagram Theater Internment Facility ersetzt. [...] Nach Angaben der US-Behörden war geplant, das DFIP an die afghanischen Behörden "zur Inhaftierung von Strafgefangenen und Verurteilten" zu übergeben. Die "Übergangsmaßnahmen" sollten im Januar 2011 beginnen. [...] Die Länge der Übergangsphase hänge u.a. von den "operativen Rahmenbedingungen" und den Kapazitäten der afghanischen Justiz ab. Entscheidend sei auch, ob die afghanische Regierung umfassend geschult und ausgestattet sei, um ihre Verpflichtungen bezüglich Strafverfolgung und Inhaftierung gemäß nationalem und internationalem Recht zu erfüllen. [...]
Besorgt über Vorwürfe, wonach Häftlinge in einer Durchgangsstation des Luftwaffenstützpunkts Bagram Opfer von Folter oder anderen Misshandlungen wurden. In Berichten war von lang andauernder Isolationshaft und Schlafentzug die Rede, auch sollen die Häftlinge extremen Temperaturen ausgesetzt worden sein. [...]
Mindestens 55 Menschen starben 2010 nach Polizeieinsätzen mit Taser-Waffen. Damit stieg die Zahl der seit 2001 durch Elektroschockwaffen getöteten Menschen auf mindestens 450. Die meisten Opfer waren unbewaffnet und stellten zum Zeitpunkt des Angriffs offenbar keine ernste Bedrohung dar. In einigen Situationen wurde sogar wiederholt mit der Taser-Waffe gefeuert. Aufgrund dieser Fälle bestand weiterhin Sorge bezüglich der Sicherheit und des angemessenen Einsatzes dieser Waffen. [...]
Im Juni 2010 starb der 15-jährige Sergio Hernández Güereca an einem Kopfschuss durch einen US-Grenzschutzbeamten. Laut einer Pressemeldung des FBI hatte der Beamte das Feuer eröffnet, als er von einer Gruppe Jugendlicher umringt wurde, die Steine nach ihm warfen. Auf Videoaufnahmen war jedoch zu sehen, dass der Junge zurück nach Mexiko rannte, als der Beamte mehrmals über die Grenze hinweg feuerte und ihn aus einiger Entfernung erschoss. [...]
Es gab 2010 zahlreiche Beschwerden über unmenschliche Bedingungen, denen Gefangene in lang andauernder Isolationshaft in Hochsicherheitsgefängnissen unterworfen waren. [...]
Im Juli 2010 verabschiedete der Kongress ein Gesetz (Tribal Law and Order Act), das den Zugang indigener Frauen zum Justizsystem verbessern soll, wenn sie Opfer einer Vergewaltigung wurden. [...]
Auch 2010 starben noch immer Hunderte von Frauen an vermeidbaren Komplikationen während einer Schwangerschaft. Der Zugang zu qualitativ hochwertiger medizinischer Versorgung hing häufig von Faktoren wie ethnischer Zugehörigkeit bzw. Herkunftsland, Wohnort und Einkommen der Frauen ab. [...]
Am 14. Oktober forderte der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes die USA auf, die Kinderrechtskonvention zu ratifizieren. Die USA und Somalia sind die einzigen Länder, die dies bislang noch nicht getan haben."
Russland
"Menschenrechtsverteidiger und unabhängige Journalisten wurden weiterhin bedroht, schikaniert und tätlich angegriffen. Untersuchungen dieser Fälle lieferten kaum konkrete Ergebnisse. Die Rechte auf Versammlungsfreiheit und freie Meinungsäußerung wurden nach wie vor beeinträchtigt. [...]
Die Sicherheitslage im Nordkaukasus war noch immer instabil. Es gab in dieser Region weiterhin Angriffe bewaffneter Gruppen und eine hohe Zahl von Menschenrechtsverletzungen wie Tötungen, Folterungen und Fälle von "Verschwindenlassen". [...]
Ende 2010 schien es, als habe Russland die Wirtschaftskrise ohne größere soziale, wirtschaftliche und politische Unruhen überstanden. In den Beziehungen zu einer Reihe von Nachbarstaaten sowie zu westlichen Ländern waren Verbesserungen zu verzeichnen. [...]
Die Proteste in Moskau, St. Petersburg und anderen Orten verliefen meist friedlich. Einige nicht genehmigte Demonstrationen wurden allerdings von der Polizei mit exzessiver Gewaltanwendung aufgelöst. Es herrschte Besorgnis über die politisch sehr einseitige Berichterstattung der Rundfunk- und Fernsehstationen sowie der Printmedien. In den elektronischen Medien herrschte dagegen mehr Pluralismus. Digitale Videos und soziale Netzwerke im Internet wurden kreativ eingesetzt, um Informationen über Menschenrechtsverletzungen zu verbreiten und zum gesellschaftlichen Engagement aufzurufen. [...]
Es gab eine anhaltend hohe Zahl von Berichten über Folter und andere Misshandlungen durch Angehörige der Strafverfolgungsbehörden, die offenbar häufig dazu dienten, "Geständnisse" oder Geld zu erpressen. [...]
Um die Unabhängigkeit der Strafermittlungen zu verbessern, kündigte die russische Regierung im September 2010 an, das Ermittlungskomitee bei der Staatsanwaltschaft werde ab 2011 als unabhängiges Ermittlungsorgan agieren und der Kontrolle der Generalstaatsanwaltschaft entzogen. Es sei künftig direkt dem Präsidenten verantwortlich. [...]
Während des zweiten Verfahrens gegen den früheren Mehrheitsaktionär des Erdölkonzerns YUKOS, Michail Chodorkowski, und seinen ehemaligen Geschäftspartner Platon Lebedew, in dem ihnen u.a. die Unterschlagung von Erdöl im YUKOS-Konzern zur Last gelegt wurde, verstärkten sich die Bedenken hinsichtlich der Unabhängigkeit der Richter und Staatsanwälte. Die Anklage erschien politisch motiviert. [...]
Im Oktober 2010 erklärte ein Gericht in St. Petersburg in einem aufsehenerregenden Urteil das Verbot einer Parade von Homosexuellen durch den Stadtrat für rechtswidrig. Noch im selben Monat entschied der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), die Moskauer Stadtverwaltung habe mit dem Verbot der Paraden in den Jahren 2006, 2007 und 2008 gegen das Recht auf friedliche Versammlung verstoßen und die Organisatoren wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert. [...]
Die Untersuchungen von Überfällen sowie von Morden an bekannten Menschenrechtsverteidigern und Journalisten führten bislang kaum zu Ergebnissen. Im Zusammenhang mit der Ermordung der Journalistin und Menschenrechtsverteidigerin Anna Politkowskaja im Oktober 2006 verdächtigte das Ermittlungskomitee bei der Staatsanwaltschaft nach wie vor die Männer, die bereits wegen Mangels an Beweisen freigesprochen worden waren. [...]
Im April wurde der Moskauer Richter Eduard Tschuwaschow, der mehrere rassistisch motivierte Gewalttäter zu langen Gefängnisstrafen verurteilt hatte, vor seiner Haustür erschossen. [...]
Im gesamten Nordkaukasus sollen Beamte mit Polizeibefugnissen an Menschenrechtsverletzungen beteiligt gewesen sein. Es wurden ihnen widerrechtliche Inhaftierungen und Folter vorgeworfen sowie in einigen Fällen auch die außergerichtliche Hinrichtung mutmaßlicher Mitglieder bewaffneter Gruppen. Da es keine wirksamen Untersuchungen dieser Menschenrechtsverletzungen gab, wurden die Täter auch nicht zur Rechenschaft gezogen. [...]
Im Februar 2010 ermordeten Berichten zufolge Angehörige der Strafverfolgungsorgane mindestens vier tschetschenische Zivilpersonen, die an der Grenze zwischen Tschetschenien und Inguschetien wilden Knoblauch pflückten. Die Behörden behaupteten, im Zuge einer Operation in einem abgeriegelten Gebiet seien bewaffnete Kämpfer getötet worden. Doch die Überlebenden aus der Gruppe der Knoblauchsammler stellten die Ereignisse anders dar. Mindestens ein Opfer wurde mit einem Messer getötet, andere wurden aus kürzester Entfernung erschossen."
China
"Die chinesische Regierung reagierte auf eine zunehmend wachsende Zivilgesellschaft mit der Inhaftierung und Strafverfolgung von Menschen, die in friedlicher Weise ihre Meinung zum Ausdruck brachten, vom Staat nicht zugelassenen Religionsgemeinschaften angehörten, für demokratische Reformen und Menschenrechte eintraten oder die Rechte ihrer Mitbürger verteidigen wollten. [...]
Die Behörden bekundeten erneut ihre Absicht, die Rechtsstaatlichkeit zu stärken. Nichtsdestotrotz konnten jene, die als politische Bedrohung des Regimes beziehungsweise der Interessen örtlicher Behördenvertreter angesehen wurden, weiterhin nicht damit rechnen, ihre Rechte geltend machen zu können. Die politische Einflussnahme auf die Justiz und die Korruption in deren Reihen waren nach wie vor allseits zu beobachten. [...]
Die Behörden setzten 2010 ihre Kampagne zur "Umformung" von Falun-Gong-Anhängern fort, die vorsah, dass in Haftanstalten und Untersuchungsgefängnissen inhaftierte Anhänger dieser Religionsgemeinschaft gezwungen werden, ihrem Glauben abzuschwören. Diejenigen unter ihnen, die sich weigerten, eine entsprechende Erklärung zu unterzeichnen und daher als "widerspenstig" galten, wurden nach gängiger Praxis so lange gefoltert, bis sie einwilligten. Viele von ihnen starben in der Haft oder kurz nach ihrer Haftentlassung. [...]
Zivilgesellschaftliche Strukturen breiteten sich weiter aus, und immer mehr nichtstaatliche Organisationen wurden im ganzen Land tätig. Die Behörden erließen indes weitere Restriktionen gegen solche Organisationen und gegen Menschenrechtsverteidiger. Auf Druck der Behörden kappte die Universität Peking im Mai 2010 ihre Verbindungen mit vier zivilgesellschaftlichen Gruppen, darunter mit dem Zentrum für Frauenrechte und Rechtsberatung. [...]
Die Statistiken über Todesurteile und Hinrichtungen waren 2010 weiterhin unter Verschluss. Öffentlich zugängliche Informationen weisen jedoch darauf hin, dass die Todesstrafe weiterhin in großem Umfang angewandt wurde und man Tausende nach unfairen Prozessen hingerichtet hatte. [...]
In der Autonomen Uigurischen Region Xinjiang wurde das Recht auf freie Meinungsäußerung per Gesetz stark beschnitten, indem die aus Sicht der Behörden missbräuchliche Nutzung des Internets und anderer Formen der digitalen Kommunikation unter Strafe gestellt wurden. [...]
Führende tibetische Intellektuelle gerieten zunehmend ins Visier der Behörden. So wurden mehrere namhafte Personen aus Künstler-, Publizisten- und Kulturkreisen unter Angabe fadenscheiniger Gründe zu drakonischen Strafen verurteilt. Die Weitergabe von Informationen über politisch brisante Themen an Ausländer zog schwere Strafen nach sich. [...]
Im Oktober 2010 wurde das Rechtsmittel einer transsexuellen Frau, nach einem operativen Eingriff ihren Freund heiraten zu dürfen, abgewiesen."
www.amnesty.de
Silberrücken
Als Abgesang auf Dominique Strauss-Kahn möchte ich lediglich einen Leitartikel aus der FR zitieren. Arno Widmann schreibt in Nr. 114 auf S. 11 die folgenden Zeilen:
"Wer dreitausend Dollar für eine Suite zahlen kann, der ist daran gewöhnt, dass für ihn immer alles inklusive ist. Der alte Silberrücken bekommt die besten Stücke und die attraktivsten Weibchen. Er gibt diese Position nicht freiwillig auf. Man muss ihn daraus vertreiben. [...]
Es ändert sich erst dann etwas, wenn die Weibchen den Silberrücken scheuchen. Wenn sie ihn vertreiben. Dann nennt er sie nicht mehr, ihren Rücken tätschelnd, "mein Mädchen", sondern verschwindet, grollend und murrrend aufs Altenteil. Wer nicht möchte, dass über den Mächtigen die Macht des Testosterons herrscht; wer möchte, dass nicht das Potenzgehabe der Männchen über unser Geschick bestimmt - dem bleiben als Heilmittel nur: kluge, entschlossene Frauen und die allseits von den Herren geschmähte Quote."
Themen:
Zeitgeschichte
Sonntag, 15. Mai 2011
Abschiedsbrief von Gunter Sachs
"In den letzten Monaten habe ich durch die Lektüre einschlägiger Publikationen erkannt, an der ausweglosen Krankheit A. zu erkranken.
Ich stelle dies heute noch in keiner Weise durch ein Fehlen oder einen Rückgang meines logischen Denkens fest - jedoch an einer wachsenden Vergesslichkeit wie auch an der rapiden Verschlechterung meines Gedächtnisses und dem meiner Bildung entsprechenden Sprachschatzes. Dies führt schon jetzt zu gelegentlichen Verzögerungen in Konversationen.
Jene Bedrohung galt mir schon immer als einziges Kriterium, meinem Leben ein Ende zu setzen.
Ich habe mich grossen Herausforderungen stets gestellt.
Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben, wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.
Ich danke meiner lieben Ehefrau und meiner engsten Familie sowie meinen in tiefer Freundschaft verbundenen Weggefährten, mein Leben wundervoll bereichert zu haben."
Themen:
Kalenderblatt,
Vermischtes,
Zeitgeschichte
Freitag, 11. März 2011
Auf tönernen Füßen
Die Erde hat gebebt. Vor Japan. Das ist nicht neues, das ist alltäglich. Aber dieses Beben war nicht alltäglich, es war geschichtsträchtig.
Wir sind Zeugen einer bedeutenden Weichenstellung im globalen menschlichen Handeln - doch das wird uns erst nach und nach bewusst werden.
Daten des U.S. Geological Survey
Linksammlung der IRIS
Ute Kehses Japan-Report
Fünf Tage sind mittlerweile ins Land gegangen (die sind jetzt nach dem Beben übrigens kürzer), seit die Küstengebiete im Nordosten Japans von einem 9er Beben mit anschließendem Tsunami verwüstet wurden. Bilder von durch die Straßen treibenden Schiffen und davonschwimmenden Häusern gingen um die Welt, man sah Autos wie Legosteine in einem Wasserbecken immer wieder unter- und auftauchen, Flughäfen wurden komplett überschwemmt - Jets lagen am Ende verkeilt zwischen Gebäuden. Manche kranke Gestalten geben viel Geld aus, um solche Szenarien "möglichst echt" am Rechner zu simulieren und das Ergebnis dann als Blockbuster ins Vorschulkino zu bringen: Ich hätte sie alle gerne an der Mole von Sendai festgekettet: Loge, kostenlos und in 3D - ohne Brille!
In den deutschen Medien mussten sich die Bilder dieser Zerstörung relativ schnell aus der ersten Reihe zurückziehen und dem AKW Fukushima Platz machen. Wasserstoffexplosion, Kernschmelze, Meerwasserkühlung, geringe Strahlung, sehr hohe Strahlung, 20-km-Evakuierungsradius, Fenster geschlossen halten, Lüftung abstellen,...
Es ist ein diffuser Informationsdschungel, dem man sich gegenüber sieht und dessen Durchdringen so manche Machete verschleißen wird. Fakt ist heute: Es tritt Radioaktivität aus, die Kühlung ist unterbrochen, ein Aufenthalt im Kraftwerksgelände ist lebensgefährlich.
Fakt sind auch die Hamsterkäufe der Japaner und die fluchtartige Bewegung in Richtung Süden. Dabei gibt es bloß ein Problem: Wie evakuiert man einen Ameisenhaufen?
Betrachtet man die natürlichen Bedingungen auf dem japanischen Archipel, werden nämlich die besonderen Anforderungen an dessen Bewohner deutlich: Extreme Ballungsräume, regelmäßige Naturkatastrophen, extreme Importabhängigkeit bei Nahrungsmitteln und Rohstoffen für Industrie und Energie, isolierte geographische Lage.
377.837 km² umfasst das Staatsgebiet Japans, etwa 67% davon sind gebirgig und bewaldet, es verbleiben für die Landwirtschaft 13%, für Wohngebiete 4%. Die Bevölkerungsdichte ist mit 330 Personen pro km² im Landesschnitt um über die Hälfte höher als in Deutschland - in den 23 Bezirken der japanischen Hauptstadt beträgt sie gar >13.000. Doch statt eine gleichmäßigere Besiedlung anzustreben, arrangieren sich die Menschen lieber in Ballungszentren; So leben heute 79% der Japaner in Städten. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Verteilung des verfügbaren Pro-Kopf-Wohnraums. Dieser beträgt (Daten von 2000) in Japan 30 m², in Deutschland 40 m² und in den USA 62 m².
Der Japaner unterscheidet landesintern zwischen "Rückseite" und "Vorderseite". Erstere meint die westliche Landeshälfte - ob ihres raueren Klimas nur dünn besiedelt mit kleineren Städten und Dörfern und geprägt durch den Reisanbau -, letztere die klimatisch begünstigte Osthälfe mit ihrer starken Urbanisierung und dem Sitz der großen japanischen Konzerne. Etwa 63% der Erwerbstätigen sind im tertiären Sektor beschäftigt.
Reis und weiße Helme
Seit über 2000 Jahren wird in Japan Reis angebaut, ein Nahrungsmittel, dessen Bedeutung für das Verständnis der japanischen Kultur oft unterschätzt wird. Obwohl Japan seit 1995 Reisimporte akzeptieren muss und obwohl die einheimische LW nur noch eine geringe Rolle in der Volkswirtschaft spielt, gilt der Reisanbau doch als Wurzel der japanischen Gruppenorientierung; Genauso wie die Begriffe Dorf und Dorfgemeinschaft.
Dorfgemeinschaften waren Schicksalsgemeinschaften, auf Gedeih und Verderb voneinander abhängig. Sie waren als Einheit steuerpflichtig und wurden kollektiv für Vergehen einzelner Mitglieder bestraft. Die Konsequenz waren ständige Absprachen, hohe Kompromissbereitschaft und Rücksichtnahme. Das Wohlergehen des Einzelnen hängt vom Wohlergehen der Gruppe ab. Dieser Satz ist im Bewusstsein der Japaner tief verwurzelt und findet sich in den "Dorfgemeinschaften" des 21.Jh. wieder, sei es in der Familie oder in der Firma.
Umso verständlicher wird das Auftreten des japanischen Regierungssprechers im blauen Arbeitsoverall oder das teilweise grotesk anmutende Tragen von Arbeitshelmen im Fernsehstudio. Die Japaner agieren als Gruppe, es gab nach dem großen Beben und den ersten Problemen in den AKWs nicht die - aus Deutschland nur allzu bekannten - sofortigen Schuldzuweisungen nach Katastrophenszenarien, sondern ein kollektives Betroffenheitsgefühl. Zum Kollektiv sprechen soll auch die Kleidung. Arbeiter tragen Blaumann, Politiker tragen Krawatte. Wir Politiker im Blaumann packen an - das ist das Symbol der Stunde.
Eine Frau, ein Wort
Vor ein paar Monaten sprach die deutsche Bundeskanzlerin:
Okay, back to basics (ein interessantes Webseitenfundstück so ganz nebenbei). Ein Gutes hat der ganze Spaß ja - auf den ersten Blick - die jetzt sofort abgeschalteten (und längst abgeschriebenen) AKWs spülen keine unbegrenzten Gewinne mehr in die Taschen unserer Energieriesen. Äh, Moment, darf man da eventuell ein im stillen Kämmerlein gewachsenes Unrechtsbewusstsein unserer obersten Dorfchefin vermuten? Aufwachen, es geht hier um Machtpolitik! Sorry, ich wollte ja bloß... Aus!
Interessant ist das Stillschweigen der Energiemultis dennoch. Es muss einen neuen Deal gegeben haben, etwa dergestalt: Kein Aufstand innerhalb der 3 Monate und dafür gibt es satte Übertragungsrechte der unverkauften Strommengen. Schaun ma mal.
Noch ein paar Worte zur Hysterie in den deutschen Medien. Fast minütlich aktualisiert Spiegel Online seinen Liveticker zum Geschehen in Japan. Was soll das? Das generiert viele Klicks, gewiss, enthält aber keinen Mehrwert an Information. Im Gegenteil, wichtige Informationen werden auf diese Weise schnell verschüttet. Stattdessen wünsche ich mir mehr lesenswerte Kommentare von Menschen, die die Fähigkeit besitzen, über den Nebel zu schauen.
Abschließend eine Meldung von Siemens: Der Konzern hat die komplette Planung und den Bau von Gaskraftwerken in Japan innerhalb von 12 Monaten angeboten.
Sayōnara.
Wir sind Zeugen einer bedeutenden Weichenstellung im globalen menschlichen Handeln - doch das wird uns erst nach und nach bewusst werden.
Daten des U.S. Geological Survey
Linksammlung der IRIS
Ute Kehses Japan-Report
Fünf Tage sind mittlerweile ins Land gegangen (die sind jetzt nach dem Beben übrigens kürzer), seit die Küstengebiete im Nordosten Japans von einem 9er Beben mit anschließendem Tsunami verwüstet wurden. Bilder von durch die Straßen treibenden Schiffen und davonschwimmenden Häusern gingen um die Welt, man sah Autos wie Legosteine in einem Wasserbecken immer wieder unter- und auftauchen, Flughäfen wurden komplett überschwemmt - Jets lagen am Ende verkeilt zwischen Gebäuden. Manche kranke Gestalten geben viel Geld aus, um solche Szenarien "möglichst echt" am Rechner zu simulieren und das Ergebnis dann als Blockbuster ins Vorschulkino zu bringen: Ich hätte sie alle gerne an der Mole von Sendai festgekettet: Loge, kostenlos und in 3D - ohne Brille!
In den deutschen Medien mussten sich die Bilder dieser Zerstörung relativ schnell aus der ersten Reihe zurückziehen und dem AKW Fukushima Platz machen. Wasserstoffexplosion, Kernschmelze, Meerwasserkühlung, geringe Strahlung, sehr hohe Strahlung, 20-km-Evakuierungsradius, Fenster geschlossen halten, Lüftung abstellen,...
Es ist ein diffuser Informationsdschungel, dem man sich gegenüber sieht und dessen Durchdringen so manche Machete verschleißen wird. Fakt ist heute: Es tritt Radioaktivität aus, die Kühlung ist unterbrochen, ein Aufenthalt im Kraftwerksgelände ist lebensgefährlich.
Fakt sind auch die Hamsterkäufe der Japaner und die fluchtartige Bewegung in Richtung Süden. Dabei gibt es bloß ein Problem: Wie evakuiert man einen Ameisenhaufen?
Betrachtet man die natürlichen Bedingungen auf dem japanischen Archipel, werden nämlich die besonderen Anforderungen an dessen Bewohner deutlich: Extreme Ballungsräume, regelmäßige Naturkatastrophen, extreme Importabhängigkeit bei Nahrungsmitteln und Rohstoffen für Industrie und Energie, isolierte geographische Lage.
377.837 km² umfasst das Staatsgebiet Japans, etwa 67% davon sind gebirgig und bewaldet, es verbleiben für die Landwirtschaft 13%, für Wohngebiete 4%. Die Bevölkerungsdichte ist mit 330 Personen pro km² im Landesschnitt um über die Hälfte höher als in Deutschland - in den 23 Bezirken der japanischen Hauptstadt beträgt sie gar >13.000. Doch statt eine gleichmäßigere Besiedlung anzustreben, arrangieren sich die Menschen lieber in Ballungszentren; So leben heute 79% der Japaner in Städten. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Verteilung des verfügbaren Pro-Kopf-Wohnraums. Dieser beträgt (Daten von 2000) in Japan 30 m², in Deutschland 40 m² und in den USA 62 m².
Der Japaner unterscheidet landesintern zwischen "Rückseite" und "Vorderseite". Erstere meint die westliche Landeshälfte - ob ihres raueren Klimas nur dünn besiedelt mit kleineren Städten und Dörfern und geprägt durch den Reisanbau -, letztere die klimatisch begünstigte Osthälfe mit ihrer starken Urbanisierung und dem Sitz der großen japanischen Konzerne. Etwa 63% der Erwerbstätigen sind im tertiären Sektor beschäftigt.
Reis und weiße Helme
Seit über 2000 Jahren wird in Japan Reis angebaut, ein Nahrungsmittel, dessen Bedeutung für das Verständnis der japanischen Kultur oft unterschätzt wird. Obwohl Japan seit 1995 Reisimporte akzeptieren muss und obwohl die einheimische LW nur noch eine geringe Rolle in der Volkswirtschaft spielt, gilt der Reisanbau doch als Wurzel der japanischen Gruppenorientierung; Genauso wie die Begriffe Dorf und Dorfgemeinschaft.
Dorfgemeinschaften waren Schicksalsgemeinschaften, auf Gedeih und Verderb voneinander abhängig. Sie waren als Einheit steuerpflichtig und wurden kollektiv für Vergehen einzelner Mitglieder bestraft. Die Konsequenz waren ständige Absprachen, hohe Kompromissbereitschaft und Rücksichtnahme. Das Wohlergehen des Einzelnen hängt vom Wohlergehen der Gruppe ab. Dieser Satz ist im Bewusstsein der Japaner tief verwurzelt und findet sich in den "Dorfgemeinschaften" des 21.Jh. wieder, sei es in der Familie oder in der Firma.
Umso verständlicher wird das Auftreten des japanischen Regierungssprechers im blauen Arbeitsoverall oder das teilweise grotesk anmutende Tragen von Arbeitshelmen im Fernsehstudio. Die Japaner agieren als Gruppe, es gab nach dem großen Beben und den ersten Problemen in den AKWs nicht die - aus Deutschland nur allzu bekannten - sofortigen Schuldzuweisungen nach Katastrophenszenarien, sondern ein kollektives Betroffenheitsgefühl. Zum Kollektiv sprechen soll auch die Kleidung. Arbeiter tragen Blaumann, Politiker tragen Krawatte. Wir Politiker im Blaumann packen an - das ist das Symbol der Stunde.
Eine Frau, ein Wort
Vor ein paar Monaten sprach die deutsche Bundeskanzlerin:
"Die deutschen Atomkraftwerke sind die sichersten der Welt."Und heute hört man das hier:
(Angela Merkel)
"Alles gehört auf den Prüfstand. [...] Wir können nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. [...] Im Zweifel für die Sicherheit."Was eben noch ausgedealt wurde, bricht plötzlich zusammen. Die Politik folgt dem Druck der Medien und säuselt nun sanft in des Wählers liebster Stimme. Dabei ist das Hallali auf Mappus längst geblasen. Es wollte nur wieder keiner hören. Apropos: Hat die Wähler jemals Atompolitik interessiert?
(Angela Merkel)
Okay, back to basics (ein interessantes Webseitenfundstück so ganz nebenbei). Ein Gutes hat der ganze Spaß ja - auf den ersten Blick - die jetzt sofort abgeschalteten (und längst abgeschriebenen) AKWs spülen keine unbegrenzten Gewinne mehr in die Taschen unserer Energieriesen. Äh, Moment, darf man da eventuell ein im stillen Kämmerlein gewachsenes Unrechtsbewusstsein unserer obersten Dorfchefin vermuten? Aufwachen, es geht hier um Machtpolitik! Sorry, ich wollte ja bloß... Aus!
Interessant ist das Stillschweigen der Energiemultis dennoch. Es muss einen neuen Deal gegeben haben, etwa dergestalt: Kein Aufstand innerhalb der 3 Monate und dafür gibt es satte Übertragungsrechte der unverkauften Strommengen. Schaun ma mal.
Noch ein paar Worte zur Hysterie in den deutschen Medien. Fast minütlich aktualisiert Spiegel Online seinen Liveticker zum Geschehen in Japan. Was soll das? Das generiert viele Klicks, gewiss, enthält aber keinen Mehrwert an Information. Im Gegenteil, wichtige Informationen werden auf diese Weise schnell verschüttet. Stattdessen wünsche ich mir mehr lesenswerte Kommentare von Menschen, die die Fähigkeit besitzen, über den Nebel zu schauen.
Abschließend eine Meldung von Siemens: Der Konzern hat die komplette Planung und den Bau von Gaskraftwerken in Japan innerhalb von 12 Monaten angeboten.
Sayōnara.
Mittwoch, 2. März 2011
Meteorologischer Frühlingsanfang
Der war zwar schon gestern, aber im politischen Garten jubilieren - auch dem Klimawandel geschuldet? - die Singvögel ganzjährig. Ungewöhnlich ist gleichfalls, dass sich Revierinhaber noch vor Beginn der Hauptbrutsaison aus dem Staub machen. Da wird die Henne überraschend zurückgelassen und sich urplötzlich ein neues Revier gesucht. Einfach so? Nun, nein, tierisches Verhalten ist meist vorhersehbar. Im Fall des heute im Staubkornschen Zoogespräch vorgestellten Gegelten Wintergoldhähnchens (Regulus zuguttus) war es gar sehr genau vorhersehbar.
Quasi wie ein kleiner Phönix aus der Asche erhob sich dieser Vertreter der Passeriformes aus seinem unscheinbaren Leben in den dichten Wäldern der süddeutschen Lande hin zu einem Leben wie es nur wenigen Vertretern seiner Familie vergönnt ist. Er schwang sich auf, mit den Adlern zu fliegen; über den höchsten Gipfeln dieses Landes sowieso und entlang der höchsten Gebirgsketten der Welt obendrein. Was für eine Entwicklung!
"Hochmut kommt vor dem Fall" lautet ein altes deutsches Sprichwort, das mit dem Leben unseres Vogels in enger Beziehung steht. Zu Beginn seiner weiten Reise hießen die Begleiter noch Aqulia petraeus u.a. und unser Hähnchen machte ihnen sogleich was vor. Es fand sich in deren Welt sofort zurecht, zwitscherte fast auf Augenhöhe zu ihnen und ließ keinen Zweifel an seinem Führungsanspruch aufkommen.
Geradlinigkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Stärke und Weitblick waren die markanten Eigenschaften, die die daheimgebliebenen Verwandten und wir Ornithologen als Beobachter (obwohl Verhaltensbiologen tunlichst auf menschliche Bezeichnungen/Interpretationen für tierisches Verhalten verzichten sollten) dem jungen Vogel zuschrieben. Und das kam ja nicht von ungefähr.
"Kleider machen Leute" heißt ein anderes Sprichwort, dem auch im Tierreich gewisse Entsprechungen zu entlocken sind. Ich denke da an die Lauben (7 Gattungen)- oder die Fregattvögel (5 Arten).
Die einen bauen ein tolles Heim, die anderen blasen ihren Kehlsack auf und frönen dem Kleptoparasitismus. Weibchen lieben es, wenn die sekundären Geschlechtsmerkmale groß, auffällig, pompös sind und obendrein kreativ zur Schau gestellt werden. (Edit: Ist klar, die gebildeten Leserinnen fallen darauf nie rein.) Und während sie das eine Geschlecht erregen, sind sie für das andere Zeichen der Herausforderung, Zeichen des Kampfes, Zeichen gelebter Konkurrenz um knappe Ressourcen. Egal ob Vogel, Wildschwein oder Lemur; solange die artinternen Spielregeln befolgt werden, ist alles gut. Der Stärkere bekommt das beste Weibchen, pflanzt sich fort, vergrößert sein Revier. So funktioniert Leben.
Unser Wintergoldhähnchen hatte sich gut eingelebt in der Welt der Adler. Kein noch so kalter Winter, kein noch so knappes Nahrungsangebot schienen seine Kräfte schwinden zu lassen. Es war bemerkenswert. Sein Respekt innerhalb der Gruppe wuchs stetig, bis, ja bis zu diesem "Unfall." Bei der Jagd einer großen Gruppe junger Adler auf fliehende Schafe kam es zu einem tragischen Zwischenfall. Kein Tier macht mehr Beute, als es selbst verbrauchen kann, denn das sinnlose Töten ist den menschlichen Tieren vorbehalten. Aber die Adler machten mehr Beute als sie selbst benötigten. Viel mehr.
Die Adler verstanden nicht, wie es dazu kommen konnte. Wieso gerieten sie in so einen fatalen Blutrausch? Es mussten Konsequenzen gezogen werden. Zwei alte und sehr erfahrene Adler wurden in Folge aus der Gruppe verbannt. Das bizarre Leben eines kleinen Vogels inmitten großer Jäger ging weiter.
Doch dann schien plötzlich der Kuckuck Vorbild für unseren heutigen Vogel des Tages geworden zu sein. Ein fremdes Ei wurde als das eigene ausgebrütet und als das Junge schließlich schlüpfte, gebärdete es sich als Mimus polyglottos. Kein junger Adler also.
Ein Affront gegen die weisen Adler war das! Diese schrien auf, forderten den Ausschluss aus der Gruppe wegen Unwürdigkeit. Unwürdigkeit ist ein starkes Wort. Es kann verletzliche Gemüter in den Abgrund reißen und so taumelte auch unser kleiner Vogel mächtig hin und her. Einige Getreue schützten ihn anfangs noch (halbherzig), doch der Druck der Weisen wurde immer größer. Schließlich blieb für das Wintergoldhähnchen nur eine einzige Alternative, wollte es nicht selbst zum Futter werden. Es zog sich wieder in sein angestammtes Revier im heimischen Nadelwald zurück.
Und die Moral von der Geschicht': Vertrau den kleinen Vögeln oder vertrau ihnen nicht.
Quasi wie ein kleiner Phönix aus der Asche erhob sich dieser Vertreter der Passeriformes aus seinem unscheinbaren Leben in den dichten Wäldern der süddeutschen Lande hin zu einem Leben wie es nur wenigen Vertretern seiner Familie vergönnt ist. Er schwang sich auf, mit den Adlern zu fliegen; über den höchsten Gipfeln dieses Landes sowieso und entlang der höchsten Gebirgsketten der Welt obendrein. Was für eine Entwicklung!
"Hochmut kommt vor dem Fall" lautet ein altes deutsches Sprichwort, das mit dem Leben unseres Vogels in enger Beziehung steht. Zu Beginn seiner weiten Reise hießen die Begleiter noch Aqulia petraeus u.a. und unser Hähnchen machte ihnen sogleich was vor. Es fand sich in deren Welt sofort zurecht, zwitscherte fast auf Augenhöhe zu ihnen und ließ keinen Zweifel an seinem Führungsanspruch aufkommen.
Geradlinigkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauen, Stärke und Weitblick waren die markanten Eigenschaften, die die daheimgebliebenen Verwandten und wir Ornithologen als Beobachter (obwohl Verhaltensbiologen tunlichst auf menschliche Bezeichnungen/Interpretationen für tierisches Verhalten verzichten sollten) dem jungen Vogel zuschrieben. Und das kam ja nicht von ungefähr.
"Kleider machen Leute" heißt ein anderes Sprichwort, dem auch im Tierreich gewisse Entsprechungen zu entlocken sind. Ich denke da an die Lauben (7 Gattungen)- oder die Fregattvögel (5 Arten).
Die einen bauen ein tolles Heim, die anderen blasen ihren Kehlsack auf und frönen dem Kleptoparasitismus. Weibchen lieben es, wenn die sekundären Geschlechtsmerkmale groß, auffällig, pompös sind und obendrein kreativ zur Schau gestellt werden. (Edit: Ist klar, die gebildeten Leserinnen fallen darauf nie rein.) Und während sie das eine Geschlecht erregen, sind sie für das andere Zeichen der Herausforderung, Zeichen des Kampfes, Zeichen gelebter Konkurrenz um knappe Ressourcen. Egal ob Vogel, Wildschwein oder Lemur; solange die artinternen Spielregeln befolgt werden, ist alles gut. Der Stärkere bekommt das beste Weibchen, pflanzt sich fort, vergrößert sein Revier. So funktioniert Leben.
Unser Wintergoldhähnchen hatte sich gut eingelebt in der Welt der Adler. Kein noch so kalter Winter, kein noch so knappes Nahrungsangebot schienen seine Kräfte schwinden zu lassen. Es war bemerkenswert. Sein Respekt innerhalb der Gruppe wuchs stetig, bis, ja bis zu diesem "Unfall." Bei der Jagd einer großen Gruppe junger Adler auf fliehende Schafe kam es zu einem tragischen Zwischenfall. Kein Tier macht mehr Beute, als es selbst verbrauchen kann, denn das sinnlose Töten ist den menschlichen Tieren vorbehalten. Aber die Adler machten mehr Beute als sie selbst benötigten. Viel mehr.
Die Adler verstanden nicht, wie es dazu kommen konnte. Wieso gerieten sie in so einen fatalen Blutrausch? Es mussten Konsequenzen gezogen werden. Zwei alte und sehr erfahrene Adler wurden in Folge aus der Gruppe verbannt. Das bizarre Leben eines kleinen Vogels inmitten großer Jäger ging weiter.
Doch dann schien plötzlich der Kuckuck Vorbild für unseren heutigen Vogel des Tages geworden zu sein. Ein fremdes Ei wurde als das eigene ausgebrütet und als das Junge schließlich schlüpfte, gebärdete es sich als Mimus polyglottos. Kein junger Adler also.
Ein Affront gegen die weisen Adler war das! Diese schrien auf, forderten den Ausschluss aus der Gruppe wegen Unwürdigkeit. Unwürdigkeit ist ein starkes Wort. Es kann verletzliche Gemüter in den Abgrund reißen und so taumelte auch unser kleiner Vogel mächtig hin und her. Einige Getreue schützten ihn anfangs noch (halbherzig), doch der Druck der Weisen wurde immer größer. Schließlich blieb für das Wintergoldhähnchen nur eine einzige Alternative, wollte es nicht selbst zum Futter werden. Es zog sich wieder in sein angestammtes Revier im heimischen Nadelwald zurück.
Und die Moral von der Geschicht': Vertrau den kleinen Vögeln oder vertrau ihnen nicht.
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Montag, 21. Februar 2011
Für die Freiheit sterben
Moin. Es stellt sich heute die Frage, was geil ist. Ist es geil, ein Adliger zu sein und solche Bilder von sich zu veröffentlichen?
Oder ist es geil, "als junger Familienvater in mühevollster Kleinarbeit" eine Dissertation anzufertigen (das bleibt erstmal so stehen), die einen persönlich zwar nicht weiterbringt, wohl aber den begehrten Titel (den nichtangeborenen) einbringt?
Ich sag es euch: Das ist weder geil noch wichtig, noch verdient es, Thema einer (dachte ich zumindest bis dato) führenden Polittalkrunde im Ersten Deutschen Fernsehen zu werden.
Wurde es aber. Gestern Abend bei Anne Will. Mich hat nur ein Statement interessiert - nämlich jenes von Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach. Es war vernichtend und irgendwie ... so in seiner Nüchternheit ... geil.
Ein feiner Kommentar ohne Kommentar zum Thema: "Promovieren heißt Entbehren".
Schluß mit lustig und von Schaumschlägern hin zu Scharfschützen.
Nordafrika gehört zu den Regionen der Welt, die von unseren westlich geprägten Demokratien und dem dort herrschenden Lebensstandard bei weitem nicht nur durch die Distanz des Mittelmeeres oder des Atlantiks getrennt sind. All die Umbrüche, die beispielsweise Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs überstehen musste, sind an Libyen spurlos vorübergegangen.
Nach kurzer Monarchie von 1951 bis 1969 steht Libyen unter der Herrschaft des ewigen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi. Und der wird vom Westen protegiert wie alle Machthaber im Nahen Osten. Mit einer Einschränkung: Protegiert, wie alle Machthaber im Nahen Osten mit Ressourcenzugriff und dem Wunsch nach Absatzmärkten. Man fragt sich schon, woher der Gesinnungswandel der USA rührte, 20 Jahre nach einem Bombardement den Staat von der Liste der "Schurkenstaaten" zu streichen und wieder diplomatische Beziehungen aufzunehmen.
Libyen kam dieser Entscheidung jedenfalls mit der Streichung seines Massenvernichtungswaffenprogramms sowie mit dem artikulierten Willen zu ökonomischen Reformen entgegen. Die Reaktion des Westens war abzusehen, vermutete sie doch, hinter dem fetten Finger gleich den ganzen Arm umfassen zu können.
Gaddafi spielt seitdem Katz und Maus (wobei er meist die Rolle des Jägers innehat), lässt sich etwa vom französischen Präsidenten hofieren (kauft dafür ein paar Airbuse und Atomkraftwerke und gewährt Zugang zu den Ölquellen), schüttelte Schröder die Hand, Barroso und Berlusconi sowieso.
Was erwarte ich von der Politik? Ich erwarte das Ende der Lamentos. In den Hauptnachrichtensendungen laufen Youtube-Schnipsel von öffentlichen Massakern auf libyschen Straßen und im Anschluss berichtet man über den Sieg von Tatjana Hüfner beim Rennrodelweltcup. Kranke Welt. Wir schauen zu, sind kurz bedrückt und freuen uns auf den Tatort. Unseren Volksvertretern obliegt das Handeln. Wer Diktaturen unterstützt, soll bitte auch offen dazu stehen und sich nicht hinter fadenscheinigen Argumenten der Kategorien "Ressourcensicherheit, Stabilität in der Region, diplomatischer Diskurs, keine Einmischung in innere Angelegenheiten" verschanzen.
Europa hätte schon vor einigen Jahren mit klarer Stimme sprechen und beispielsweise das Flüchtlingsproblem (das Wort klingt fürchterlich) nicht auf Italien oder Spanien abwälzen sollen. Selbstverständlich kann Italien nicht allein für die Bewältigung des täglich fortdauernden Flüchtlingsstroms verantwortlich gemacht werden. Aber das wird es und das ist falsch! Hätte Europa eine Stimme (was es ja in keiner Angelegenheit hat) für seine Außenpolitik, dann gäbe es längst Regelungen für das faire (gemeinsame!) Verfahren der Mitgliedsstaaten gegenüber dem Flüchtlingsproblem.
A. Merkel hat Recht, indem sie für eine Unterstützung der heimischen afrikanischen Wirtschaften plädiert und damit das Problem an der Wurzel und nicht am kranken Ast anzupacken versucht. Nur brauchen wirtschaftliche Veränderungen viel Zeit. Zeit, die die gestern Abend in die Boote Gestiegenen nicht haben.
Die Strategie des Wandels durch Annäherung ist in den meisten autoritären Staaten schon lange gescheitert. Es wird Zeit für neue Wege!
Ein Gaddafi-Zitat aus seinem Grünen Buch, Teil 1 The solution of the problem of democracy, S. 8:
Die Menschen und ihre Träume. Lasst sie endlich aufwachen!
Sicher interessiert meine weibliche Leserschaft auch die Meinung Gaddafis zu Frauen. Nun, ich verschwinde an dieser Stelle schon mal ganz unauffällig. Tschüssi.
Aus seinem Grünen Buch, Teil 3 The social basis of the third universal theory, S. 32ff:
http://tinyurl.com/Guttenbergsdino |
Ich sag es euch: Das ist weder geil noch wichtig, noch verdient es, Thema einer (dachte ich zumindest bis dato) führenden Polittalkrunde im Ersten Deutschen Fernsehen zu werden.
Wurde es aber. Gestern Abend bei Anne Will. Mich hat nur ein Statement interessiert - nämlich jenes von Prof. Dr. Dr. Karl Lauterbach. Es war vernichtend und irgendwie ... so in seiner Nüchternheit ... geil.
Ein feiner Kommentar ohne Kommentar zum Thema: "Promovieren heißt Entbehren".
Schluß mit lustig und von Schaumschlägern hin zu Scharfschützen.
Nordafrika gehört zu den Regionen der Welt, die von unseren westlich geprägten Demokratien und dem dort herrschenden Lebensstandard bei weitem nicht nur durch die Distanz des Mittelmeeres oder des Atlantiks getrennt sind. All die Umbrüche, die beispielsweise Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs überstehen musste, sind an Libyen spurlos vorübergegangen.
Nach kurzer Monarchie von 1951 bis 1969 steht Libyen unter der Herrschaft des ewigen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi. Und der wird vom Westen protegiert wie alle Machthaber im Nahen Osten. Mit einer Einschränkung: Protegiert, wie alle Machthaber im Nahen Osten mit Ressourcenzugriff und dem Wunsch nach Absatzmärkten. Man fragt sich schon, woher der Gesinnungswandel der USA rührte, 20 Jahre nach einem Bombardement den Staat von der Liste der "Schurkenstaaten" zu streichen und wieder diplomatische Beziehungen aufzunehmen.
Libyen kam dieser Entscheidung jedenfalls mit der Streichung seines Massenvernichtungswaffenprogramms sowie mit dem artikulierten Willen zu ökonomischen Reformen entgegen. Die Reaktion des Westens war abzusehen, vermutete sie doch, hinter dem fetten Finger gleich den ganzen Arm umfassen zu können.
Gaddafi spielt seitdem Katz und Maus (wobei er meist die Rolle des Jägers innehat), lässt sich etwa vom französischen Präsidenten hofieren (kauft dafür ein paar Airbuse und Atomkraftwerke und gewährt Zugang zu den Ölquellen), schüttelte Schröder die Hand, Barroso und Berlusconi sowieso.
Was erwarte ich von der Politik? Ich erwarte das Ende der Lamentos. In den Hauptnachrichtensendungen laufen Youtube-Schnipsel von öffentlichen Massakern auf libyschen Straßen und im Anschluss berichtet man über den Sieg von Tatjana Hüfner beim Rennrodelweltcup. Kranke Welt. Wir schauen zu, sind kurz bedrückt und freuen uns auf den Tatort. Unseren Volksvertretern obliegt das Handeln. Wer Diktaturen unterstützt, soll bitte auch offen dazu stehen und sich nicht hinter fadenscheinigen Argumenten der Kategorien "Ressourcensicherheit, Stabilität in der Region, diplomatischer Diskurs, keine Einmischung in innere Angelegenheiten" verschanzen.
Europa hätte schon vor einigen Jahren mit klarer Stimme sprechen und beispielsweise das Flüchtlingsproblem (das Wort klingt fürchterlich) nicht auf Italien oder Spanien abwälzen sollen. Selbstverständlich kann Italien nicht allein für die Bewältigung des täglich fortdauernden Flüchtlingsstroms verantwortlich gemacht werden. Aber das wird es und das ist falsch! Hätte Europa eine Stimme (was es ja in keiner Angelegenheit hat) für seine Außenpolitik, dann gäbe es längst Regelungen für das faire (gemeinsame!) Verfahren der Mitgliedsstaaten gegenüber dem Flüchtlingsproblem.
A. Merkel hat Recht, indem sie für eine Unterstützung der heimischen afrikanischen Wirtschaften plädiert und damit das Problem an der Wurzel und nicht am kranken Ast anzupacken versucht. Nur brauchen wirtschaftliche Veränderungen viel Zeit. Zeit, die die gestern Abend in die Boote Gestiegenen nicht haben.
Die Strategie des Wandels durch Annäherung ist in den meisten autoritären Staaten schon lange gescheitert. Es wird Zeit für neue Wege!
Ein Gaddafi-Zitat aus seinem Grünen Buch, Teil 1 The solution of the problem of democracy
"The parliament is either elected from constituencies or a party or a coalition of parties, or is formed by some method of appointment. But all these procedures are undemocratic, for dividing the population into constituencies means that one member of parliament represents thousands, hundreds of thousands or millions of people, depending on the size of population. It also means that the member keeps no popular organisational link with the electors since he, like other members, is looked upon as a representative of the whole people. This is what the prevailing traditional democracy requires. The masses, therefore, are completely isolated from the representative and he, in turn, is totally separated from them. For immediately after winning their votes he himself usurps their sovereignty and acts instead of them."
Sicher interessiert meine weibliche Leserschaft auch die Meinung Gaddafis zu Frauen. Nun, ich verschwinde an dieser Stelle schon mal ganz unauffällig. Tschüssi.
Aus seinem Grünen Buch, Teil 3 The social basis of the third universal theory
"The woman, whose nature has assigned to her a natural role different from that of man, must be in an appropriate position to perform her natural role. Motherhood is the female's function, not the male's. [...] Among suitable and even essential conditions which enable the woman to perform her natural role, which differs from that of man, are those very conditions which are proper to a human being who is sick and burdened with pregnancy, i.e. bearing another human being in her womb, which renders her physically incapacitated. [...] To demand equality between man and woman in carrying heavy weights while the woman is pregnant is unjust and cruel. To demand equality between them in fasting and hardship, while she is breast-feeding, is unjust and cruel. To demand equality between them in any dirty work, which stains her beauty and detracts from her femininity, is unjust and cruel. Education that leads to work unsuitable for her nature is unjust and cruel as well.
There is no difference between man and woman in all that concerns humanity. None of them can marry the other against his or her will, or divorce without a just trial. Neither the woman nor the man can remarry without a previous agreement on divorce. The woman is the owner of the house because it is one of the suitable and necessary conditions for a woman who menstruates, conceives, and cares for her children."
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Donnerstag, 27. Januar 2011
Ja, ich will.
Von Nietzsche ist ein schönes Zitat überliefert: "Der Mensch ist das Tier, das versprechen kann."
Was könnte besser zur gehaltenen "state-of-the-union"-Rede des amerikanischen Präsidenten, zum Vortrag des deutschen Verteidigungsministers vor dem Verteidigungsausschuss und zum gegenwärtig stattfindenden Weltwirtschaftstreffen in Davos passen?
Und die Versprechen des Menschen halten glücklicherweise immer länger. Nehmen wir die Ehe. Deren Halbwertszeit hat sich auf 14 Jahre und 4 Monate verlängert. Aber selbst mit dieser so souverän anmutenden Umschiffung des verflixten siebten Jahres kann und darf man als Nun-wieder-Single (oder bereits neu verheirateter Katholik) nicht zufrieden sein. Der Vertreter Christi auf Erden hat daher sofort folgerichtig gemahnt: "Heiratswillige Paare sollten vor der kirchlichen Trauung strenger auf ihre Motivation überprüft werden. Die Richter, die über Eheannulierungen entscheiden, sollten Ehen nicht allein deshalb für nichtig erklären, weil die Kläger es wünschten." Wär ja noch schöner.
Dabei konnte der Auftakt zu einem gemeinsamen Leben nicht schöner, nicht erfolgversprechender sein. Die junge Offiziersanwärterin (seit dreieinhalb Jahren bei der Bundeswehr) bestieg am 05. November des vergangenen Jahres in Brasilien das deutsche Segelschulschiff. Alle Offiziersanwärter des Truppendienstes und die Sanitätsoffiziersanwärter der Deutschen Marine werden im Rahmen von Auslandsausbildungsreisen auf diesem Segler für die Dauer von sechs Wochen ausgebildet. Zur 85 Mann starken Stammbesatzung kommen maximal 138 Lehrgangsteilnehmer. Einer von ihnen war die 25-jährige Sarah.
Am 07. November 2010, zwei Tage nach ihrer Einschiffung, stürzte die junge Soldatin aus 27 Metern Höhe auf die Planken. Über 8 Jahre lag zu diesem Zeitpunkt der letzte Todesfall durch einen Sturz vom Großmast zurück. Nach dem tödlichen Unfall der jungen Kadettin verweigerten nun zahlreiche ihrer Kameraden das Aufentern. 73 flogen daraufhin vom Schiff und zurück nach Deutschland. Der Begriff Meuterei schwebte im Raum - bis zu zehn Jahre Haft drohen für dieses "Verbrechen". Die Regierung musste schließlich handeln: Der deutsche Verteidigungsminister handelte auch prompt, entband Kapitän zur See Norbert Schatz seines Kommandos und beorderte die Gorch Fock zurück in ihren Heimathafen nach Kiel. Über die Zukunft des Schiffes wird in Berlin entschieden werden.
Was wäre ein Leben ohne Konkurrenz? Nicht als Leben zu bezeichnen. Konkurrenz ist der "Wettbewerb von Organismen um den Anteil an einer begrenzten Ressource." (Quelle: Brockhaus der Biologie). Begrenzte Ressourcen sind in unserer Welt u.a. (neben den natürlichen, nicht ubiquitär vorhandenen Ressourcen) auch Ansehen, Macht, Sex und Wohlstand.
Menschen gieren danach, ihren Zugang zu Ressourcen zu erweitern und mannigfaltig motivierte Bedürfnisse zu befriedigen. Auch an Bord der Gorch Fock war das so, ist das so und (natürlich fährt sie weiter!) wird das so sein. Ein enges Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen auf engem Raum, ohne Möglichkeit für kurze Eskapaden ruft Spannungen hervor. Solche Spannungen können clever abgebaut werden - selbst auf einem weltbekannten Segelschulschiff -, sofern die Verantwortlichen dazu in der Lage sind. Ein kompetenter Vorgesetzter motiviert seine Mannschaft und hat die Stärke, sich gewissen Gruppentendenzen entschieden entgegenzustemmen. Das sind Platitüden, sicher.
Wo ich schon bei Platitüden bin. Die Formulierung des deutschen Verteidigungsministers, "Prüfen, ob es Rituale gibt, die nicht mit den Grundsätzen der Bundeswehr übereinstimmen", war in diesem Zusammenhang ein Anlass, an die Vorfälle in Mittenwald zu denken. Vor einem Jahr standen die dort stationierten Gebirgsjäger im Fokus der Öffentlichkeit, jetzt ist es die Marine (okay, für die Waffenspiele in Afghanistan ist derzeit wenig Platz in den Medien. Ägypten, Russland, Tunesien,... hach, geht das alles schnell). Welche Rituale stimmen denn nun mit den Grundsätzen der Bundeswehr überein? Gibt es dazu etwa Vorlagen, was man in welchem Abschnitt der Offiziersausbildung zu beweisen hat?
Zumindest Waffenspiele scheinen aktuell nicht dazuzugehören. Komasaufen schon (obwohl der deutsche Verteidigungsminister nichts dergleichen während seiner eigenen Ausbildung mitbekommen haben will). Rückhaltlose Aufklärung. Ja, ich mag Männer, die zu ihrem Wort stehen.
Die Gorch Fock wird in Marinekreisen als "größter schwimmender Puff Deutschlands" bezeichnet. Na ja, Soldaten sind für ihren prägnanten Ton bekannt, ein Körnchen Wahrheit steckt (pardon!) aber sich doch drin. Etwas dezenter formuliert es das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr. Dort wird die Gorch Fock schlicht als "Dauerbaustelle" bezeichnet. Ein Leser-Kommentar aus der FAZ:
Der schwimmende Botschafter Deutschlands leidet wie alle renommierten Ausbildungsstätten weltweit am Spagat zwischen Ausbildung und Repräsentation. Ausbildung gelingt perfekt, wenn die Schüler ein festes Ziel vor Augen haben und die Ausbilder als erfahrene Sherpas auf dieser (gemeinsamen!) Bergtour auftreten. Leiden Sherpas allerdings an Selbstüberschätzung oder dem Gefühl der Allmacht, werden sie lebenswichtige Signale übersehen und gnadenlos vom nächsten Wetterumschwung aus dem Rennen genommen.
Zu diesem Thema möchte ich auf einen sehr schönen Beitrag von Werner Theurich auf Spiegel Online zu Befehl und Gehorsam hinweisen (Direktlink). Darin heißt es u.a.:
Man achte auf die erste Strophe.
Was könnte besser zur gehaltenen "state-of-the-union"-Rede des amerikanischen Präsidenten, zum Vortrag des deutschen Verteidigungsministers vor dem Verteidigungsausschuss und zum gegenwärtig stattfindenden Weltwirtschaftstreffen in Davos passen?
Und die Versprechen des Menschen halten glücklicherweise immer länger. Nehmen wir die Ehe. Deren Halbwertszeit hat sich auf 14 Jahre und 4 Monate verlängert. Aber selbst mit dieser so souverän anmutenden Umschiffung des verflixten siebten Jahres kann und darf man als Nun-wieder-Single (oder bereits neu verheirateter Katholik) nicht zufrieden sein. Der Vertreter Christi auf Erden hat daher sofort folgerichtig gemahnt: "Heiratswillige Paare sollten vor der kirchlichen Trauung strenger auf ihre Motivation überprüft werden. Die Richter, die über Eheannulierungen entscheiden, sollten Ehen nicht allein deshalb für nichtig erklären, weil die Kläger es wünschten." Wär ja noch schöner.
Dabei konnte der Auftakt zu einem gemeinsamen Leben nicht schöner, nicht erfolgversprechender sein. Die junge Offiziersanwärterin (seit dreieinhalb Jahren bei der Bundeswehr) bestieg am 05. November des vergangenen Jahres in Brasilien das deutsche Segelschulschiff. Alle Offiziersanwärter des Truppendienstes und die Sanitätsoffiziersanwärter der Deutschen Marine werden im Rahmen von Auslandsausbildungsreisen auf diesem Segler für die Dauer von sechs Wochen ausgebildet. Zur 85 Mann starken Stammbesatzung kommen maximal 138 Lehrgangsteilnehmer. Einer von ihnen war die 25-jährige Sarah.
Am 07. November 2010, zwei Tage nach ihrer Einschiffung, stürzte die junge Soldatin aus 27 Metern Höhe auf die Planken. Über 8 Jahre lag zu diesem Zeitpunkt der letzte Todesfall durch einen Sturz vom Großmast zurück. Nach dem tödlichen Unfall der jungen Kadettin verweigerten nun zahlreiche ihrer Kameraden das Aufentern. 73 flogen daraufhin vom Schiff und zurück nach Deutschland. Der Begriff Meuterei schwebte im Raum - bis zu zehn Jahre Haft drohen für dieses "Verbrechen". Die Regierung musste schließlich handeln: Der deutsche Verteidigungsminister handelte auch prompt, entband Kapitän zur See Norbert Schatz seines Kommandos und beorderte die Gorch Fock zurück in ihren Heimathafen nach Kiel. Über die Zukunft des Schiffes wird in Berlin entschieden werden.
Was wäre ein Leben ohne Konkurrenz? Nicht als Leben zu bezeichnen. Konkurrenz ist der "Wettbewerb von Organismen um den Anteil an einer begrenzten Ressource." (Quelle: Brockhaus der Biologie). Begrenzte Ressourcen sind in unserer Welt u.a. (neben den natürlichen, nicht ubiquitär vorhandenen Ressourcen) auch Ansehen, Macht, Sex und Wohlstand.
Menschen gieren danach, ihren Zugang zu Ressourcen zu erweitern und mannigfaltig motivierte Bedürfnisse zu befriedigen. Auch an Bord der Gorch Fock war das so, ist das so und (natürlich fährt sie weiter!) wird das so sein. Ein enges Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen auf engem Raum, ohne Möglichkeit für kurze Eskapaden ruft Spannungen hervor. Solche Spannungen können clever abgebaut werden - selbst auf einem weltbekannten Segelschulschiff -, sofern die Verantwortlichen dazu in der Lage sind. Ein kompetenter Vorgesetzter motiviert seine Mannschaft und hat die Stärke, sich gewissen Gruppentendenzen entschieden entgegenzustemmen. Das sind Platitüden, sicher.
Wo ich schon bei Platitüden bin. Die Formulierung des deutschen Verteidigungsministers, "Prüfen, ob es Rituale gibt, die nicht mit den Grundsätzen der Bundeswehr übereinstimmen", war in diesem Zusammenhang ein Anlass, an die Vorfälle in Mittenwald zu denken. Vor einem Jahr standen die dort stationierten Gebirgsjäger im Fokus der Öffentlichkeit, jetzt ist es die Marine (okay, für die Waffenspiele in Afghanistan ist derzeit wenig Platz in den Medien. Ägypten, Russland, Tunesien,... hach, geht das alles schnell). Welche Rituale stimmen denn nun mit den Grundsätzen der Bundeswehr überein? Gibt es dazu etwa Vorlagen, was man in welchem Abschnitt der Offiziersausbildung zu beweisen hat?
Zumindest Waffenspiele scheinen aktuell nicht dazuzugehören. Komasaufen schon (obwohl der deutsche Verteidigungsminister nichts dergleichen während seiner eigenen Ausbildung mitbekommen haben will). Rückhaltlose Aufklärung. Ja, ich mag Männer, die zu ihrem Wort stehen.
Die Gorch Fock wird in Marinekreisen als "größter schwimmender Puff Deutschlands" bezeichnet. Na ja, Soldaten sind für ihren prägnanten Ton bekannt, ein Körnchen Wahrheit steckt (pardon!) aber sich doch drin. Etwas dezenter formuliert es das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr. Dort wird die Gorch Fock schlicht als "Dauerbaustelle" bezeichnet. Ein Leser-Kommentar aus der FAZ:
"Da beschweren sich tatsächlich Offiziersanwärter, dass sie nicht mit Samthandschuhen angefasst werden und auch mal ein bisschen rauherer Umgangston herrscht?Grenzerfahrungen sind sicher gut, die Frage ist nur, ob man sie braucht. Die Kadetten beklagen sich über rauhe Sitten und die fehlende Kameradschaft, fügen sich aber mehrheitlich in das System. "Fordernd und erlebnisreich" (Offiziersstimmen) soll die Ausbildung sein und am Ende die Halbentschlossenen und Ungeeigneten aussieben.
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Was denken diese Leute eigentlich wo sie sind?
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Das ist ein KRIEGSschiff! Hier wird für den KRIEG trainiert und nicht für irgendwelche PowerPoint Büropräsentationen.
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Von diesen Offizieren wird im Kriegsfall FÜHRUNG erwartet, es wird erwartet, dass sie Menschen in den TOT schicken können - mit voller Absicht, zum Beispiel um noch viel mehr Menschen damit das Leben zu retten. Und selbst können die sich noch nicht einmal dazu überwinden, etwas härter angefasst zu werden?
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Dann sind die einfach nicht als Offizier geeignet!
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Kein Wunder, dass alles den Bach runtergeht. Ja, natürlich muss es bei so einer Ausbildung Grenzen geben - die gibt es auch. Aber ein manchmal rauher Umgangston und insbesondere GRENZERFAHRUNGEN sind absolute Vorraussetzung für so eine Ausbildung. Wer das nicht begreift, der hat nie Grenzerfahrungen gemacht und kennt den sehr hohen Wert dieser Erfahrungen nicht - sofern diese sinnvoll und menschlich begleitet werden."
Der schwimmende Botschafter Deutschlands leidet wie alle renommierten Ausbildungsstätten weltweit am Spagat zwischen Ausbildung und Repräsentation. Ausbildung gelingt perfekt, wenn die Schüler ein festes Ziel vor Augen haben und die Ausbilder als erfahrene Sherpas auf dieser (gemeinsamen!) Bergtour auftreten. Leiden Sherpas allerdings an Selbstüberschätzung oder dem Gefühl der Allmacht, werden sie lebenswichtige Signale übersehen und gnadenlos vom nächsten Wetterumschwung aus dem Rennen genommen.
Zu diesem Thema möchte ich auf einen sehr schönen Beitrag von Werner Theurich auf Spiegel Online zu Befehl und Gehorsam hinweisen (Direktlink). Darin heißt es u.a.:
"Natürlich gibt es keine "feigen" oder "tapferen" Generationen. Es gibt nur mehr oder weniger komplexe Situationen, in denen von Menschen Werte neu verhandelt und angewandt werden. Im Krieg zum Beispiel, einer prinzipiell unüberschaubaren, kaum planbaren Situation, stehen Werte auf dem Prüfstand. Das militärisch-mentale Training dafür läuft über den Kanon der Hierarchie, den streng geregelten Ablauf einer Befehlskette, über Regeln und Verantwortung. Ein achtenswerter Versuch, denn er beinhaltet den heroischen Anspruch, unvorhersehbare Dinge grundsätzlich nachvollziehbar und vorausschauend zu regeln. Er verkennt allerdings die Tatsache, dass es nicht immer "weise" Vorgesetzte und "einsichtige" Untergebene gibt. Er ignoriert den größten Sicherheits- und Unsicherheitsfaktor dieser Versuchsanordnung: den Menschen. Ein Mensch kann diese Prinzipien achten und danach handeln, aber nur so lange, bis dieses Handeln plötzlich seinen Erfahrungen und Empfindungen zuwider läuft."
Man achte auf die erste Strophe.
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