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Mittwoch, 1. April 2020

Corona über alles

Sonnenaufgang am 1. April 2020.
Seit drei Wochen sind die Schulen in Sachsen und bundesweit geschlossen als Teil eines so noch nie dagewesenen Maßnahmenpaketes gegen eine Pandemie.

Die Bundesregierung hat ferner einerseits alle Grenzen geschlossen und andererseits alle Kassen geöffnet, um die sozialen und wirtschaftlichen Folgen eines kompletten Shutdowns abzumildern. Sie verstolpert sich dabei in Aktionismus, will unverständlicherweise krampfhaft am Status quo festhalten. Dabei sind Pandemien biologisch erwartbare Ereignisse in jeder Population. Sie sorgen für die Verbreitung resistenter Gene und wirken als Evolutionsbeschleuniger.

Und unsere aufgeklärte Gesellschaft? Schottet sich komplett ab - von lobenswerten Ausnahmen wie Schweden einmal abgesehen -, diskutiert allen Ernstes Hamsterkäufe von Klopapier, erzwingt teilweise (bald flächendeckend?) das Tragen von Schutzmasken und will Kranke tracken.

Es fallen täglich hart erkämpfte Freiheiten dem "Kampf" gegen einen Virus zum Opfer, der sich so oder so global ausbreiten wird. #FlattenTheCurve zieht eine globale Wirtschaftskrise nach sich, von deren Ausmaß wir uns noch gar keine Vorstellung machen können.

Was ich nicht verstehe:
* Warum erhalten Mitarbeiter der weltgrößten Automobilbauer Kurzarbeitergeld?
* Warum gibt es einen Aufschrei, wenn Großkonzerne auf das neue Recht der Mietstundung zurückgreifen?
* Warum werden Saisonarbeiter in der Landwirtschaft erst jetzt als "systemrelevant" [sic!] tituliert?
* Warum tötet man den Einzelhandel und lässt den Onlinehandel unangetastet?
* Warum darf ich als mündiger Bürger nicht allein in die Nationalparks zum Wandern reisen?

Sächsische Corona-Schutzverordnung vom 31. März 2020 (PDF)

Mittwoch, 8. August 2018

Ein Besuch im Klimacamp Leipziger Land 2018

Während einer S-Bahn-Fahrt in den Leipziger Südraum komme ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch. Johannes lebt in Berlin und arbeitet für die GLS Bank im Social Media-Bereich, will heute in Neukieritzsch aussteigen.

Moment, ein junger Berliner, der in Neukieritzsch aussteigen will? Entweder der hat sich total verfahren oder, ja, oder der will zum Klimacamp nach Pödelwitz.


Montag, 7. Dezember 2015

Türchen 7 | Adventskalender 2015

Betreibt Deutschland eine nachhaltige Außenpolitik? Entscheidet der Bundestag wirklich fundiert über den Einsatz von bis zu 1.200 Soldaten binnen drei Tagen? Hat man aus dem Afghanistan-Fiasko nichts gelernt? Wozu die sinnlose Beteiligung am mit Waffen niemals zu gewinnenden "Kampf gegen den Terror" im Nahen Osten? Erdgas?

Vor sechs Jahren schrieb ich diese Zeilen:

"Nach der Entführung zweier Tanklastzüge hat ein deutscher Oberst die Bombardierung des Konvois durch NATO-Jets angefordert. Immerhin wurde diese Aktion vorgestern in Stockholm als "großer Fehler", der sich "nicht wiederholen" dürfe tituliert. Warum um alles in der Welt wurde gleich nach Bekanntwerden des Massakers das Argument des möglichen Einsatzes dieser Tanklaster als Waffe gegen deutsche Soldaten in die Welt gesetzt? Weil es die einzige plausible Rechtfertigung war. Nach dem Motto: "Wir haben die Lastzüge nicht mehr, also sollt ihr sie auch nicht haben" – das klingt zugegebenermaßen eher nach Kindergarten ... trifft wohl aber deutlicher in die Nähe der 10 als jeder andere Erklärungsversuch.

Und nun? Was ist mit dem 10-Jährigen, der am Grab seiner ganzen Familie in den Abendnachrichten weinte, weil er nun niemanden mehr habe? Was ist nun mit ihm?? Wir befinden uns im Stabilisierungseinsatz. Herr Jung, machen Sie in den letzten paar Wochen ihrer Amtszeit wenigstens eine einzige Sache richtig! Sagen Sie den Menschen die Wahrheit! Danke."

Mittlerweile ist aus Oberst Klein Brigadegeneral Klein geworden, auch weil er sich in Kunduz "der Verpflichtung bewusst" gewesen sei, "zivile Opfer soweit irgend möglich zu vermeiden", und "hierbei keine ihm gebotene und praktikable Aufklärung unterlassen" hat.

"Die Nato hatte das Bombardement intensiv untersucht und schwerwiegende Fehler bei der Erteilung des Abwurfbefehls identifiziert. Zentral dabei war, dass Klein als ranghöchster Kommandeur gegenüber den Bomberpiloten einen aktuellen Angriff auf Nato-Truppen ("troops in contact") meldete, obwohl dieser nicht vorlag. Ebenso meldete Klein – seinen Aussagen nach unter Berufung auf eine Geheimdienstquelle – dass sich rund um die Tanker hauptsächlich bewaffnete Taliban befänden. Auch dies stellte sich später als falsch heraus."
(Spiegel Online)

Vorermittlungen zu einem Disziplinarverfahren wurden eingestellt.

Betreibt Deutschland eine nachhaltige Außenpolitik? "Beschützt" dieser Staat die richtigen Menschen?!

Freitag, 8. Mai 2015

Kommentar: Die Bundesregierung muss endlich handeln

Reinhard Mutz sprach heute früh im Deutschlandradio Kultur das aus, was ich nicht besser formulieren könnte:

"Diesmal wird uns das Thema so bald nicht wieder loslassen. Was vom Mittelmeer her geschieht, was im Bürokratendeutsch "Migrationsdruck" heißt, wird eher zu- als abnehmen. Doch was tut Europa, was unternimmt Deutschland? Zu verhindern, dass noch mehr Menschen einen qualvollen Tod leiden, habe oberste Priorität für die deutsche Flüchtlingspolitik, sagt die Bundeskanzlerin. In operative Schritte übersetzt hieße dies: die Seenothilfe zu verstärken, dazu mehr Schiffe ins Mittelmeer zu schicken und die finanziellen Mittel aufzustocken. Bisher jedoch verweigert jedes dritte Mitgliedsland der EU jegliche Lastenteilung.

Den Kampf gegen die Schleuserkriminalität hat Angela Merkel ebenfalls auf die Fahne des Bundeskabinetts geschrieben. Unglücklicherweise fehlt es der internationalen Gemeinschaft sowohl an rechtlicher Zuständigkeit wie an kompetenten Partnern. Libyen, das für diese Aufgabe am ehesten in Frage käme, ist - dank der westlichen Intervention vom Frühjahr 2011 - nur auf dem Papier ein funktionsfähiger Staat. [...]

Die meisten Flüchtlinge kommen aus einem vom Krieg verwüsteten Syrien nach Deutschland. In den Schubladen der UNO vergilbt derweil ein Friedensplan, entworfen vom ehemaligen Generalsekretär Kofi Annan, aber ohne eine echte Chance. Denn für die amerikanische Diplomatie steht ein anderes Verhandlungsziel als die Entmachtung von Baschar al-Assad nicht zur Debatte. [...]

Krisenprävention bedeutet aber nicht überall dasselbe. Die einen fliehen vor Krieg, politischer Verfolgung oder Hungersnot, die anderen vor einer Zukunft, die ihnen ökonomisch perspektivlos erscheint. Viele derjenigen, die Wirtschaftsflüchtlinge genannt werden, kommen aus Afrika übers Mittelmeer. Aber auch daran tragen die Europäer Mitverantwortung.

Vor einem Jahrzehnt, im Oktober 2005, verkündete die EU die beschleunigte Entwicklung des südlichen Nachbarkontinents zu einem vordringlichen außenpolitischen Projekt. "Europa-Afrika-Pakt" lautete der hochfliegende Name. Bis 2015 sollte die Armut halbiert werden. Jedoch wurde das Ziel verfehlt."
(Reinhard Mutz)

Das politische Feuilleton vom 8. Mai 2015 auf Deutschlandradio Kultur

Sonntag, 12. April 2015

Ein veganer Sonntagsbrunch in Brandis


Der am 17. Mai 2015 nach 10 Amtsjahren als Pfarrer der Kirchgemeinde Brandis-Polenz in den Ruhestand wechselnde Herr Dr. Ulrich Seidel ist überzeugter Veganer, erster Vorsitzender der Aktion Kirche und Tiere (AKUT) e.V. sowie Kuratoriumsmitglied des Institutes für Theologische Zoologie.

Dr. Ulrich Seidel.
Karen Kriegel-Bunk.

















"Seit vielen Jahren liegt mir das Thema des Umganges von uns Menschen mit den Tieren am Herzen. Mein Vater weckte als Biologielehrer in mir die Liebe zur und die Achtung vor der Natur. Später beeindruckten mich Fernsehsendungen, die hinter die Fassaden von Tierfabriken und Schlachthöfen leuchteten. Dazu kamen Begegnungen mit Vegetarierinnen und Vegetariern und mein Engagement im "konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung" in der ehemaligen DDR. Ich bekam einen Blick für die weltweite Gerechtigkeit und die verheerenden Folgen unseres Lebensstils für Menschen, Tiere und die Natur."
(Dr. Ulrich Seidel)

Auch uns liegt das Tierwohl am Herzen, wir lehnen Massentierhaltung ab, kennen den ökologischen Fußabdruck von Schnitzel, Steak und Roastbeef, ernähren uns vegetarisch. Der verbreitete, gedankenlose Fleischkonsum widert uns an, die Billig-Billig-Billig-Mentalität beutet uns nicht nur aus, sie degradiert Tiere zur schlichten Ware. Der Respekt früherer Generationen gegenüber den zur Schlachtung bestimmten Haustieren ist durch die industrielle Fleischproduktion - ein abscheuliches Wort!!! - gänzlich verloren gegangen. Was zählt ist einzig der Profit, das Lebewesen ist bloßer Teil einer ständig rotierfenden Konsumwalze, deren Motto lautet: Mehr, schneller, billiger!

Montag, 2. März 2015

Nennen wir ihn Max

Eine Kleinstadt irgendwo in Deutschland. Sie könnte im Westen, im Norden, im Osten, im Süden liegen, völlig egal. Die örtliche DHL-Filiale befindet sich in einem Edeka-Geschäft, seit Mitte der 1990er Jahre existiert im Ort kein eigenständiges Postgebäude mehr. Der Konzern hat seine Dienstleistungen breitflächig outgesourced [sic!] und an lokale Kleinunternehmer Lizenzen zu deren Bereitstellung vergeben - das Prinzip Franchising.

Max, Mitte 40, erwartet ein Paket und möchte es am Nachmittag dieses Montags abholen. Er hat eine abgeschlossene Berufsausbildung, ist verheiratet, zwei Kinder leben mit auf dem elterlichen Hof. Sie wohnen gerne auf dem Land. In seiner Freizeit besucht er Spiele der regionalen Fußballclubs, bei passendem Wetter geht er mit seinem Kumpel am nahegelegenen See angeln. Wohnhaus und Edeka trennen exakt 196 m, man kann die direkte Luftlinie auf dem Fußweg zurücklegen. Max mag aber nicht laufen und steigt lieber in seinen Honda CR-V, ein SUV mit gut 1,5 t Leergewicht. Er biegt nach links ab, denn der direkte Weg zum DHL-Schalter ist verkehrsrechtlich eine Einbahnstraße. Max fährt 540 m mit dem Pkw um den Block, um direkt vor dem Discounter zu parken. Dort holt er ein Paket ab mit geschätzten Maßen von 70 x 30 x 30 cm. Man kann das Paket problemlos unter den Arm klemmen, Max zeigt das auf dem Weg zurück zum Auto.

Fußweg: 400 m; Fahrstrecke: 868 m.

Die BILD-Zeitung liegt auf dem Armaturenbrett, aus der schwarzen Hose von Engelbert Strauss wird eine Lucky Strikes-Packung gezogen. Max steigt ein und rollt die 228 m durch die Einbahnstraße zurück zum Startpunkt. Auf dem Beifahrersitz liegt sein Paket.

Max ist ein Fossil, das sich in bester Gesellschaft befindet. Ihr Maßstab ist keine Suffizienzstrategie, ihr Maßstab ist die Beibehaltung des bequemen, des von der Generation vor ihnen und, ja, auch lange Zeit von der Politik (im Grunde bis heute!) unzureichend infrage gestellten Lebensstils. Globale Probleme und Herausforderungen werden als "global" und nicht gleichzeitig "lokal" rezipiert. Der besorgniserregende Ressourcenverbrauch unserer europäischen Zivilisation beispielsweise betrifft aber jeden einzelnen - allein drei Erden wären nötig, würde jeder Mensch diese Lebensweise praktizieren. Denkt Max darüber nach, was er sich morgens zum Frühstück auf den Tisch stellt? Denkt Max über seine Wege und deren Optimierung nach (Fahrgemeinschaften, ÖPNV, nichtmotorisierter Individualverkehr)? Denkt Max über seine Urlaubsziele nach, vermeidet er Fernreisen? Denkt Max über die Wahl seines Stromanbieters nach? Denkt Max über seinen Alkohol- und Fleischkonsum nach? Redet Max mit seiner Familie, seinen Freunden, seinen Kollegen darüber?

Kennen Sie Max? Aus dem Spiegel?

Mittwoch, 21. Januar 2015

Einer von Zehntausenden gegen Ausländerfeindlichkeit und braune Parolen

Drei Hubschrauber kreisen über Leipzig, die Innenstadt wimmelt nur so von Polizei-Transportern, Personalien werden kontrolliert, Hundertschaften marschieren durch die Straßen. Ja, der von LEGIDA herbeigesehnte Ordnungsstaat ist heute Nachmittag in der größten Stadt Sachsens zum Greifen nah. 44 Hundertschaften aus dem gesamten Bundesgebiet wurden nach Leipzig abkommandiert, um Gewaltausbrüche zu verhindern und den angemeldeten Demonstrationen zu ihrem demokratisch verbrieften Recht zu verhelfen. Immerhin, für Polizeipräsident Bernd Merbitz ist dieses massive Aufgebot ein "trauriger Höhepunkt im Jahr des 1000. Geburtstags der Messestadt."

Circa 5.000 Polizisten am 21. Januar 2015 in Leipzig.

Ich fahre in die Innenstadt, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen. Eine Frau von Anfang 70 steht mit ihrem Fotoapparat fassungslos vor den 50 "Sixpacks" am Wilhelm-Leuschner-Platz und hat sichtlich Angst: "Wenn das mal gut geht heute Abend. Die Vermummten sind besonders gefährlich, die randalieren immer." Ich schaue schweigend auf das Großaufgebot - über 5.000 Polizisten. "Wissen Sie, wo die alle herkommen?", werde ich gefragt. "Nein." "Ich habe mit einem Polizisten aus Rostock gesprochen, der sagte, bundesweit wurden seine Kollegen zusammengerufen." Später vor dem Bundesverwaltungsgericht kann ich mich selbst davon überzeugen, hier parken nämlich drei Transporter mit RPL-Kennzeichen nebst einem MZ-Krankenwagen. Muss ein Krankenwagen aus Mainz nach Leipzig fahren?

Montag, 19. Januar 2015

UPDATE zur PEGIDA-Studie der TU Dresden + neue Ergebnisse aus Berlin

Beitrag vom 14.01.2015: Je ne suis pas Charlie, mais...

Als Nicht-Soziologe habe ich mich mit einer Kritik am Design dieser Untersuchung bewusst zurückgehalten, zumal hier die Autoren höchstselbst auf die geringe Belastbarkeit ihrer Ergebnisse, oder wie sie es selbst nennen: "gewisse Verzerrungen", hinweisen. Konkret referenziert die Kritik z.B. auf das Phänomen des "non-response bias", also der Tatsache, dass Pegidisten mit extremen Ansichten sich weigern, selbige zu Protokoll zu geben (es stattdessen abgeschwächt tun oder gar nichts sagen).

"Die hohe Anzahl an Verweigerern ist als zentrales Problem für die Aussagekraft der Ergebnisse zu betrachten, da grundsätzlich nicht davon ausgegangen werden kann, dass Personen, die die Teilnahme an einer Erhebung verweigern, ebenso geantwortet hätten, wie Personen, die zur Teilnahme bereit waren – insbesondere bei einem politisch oder persönlich irgendwie sensiblen Befragungsthema, welches hier eindeutig vorlag. Da nicht ausgeschlossen werden kann (und es vielmehr sogar sehr wahrscheinlich ist), dass die fehlenden 65% einen erheblichen Einfluss auf das Befragungsergebnis ausgeübt hätten, hätte man sie zur Teilnahme verpflichten können, ist es in meinen Augen verwegen, von den verbliebenen 35% Rückschlüsse auf die Gesamtheit (nicht nur der Angesprochenen, sondern der Demonstrationsteilnehmer insgesamt) zu ziehen."
(Christian Reinboth)

Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin hat mit Kollegen aus ganz Deutschland nun eine neue Untersuchung zum Phänomen "PEGIDA" durchgeführt, deren Ergebnisse sowohl online als auch durch direkte Straßenbefragungen gewonnen worden. Zwar wurde diesmal nur eine Demo (die am 12. Januar in Dresden) untersucht, dafür mit eleganteren Methoden. Die Befragten erhielten Handzettel mit QR-Codes zur Online-Befragung, zusätzlich wurden bei der Verteilung der Zettel weitere Informationen für die Befragten scheinbar beiläufig erfasst (Geschlecht, bisherige PEGIDA-Demo-Teilnahmen). Durch die Online-Befragung kann Gruppeneffekten wie Mitläufertum besser begegnet werden.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Je ne suis pas Charlie, mais...

Beitrag vom 19.01.2015: UPDATE zur PEGIDA-Studie der TU Dresden + neue Ergebnisse aus Berlin

Montagabend waren erneut in Dresden und erstmalig auch in Leipzig Tausende auf den Straßen, um ihre Sympathie für die sogenannte "PEGIDA"-Bewegung zu bekunden. Nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" am 7. Januar mit 12 Toten und der tödlich endenden Geiselnahme zwei Tage später in einem Pariser Supermarkt für koschere Lebensmittel erhielt die Gruppierung wie erwartet einen deutlichen Zulauf, zumal sie sich diesmal als Trauermarsch für die Opfer der Pariser Anschläge ausgab. Lutz Bachmann, der Gründer und Kopf der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", ist juristisch kein unbeschriebenes Blatt. Der mehrfach vorbestrafte 41-jährige Dresdner und ehemalige Bratwurstverkäufer zieht seit Oktober letzten Jahres mehr und mehr Bürger auf die Straßen, um gegen ... den Islam zu protestieren?

Wer das Positionspapier (PDF) liest, findet darin kein Wort zum Islam. Stattdessen Rufe nach:
  • einer "Pflicht zur Integration",
  • einem Zuwanderungsmodell analog zu Ländern wie Australien, Kanada oder der Schweiz,
  • sexueller Selbstbestimmung,
  • der Abschaffung des Gender Mainstreamings,
  • dem "Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur."

"Zunächst bezeichnete das Abendland die lateinische Christenheit, die sich gegen die orthodoxe Kirche abgrenzte. Rom gegen Konstantinopel. Als dann 1453 Konstantinopel durch die Türken erobert wurde, wurde das christliche Abendland zum Kampfbegriff des christlichen Europa gegen die türkischen, muslimischen Angreifer. In Wirklichkeit hat es so etwas wie ein einheitliches christliches Abendland aber nie gegeben. Man schaue nur darauf, dass die muslimischen Türken im 17. Jahrhundert von den katholischen Franzosen im Kampf gegen die katholischen Habsburger unterstützt wurden. Machtdenken spielte eine viel größere Rolle als die Religion. [...] Das zeigt ja, wie inhaltsleer und dehnbar der Begriff Abendland immer war: Lange richtete er sich auch gegen die Juden, doch in jüngster Zeit wurde – nachdem Millionen Juden ermordet wurden – die jüdische Religion einbezogen, wenn es um die Abgrenzung gegen Muslime geht. Auch heute beschwören viele Demonstranten bei den Pegida-Veranstaltungen die christlich-jüdischen Werte des Abendlandes. Wenn es um Muslime geht, sind Verbündete gerade recht."
(Wolfgang Benz)

Was also wollen diese selbsterklärten Verteidiger des Abendlandes tatsächlich? Haben sie eine konkrete Forderung oder hat sich hier ein Haufen Frustrierter zusammengefunden, dessen Anliegen weit über die plakativen Slogans hinausgeht?

Montag, 1. September 2014

Schwarz, rot, (in)diskutabel

In Sachsen fanden gestern Landtagswahlen statt und bereits im Vorfeld wurde intensiv über das erwartet hohe Ergebnis der AfD diskutiert. Deren Spitzenkandidatin Frauke Petry wünscht sich: Mehr Polizisten für mehr Sicherheit; geschlossene Ostgrenzen für mehr Sicherheit; keine weiteren Windparks für mehr Kohlestrom; keine für den hiesigen Arbeitsmarkt überflüssigen Zuwanderer; die Drei-Kind-Familie "als Standard".

Das amtliche Endergebnis (Veränderung zu 2009):

CDU > 39,4 % (- 0,8 %)
Linke > 18,9 % (- 1,7 %)
SPD > 12,4 % (+ 2 %)
AfD > 9,7 % (+ 9,7 %)
Grüne > 5,7 % (- 0,7 %)
NPD > 4,9 % (- 0,7 %)
FDP > 3,8 % (- 6,2 %)

Wählerwanderung (Stimmen A -> nach B, C, D):

CDU -> 33.000 AfD, 22.000 Nichtwähler
Linke -> 15.000 AfD, 4.000 CDU, 2.000 NPD, 13.000 Nichtwähler
SPD -> 8.000 AfD, 5.000 Nichtwähler
FDP -> 18.000 AfD, 20.000 CDU, 12.000 SPD, 20.000 Nichtwähler
Grüne -> 3.000 AfD, 6.000 Linke, 7.000 SPD
NPD -> 13.000 AfD, 10.000 Nichtwähler

Dienstag, 27. Mai 2014

Europa hat gewählt

"Wer das Böse nicht bestraft, befiehlt, dass es getan werde." (Leonardo da Vinci)
Heute vor 15 Jahren:

Das Internationale Strafgericht für Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien mit Sitz in Den Haag stellte am 27. Mai 1999 Slobodan Milošević unter Anklage. Das Verfahren gegen den damaligen Präsidenten der Bundesrepublik Jugoslawien war das erste, in dem ein amtierender Staatspräsident vom Kriegsverbrechertribunal angeklagt wurde.

Ethnische "Säuberungen" und Kriegsverbrechen im Zuge der großserbischen Expansionspolitik prägten die Zeit zwischen 1992 und 1999. Als die NATO gerade dabei war, Serbien und das Kosovo zu bombardieren, um die Verfolgung der Albaner durch das Regime zu beenden, erfolgte die Anklage. Ihr schloss sich ein politisches Geduldsspiel um die Auslieferung des Diktators an, zu welcher es schließlich erst im Jahr 2001 kam. Fünf lange Jahre zogen ins Land ohne ein Urteil. Zu lang für den Angeklagten: Milošević starb am 11. März 2006.

Die Bundesrepublik Jugoslawien existierte ihrerseits bis 2003, dann nannte sie sich um in "Serbien und Montenegro". Im Juni 2006 erklärte sich Montenegro nach einem Referendum für unabhängig; die EU-Beitrittsverhandlungen laufen - wie übrigens auch mit dem ehemals größten Teilstaat Jugoslawiens, Serbien -, seit diesem Jahr.

Große Hoffnungen in die EU werden nicht nur in den Staaten des Balkan, sondern in ganz Süd(ost)europa gesetzt. Sind sie berechtigt? Kann dieser Staatenbund funktionieren und für alle seine Mitglieder Vorteile erreichen? Ich wage keine Prognose, denn die aktuelle Europawahl war der deutliche Ausdruck einer tiefen europäischen Krise.

Mittwoch, 7. Mai 2014

Gassi rennen

Heute Morgen wurde ich Zeuge der Zukunft des Gassi gehens. Es soll da draußen ja noch immer Menschen geben, die mit ihrem Kinderersatz, mit ihrem Partnerersatz, mit ihrem Accessoire oder mit ihrem (zweit)besten Freund, ihrer (zweit)besten Freundin mehrmals täglich per pedes zum Laternenpinkeln, Straßenbaumpinkeln, Parkpinkeln ausschwärmen. Wie ineffizient. Nein, in einer durchoptimierten, durchgepricewaterhousecooperten Gesellschaft mit 24/7 erreichbaren Arbeitnehmern [sic!] und dem von allen Seiten auf uns einhämmernden Wachstumsmantra muss diese Verschwendung wertvoller Ressourcen ein Ende haben!

Ich plädiere deshalb unbedingt dafür, es der heute vor mir radfahrenden Dame gleichzutun. Sie benötigen: Einen Hund, ein Fahrrad, einen DogRunner. Los gehts!

Dienstag, 28. Januar 2014

"Dann verbrennen wir alle im Zug!"

"Zughorror! Geisteskranker reißt fast 100 Menschen in den Tod!"
(Bild)

"Dramatisches Zugunglück in Markkleeberg"
(LVZ)

"Viele Tote infolge der Nichtbeachtung einer dienstlichen Weisung."
(Polizeiticker)

"Nicht zu fassen: Zug verspätet sich, weil ein Waggon erst ausbrennen musste."
(Der Postillon)

"Unglück auf neuer S-Bahn-Trasse im Süden von Leipzig (Sachsen, Deutschland)."
(SZ)

"Radfahrer blockiert Fluchtweg - 52 Menschen sterben"
(Spiegel Online)

Die Gazetten hätten sich gewiss überschlagen, wäre ich nicht von einer freundlichen Zugbegleiterin auf den Umstand hingewiesen worden, ein Sicherheitsrisiko darzustellen.

An jenem Mittwochnachmittag in der 4. Kalenderwoche wollte ich bei Schneefall und einsetzender Dunkelheit bloß schnell nach Hause und 20 Minuten einsparen. Erfreulicherweise nutzen zahlreiche Pendler die neuen S-Bahn-Linien, welche nach Eröffnung des City-Tunnels Leipzig im vergangenen Dezember an den Start gegangen sind. Erfreulich für die Umwelt - weniger erfreulich für mich. Denn in der Rushhour bekommt man keinen Platz im Fahrradabteil; im Gegenteil: Man wird von den auf "meinem Stellplatz" Sitzenden als Fremdkörper gemustert, nur um kurz darauf den Blick abzuwenden. Da bleibt einem als Radler nichts anderes übrig, als im Eingangsbereich stehen zu bleiben.

Auf Seite 16 der DB-Beförderungsbedingungen steht nun unter 8.1 aber zu lesen: "Die Mitnahme von Fahrrädern ist in Zügen der Produktklasse C und in Zügen, die mit [Fahrradsymbol] gekennzeichnet sind, möglich. Die Beförderung kann bei Platzmangel abgelehnt werden."

Klarer Fall. Über die Zuglautsprecher erging auch die eindeutige Anweisung, bitte die Eingangsbereiche freizuhalten. Nur: Mein bezahltes Ticket verfällt dann infolge ... ja, infolge von was eigentlich? Höherer Gewalt? Wohl kaum. Und was wäre wohl gewesen, wenn ich mit einem Rollstuhl anstelle eines Fahrrads am Bahnsteig gestanden hätte? "Sorry, wir sind voll?"

Diese Gedanken beschäftigten mich während der Fahrt, bis eine Station vor meinem avisierten Zielbahnhof besagte freundliche Zugbegleiterin an mich herantrat und - für das halbe Abteil gut hörbar - verlauten ließ: "Haben Sie die Durchsage nicht gehört? Wir bitten darum, die Eingangsbereiche freizuhalten, denn wenn Sie beispielsweise hier den Durchgang blockieren und ein Brand ausbricht, dann verbrennen wir alle im Zug!"

Als Lebensretter verließ ich 3 Minuten später die Bahn.

Montag, 2. Juli 2012

Sehen, feiern, schlafen, aufwachen

Mit der wenig schmeichelhaften Umschreibung "Brot und Spiele" werden gemeinhin Abläufe betitelt, bei denen der Zerstreuung eine zentrale Rolle zuteil wird. Die Zerstreuung soll dabei helfen, im Hintergrund - vor den Augen der breiten Öffentlichkeit verborgen oder zumindest durch den Dunst von Großereignissen vernebelt - unangenehme Entscheidungen zu fällen, deren Tragweite letzten Endes dem eventtaumeligen Bürger erst viel später (zu einem Zeitpunkt, an dem keine Korrekturen mehr möglich sind) klar wird.

Einem solchen Prozess konnten wir in den letzten Wochen geradezu exemplarisch beiwohnen. Nicht nur hat die Bundeskanzlerin den Fiskalpakt in Windeseile durch den Bundestag gepeitscht, nein, sie hat in ihrer "Alternativlos"-Mentalität auch gleich noch das ehrbare BVerfG als Quasi-Gehilfen für ihre Zwecke vereinnahmt.

Der Weg in die von den Medien so schön "Schuldenunion" titulierte Gemeinschaft europäischer Staaten ist jetzt frei.

Was spielt es da noch für eine Rolle, dass das ifo-Institut gebetsmühlenartig den Kollaps des ESM prophezeit, wenn, ja wenn die bislang für marode Staatsfinanzen verwendeten Gelder (pardon: "Garantien") zur Bankenrettung herangezogen werden müss(t)en. Über 9000 Milliarden Euro gälte es dann abzusichern. Da erscheinen die circa 1000 Milliarden des gegenwärtigen ESM wie ein Taschengeld.

Montag, 25. Juni 2012

Johannisrunde 2012

Der letzte Spargel des Jahres wird traditionell am Johannistag geerntet - genau drei Tage vor dem für die Wetterprognose der nächsten sieben Wochen (angeblich mit 70 %-Trefferwahrscheinlichkeit) seit Generationen so wichtigen Siebenschläfertag.

Ein Bis-7-Uhr-Schläfer war ich gestern auch, denn wir hatten uns von den kachelmannschen Auguren weismachen lassen, ab 14 Uhr potenziell von oben nass zu werden. Doch ungeachtet dessen hat ein relativ früher (oder relativ sehr später - je nachdem) Start weitere Vorzüge:

- es gibt jagdbare Konkurrenz auf den Straßen
- man braucht keine Beleuchtung
- man erkennt die Landschaft
- man wird nicht für komplett freaky und beziehungsbedürftig gehalten (nur zu 99,99999 %)
- man wird bei Tageslicht zu Tode gefahren und erleichtert dem Bestattungsunternehmen so die Suche

In Grimma fanden am vergangenen Wochenende übrigens die Deutschen Straßenradmeisterschaften statt. Die Elite der Herren begab sich am Sonntag ab 11 Uhr auf einen 10,4 km langen Rundkurs, der insgesamt 19-mal zu absolvieren war. Neunzehnmal die Kohlenstraße hinaufprügeln, neunzehnmal aus der Stadt heraus den Hohnstädter Berg erklimmen, achtunddreißigmal Schmerzen und Leiden.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Bach, Ball & Babycreme

Über die Verquickung von Kultur und Kommerz.
Gesehen am 30. Mai 2012 in Leipzig.





Mittwoch, 4. April 2012

Unter der bunten Schale

Mit Beginn der Karwoche leitet das Christentum das Ende der Fastenzeit und damit die letzten Tage vor dem Osterfest ein.

[Interessant dabei ist der Umstand, dass die orthodoxen Christen trotz mehrerer Anläufe einer Vereinheitlichung Ostern immer noch nach dem julianischen Kalender und damit mindestens 13 Tage später als der Rest der Welt feiern.]

Man sieht bunte Eier an fast jedem Busch baumeln, Osterhasen in allen Geschäften, ja manchmal gar überlebensgroß neben den Eingangsbereichen von Häusern stehen. Spätestens ab Mittwoch werden sich lange Schlangen in den Geschäften bilden, weil ab Gründonnerstag die Schweinenackensteaks ausverkauft sind, man aber für die Dauergrillorgie unbedingt welche benötigt. Spätestens am Morgen des Karfreitags werden sich die Autobahnen füllen, weil man zu oder mit seinen Lieben unterwegs sein will. Dann wird der Liter Superbenzin erstmals 1,80 Euro kosten - aber es juckt keinen, weil schließlich Ferien sind und die Sonne scheint und die Vöglein zwitschern und überhaupt: "Die 10 Euro mehr pro Tankfüllung sind doch nicht der Rede wert..."

Haben Sie in den letzten Wochen gefastet, bewusst auf das eine oder andere Laster verzichtet, ihren Körper gespürt (nicht bloß die schmerzende Wirbelsäule am Schreibtisch)? Sind Sie mit sich selbst ins Gericht gegangen, haben Sie bereits erste Vorsätze in diesem nun schon wieder zu einem Viertel abgelaufenen Jahr umgesetzt?

Mir scheint, viele Menschen verwirklichen ihre Vorsätze gerade deswegen nicht, weil es eine schöne Welt ist, in der sie leben. Sie können sich nicht vorstellen, in eine noch schönere zu gelangen, verstellten sie nur ein klein wenig die Regler ihres Daseins. Den kurzen Arbeitsweg mit dem Rad oder der Bahn zurücklegen; die Brötchen nicht mit dem Auto holen; täglich 30 Minuten Sport; morgens Müsli und nicht 4 mit Wurst belegte Weißbrotscheiben; Obst und Gemüse aus heimischem Anbau und nach saisonaler Verfügbarkeit kaufen; das Mindesthaltbarkeitsdatum NICHT mit einem Verfallsdatum verwechseln; kritisch den Energie- und Wasserverbrauch betrachten...? "Lass gut sein, Ökospinner!" Ich denke, viele haben sich einem gesellschaftlichen Anpassungsdruck unterworfen. Teilweise bewusst (die tun mir wirklich leid), teilweise aber gänzlich unbewusst (die sollten sich meine obige Liste an den Spiegel kleben). Zum Beispiel: Auto = Wohlstand = Freiheit = Statussymbol. Diese Formel gilt nach wie vor. Und es gäbe an ihr auch nichts zu kritisieren - wenn, ja wenn dafür keine fossilen Energieträger verheizt und die Umwelt nicht zerstört werden müssten. Doch bis zur nächsten automobilen Revolution ist es noch ein weiter Weg. Gehen Sie auf diesem Weg ein paar Schritte zu Fuß.

[Das Laufen ist übrigens eine kleine Apotheke, die immer zur Hand ist. Denn es stärkt nicht nur die Physis, sondern lockert auch Denkblockaden und macht aufnahmefähiger. Unser Gehirn hat sich im Laufe der etwa 7 Millionen Jahre dauernden menschlichen Evolution an einen sich (seit etwa 3,7 Millionen Jahren) im Schritttempo vollziehenden Informationsfluß adaptiert.]

Gerne würde ich wissen, ob sich Lucy schon mit ADHS-geplagten Zeitgenossen herumschlagen musste. Wohl eher nicht und deshalb erscheint mir das aktuelle Buch von Christoph Türcke als sehr zeitgemäß. Darin weißt er auf die Gefahren der sog. "konzentrierten Zerstreuung" hin und regt an, sich beim Thema ADHS auch und gerade der Erwachsenenwelt anzunehmen.
"Wir sind zwar insgesamt erschreckend konformistisch. Es wird erschreckend viel mitgemacht und auch für selbstverständlich gehalten in diesem Prozess konzentrierter Zerstreuung, aber es gibt Gegenstrategien, Verlangsamungsstrategien."
(Christoph Türcke)
Seine Vorschläge zum Umgang mit und zur Prävention von Aufmerksamkeitsdefiziten reichen bis hin zur Reformation des Unterrichts. Übrigens fordert Türcke auch eine verstärkte Gewichtung der Rituale in unserer Gesellschaft. Womit wir wieder bei Ostern wären und...
"Mein Ansatz ist nach wie vor einer der Gesellschaftskritik."
(Christoph Türcke)
...danke.

Reflektiert die Mehrheit überhaupt den Sinn dieser Osterzeit; oder ist es lediglich eine willkommene Gelegenheit, um den Tank auf der Autobahn leerzublasen?
Das war eine rhetorische Frage.

Und weil man mit Rhetorik allein - außerhalb von Debattierkursen und Kinderspielplätzen - in diesem Land nichts auszurichten vermag, präsentiere ich lieber ein paar Fakten. Mit Fakten allein kann man in diesem Land zwar noch weniger bewegen als mit Worten, doch ich möchte mich gerade in dieser so optimistischen Frühlings-alles-erwacht-grünt-frohlockt-tanzt-geniesst-Stimmung nicht als Spielverderber gerieren und schlechte Stimmung verbreiten.

Denn Optimismus siegt - oder wie Obama unlängst in Seoul zu Medwedjew so schön sagte: "Das ist meine letzte Wahl im November. Danach habe ich mehr Handlungsspielraum."
Und was liest der unbeteiligte Beobachter aus diesem rhetorischen Kaffeesatz? Dass Demokratie die Handlungsfreiheiten einschränkt. Russland ist deshalb schon einen Schritt weiter und zeigt den Amerikanern, wie man Kontinuität nicht nur predigt sondern auch umsetzt. Das dürfte dem afghanischen Präsidenten imponiert und zum lauten Äußern der schon lange hinter abgeschalteten Mikrofonen und verschlossenen Türen gehandelten Meinung - die ISAF-Truppen sind lediglich Besatzer in unserem Land und sollen besser gestern denn morgen verschwinden - bewegt haben.
"Beide Seiten müssen dabei zusammenarbeiten, den Übergabeprozess von den internationalen Truppen zu den afghanischen Kräften 2013 statt 2014 abzuschließen."
(Hamid Karsai am 15.03.2012)
Vorzeitiger Truppenabzug 2013 und Unterschrift Karsais unter einen Vertrag zur ständigen US-Präsenz im Land in Form von Militärbasen vor dem Nato-Gipfel in Chicago stehen auf der Agenda Washingtons nun ganz oben.

Uns braven Osterlämmern bleibt da nur zu hoffen, dass nicht bald wieder Familien in ihrem Heim erschossen werden und die Tat danach einem angeblich Irren in die Schuhe geschoben wird.

Sollten wir nicht lieber daran arbeiten, Leben zu erhalten, anstatt es zu vernichten und im Anschluss seine Wiederauferstehung herbeizusehnen?!

PS:
* 2009 wurden in Deutschland 18 Mrd. (!!!) Eier verzehrt
* Bioeier haben einen Anteil von 7 % am Gesamteiermarkt
* von 2000 bis 2010 sank die Zahl der Legehennen in Deutschland um 5 Mio. - im gleichen Zeitraum legten die Hennen aber jeweils 5 Eier mehr pro Jahr (289 --> 294 Stück)
* manche Legehennenrassen (in D. existieren etwa 200 Hühnerrassen) produzieren bis zu 340 Eier im Jahr
* nicht mehr "profitable" Bestände gehen geschlossen in Schlachthaus und Tierfutter
* "Super-Legehennen" werden maximal 2 Jahre alt
* in Deutschland werden jährlich knapp 600 Mio. Masthühner geschlachtet

Quellen: Die Bio-Branche 2011, Destatis, Peta

Frohe Ostern

Montag, 23. Januar 2012

Unüberbrückbare Differenzen

Da schaltet man wie immer zum Frühstück das Nachrichtenradio ein, um sich über die aktuellen Staumeldungen im Ruhrgebiet sowie die neuesten Meldungen über gesponsertes Klopapier und Spielzeugautos für die Familie Wulff zu informieren, als es mir bei einer Info plötzlich fast das Müsli vom Löffel haut: Heidi und Seal wollen sich trennen.

Nach dem chinesischen Neujahrsfest (und Bildern von böllerwerfenden Vietnamesen in der Dessauer Innenstadt im MDR), blinden Passagieren auf der Costa Concordia, der famosen Rede Angelas auf Guidos Geburtstagsparty, Gingrichs "Sieg" in South Carolina und Honeckers ausspioniertem Liebesleben platzte also eine neue Bombe. Eine Bombe von erschreckender Bedeutungslosigkeit.

Warum schaffen es derartige Meldungen in als seriös geltende Nachrichtenformate? Weil sie die Hörer und Leser besser erreichen als Berichte über eine angedrohte Sperrung der Straße von Hormus und deren Folgen. Gehen Sie heute mal auf die Flaniermeile ihrer Stadt (für Bewohner von Dörfern: gehen Sie zur Freiwilligen Feuerwehr) und machen Sie den Test mit zwei Fragen:
  1. Wo liegt die Straße von Hormus?
  2. Kennen Sie den Namen "Heidi Klum"?
Jetzt werden Sie mich fragen, wo da der Zusammenhang ist. Ich sage es Ihnen: Das eine ist von geopolitischer Tragweite, aber unserem Alltag scheinbar endlos weit entfernt. Das zweite ist Gossip (kursiv), durchdringt unseren (deutschen?) Alltag seit vielen Jahren aber in schöner Regelmäßigkeit in Form von Plakaten (in eben jenen Fußgängerpassagen; bei der Feuerwehr äquivalent in Form von Pin-up-Postern) und Fernsehshows. Ich bin selbst auf Blogs von Plasmaphysikern schon über Heidi gestolpert.

Über die gesellschaftswissenschaftliche Relevanz von Klatsch und Tratsch wird seriös geforscht. Dieser Studie zufolge führt schon das Wissen darüber, eventuell Opfer von Tratsch zu werden, zu sozialerem Verhalten.

Andere Ergebnisse legen nahe, dass diese Eigenheiten menschlicher Kommunikation aus unserem Leben nicht wegzudenken sind; gar Stress abbauen können.

Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie das Gehirn die neuesten Infos über die Nachbarn gegenüber den neuesten Infos aus Syrien wichtet.

Klatsch und Tratsch sind wohl im weitesten Sinne wichtig für ein gesundes Leben. Auch die Auflagen der Yellow Press scheinen diese Theorie zu bestätigen. Aber die Meinung mancher Psychologen, das Überleben unserer Spezies hänge vom Klatschen und Tratschen ab, erscheint mir dann doch etwas zu forsch. Mag wohl damit zusammenhängen, wo definitionsgemäß das Tratschen beginnt; und wo es endet...

Hier ein kleiner Selbsttest: Nutzen Sie Facebook?
Logisch. Dumme Frage. Sorry.

Sollten Sie sich nun von mir überreden lassen und einmal für, sagen wir: eine Woche, Buch über Ihr Surfverhalten innerhalb dieses sozialen Netzwerks führen, würden Sie sich am Ende des Zeitraums selbst als Voyeur entlarvt haben.

"Ja und, macht doch jeder."

Richtig. Die Selbstdarstellung ist uns in die Gene geschrieben.
Gewalt aber auch.

Selbstverständlich tragen Gene nie allein die Verantwortung; vielmehr muss man Gewalt und ihre verschiedenen Ausprägungsformen stets im physiologischen, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen sowie sozialen Kontext betrachten und dann auf diesen Feldern intervenierend behandeln.

Diese Studie hier wirft aber indirekt gänzlich neue Fragen zu unserem derzeitigen Rechtssystem auf:

[Defekte des Gens für Monoaminoxidase A (MAOA) gehen mit einer höheren Gewaltneigung einher und Träger solcher Allele findet man gehäuft in Gangs]

Kann man solche Gewalttäter für ihr Handeln überhaupt verantwortlich machen?
Hier ist die Ethik gefragt.

Im Alltag werden dank der Justiz und einer allgemein anerkannten Moral die dunklen Seiten unserer menschlichen Natur meist erfolgreich in die Schranken gewiesen. Meist. Denn wo das Auge des Gesetzes blind ist (oder ihm das Auge ausgestochen wurde) - in Diktaturen, Guantanamo, Gefängnissen, Kriegen, Drogenkartellen, Slums,...- treten sie offen zu Tage.

Täglich - daran ändert Ihr erschrockenes Nippen am Espresso jetzt leider nichts - werden Männer vergewaltigt (man(n) redet bloß nicht drüber); Kinder umgebracht oder selbst zu Killern ausgebildet; Frauen unterdrückt; "Feinde" spurlos beseitigt; Lügen gezielt gestreut; Menschen manipuliert; kurzum: Macht missbraucht.

Sollten wir nicht häufiger darüber sprechen? Am Mittagstisch, in der Mensa, im Büro, in der Freiwilligen Feuerwehr?

Heidi darf ja im Bikini gerne von der Wand aus zusehen.

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Ich muss nochmal auf Diktaturen zu sprechen kommen. Wir leben ja bekanntlich in einer mobilen Diktatur; und da kommt es darauf an, stets mobil zu sein. Mit dem Auto. Wenn ich mit dem Rad an der Fußgängerampel stehe (weil man ja für Kinder ein gutes Vorbild sein will) und den Blick in die Wagen schweifen lasse, dann fällt eines auf: 1,5 t müssen solo bewegt werden.

Denn nur so kann man den Ampelsprint souverän gewinnen. Denn nur so passt die Handtasche auf den Beifahrersitz. Denn nur so hat Cleo - die zuckersüße Golden Retriever-Dame - ihre Rückbank für sich allein. Denn nur so können die wichtigen Meetingakten nochmal gesichtet werden. Denn nur so bin ich Chef im Ring - und nicht Chauffeur des Familienwagens, unterwegs zu Kaufland.

Es muss eine unüberbrückbare Hürde sein, sich aus den Fesseln der automobilen Dauerverführung zu lösen. Ich wünsche mir Pflaster - ähnlich Nikotinpflastern - die man sich morgens auf den Arm klebt, dann in den Keller geht, das Rad auf die Straße trägt ... und die ihre Wirkung sofort voll entfalten: Du radelst plötzlich mit der imaginierten Sch****länge eines im Panamera Turbo Sitzenden durch den Park, klingelst freundlich den Erzieherinnen und ihrer Meute aus 4-jährigen zu und freust dich über die deinen Weg kreuzenden Eichhörnchen.

Eine Utopie? Vielleicht. Oder nur eine Frage der Zeit? Die Dinos sind auch schon tot.

PS: Statistikfreaks finden hier den Beleg für die Dominanz von Kurzstreckenfahrten

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Zu Kurzstrecken zählen im weitesten Sinne auch Abfahrten und einer der Meister dieses Metiers wird heute 70 Jahre alt.

Herzlichen Glückwunsch, Willy Bogner.

Den Status als wohl bekanntester Skifahrer der Welt erhielt er freilich weniger durch seinen Sieg bei der Lauberhornabfahrt, als vielmehr durch den Ausbau des Modegeschäfts seines Vaters zu einem Unternehmen mit über 700 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz (2009) von 170 Mio. Euro.

Daneben brannte er sich mit spektakulären und bis dato noch nicht im Fernsehen gesehenen Skiszenen in das Gedächtnis einer ganzen Generation ein.



Im Privaten bleibt wohl der Suizid seines Adoptivsohnes Bernhard im Jahr 2005 als schlimmste Erfahrung im Gedächtnis hängen.

Das war übrigens nicht der erste unnatürliche Tod eines Familienmitglieds, denn 41 Jahre zuvor starb seine damalige Verlobte beim Abgang zweier Lawinen in der Schweiz.

Zuletzt ließ sich Bogner als Vorsitzender der Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH für die Kandidatur zur Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2018 vor den Karren spannen. Ob es wirklich die Gesundheit war, die ihn zum Ausstieg mahnte? Man weiß es nicht.

Noch zwei Fragen zum Schluss:
  1. Trägt Lindsey Vonn eigentlich Bogner?
  2. Was haben Bikinis mit Skisport zu tun?
 Fragen über Fragen...

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Schöne Woche.

PS: Grüßen Sie stets Ihren Tischnachbarn vom Verfassungsschutz und tun Sie etwas für Ihre Beziehung. Zuhören zum Beispiel.

PPS: "Die Mühsal des Strebens nach Eintracht und Frieden auf Erden lässt sich erst im Zusammenleben mit Kindern in Gänze ermessen." (Verena Schmitt-Roschmann im Freitag)

Dienstag, 20. Dezember 2011

Erwartete Überraschungen

Keine Woche im Jahr bereitet angeblich so vielen Menschen soviel Stress wie die Woche vor Heiligabend. Es ist die Rede vom Last-minute-Geschenkeshopping; vom Last-minute-Baum-aussuchen; vom Last-minute-Festtagseinkauf-planen; von der Last-minute-Feiertagsbesuche-Routenplanung; vom Weihnachtsfeier-Overkill in Betrieben, Behörden und Vereinen; von Last-minute-schnell-mal-in-die-Sonne-Urlaubsbuchungen...

Es ist aber bei allem (völlig berechtigten) Stress viel zu wenig die Rede von Menschen, denen der Feiertag am kommenden Montag bereits jetzt schon Kopfzerbrechen bereitet, weil sie da nicht im Büro sitzen und arbeiten können; von Menschen, die keine Einladungen zum Plätzchenbacken erhalten; von Menschen, die sich manchmal gern in eine Zeitmaschine setzen und - nein, nicht in die Vergangenheit - in die Zukunft reisen würden; von Menschen, deren Persönlichkeit beim Iditarod wahrscheinlich endlich erwachsen und offenbar würde; von Menschen, deren Wege sich im Gewimmel der Stadt verlieren; von Menschen, die in der Bahnhofsmission ausharren; von Menschen, die in U-Bahn-Schächten erfrieren; von Menschen, die tagaus, tagein hungern; von Menschen, die keine eigenen Kinder bekommen können; von Menschen, die vereinsamt sind; von Menschen, die jeden Tag an Suizid denken. Es ist viel zu wenig die Rede von jenen Menschen, deren Fehlen erst dann bemerkt wird, wenn sie keinen Rat mehr geben können.

In dieser Woche vor dem Heiligen Abend sollten Sie, liebe Leserin/lieber Leser, neben Ihrer Vorfreude auf das Fest der Geburt Jesu sich auch Zeit dafür nehmen, Ihr Adressbuch nach Namen zu durchsuchen. Nach Namen, die Ihnen mehr bedeuten als nur "Annemarie", "Bernd", "Christian" oder "Dirk".

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Hallelujah! Bei manchen Menschen würde ich mir eindringlich wünschen, sie fortan nur noch mit ihrer Fleischereifachverkäuferin kommunizieren zu sehen. Wobei, Fleisch, Klimawandel ... och menno, sorry.

Stattdessen setzen sie sich zur besten Sendezeit in das Zweitstudio von Wer wird Millionär? und geben im Ersten Deutschen Fernsehen am 4. Advent anno 2011 Auskunft über die moralischen und potentiell juristisch zu ahndenden Verfehlungen eines Ex-Ministerpräsidenten und amtierenden Bundespräsidenten. Also, was hat Wulff falschgemacht? Nichts. Er hat - wie unter Menschen üblich - die Hilfe eines Freundes in Anspruch genommen. Und ein Darlehen für sein Häusl erhalten. Von einem befreundeten Unternehmer. Das Darlehen wurde ordnungsgemäß verzinst und mittlerweile abgelöst. Im Ministergesetz des Landes Niedersachsen ist solches Verhalten nur dann untersagt, wenn ein berechtigter Verdacht auf Vorteilsnahme im Amt besteht:
"Die Mitglieder der Landesregierung dürfen, auch nach Beendigung ihres Amtsverhältnisses, keine Belohnungen und Geschenke in Bezug auf ihr Amt annehmen. Die Landesregierung kann Ausnahmen zulassen. Sie kann diese Befugnis auf die Staatskanzlei übertragen."
[§ 5, Abs. 4, gültig ab 01.04.2009]
Ab wann besteht ein berechtigter Verdacht auf Vorteilsnahme im Amt? Wenn persönliche Vergünstigungen zu einem Machtmissbrauch führen und geschäftsmäßige Beziehungen existieren. Hat Wulff gegen Gesetze verstoßen? Sagen wir es so: Juristisch wird man ihm kein Fehlverhalten nachweisen können.

Denn Wulff und sein Kreditgeber kennen sich schon aus einer Zeit vor seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter und späterer Ministerpräsident. Ergo: keine Vorteilsnahme durch das Amt des Ministerpräsidenten. Ferner bezog sich der Kredit nicht auf Wulffs Anwaltsprofession. Ergo: keine geschäftsmäßige Beziehung.

Die von der FAZ in persona Frank Schirrmachers himself vorgebrachte Analyse von Wulffs Fehlern im Umgang mit den gegen ihn gerichteten Anschuldigungen bemüht indirekt u.a. Kants Kategorischen Imperativ über ein Zitat Wulffs: "Was man selbst nicht machen würde, sollte man auch nicht von anderen verlangen."

Lassen wir vorerst diese Aussage im Raum stehen und folgen wir Schirrmachers Argumentationsweg weiter. Er interpretiert Wulffs Rede in Lindau als vorzeitiges Geständnis. Als, besser, vorzeitiges Eingeständnis der Tatsache, mit jedem Kredit in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten, aus dessen Zwang man sich nur dann befreien kann, wenn gegenseitiges Vertrauen darin besteht, "wieder auf die eigenen Füße zu kommen."

Schirrmacher bleibt vorsichtig, wenn er sagt: "In der politisch-ökonomischen Sprache, die Politiker seit Jahr und Tag im Munde führen, müsste man sein Verhalten anders beurteilen: Der Bundespräsident hat über seine Verhältnisse gelebt."

Sicher, der sprachliche Wind weht scharf um die Häuserecke aus Vertrauen und Ehrlichkeit. Und dennoch: Bloß weil jemand einen Privatkredit "für 120 % der Kaufsumme" seines Hauses erhalten hat, muss man ihn verdächtigen? Come on, das ist lahm! Mich deucht, hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Und ich nähere mich dem eigentlichen Problem: Wulffs Umgang mit dem Kredit. Denn er fühlte eine moralische Zwickmühle. Einerseits existiert die persönliche Überzeugung, bei einer seit 30 Jahren bestehenden Freundschaft nicht im Traum an Amtsmissbrauch oder gar Bestechung denken zu können. Das stimmt wohl. Andererseits existiert die Außenwahrnehmung der Gesellschaft. Der politischen Feinde, der politischen Freunde, der Wähler.

Wulff sah sich gezwungen, eine im niedersächsischen Landtag gegebene Antwort nachträglich als zwar juristisch korrekt, doch im Kern unvollständig zu bezeichnen:
"Es wäre besser gewesen, wenn ich auf die Anfrage der niedersächsischen Abgeordneten im Landtag über die konkreten Fragen hinaus auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte, denn in der Sache hatte und habe ich nichts zu verbergen."
Warum war das so? Weil ihn das schlechte Gewissen plagt(e). Moment: Ein schlechtes Gewissen hat man nicht ausschließlich in Verbindung mit Dreck am Stecken! Jeder Mensch weiß sehr wohl über die Höhe der moralischen Hürden seiner Gesellschaft Bescheid. Und jeder Mensch - ob nun Ministerpräsident oder Taxifahrer - lebt um sie herum. Mal näher, mal ferner.

Die Bundeskanzlerin gab schon Geburtstagsessen für den Chef der Deutschen Bank. Im Bundeskanzlerinnenamt. Eine Verfehlung? Ein Gesetzesbruch gar? Oder ein Freundschaftsdienst? Ein Taxifahrer fährt bei Rot über die Ampel. Weil weit und breit kein anderer an der Kreuzung steht, weil er allein im Wagen sitzt und weil weit und breit keine Polizeistreife zu sehen ist. Derselbe Taxifahrer würde nie über eine rote Ampel fahren, wenn er Fahrgäste chauffiert, sich im mittäglichen Stadtverkehr befindet oder eine Polizeistreife hinter sich weiß. Handelt er nun grob fahrlässig? Ist er gar untragbar für dieses verantwortungsvolle Geschäft? Ist er nicht (mehr) vertrauenswürdig?

Warum diese Beispiele? Weil von Wulff übermenschliches Verhalten eingefordert wird. Verhalten, dem er, dem keiner gerecht werden kann.
"Was endlich verlangt Aristoteles, der Heide, in seiner <Politik> vom Herrscher? [...] Die höchste und vollkommenste Tugend. Bei Privaten ist er mit einer durchschnittlichen zufrieden. Wenn du Herrscher und gleichzeitig ein guter Mensch sein kannst, dann erfülle die schönste Aufgabe; wenn aber nicht, dann gib lieber den Herrscher auf, als dass du aus diesem Grunde ein schlechter Mensch wirst. Es ist möglich, einen guten Menschen zu finden, der kein guter Herrscher sein könnte. Aber es kann keinen guten Herrscher geben, der gleichzeitig kein guter Mensch wäre."
(Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften Bd. 5, Darmstadt 1968, S. 221)
Das sogenannte Volk möchte von Menschen mit eben dieser "vollkommensten Tugend" regiert werden. Wer die Reden, wer das Wirken, wer das Bild der Person Wulffs betrachtet, kommt zu dem Schluss, es hier mit einem guten Menschen zu tun zu haben. Mit einem nach außen zwar sehr unsicher wirkenden Menschen (daran wird sich nichts ändern) aber mit einem ehrlichen Menschen. Die damals im niedersächsischen Landtag an ihn gerichtete Anfrage ließ ihn unsicher werden und den Privatkredit ablösen. Der - ich weiß um die Vorbelastung des nun folgenden Wortes - Mob am Horizont machte ihm Angst. Der Mob besitzt die Macht, dich einfach zu überrollen. Ob schuldig oder nicht schuldig. Also geht man dem Mob besser aus dem Weg. Obwohl man rechtens auf der Straße bleiben könnte.

Christian Wulff ist nicht die Idealbesetzung für das Amt eines Bundespräsidenten. Das ist keine Neuigkeit. Ein Richard von Weizsäcker war es zu 90 Prozent. Ein Roman Herzog zu 99 Prozent. Ein Johannes Rau zu 70 Prozent. Wulff liegt irgendwo dazwischen.

Aber: Seine Außenwahrnehmung ist immer noch (und völlig berechtigt!) um Längen besser, als jene seiner zahlreichen (aktuell sehr laut aufschreienden) Möchtegernkritiker.

Denn die sich unter der tarnenden Patina verbergende falsche Moral unserer werten Volksvertreterinnen und Volksvertreter, unserer werten Journalistinnen und Journalisten ist nicht nur widerlich, sie ist auch Zeichen einer der wenig schönen Eigenheiten des menschlichen Wesens: des Neides.

Wer der aktuell besonders laut Aufschreienden begleitet denn neben seinem Abgeordnetenmandat nicht auch Ämter im Aufsichtsrat mittelständischer Unternehmen? Wer kann von sich behaupten, nur und ausschließlich seinem Gewissen folgend Entscheidungen zu treffen (ich stelle das Wort "Fraktionszwang" in den Raum)? Wer ist immun gegenüber täglich anklopfenden Lobbyisten? Ihnen allen rate ich zur inniglichen Auseinandersetzung mit Kants Kategorischem Imperativ.

Sie werden mir entgegnen, dass man Amts- und Privatperson trennen könne. Gut, Recht haben Sie. Dann billigen Sie diese Fähigkeit bitte auch dem deutschen Bundespräsidenten zu und beenden Sie diese Scharmützel. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf die wirklich wichtigen Dinge im Amts- und Privatleben und kritisieren Sie das Staatsoberhaupt dort, wo es Kritik verdient hat. Sie werden nicht lange suchen müssen. Danke.

[ähnlicher Artikel: Stahlgewitter]