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Montag, 25. Mai 2020

Ein Brief an dich selbst

Liebe/r Bekannte/r, das ist ein Brief von einem guten Freund.

Ich trage viele Namen und bin stets bei dir, obwohl du mich noch nie in persona gesehen hast. Du wirst feststellen, dass du selbst diesen Brief hättest schreiben können, du wirst dich umsehen in deiner Wohnung, im Park, in der Tram, im Café, auf der Straße, an deinem Kraftort - wo auch immer du ihn öffnest.

"Wie geht es dir?" Das hat man dich schon oft gefragt, doch nur ganz selten so wie du es hören möchtest. Sei ihnen dafür nicht böse. Du möchtest stattdessen scheinbar grundlos eingeladen werden, obwohl du natürlich dank deiner starken Empathie den Grund ganz genau kennst. Du freust dich ehrlich und geniesst die Gemeinschaft. Du bist ein toller Gast, beherrschst Smalltalk, kannst dich sogar auf Kleinkinder einlassen, diskutierst mit über absolute Belanglosigkeiten. Du kannst sehr gut zuhören und tolle Ratschläge geben. Denn es ist ihre Welt und du willst irgendwie ein Teil davon sein. Du willst ihnen helfen.

Überhaupt willst du immer anderen helfen nur nicht dir selbst. Du hoffst - warum auch immer -, dadurch auf dich aufmerksam zu machen. Das gelingt auch, doch nie so, wie du es dir wünschst. Du versinkst erneut, besuchst deine Kraftorte und liegst dennoch stundenlang völlig kraftlos auf dem Boden. Du ignorierst deine Nachrichten, du nimmst Telefonate nicht entgegen, du sagst feste Termine ab. Du sinkst tiefer. Deine Projekte verlieren sämtlichen Reiz, dein Schreibtisch wird immer voller, du bist am Boden.

Montag, 27. April 2015

Interview: 10 Tage im Islamischen Staat

Täglich erreichen uns neue Gräuelmeldungen aus dem Nahen und Mittleren Osten, täglich sind wir mit der Herausforderung konfrontiert, diese Informationen zu verarbeiten, sie einzuordnen, ihre Hintergründe zu verstehen. Aber kann man die Schlachtung von Menschen vor laufender Kamera überhaupt verstehen? Kann man die Verantwortlichen nach deren Motivation - sofern es dafür eine passende Bezeichnung gibt - befragen?

Der Journalist Jürgen Todenhöfer (in seinen politischen Ansichten offenbar vom Saulus zum Paulus gewandelt) sprach auf den NachDenkSeiten mit Jens Wernicke über sein neues Buch "Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'". Dem Leser werden darin sowohl nachvollziehbare Parallelen zwischen den rücksichtslosen westlichen Interventionen in sogenannten Schurkenstaaten und dem "Erfolg" diverser Terrorgruppen als auch die Schwächen seiner eigenen, unserer, moralischen Basis aufgezeigt.

"Ich wollte das Phänomen IS verstehen. Als ehemaliger Richter ist es für mich normal, mit allen Seiten zu sprechen. Außerdem muss man seine Feinde kennen, um sie besiegen zu können. [...] Warum sollte ich dem IS die Möglichkeit geben, den Zeitpunkt meines Todes zu bestimmen? Mein Sohn akzeptierte, dass es im Notfall diese Alternative gab. Außerdem habe ich wie vor jeder Reise mein Testament neu geschrieben. [...] Es ist nicht alles so schwarz-weiß, wie manche bei uns es gerne hätten. Der IS zelebriert gnadenlos, was der Westen zu vertuschen versucht. Er will uns zeigen, wie pervers unsere Kriege sind und bringt hierzu den Tod in unsere Wohnzimmer. Uns schockiert die barbarische Brutalität des IS, weil wir denken, dass unsere weit entfernten Kriege sauber wären. Erst wenn es um Menschen des Westens, um einen von uns sozusagen, geht, merken wir manchmal, wie pervers und grausam jedes Töten ist. [...] Der IS hat sich eine gnadenlose Privatreligion zurechtgestrickt. Mit Islam hat die nichts zu tun. Wenn der IS Islam ist, dann ist der Ku-Klux-Klan das Christentum. Der IS hat mit dem Islam so viel gemeinsam wie Vergewaltigung mit Liebe. [...] Der IS muss an mehreren Fronten bekämpft werden. Die erste ist die politisch-militärische Front vor Ort. In Syrien und im Irak. Der IS muss dort vor allem von der sunnitischen Bevölkerung besiegt und vertrieben werden. Es würde letztlich wahrscheinlich ausreichen, dass ihm die Bevölkerung ihre Unterstützung entzieht. Wie schon einmal 2007 im Irak. Für hunderte Millionen amerikanischer Dollar übrigens. [...] Erst wenn wir aufhören, den Mittleren Osten zu bombardieren und aufhören, dort korrupte, von uns abhängige Satellitenstaaten zu schaffen, die ihr Volk ausbeuten, erst dann wird der IS seine Basis verlieren. Terrorismus braucht Ungerechtigkeit als raison d’être. Für jedes in Tikrit, Mosul oder Ramadi von uns totgebombte irakische Kind stehen daher 100 neue IS-Terroristen auf."
(Jürgen Todenhöfer)

Das Interview

Jürgen Todenhöfer

Montag, 2. März 2015

Nennen wir ihn Max

Eine Kleinstadt irgendwo in Deutschland. Sie könnte im Westen, im Norden, im Osten, im Süden liegen, völlig egal. Die örtliche DHL-Filiale befindet sich in einem Edeka-Geschäft, seit Mitte der 1990er Jahre existiert im Ort kein eigenständiges Postgebäude mehr. Der Konzern hat seine Dienstleistungen breitflächig outgesourced [sic!] und an lokale Kleinunternehmer Lizenzen zu deren Bereitstellung vergeben - das Prinzip Franchising.

Max, Mitte 40, erwartet ein Paket und möchte es am Nachmittag dieses Montags abholen. Er hat eine abgeschlossene Berufsausbildung, ist verheiratet, zwei Kinder leben mit auf dem elterlichen Hof. Sie wohnen gerne auf dem Land. In seiner Freizeit besucht er Spiele der regionalen Fußballclubs, bei passendem Wetter geht er mit seinem Kumpel am nahegelegenen See angeln. Wohnhaus und Edeka trennen exakt 196 m, man kann die direkte Luftlinie auf dem Fußweg zurücklegen. Max mag aber nicht laufen und steigt lieber in seinen Honda CR-V, ein SUV mit gut 1,5 t Leergewicht. Er biegt nach links ab, denn der direkte Weg zum DHL-Schalter ist verkehrsrechtlich eine Einbahnstraße. Max fährt 540 m mit dem Pkw um den Block, um direkt vor dem Discounter zu parken. Dort holt er ein Paket ab mit geschätzten Maßen von 70 x 30 x 30 cm. Man kann das Paket problemlos unter den Arm klemmen, Max zeigt das auf dem Weg zurück zum Auto.

Fußweg: 400 m; Fahrstrecke: 868 m.

Die BILD-Zeitung liegt auf dem Armaturenbrett, aus der schwarzen Hose von Engelbert Strauss wird eine Lucky Strikes-Packung gezogen. Max steigt ein und rollt die 228 m durch die Einbahnstraße zurück zum Startpunkt. Auf dem Beifahrersitz liegt sein Paket.

Max ist ein Fossil, das sich in bester Gesellschaft befindet. Ihr Maßstab ist keine Suffizienzstrategie, ihr Maßstab ist die Beibehaltung des bequemen, des von der Generation vor ihnen und, ja, auch lange Zeit von der Politik (im Grunde bis heute!) unzureichend infrage gestellten Lebensstils. Globale Probleme und Herausforderungen werden als "global" und nicht gleichzeitig "lokal" rezipiert. Der besorgniserregende Ressourcenverbrauch unserer europäischen Zivilisation beispielsweise betrifft aber jeden einzelnen - allein drei Erden wären nötig, würde jeder Mensch diese Lebensweise praktizieren. Denkt Max darüber nach, was er sich morgens zum Frühstück auf den Tisch stellt? Denkt Max über seine Wege und deren Optimierung nach (Fahrgemeinschaften, ÖPNV, nichtmotorisierter Individualverkehr)? Denkt Max über seine Urlaubsziele nach, vermeidet er Fernreisen? Denkt Max über die Wahl seines Stromanbieters nach? Denkt Max über seinen Alkohol- und Fleischkonsum nach? Redet Max mit seiner Familie, seinen Freunden, seinen Kollegen darüber?

Kennen Sie Max? Aus dem Spiegel?

Montag, 19. Januar 2015

UPDATE zur PEGIDA-Studie der TU Dresden + neue Ergebnisse aus Berlin

Beitrag vom 14.01.2015: Je ne suis pas Charlie, mais...

Als Nicht-Soziologe habe ich mich mit einer Kritik am Design dieser Untersuchung bewusst zurückgehalten, zumal hier die Autoren höchstselbst auf die geringe Belastbarkeit ihrer Ergebnisse, oder wie sie es selbst nennen: "gewisse Verzerrungen", hinweisen. Konkret referenziert die Kritik z.B. auf das Phänomen des "non-response bias", also der Tatsache, dass Pegidisten mit extremen Ansichten sich weigern, selbige zu Protokoll zu geben (es stattdessen abgeschwächt tun oder gar nichts sagen).

"Die hohe Anzahl an Verweigerern ist als zentrales Problem für die Aussagekraft der Ergebnisse zu betrachten, da grundsätzlich nicht davon ausgegangen werden kann, dass Personen, die die Teilnahme an einer Erhebung verweigern, ebenso geantwortet hätten, wie Personen, die zur Teilnahme bereit waren – insbesondere bei einem politisch oder persönlich irgendwie sensiblen Befragungsthema, welches hier eindeutig vorlag. Da nicht ausgeschlossen werden kann (und es vielmehr sogar sehr wahrscheinlich ist), dass die fehlenden 65% einen erheblichen Einfluss auf das Befragungsergebnis ausgeübt hätten, hätte man sie zur Teilnahme verpflichten können, ist es in meinen Augen verwegen, von den verbliebenen 35% Rückschlüsse auf die Gesamtheit (nicht nur der Angesprochenen, sondern der Demonstrationsteilnehmer insgesamt) zu ziehen."
(Christian Reinboth)

Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin hat mit Kollegen aus ganz Deutschland nun eine neue Untersuchung zum Phänomen "PEGIDA" durchgeführt, deren Ergebnisse sowohl online als auch durch direkte Straßenbefragungen gewonnen worden. Zwar wurde diesmal nur eine Demo (die am 12. Januar in Dresden) untersucht, dafür mit eleganteren Methoden. Die Befragten erhielten Handzettel mit QR-Codes zur Online-Befragung, zusätzlich wurden bei der Verteilung der Zettel weitere Informationen für die Befragten scheinbar beiläufig erfasst (Geschlecht, bisherige PEGIDA-Demo-Teilnahmen). Durch die Online-Befragung kann Gruppeneffekten wie Mitläufertum besser begegnet werden.

Montag, 13. Oktober 2014

Der Welthungerindex 2014

Zum neunten Mal veröffentlichte heute die Deutsche Welthungerhilfe in Bonn gemeinsam mit zwei weiteren Organisationen den Welthungerindex (WHI).

Der WHI-Wert (0-100) berechnet sich aus dem jeweiligen
  • Anteil der Unterernährten an der Gesamtbevölkerung,
  • dem Anteil untergewichtiger Kinder unter fünf Jahren an allen unter Fünfjährigen eines Landes
  • sowie dem Anteil der Kinder, die vor dem fünften Lebensjahr sterben.
Hunger ("Qual durch den Mangel an Nahrung") bedeuten Werte > 5, Werte über 10 gelten als ernst, Werte über 20 als sehr ernst, Werte über 30 als gravierend. Erfasst werden für den WHI nur Entwicklungs- und Schwellenländer.

Beitrag der drei Indikatoren zum Gesamtwert des WHI 1990, 1995, 2000, 2005 und 2014 nach Regionen. Quelle: Pressemappe Welthunger-Index 2014

Das Ziel der UN, den weltweiten Hunger im Zeitraum 1990 bis 2015 zu halbieren, wird ebenso wie andere Millenniumsziele nicht erreicht. Trotzdem sich der WHI bis heute um 39 % verbessert hat, leiden nach wie vor 805 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung ("Chronisches Kaloriendefizit (1800 kcal/Tag) und/oder Unterversorgung mit Nahrungsenergie, Protein- und Mikronährstoffen").

Prozentualer Anteil der Bevölkerung mit ausgewählten Mikronährstoffdefiziten. Quelle: Pressemappe Welthunger-Index 2014

Montag, 1. September 2014

Schwarz, rot, (in)diskutabel

In Sachsen fanden gestern Landtagswahlen statt und bereits im Vorfeld wurde intensiv über das erwartet hohe Ergebnis der AfD diskutiert. Deren Spitzenkandidatin Frauke Petry wünscht sich: Mehr Polizisten für mehr Sicherheit; geschlossene Ostgrenzen für mehr Sicherheit; keine weiteren Windparks für mehr Kohlestrom; keine für den hiesigen Arbeitsmarkt überflüssigen Zuwanderer; die Drei-Kind-Familie "als Standard".

Das amtliche Endergebnis (Veränderung zu 2009):

CDU > 39,4 % (- 0,8 %)
Linke > 18,9 % (- 1,7 %)
SPD > 12,4 % (+ 2 %)
AfD > 9,7 % (+ 9,7 %)
Grüne > 5,7 % (- 0,7 %)
NPD > 4,9 % (- 0,7 %)
FDP > 3,8 % (- 6,2 %)

Wählerwanderung (Stimmen A -> nach B, C, D):

CDU -> 33.000 AfD, 22.000 Nichtwähler
Linke -> 15.000 AfD, 4.000 CDU, 2.000 NPD, 13.000 Nichtwähler
SPD -> 8.000 AfD, 5.000 Nichtwähler
FDP -> 18.000 AfD, 20.000 CDU, 12.000 SPD, 20.000 Nichtwähler
Grüne -> 3.000 AfD, 6.000 Linke, 7.000 SPD
NPD -> 13.000 AfD, 10.000 Nichtwähler

Montag, 4. März 2013

Parallelwelten

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Kenia denken? Safaris in der Masai Mara, Lodges, Victoriasee, Massai-Krieger, Rift Valley, Strände? Alles richtig, doch wichtige Punkte fehlen: Korruption, Auftragsmorde, Bürgerkrieg.

Die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen haben in den letzten Monaten zu einer neuen Welle der Gewalt geführt, die von einflussreichen Politikern verstärkt wird. Die verschiedenen Lager ringen in diesem Land nicht vorrangig um die besten Konzepte, nein, sie Ringen um die Vorherrschaft der jeweils eigenen Ethnie.

Welche schockierenden Folgen das hat, konnte man am Samstag in einer eindrucksvollen Sendung im Deutschlandfunk hören:

Sonntag, 27. Januar 2013

Post für Eva

Zuschauer der ARD (+ ihrer Digitalkanäle) müssen mitunter viel aushalten können. Eine Sendung mit authentischen, ehrlichen und frischen MacherInnen indes findet man auf EinsPlus: Klub Konkret.

Ich gehöre zwar nicht zur direkten Zielgruppe dieses Formats, möchte aber auch nicht allein auf die Tagesthemen mit Tom Buhrow festgelegt werden. :-) Auf dem Blog von Eva Schulz, die als Außenreporterin für den Klub arbeitet und parallel für verschiedene Printmedien als freie Journalistin schreibt, habe ich zum Thema der aktuellen Sendung ("Hippie oder Streber? Wie wir mit dem Leistungsdruck umgehen") zwei Kommentare meiner Sicht der Dinge hinterlassen.

Zugegeben, sie sind etwas länger geworden, aber - wie Daniel Bröckerhoff (seines Zeichens ebenfalls Reporter im Klub) so schön zur Arbeit von uns mehr oder weniger ambitionierten Schreiberlingen anmerkte ("Publiziert wird nur, was fertig ist. Und mit "fertig" meinen wir "durchrecherchiert, redigiert, korrigiert, von einem Kollegen/Chef/Redakteur abgenommen, nochmal geändert etc") - sie sind im Sinne von Kollegen, dem Chef und dem Redakteur (juhu, das bin alles ich in einer Person!!!) - veröffentlichungswürdig.

Montag, 24. Dezember 2012

Weihnachten 2012 | Gedichte

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.
           
Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt's wie wunderbares Singen -
O du gnadenreiche Zeit!

(Joseph Eichendorff, Erstdruck 1837)

Ein Sterbender

Am Fenster sitzt er, alt, gebrochnen Leibes,
Und trommelt müßig an die feuchten Scheiben;
Grau ist der Wintertag und grau sein Haar.
Mitunter auch besieht er aufmerksam
Der Adern Hüpfen auf der welken Hand.
Es geht zu Ende; ratlos irrt sein Aug
Von Tisch zu Tisch, drauf Schriftwerk aller Art,
Sein harrend, hoch und höher sich getürmt.
Vergebens! Was er täglich sonst bezwang,

Es ward ein Berg; er kommt nicht mehr hinüber.
Und dennoch, wenn auch trübe, lächelt er
Und sucht wie sonst noch mit sich selbst zu scherzen;
Ein Aktenstoß, in tücht'gen Stein gehauen,
Es dünket ihn kein übel Epitaph.
Doch streng aufs neue schließet sich sein Mund;
Er kehrt sich ab, und wieder mit den grellen
Pupillen starrt er in die öde Luft
Und trommelt weiter an die Fensterscheiben.

Montag, 10. Dezember 2012

Leben mit dem Tod

Ursprünglich geplant für die ARD-Themenwoche, möchte ich den heutigen Tag nutzen, um meinen Beitrag in die Welt zu entlassen.

Vor ungefähr 12 Jahren hatte ich einen schweren Autounfall, der mit einem Totalschaden am Pkw einherging. Alles was ich heute noch erinnere, ist dieser entgegenkommende Lkw, die Kurve, der Baum, Blackout. Ich hatte zwei Passagiere an Bord, wir haben alle unverletzt überlebt - obwohl man das beim Anblick des Wracks nicht unbedingt erwartet hätte. Ich habe nach diesem Ereignis mitunter an Schutzengel geglaubt, daran, dass da irgendjemand eine Hand über mich, eine Hand über uns gehalten hat. Und auch heute glaube ich in brenzligen Situationen noch gern an diesen Schutzengel von damals.

Er wird mich jetzt sicher nicht ungesichert am Fels abrutschen lassen; er wird mir jetzt sicher bei 80 km/h keine Speiche um die Ohren fliegen lassen; er wird dem anderen Piloten sicher eine geheime Anweisung geben, in die richtige Richtung abzudrehen, damit wir nicht zusammenstoßen. Er wird dem Autofahrer sicher flüstern, dass hier ein Fahrrad Vorfahrt hat und dessen Fahrer keine große Lust auf Hechtsprünge über Motorhauben verspürt. Er wird sicher darauf aufpassen, dass sich in meinem Körper kein Krebs unbemerkt ausbreitet...

Man wird nicht besser mit den Jahren

Man wird nicht besser mit den Jahren -
wie sollt' es auch? Man wird bequem
und bringt, um sich die Reu' zu sparen,
die Fehler all in ein System.

Das gibt dann eine glatte Fläche,
man gleitet unbehindert fort,
und "allgemeine Menschenschwäche"
wird unser Trost- und Losungswort.

Die Fragen alle sind erledigt,
das eine geht, das andre nicht,
nur manchmal eine stumme Predigt
hält uns der Kinder Angesicht.
(Theodor Fontane, Erstdruck 1858)

Montag, 8. Oktober 2012

Alles ist Challenge

Eine Woche ist gerade zu Ende gegangen mit der Erkenntnis, dass es tatsächlich noch Nachrichten gibt, die überraschen können. Die Meldung von Dirk Bachs Tod zum Beispiel. Sicher, die stets quietschbunt gedresste Frohnatur mit dem Bekanntheitsgrad eines Helmut Kohl hatte beileibe nicht die Statur eines Modelathleten - eine, wohl die einzige Gemeinsamkeit mit dem Kanzler der Einheit, dem Kanzler der Deutschen, dem Kanzler Europas, dem Kanzler der Freiheit, dem ... egozentrischen, herrischen, patriarchalischen Krösus, dem dessen enge Verflechtung mit der Wirtschaft, zahlreiche politische Kellerleichen und eine tatenlos dem Freitod preisgegebene Ehefrau sowie die verstoßenen Söhne zweifelsohne zu einem respektablen Denkmal gereichen werden -, dafür aber die Gabe, Menschen zum Lachen zu bringen und sie für kurze Zeit ihres Alltags zu entreißen.

Es braucht dieses Land mehr von der Statur eines Dirk Bach. Es braucht dieses Land Menschen mit dem Mut, auf Konventionen zu schei*** und ihr Ding durchzuziehen. Markus Lanz zum Beispiel (siehe unten).

Montag, 16. Juli 2012

Weg damit

Holm Putzke heißt der Mann, der den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland auf die Dattelpalme bringt. Dieter Graumann befürchtet nämlich, Juden würden in die "Illegalität" getrieben und "jüdisches Leben" sei am Ende "hier gar nicht mehr möglich."
Harter Tobak. Doch beginnen wir von vorn.

Am 7. Mai 2012 hat das Landgericht Köln die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen als Straftat gewertet. Das Gericht kritisierte insbesondere die durch den Eingriff irreparable Veränderung des kindlichen, des menschlichen Körpers und wertete die Beschneidung aus religiösen Gründen folgerichtig als Körperverletzung. Im konkreten Fall ging es um einen vierjährigen muslimischen (!) Jungen, bei dem infolge der Prozedur Komplikationen aufgetreten waren. Der behandelnde Arzt konnte nicht zur Rechenschaft gezogen werden (O-Ton aus dem Urteil: "Der Angeklagte handelte jedoch in einem unvermeidbaren Verbotsirrtum und damit ohne Schuld"), weil bis dato Rechtsunsicherheit in Zusammenhang mit diesen Eingriffen bestand und noch immer besteht.

Montag, 2. Juli 2012

Sehen, feiern, schlafen, aufwachen

Mit der wenig schmeichelhaften Umschreibung "Brot und Spiele" werden gemeinhin Abläufe betitelt, bei denen der Zerstreuung eine zentrale Rolle zuteil wird. Die Zerstreuung soll dabei helfen, im Hintergrund - vor den Augen der breiten Öffentlichkeit verborgen oder zumindest durch den Dunst von Großereignissen vernebelt - unangenehme Entscheidungen zu fällen, deren Tragweite letzten Endes dem eventtaumeligen Bürger erst viel später (zu einem Zeitpunkt, an dem keine Korrekturen mehr möglich sind) klar wird.

Einem solchen Prozess konnten wir in den letzten Wochen geradezu exemplarisch beiwohnen. Nicht nur hat die Bundeskanzlerin den Fiskalpakt in Windeseile durch den Bundestag gepeitscht, nein, sie hat in ihrer "Alternativlos"-Mentalität auch gleich noch das ehrbare BVerfG als Quasi-Gehilfen für ihre Zwecke vereinnahmt.

Der Weg in die von den Medien so schön "Schuldenunion" titulierte Gemeinschaft europäischer Staaten ist jetzt frei.

Was spielt es da noch für eine Rolle, dass das ifo-Institut gebetsmühlenartig den Kollaps des ESM prophezeit, wenn, ja wenn die bislang für marode Staatsfinanzen verwendeten Gelder (pardon: "Garantien") zur Bankenrettung herangezogen werden müss(t)en. Über 9000 Milliarden Euro gälte es dann abzusichern. Da erscheinen die circa 1000 Milliarden des gegenwärtigen ESM wie ein Taschengeld.

Mittwoch, 4. April 2012

Unter der bunten Schale

Mit Beginn der Karwoche leitet das Christentum das Ende der Fastenzeit und damit die letzten Tage vor dem Osterfest ein.

[Interessant dabei ist der Umstand, dass die orthodoxen Christen trotz mehrerer Anläufe einer Vereinheitlichung Ostern immer noch nach dem julianischen Kalender und damit mindestens 13 Tage später als der Rest der Welt feiern.]

Man sieht bunte Eier an fast jedem Busch baumeln, Osterhasen in allen Geschäften, ja manchmal gar überlebensgroß neben den Eingangsbereichen von Häusern stehen. Spätestens ab Mittwoch werden sich lange Schlangen in den Geschäften bilden, weil ab Gründonnerstag die Schweinenackensteaks ausverkauft sind, man aber für die Dauergrillorgie unbedingt welche benötigt. Spätestens am Morgen des Karfreitags werden sich die Autobahnen füllen, weil man zu oder mit seinen Lieben unterwegs sein will. Dann wird der Liter Superbenzin erstmals 1,80 Euro kosten - aber es juckt keinen, weil schließlich Ferien sind und die Sonne scheint und die Vöglein zwitschern und überhaupt: "Die 10 Euro mehr pro Tankfüllung sind doch nicht der Rede wert..."

Haben Sie in den letzten Wochen gefastet, bewusst auf das eine oder andere Laster verzichtet, ihren Körper gespürt (nicht bloß die schmerzende Wirbelsäule am Schreibtisch)? Sind Sie mit sich selbst ins Gericht gegangen, haben Sie bereits erste Vorsätze in diesem nun schon wieder zu einem Viertel abgelaufenen Jahr umgesetzt?

Mir scheint, viele Menschen verwirklichen ihre Vorsätze gerade deswegen nicht, weil es eine schöne Welt ist, in der sie leben. Sie können sich nicht vorstellen, in eine noch schönere zu gelangen, verstellten sie nur ein klein wenig die Regler ihres Daseins. Den kurzen Arbeitsweg mit dem Rad oder der Bahn zurücklegen; die Brötchen nicht mit dem Auto holen; täglich 30 Minuten Sport; morgens Müsli und nicht 4 mit Wurst belegte Weißbrotscheiben; Obst und Gemüse aus heimischem Anbau und nach saisonaler Verfügbarkeit kaufen; das Mindesthaltbarkeitsdatum NICHT mit einem Verfallsdatum verwechseln; kritisch den Energie- und Wasserverbrauch betrachten...? "Lass gut sein, Ökospinner!" Ich denke, viele haben sich einem gesellschaftlichen Anpassungsdruck unterworfen. Teilweise bewusst (die tun mir wirklich leid), teilweise aber gänzlich unbewusst (die sollten sich meine obige Liste an den Spiegel kleben). Zum Beispiel: Auto = Wohlstand = Freiheit = Statussymbol. Diese Formel gilt nach wie vor. Und es gäbe an ihr auch nichts zu kritisieren - wenn, ja wenn dafür keine fossilen Energieträger verheizt und die Umwelt nicht zerstört werden müssten. Doch bis zur nächsten automobilen Revolution ist es noch ein weiter Weg. Gehen Sie auf diesem Weg ein paar Schritte zu Fuß.

[Das Laufen ist übrigens eine kleine Apotheke, die immer zur Hand ist. Denn es stärkt nicht nur die Physis, sondern lockert auch Denkblockaden und macht aufnahmefähiger. Unser Gehirn hat sich im Laufe der etwa 7 Millionen Jahre dauernden menschlichen Evolution an einen sich (seit etwa 3,7 Millionen Jahren) im Schritttempo vollziehenden Informationsfluß adaptiert.]

Gerne würde ich wissen, ob sich Lucy schon mit ADHS-geplagten Zeitgenossen herumschlagen musste. Wohl eher nicht und deshalb erscheint mir das aktuelle Buch von Christoph Türcke als sehr zeitgemäß. Darin weißt er auf die Gefahren der sog. "konzentrierten Zerstreuung" hin und regt an, sich beim Thema ADHS auch und gerade der Erwachsenenwelt anzunehmen.
"Wir sind zwar insgesamt erschreckend konformistisch. Es wird erschreckend viel mitgemacht und auch für selbstverständlich gehalten in diesem Prozess konzentrierter Zerstreuung, aber es gibt Gegenstrategien, Verlangsamungsstrategien."
(Christoph Türcke)
Seine Vorschläge zum Umgang mit und zur Prävention von Aufmerksamkeitsdefiziten reichen bis hin zur Reformation des Unterrichts. Übrigens fordert Türcke auch eine verstärkte Gewichtung der Rituale in unserer Gesellschaft. Womit wir wieder bei Ostern wären und...
"Mein Ansatz ist nach wie vor einer der Gesellschaftskritik."
(Christoph Türcke)
...danke.

Reflektiert die Mehrheit überhaupt den Sinn dieser Osterzeit; oder ist es lediglich eine willkommene Gelegenheit, um den Tank auf der Autobahn leerzublasen?
Das war eine rhetorische Frage.

Und weil man mit Rhetorik allein - außerhalb von Debattierkursen und Kinderspielplätzen - in diesem Land nichts auszurichten vermag, präsentiere ich lieber ein paar Fakten. Mit Fakten allein kann man in diesem Land zwar noch weniger bewegen als mit Worten, doch ich möchte mich gerade in dieser so optimistischen Frühlings-alles-erwacht-grünt-frohlockt-tanzt-geniesst-Stimmung nicht als Spielverderber gerieren und schlechte Stimmung verbreiten.

Denn Optimismus siegt - oder wie Obama unlängst in Seoul zu Medwedjew so schön sagte: "Das ist meine letzte Wahl im November. Danach habe ich mehr Handlungsspielraum."
Und was liest der unbeteiligte Beobachter aus diesem rhetorischen Kaffeesatz? Dass Demokratie die Handlungsfreiheiten einschränkt. Russland ist deshalb schon einen Schritt weiter und zeigt den Amerikanern, wie man Kontinuität nicht nur predigt sondern auch umsetzt. Das dürfte dem afghanischen Präsidenten imponiert und zum lauten Äußern der schon lange hinter abgeschalteten Mikrofonen und verschlossenen Türen gehandelten Meinung - die ISAF-Truppen sind lediglich Besatzer in unserem Land und sollen besser gestern denn morgen verschwinden - bewegt haben.
"Beide Seiten müssen dabei zusammenarbeiten, den Übergabeprozess von den internationalen Truppen zu den afghanischen Kräften 2013 statt 2014 abzuschließen."
(Hamid Karsai am 15.03.2012)
Vorzeitiger Truppenabzug 2013 und Unterschrift Karsais unter einen Vertrag zur ständigen US-Präsenz im Land in Form von Militärbasen vor dem Nato-Gipfel in Chicago stehen auf der Agenda Washingtons nun ganz oben.

Uns braven Osterlämmern bleibt da nur zu hoffen, dass nicht bald wieder Familien in ihrem Heim erschossen werden und die Tat danach einem angeblich Irren in die Schuhe geschoben wird.

Sollten wir nicht lieber daran arbeiten, Leben zu erhalten, anstatt es zu vernichten und im Anschluss seine Wiederauferstehung herbeizusehnen?!

PS:
* 2009 wurden in Deutschland 18 Mrd. (!!!) Eier verzehrt
* Bioeier haben einen Anteil von 7 % am Gesamteiermarkt
* von 2000 bis 2010 sank die Zahl der Legehennen in Deutschland um 5 Mio. - im gleichen Zeitraum legten die Hennen aber jeweils 5 Eier mehr pro Jahr (289 --> 294 Stück)
* manche Legehennenrassen (in D. existieren etwa 200 Hühnerrassen) produzieren bis zu 340 Eier im Jahr
* nicht mehr "profitable" Bestände gehen geschlossen in Schlachthaus und Tierfutter
* "Super-Legehennen" werden maximal 2 Jahre alt
* in Deutschland werden jährlich knapp 600 Mio. Masthühner geschlachtet

Quellen: Die Bio-Branche 2011, Destatis, Peta

Frohe Ostern

Montag, 23. Januar 2012

Unüberbrückbare Differenzen

Da schaltet man wie immer zum Frühstück das Nachrichtenradio ein, um sich über die aktuellen Staumeldungen im Ruhrgebiet sowie die neuesten Meldungen über gesponsertes Klopapier und Spielzeugautos für die Familie Wulff zu informieren, als es mir bei einer Info plötzlich fast das Müsli vom Löffel haut: Heidi und Seal wollen sich trennen.

Nach dem chinesischen Neujahrsfest (und Bildern von böllerwerfenden Vietnamesen in der Dessauer Innenstadt im MDR), blinden Passagieren auf der Costa Concordia, der famosen Rede Angelas auf Guidos Geburtstagsparty, Gingrichs "Sieg" in South Carolina und Honeckers ausspioniertem Liebesleben platzte also eine neue Bombe. Eine Bombe von erschreckender Bedeutungslosigkeit.

Warum schaffen es derartige Meldungen in als seriös geltende Nachrichtenformate? Weil sie die Hörer und Leser besser erreichen als Berichte über eine angedrohte Sperrung der Straße von Hormus und deren Folgen. Gehen Sie heute mal auf die Flaniermeile ihrer Stadt (für Bewohner von Dörfern: gehen Sie zur Freiwilligen Feuerwehr) und machen Sie den Test mit zwei Fragen:
  1. Wo liegt die Straße von Hormus?
  2. Kennen Sie den Namen "Heidi Klum"?
Jetzt werden Sie mich fragen, wo da der Zusammenhang ist. Ich sage es Ihnen: Das eine ist von geopolitischer Tragweite, aber unserem Alltag scheinbar endlos weit entfernt. Das zweite ist Gossip (kursiv), durchdringt unseren (deutschen?) Alltag seit vielen Jahren aber in schöner Regelmäßigkeit in Form von Plakaten (in eben jenen Fußgängerpassagen; bei der Feuerwehr äquivalent in Form von Pin-up-Postern) und Fernsehshows. Ich bin selbst auf Blogs von Plasmaphysikern schon über Heidi gestolpert.

Über die gesellschaftswissenschaftliche Relevanz von Klatsch und Tratsch wird seriös geforscht. Dieser Studie zufolge führt schon das Wissen darüber, eventuell Opfer von Tratsch zu werden, zu sozialerem Verhalten.

Andere Ergebnisse legen nahe, dass diese Eigenheiten menschlicher Kommunikation aus unserem Leben nicht wegzudenken sind; gar Stress abbauen können.

Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie das Gehirn die neuesten Infos über die Nachbarn gegenüber den neuesten Infos aus Syrien wichtet.

Klatsch und Tratsch sind wohl im weitesten Sinne wichtig für ein gesundes Leben. Auch die Auflagen der Yellow Press scheinen diese Theorie zu bestätigen. Aber die Meinung mancher Psychologen, das Überleben unserer Spezies hänge vom Klatschen und Tratschen ab, erscheint mir dann doch etwas zu forsch. Mag wohl damit zusammenhängen, wo definitionsgemäß das Tratschen beginnt; und wo es endet...

Hier ein kleiner Selbsttest: Nutzen Sie Facebook?
Logisch. Dumme Frage. Sorry.

Sollten Sie sich nun von mir überreden lassen und einmal für, sagen wir: eine Woche, Buch über Ihr Surfverhalten innerhalb dieses sozialen Netzwerks führen, würden Sie sich am Ende des Zeitraums selbst als Voyeur entlarvt haben.

"Ja und, macht doch jeder."

Richtig. Die Selbstdarstellung ist uns in die Gene geschrieben.
Gewalt aber auch.

Selbstverständlich tragen Gene nie allein die Verantwortung; vielmehr muss man Gewalt und ihre verschiedenen Ausprägungsformen stets im physiologischen, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen sowie sozialen Kontext betrachten und dann auf diesen Feldern intervenierend behandeln.

Diese Studie hier wirft aber indirekt gänzlich neue Fragen zu unserem derzeitigen Rechtssystem auf:

[Defekte des Gens für Monoaminoxidase A (MAOA) gehen mit einer höheren Gewaltneigung einher und Träger solcher Allele findet man gehäuft in Gangs]

Kann man solche Gewalttäter für ihr Handeln überhaupt verantwortlich machen?
Hier ist die Ethik gefragt.

Im Alltag werden dank der Justiz und einer allgemein anerkannten Moral die dunklen Seiten unserer menschlichen Natur meist erfolgreich in die Schranken gewiesen. Meist. Denn wo das Auge des Gesetzes blind ist (oder ihm das Auge ausgestochen wurde) - in Diktaturen, Guantanamo, Gefängnissen, Kriegen, Drogenkartellen, Slums,...- treten sie offen zu Tage.

Täglich - daran ändert Ihr erschrockenes Nippen am Espresso jetzt leider nichts - werden Männer vergewaltigt (man(n) redet bloß nicht drüber); Kinder umgebracht oder selbst zu Killern ausgebildet; Frauen unterdrückt; "Feinde" spurlos beseitigt; Lügen gezielt gestreut; Menschen manipuliert; kurzum: Macht missbraucht.

Sollten wir nicht häufiger darüber sprechen? Am Mittagstisch, in der Mensa, im Büro, in der Freiwilligen Feuerwehr?

Heidi darf ja im Bikini gerne von der Wand aus zusehen.

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Ich muss nochmal auf Diktaturen zu sprechen kommen. Wir leben ja bekanntlich in einer mobilen Diktatur; und da kommt es darauf an, stets mobil zu sein. Mit dem Auto. Wenn ich mit dem Rad an der Fußgängerampel stehe (weil man ja für Kinder ein gutes Vorbild sein will) und den Blick in die Wagen schweifen lasse, dann fällt eines auf: 1,5 t müssen solo bewegt werden.

Denn nur so kann man den Ampelsprint souverän gewinnen. Denn nur so passt die Handtasche auf den Beifahrersitz. Denn nur so hat Cleo - die zuckersüße Golden Retriever-Dame - ihre Rückbank für sich allein. Denn nur so können die wichtigen Meetingakten nochmal gesichtet werden. Denn nur so bin ich Chef im Ring - und nicht Chauffeur des Familienwagens, unterwegs zu Kaufland.

Es muss eine unüberbrückbare Hürde sein, sich aus den Fesseln der automobilen Dauerverführung zu lösen. Ich wünsche mir Pflaster - ähnlich Nikotinpflastern - die man sich morgens auf den Arm klebt, dann in den Keller geht, das Rad auf die Straße trägt ... und die ihre Wirkung sofort voll entfalten: Du radelst plötzlich mit der imaginierten Sch****länge eines im Panamera Turbo Sitzenden durch den Park, klingelst freundlich den Erzieherinnen und ihrer Meute aus 4-jährigen zu und freust dich über die deinen Weg kreuzenden Eichhörnchen.

Eine Utopie? Vielleicht. Oder nur eine Frage der Zeit? Die Dinos sind auch schon tot.

PS: Statistikfreaks finden hier den Beleg für die Dominanz von Kurzstreckenfahrten

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Zu Kurzstrecken zählen im weitesten Sinne auch Abfahrten und einer der Meister dieses Metiers wird heute 70 Jahre alt.

Herzlichen Glückwunsch, Willy Bogner.

Den Status als wohl bekanntester Skifahrer der Welt erhielt er freilich weniger durch seinen Sieg bei der Lauberhornabfahrt, als vielmehr durch den Ausbau des Modegeschäfts seines Vaters zu einem Unternehmen mit über 700 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz (2009) von 170 Mio. Euro.

Daneben brannte er sich mit spektakulären und bis dato noch nicht im Fernsehen gesehenen Skiszenen in das Gedächtnis einer ganzen Generation ein.



Im Privaten bleibt wohl der Suizid seines Adoptivsohnes Bernhard im Jahr 2005 als schlimmste Erfahrung im Gedächtnis hängen.

Das war übrigens nicht der erste unnatürliche Tod eines Familienmitglieds, denn 41 Jahre zuvor starb seine damalige Verlobte beim Abgang zweier Lawinen in der Schweiz.

Zuletzt ließ sich Bogner als Vorsitzender der Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH für die Kandidatur zur Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2018 vor den Karren spannen. Ob es wirklich die Gesundheit war, die ihn zum Ausstieg mahnte? Man weiß es nicht.

Noch zwei Fragen zum Schluss:
  1. Trägt Lindsey Vonn eigentlich Bogner?
  2. Was haben Bikinis mit Skisport zu tun?
 Fragen über Fragen...

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Schöne Woche.

PS: Grüßen Sie stets Ihren Tischnachbarn vom Verfassungsschutz und tun Sie etwas für Ihre Beziehung. Zuhören zum Beispiel.

PPS: "Die Mühsal des Strebens nach Eintracht und Frieden auf Erden lässt sich erst im Zusammenleben mit Kindern in Gänze ermessen." (Verena Schmitt-Roschmann im Freitag)

Montag, 9. Januar 2012

Stahlgewitter

Haben wir es jetzt? Nein, offenbar immer noch nicht! Da können Tanker noch so nachhaltig zerbrechen; Laura Dekker noch so zuversichtlich zwitschern; noch so viele neue Ölfelder in der Arktis entdeckt werden; Stephen Hawking noch so laut zu seinem 70. einladen; ein früherer Mormonenbischof noch so nachhaltig ins Weiße Haus drängen; Merkel noch so deutlich in den Sarkozyschen Galopp eingreifen; Ägypten ein Jahr nach der ersten grünen Revolution noch so islamistisch werden; Russlands Opposition zwei Monate vor der "Präsidentenwahl" noch so hilflos um internationale Aufmerksamkeit bitten; Frauen, hach ja, sich noch so sehr anstrengen.

Es hilft alles nichts: Wulff bleibt bei Spiegel Online ganz oben. Und bei Spiegel Online ganz oben zu stehen, heißt (leider nicht immer) Relevanz zu besitzen. Nun besitzt der Bundespräsident zwar qua Amt Relevanz - und damit wären wir auch schon bei des Pudels ... äh, bei der Sohle des Schuhs (um mit aktuellen Bildern aus Berlin zu sprechen). Immerhin beherzigen diese vielen aufrichtigen Bürger, die da vor dem Schloss Bellevue ihren Protest kundtun, seine eigenen Worte: "Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland", und halten - wie im dortigen Kulturkreis üblich - Schuhe als Symbol der Verachtung in die Höhe (der Islamwissenschaftler Thomas Hildebrandt betont, dass dieses Verhalten nicht religionsspezifisch, stattdessen eine im ganzen Nahen Osten verbreitete Geste ist).

Einzig spannend an diesem Fall finde ich die mediale Treibjagd. Spannend und pervers. Wir loben uns, das Mittelalter durch Renaissance und Aufklärung weit hinter uns gelassen zu haben; durch Newton, Humboldt, Gauß, Darwin, Planck, Einstein ... alle bis dato geltenden Grenzen unseres Wissens verschoben zu haben; durch Demokratie und Soziale Marktwirtschaft das beste aller bisher auf der Erde versuchten Zivilisationsexperimente erleben zu dürfen...

...und dann sehe ich Ulrich Deppendorf im Fernsehen beim Versuch, ein veritables Verhör zu zelebrieren (Uli D. gastierte übrigens selbst an Ostern des Jahres 2006 bei einer VIP-Party Manfred Schmidts auf Mallorca - gemeinsam mit einem damals noch unbekannten CDU-Politiker). Wer im Glashaus sitzt, soll nicht...

Die Treibjagd ging - klarer Fall - am Sonntagabend weiter. Jauch landete mit dem Thema "Der Problem-Präsident - wie glaubwürdig ist Christian Wulff?" sogar Traumquoten. Knappe 6 Millionen Zuschauer und damit mehr als beim damaligen Besuch Schmidts und Steinbrücks.

Menschen sind Herdentiere und unsere sogenannten Leitmedien zelebrieren ihre Funktion als Hütehunde. Sie treiben die Meinungen zusammen, verdichten sie zu einem einzigen Statement - und verwandeln sich damit leider manchmal in einen Wolf, der die Herde bedroht und eben nicht leitet.

Guter Journalismus recherchiert im Hintergrund und präsentiert dann die Ergebnisse seiner Recherchen. Schlechter Journalismus mutmaßt und droht.

Warum veröffentlicht "Bild" nicht einfach die Abschrift der Mailboxnachricht? Warum steht sie stattdessen fast in Gänze im aktuellen "Spiegel"? Warum saß Diekmanns Stellvertreter bei Jauch im Studio - und warum saß er ausgerechnet neben Georg Mascolo? Warum fordert die Opposition nicht offen den Rücktritt? Warum lavieren alle um klare Positionierungen herum?

Weil sie alle wissen, dass es keinen rechtlichen Grund für einen Rücktritt gibt. Und weil sie alle wissen, dass ihnen Wulff als oberster Repräsentant ähnlicher ist, als sie es sich je hätten träumen lassen. Ah so, sie beklagen sich über das fehlende Moralverständnis Wulffs gegenüber seinem Amt? Nun, eine solche Anklage ist legitim. Aber bitte nicht in persona A. Nahles oder S. Gabriels.

Gute Nacht liebe "taz", gute Nacht liebe SPD.

PS: Wulff steht nicht mehr ganz oben (aber 22.30 Uhr hatte man gegenüber 21.05 Uhr die Headlines 2 und 3 in ihrer Reihenfolge getauscht)

Screenshot der Startseite von Spiegel Online, erste 4 Headlines, abgerufen am 09.01.12, 21.05 Uhr

[ähnlicher Artikel: Erwartete Überraschungen]

Dienstag, 20. Dezember 2011

Erwartete Überraschungen

Keine Woche im Jahr bereitet angeblich so vielen Menschen soviel Stress wie die Woche vor Heiligabend. Es ist die Rede vom Last-minute-Geschenkeshopping; vom Last-minute-Baum-aussuchen; vom Last-minute-Festtagseinkauf-planen; von der Last-minute-Feiertagsbesuche-Routenplanung; vom Weihnachtsfeier-Overkill in Betrieben, Behörden und Vereinen; von Last-minute-schnell-mal-in-die-Sonne-Urlaubsbuchungen...

Es ist aber bei allem (völlig berechtigten) Stress viel zu wenig die Rede von Menschen, denen der Feiertag am kommenden Montag bereits jetzt schon Kopfzerbrechen bereitet, weil sie da nicht im Büro sitzen und arbeiten können; von Menschen, die keine Einladungen zum Plätzchenbacken erhalten; von Menschen, die sich manchmal gern in eine Zeitmaschine setzen und - nein, nicht in die Vergangenheit - in die Zukunft reisen würden; von Menschen, deren Persönlichkeit beim Iditarod wahrscheinlich endlich erwachsen und offenbar würde; von Menschen, deren Wege sich im Gewimmel der Stadt verlieren; von Menschen, die in der Bahnhofsmission ausharren; von Menschen, die in U-Bahn-Schächten erfrieren; von Menschen, die tagaus, tagein hungern; von Menschen, die keine eigenen Kinder bekommen können; von Menschen, die vereinsamt sind; von Menschen, die jeden Tag an Suizid denken. Es ist viel zu wenig die Rede von jenen Menschen, deren Fehlen erst dann bemerkt wird, wenn sie keinen Rat mehr geben können.

In dieser Woche vor dem Heiligen Abend sollten Sie, liebe Leserin/lieber Leser, neben Ihrer Vorfreude auf das Fest der Geburt Jesu sich auch Zeit dafür nehmen, Ihr Adressbuch nach Namen zu durchsuchen. Nach Namen, die Ihnen mehr bedeuten als nur "Annemarie", "Bernd", "Christian" oder "Dirk".

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Hallelujah! Bei manchen Menschen würde ich mir eindringlich wünschen, sie fortan nur noch mit ihrer Fleischereifachverkäuferin kommunizieren zu sehen. Wobei, Fleisch, Klimawandel ... och menno, sorry.

Stattdessen setzen sie sich zur besten Sendezeit in das Zweitstudio von Wer wird Millionär? und geben im Ersten Deutschen Fernsehen am 4. Advent anno 2011 Auskunft über die moralischen und potentiell juristisch zu ahndenden Verfehlungen eines Ex-Ministerpräsidenten und amtierenden Bundespräsidenten. Also, was hat Wulff falschgemacht? Nichts. Er hat - wie unter Menschen üblich - die Hilfe eines Freundes in Anspruch genommen. Und ein Darlehen für sein Häusl erhalten. Von einem befreundeten Unternehmer. Das Darlehen wurde ordnungsgemäß verzinst und mittlerweile abgelöst. Im Ministergesetz des Landes Niedersachsen ist solches Verhalten nur dann untersagt, wenn ein berechtigter Verdacht auf Vorteilsnahme im Amt besteht:
"Die Mitglieder der Landesregierung dürfen, auch nach Beendigung ihres Amtsverhältnisses, keine Belohnungen und Geschenke in Bezug auf ihr Amt annehmen. Die Landesregierung kann Ausnahmen zulassen. Sie kann diese Befugnis auf die Staatskanzlei übertragen."
[§ 5, Abs. 4, gültig ab 01.04.2009]
Ab wann besteht ein berechtigter Verdacht auf Vorteilsnahme im Amt? Wenn persönliche Vergünstigungen zu einem Machtmissbrauch führen und geschäftsmäßige Beziehungen existieren. Hat Wulff gegen Gesetze verstoßen? Sagen wir es so: Juristisch wird man ihm kein Fehlverhalten nachweisen können.

Denn Wulff und sein Kreditgeber kennen sich schon aus einer Zeit vor seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter und späterer Ministerpräsident. Ergo: keine Vorteilsnahme durch das Amt des Ministerpräsidenten. Ferner bezog sich der Kredit nicht auf Wulffs Anwaltsprofession. Ergo: keine geschäftsmäßige Beziehung.

Die von der FAZ in persona Frank Schirrmachers himself vorgebrachte Analyse von Wulffs Fehlern im Umgang mit den gegen ihn gerichteten Anschuldigungen bemüht indirekt u.a. Kants Kategorischen Imperativ über ein Zitat Wulffs: "Was man selbst nicht machen würde, sollte man auch nicht von anderen verlangen."

Lassen wir vorerst diese Aussage im Raum stehen und folgen wir Schirrmachers Argumentationsweg weiter. Er interpretiert Wulffs Rede in Lindau als vorzeitiges Geständnis. Als, besser, vorzeitiges Eingeständnis der Tatsache, mit jedem Kredit in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten, aus dessen Zwang man sich nur dann befreien kann, wenn gegenseitiges Vertrauen darin besteht, "wieder auf die eigenen Füße zu kommen."

Schirrmacher bleibt vorsichtig, wenn er sagt: "In der politisch-ökonomischen Sprache, die Politiker seit Jahr und Tag im Munde führen, müsste man sein Verhalten anders beurteilen: Der Bundespräsident hat über seine Verhältnisse gelebt."

Sicher, der sprachliche Wind weht scharf um die Häuserecke aus Vertrauen und Ehrlichkeit. Und dennoch: Bloß weil jemand einen Privatkredit "für 120 % der Kaufsumme" seines Hauses erhalten hat, muss man ihn verdächtigen? Come on, das ist lahm! Mich deucht, hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Und ich nähere mich dem eigentlichen Problem: Wulffs Umgang mit dem Kredit. Denn er fühlte eine moralische Zwickmühle. Einerseits existiert die persönliche Überzeugung, bei einer seit 30 Jahren bestehenden Freundschaft nicht im Traum an Amtsmissbrauch oder gar Bestechung denken zu können. Das stimmt wohl. Andererseits existiert die Außenwahrnehmung der Gesellschaft. Der politischen Feinde, der politischen Freunde, der Wähler.

Wulff sah sich gezwungen, eine im niedersächsischen Landtag gegebene Antwort nachträglich als zwar juristisch korrekt, doch im Kern unvollständig zu bezeichnen:
"Es wäre besser gewesen, wenn ich auf die Anfrage der niedersächsischen Abgeordneten im Landtag über die konkreten Fragen hinaus auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte, denn in der Sache hatte und habe ich nichts zu verbergen."
Warum war das so? Weil ihn das schlechte Gewissen plagt(e). Moment: Ein schlechtes Gewissen hat man nicht ausschließlich in Verbindung mit Dreck am Stecken! Jeder Mensch weiß sehr wohl über die Höhe der moralischen Hürden seiner Gesellschaft Bescheid. Und jeder Mensch - ob nun Ministerpräsident oder Taxifahrer - lebt um sie herum. Mal näher, mal ferner.

Die Bundeskanzlerin gab schon Geburtstagsessen für den Chef der Deutschen Bank. Im Bundeskanzlerinnenamt. Eine Verfehlung? Ein Gesetzesbruch gar? Oder ein Freundschaftsdienst? Ein Taxifahrer fährt bei Rot über die Ampel. Weil weit und breit kein anderer an der Kreuzung steht, weil er allein im Wagen sitzt und weil weit und breit keine Polizeistreife zu sehen ist. Derselbe Taxifahrer würde nie über eine rote Ampel fahren, wenn er Fahrgäste chauffiert, sich im mittäglichen Stadtverkehr befindet oder eine Polizeistreife hinter sich weiß. Handelt er nun grob fahrlässig? Ist er gar untragbar für dieses verantwortungsvolle Geschäft? Ist er nicht (mehr) vertrauenswürdig?

Warum diese Beispiele? Weil von Wulff übermenschliches Verhalten eingefordert wird. Verhalten, dem er, dem keiner gerecht werden kann.
"Was endlich verlangt Aristoteles, der Heide, in seiner <Politik> vom Herrscher? [...] Die höchste und vollkommenste Tugend. Bei Privaten ist er mit einer durchschnittlichen zufrieden. Wenn du Herrscher und gleichzeitig ein guter Mensch sein kannst, dann erfülle die schönste Aufgabe; wenn aber nicht, dann gib lieber den Herrscher auf, als dass du aus diesem Grunde ein schlechter Mensch wirst. Es ist möglich, einen guten Menschen zu finden, der kein guter Herrscher sein könnte. Aber es kann keinen guten Herrscher geben, der gleichzeitig kein guter Mensch wäre."
(Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften Bd. 5, Darmstadt 1968, S. 221)
Das sogenannte Volk möchte von Menschen mit eben dieser "vollkommensten Tugend" regiert werden. Wer die Reden, wer das Wirken, wer das Bild der Person Wulffs betrachtet, kommt zu dem Schluss, es hier mit einem guten Menschen zu tun zu haben. Mit einem nach außen zwar sehr unsicher wirkenden Menschen (daran wird sich nichts ändern) aber mit einem ehrlichen Menschen. Die damals im niedersächsischen Landtag an ihn gerichtete Anfrage ließ ihn unsicher werden und den Privatkredit ablösen. Der - ich weiß um die Vorbelastung des nun folgenden Wortes - Mob am Horizont machte ihm Angst. Der Mob besitzt die Macht, dich einfach zu überrollen. Ob schuldig oder nicht schuldig. Also geht man dem Mob besser aus dem Weg. Obwohl man rechtens auf der Straße bleiben könnte.

Christian Wulff ist nicht die Idealbesetzung für das Amt eines Bundespräsidenten. Das ist keine Neuigkeit. Ein Richard von Weizsäcker war es zu 90 Prozent. Ein Roman Herzog zu 99 Prozent. Ein Johannes Rau zu 70 Prozent. Wulff liegt irgendwo dazwischen.

Aber: Seine Außenwahrnehmung ist immer noch (und völlig berechtigt!) um Längen besser, als jene seiner zahlreichen (aktuell sehr laut aufschreienden) Möchtegernkritiker.

Denn die sich unter der tarnenden Patina verbergende falsche Moral unserer werten Volksvertreterinnen und Volksvertreter, unserer werten Journalistinnen und Journalisten ist nicht nur widerlich, sie ist auch Zeichen einer der wenig schönen Eigenheiten des menschlichen Wesens: des Neides.

Wer der aktuell besonders laut Aufschreienden begleitet denn neben seinem Abgeordnetenmandat nicht auch Ämter im Aufsichtsrat mittelständischer Unternehmen? Wer kann von sich behaupten, nur und ausschließlich seinem Gewissen folgend Entscheidungen zu treffen (ich stelle das Wort "Fraktionszwang" in den Raum)? Wer ist immun gegenüber täglich anklopfenden Lobbyisten? Ihnen allen rate ich zur inniglichen Auseinandersetzung mit Kants Kategorischem Imperativ.

Sie werden mir entgegnen, dass man Amts- und Privatperson trennen könne. Gut, Recht haben Sie. Dann billigen Sie diese Fähigkeit bitte auch dem deutschen Bundespräsidenten zu und beenden Sie diese Scharmützel. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf die wirklich wichtigen Dinge im Amts- und Privatleben und kritisieren Sie das Staatsoberhaupt dort, wo es Kritik verdient hat. Sie werden nicht lange suchen müssen. Danke.

[ähnlicher Artikel: Stahlgewitter]

Montag, 14. November 2011

Masthähnchen

Am letzten Freitag war Martinstag, laut Bauernkalender ein "Lostag" und damit wichtiges Puzzleteil im Vorhersagespiel rund um das Erscheinungsbild des nächsten Winters, und gleichzeitig der Geburtstag eines Familienmitglieds. Da meine Familie leider stärker schrumpft als wächst, sind solche Termine kostbar und Sinnbild des unbarmherzigen Weltenlaufs zugleich. Wobei, "unbarmherzig" klingt wieder so schrecklich vorwurfsvoll, so elendig um Mitleid heuchelnd, dass robustere Zeitgenossen als meiner selbst schnell die Flucht ergreifen. Zurecht, wie ich seit nicht allzu langer Zeit immer deutlicher erkenne, denn wenn es etwas gibt, was Menschen lieben, dann ist es Selbstsicherheit, Orientierung, Führung, die (wenngleich nicht in jedem Fall auf festem Fundament ruhend) anziehend und beschützend wirkt.

Wie war das doch gleich? Eine Einladung zum Kochen ist eine Einladung zum Übernachten? Stimmt. Und es gab kurioserweise auch mehrmals Geflügel, weshalb ich mich (leicht schmunzelnd) noch ein wenig in diesem schönen Zimmer aufhalten möchte. Einer der ostdeutschen Gänseproduzenten, die Firma Eskildsen in Wermsdorf bei Grimma, hat kürzlich bekanntgegeben, bei der Mast (pardon, dem behutsam begleiteten Heranwachsen freilebender und freiliebender Tiere) ihrer Gänse auf den Antibiotikaeinsatz konsequent zu verzichten. Ein ehrenwerter und deshalb erwähnenswerter Anspruch, zeigt er doch deutlich, dass eine Monopolstellung verantwortungsbewusstes und nachhaltiges Handeln nicht ausschließen muss.

Umso wütender machen mich dann die kursierenden Zahlen rund um einen anderen Teil der Geflügelmast: Die Broilerproduktion.

Das NRW-Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz hat in einer Studie (leider noch kein Onlinezugriff | Stand: 14.11.2011) den Einsatz von Antibiotika in der Hähnchenmast untersucht.



Edit (15.11.2011): Die Studie ist online verfügbar. Auszüge:

* 57 Millionen Hühner werden pro Jahr in NRW gemästet
In 164 Betrieben wurden im überprüften Zeitraum von Februar bis Juni 2011 Antibiotika verabreicht. Das entspricht 14,7 Millionen Tieren oder einem Anteil von 96%. Nur jedes 25. Huhn blieb vor dem Schlachten antibiotikafrei.

"Die jeweilige Behandlungsdauer eines Wirkstoffes lag bei 53% (924 von 1748) der
Behandlungen mit 1-2 Tagen deutlich unter den Zulassungsbedingungen der verabreichten Wirkstoffe." (S. 10)
"Fragen der Recht- und Zweckmäßigkeit wurden im Rahmen dieser Datenerhebung bisher
nicht weiter verfolgt, müssen in Zukunft aber näher untersucht werden." (S. 4)


"Ziel der Studie war zunächst die Statuserhebung, damit sowohl die für Tierschutz
und Tierarzneimittel zuständigen Überwachungsbehörden als auch Wirtschaftsbeteiligte
über die landesweit erhobenen Durchschnittswerte in Kenntnis gesetzt werden können. Die
dargestellte Situation, wonach über 96% der Masthühner behandelt werden, ist nicht akzeptabel und legt den Schluss nahe, dass das Haltungssystem nicht den Vorgaben des Tierschutzgesetzes entspricht, da die angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung in Frage gestellt werden muss." (S. 10)



Antibiotika sind uns bekannt bei der Bekämpfung hartnäckiger Bakterieninfektionen (keine Virusinfektionen!) und in schöner Regelmäßigkeit aus Berichten zu multiresistenten Krankenhauskeimen. Multiresistenzen entstehen, wenn Bakterien mit Antibiotika in Kontakt kommen und es dabei schaffen, mittels verschiedener Verfahren der Genselektion widerstandsfähige Arten zu vermehren.
"Seit diesem Jahr wird [...] in einer bundesweiten Datei (DIMDI) erfasst, wie viele Medikamente der Großhandel an welche Region liefert. Doch ausgerechnet die Geflügelbranche ist Dank des Bundeslandwirtschaftsministeriums davon ausgenommen."

Interessante Fakten zum Antibiotikaeinsatz (leider nur für Niedersachsen und NRW) in der Tierproduktion liefert eine Dissertation aus dem Institut für Pharmakologie, Pharmazie und Toxikologie der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig.
Darin heißt es auf S. 67: "Tetracycline stellten mit 51,34%, β-Lactame mit 23,55% und die Sulfonamid-Gruppe (inklusive TMPS-Gruppe) mit 9,27% die am häufigsten eingesetzten Wirkstoffgruppen dar." Ferner: "Als Zielstruktur der β-Lactam-Antibiotika werden die Mureinsynthetasen auch „PBP“ (Penicillin-bindende Proteine) genannt, die eine unterschiedliche Bedeutung für das Bakterienwachstum haben können." (S. 33)

Beta-Lactame (denn diese werden in der Geflügelzucht von den genannten am häufigsten verwendet) greifen - vereinfacht gesagt - die Zellwandstrukturen der Bakterien an und zerstören diese. Die Mureingrundstruktur wie auch der weitere Zellwandaufbau sind bei den einzelnen Bakteriengruppen verschieden, weshalb durch Gentransferprozesse "Mutationen der PBP durch chromosomale Insertion [...] zu einer Strukturänderung führen (können), zu der β-Lactam-Antibiotika verminderte oder keine Affinität haben. Neu auftretende resistente Stämme verfügen oft über veränderte PBPs und eine reduzierte Zellwandpermeabilität." (S. 33) [vgl: Fritsche, Wolfgang: Mikrobiologie. Spektrum 2002, S. 55]

Die "Menge verabreichter Antibiotika [...] (steht) in engem Zusammenhang mit der Entwicklung bakterieller Resistenzen, welche durch Mutation auftreten oder durch Übertragung von Erbinformation via Chromosom oder Plasmid erworben werden können." (S. 1)
Ebenso entscheidend ist die Zeitspanne, in der die Bakterien dem Antibiotikum ausgesetzt sind: "Niedrige Dosen Antibiotika, die über eine lange Zeit verabreicht werden, fördern das Auftreten und die Ausbreitung von resistenten Bakterien." (S. 1)

Pro Jahr werden in Deutschland 30 Millionen Legehennen und - bitte hinsetzen, danke - über 600 Millionen Broiler produziert. Sie finden das okay? Prima, dann VERSCHWINDEN SIE SOFORT VON DIESER SEITE (Demokratie hin oder her)!!! Und an alle anderen: Ruhig bleiben, das zählt noch zum Vorspiel. 11 kg Hähnchenfleisch verzehrt jeder Bundesbürger jährlich; also aller zwei Wochen wahlweise nen "halben Hahn", ein "Brathändl", "ä Broiler", ein "halbes Hähnchen". Inwieweit das Oktoberfest diese Statistik manipuliert, vermag von Autorenseite nur als Fußnote und Diskussionsfutter eingestreut werden. Doch zurück in die Ställe, denn Deutschland verspeist die Hühner natürlich nicht allein, nein, der ehemalige Exportweltmeister exportiert fleißig.
Und analog zu den deutschen Exportzahlen der vergangenen Dekaden, legte auch das Durchschnittsgewicht eines Masthuhns zu. Von den 1930er Jahren bis in die Mitte der 1990er nämlich um 65% von 1 kg Schlachtgewicht auf 1,6 kg Schlachtgewicht. Effizient genug? Oh ja, denn was vor 70 Jahren noch zwei Monate dauerte, kann heute in einem erledigt werden (die 65% Gewichtszunahme dabei berücksichtigen). Das entspricht übrigens einer "mittelschnellen Wachstumsintensität."

So, jetzt drehen wir Prince ein wenig lauter:
--> Ställe mit mehreren Tausend Hühnern begünstigen die schnelle Ausbreitung von Krankheitserregern. Antibiotika.
--> Die Förderung bestimmter Bakterienstämme im Hähnchendarm fördert die Gewichtszunahme (da mehr Nährstoffe zum Wachsen zur Verfügung stehen). Antibiotika.
--> Weniger Abfallprodukte der Bakterien (u.a. Ammoniak) begünstigen die Ausbildung einer dünneren Darmwand = mehr Nährstoffe im Blut. Antibiotika.

Obwohl die EU 2006 den Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer untersagte, konnten noch 2010 in einer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung bedenklich hohe Werte bezüglich der Salmonellenresistenz bei Hühner- und Putenfleischproben nachgewiesen werden.

Da lobe ich mir den Weihnachtsmarkt - endlich wieder Riesenbratwürste aus Freilandhaltung und Glühwein aus Biotrauben geniessen.

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Schöne Überleitung zu Berlusconi. Was für ein Mann. Einer, der das Mannsein auf den Kern des Playboy-Männerbildes reduziert und - wer schafft das schon?! - den Großteil seines Lebens nach diesem Vorbild gelebt hat (wer schafft das erst?!). Befriedigung bestand (Scusi: besteht) für ihn in allererster Linie darin, Macht zu haben. Macht in der Wirtschaft, Macht in der Politik, Macht in Beziehungen. Gleichberechtigung definiert(e) er über das jeweilige Firmenportfolio oder die Zahl der Untergebenen seines Gegenübers. Die Politik ist dazu da, dem Menschen zu dienen. Wohl kein anderes (gewähltes) Staatsoberhaupt Europas hat diesen Spruch dermaßen verinnerlicht wie Silvio Berlusconi.

Geboren 1936 in Mailand, studierte er später Jura und jobbte als Immobilienmakler. Anfang der 1960er Jahr schließlich erfolgte sein Einstieg in die Baubranche mit Gründung mehrerer Firmen (teils mit Schweizer Geldgebern im Rücken) und dem Bau einer Modellstadt ("Milano 2") bei Mailand. In den 70ern folgten weitere Firmengründungen und der erste eigene Fernsehsender (ebenfalls "Milano 2" genannt). Weitere Sender folgten in den 80er Jahren und gebündelt wurde schließlich die mediale Präsenz in der Firmengruppe Fininvest (über 6 Mrd. Euro Jahresumsatz)

1994 trat Berlusconi mit der neu gegründeten Partei "Forza Italia" bei den Parlamentswahlen an; und gewann. Er bildete eine Mitte-Rechts-Regierung mit der Alleanza Nazionale von Gianfranco Fini und der Lega Nord von Umberto Bossi. Letztgenannter Koalitionspartner - Ironie der Geschichte - sollte ihm in 2011 die Mehrheit im Parlament kosten und sein politisches Ende einläuten.

Italien machte unter Berlusconi den Eindruck, zu einer neuen südeuropäischen Diktatur zu werden. Gleichgeschaltete Sender, Mehrheiten per Wahlgesetz, Immunität per Dekret, ein Netzwerk aus Strippenziehern und Gefolgsleuten, das dem Wohl des Königs zu dienen hat. So malt man nicht das Bild einer robusten Demokratie, so malt man eine Monarchie.

Ist Selbstkritik der italienischen Bevölkerung angebracht? Ja, unbedingt, aber es sollte gerade aus der Sicht eines politischen Führers "unbestritten sein, dass es den Menschen besser geht, wenn sie das Gefühl haben, in einer gerechten, gut organisierten Gesellschaft, die auch etwas von ihnen erwartet, zu leben. [...] Die Menschen sind insgesamt aktiver, flexibler, auch risikobereiter, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und wenn sie sich darauf verlassen können, unterwegs mit ihren riskanten Freiheiten nicht ins Bodenlose zu fallen." (Brusis, Ilse: Politik und Gemeinwohl. In: Bürgergesellschaft und Gemeinwohl. Opladen 1999, S. 146)

Italien hat nun einen neuen (Übergangs)Ministerpräsidenten, einen verdienten und international hoch angesehenen dazu. Dennoch ist ein Mario Monti allein nicht in der Lage, den "Geist des berlusconismo" (Giovanni di Lorenzo) auszutreiben. Silvio Berlusconi hat den guten Geist des demokratischen Gemeinsinns pervertiert und vergewaltigt - die noch gegen ihn anhängigen Prozesse legen davon Zeugnis ab. Es kommt jetzt auf die Selbstheilungskräfte Italiens (eines jeden Bürgers) und den Beistand der europäischen Partner an, den Krebs endgültig zu besiegen.
"Leben wird keine Pyramide sein, die mit der Spitze auf dem Boden steht. Sondern es wird ein ozeanischer Kreis sein, dessen Zentrum das Individuum sein wird, immer bereit, für das Dorf zu sterben. Das Dorf ist wiederum bereit, für die Gruppe von Dörfern zu vergehen, bis schließlich alles ein einziges Lebendiges sein wird, das aus Individuen besteht, die niemals in aggressiver Arroganz verharren, sondern immer demütig sind, indem sie teilhaben an der Majestät des ozeanischen Kreises, dessen integraler Bestandteil sie sind. Demnach wird der äußerste Umkreis nicht die Macht ausüben, den inneren Kreis zu zerstören, sondern wird allen in diesem Kreis Kraft geben und wird seine eigene Kraft vom inneren Kreis bekommen."
(Mahatma Ghandi)
PS: Das Ghandi-Zitat musste sein, zeigt es in seiner schonungslosen 68er-Blumenkinder-Wir-haben-uns-alle-lieb-und-bilden-einen-Diskussionskreis-Sprache doch ziemlich eindrücklich den Widerspruch zwischen menschlichem Ideal und gesellschaftlicher Realität auf.

Montag, 24. Oktober 2011

42 und größere Zahlen

Am 30. August diesen Jahres schrieb ich die folgenden Zeilen:
"Wann es freie Wahlen geben kann, wie sich das bislang von Gaddafi clever austarierte Gleichgewicht der traditionell starken Stammeskultur im Land entwickeln (wo doch nun keine Millionen mehr zu ihnen fließen) wird, ob sich überhaupt eine tragfähige Demokratie entwickeln wird können - an der Beantwortung all dieser Fragen wird Deutschland ganz sicher mitwirken."
Die Mitwirkung kann beginnen, denn heute feiert Libyen Tag 4 nach der neuen Zeitrechnung. Der Zeit Nach-Gaddafi. Seit Donnerstag der vergangenen Woche haben wir Gewissheit darüber, dass sich Gaddafi nicht mit einer Fahrzeugkarawane und einem kleinen Devisenvorrat im Kofferraum in einen befreundeten afrikanischen Staat abgesetzt hat. Vielmehr blieb er während des gesamten Kampfes seiner Truppen mit den libyschen Revolutionskämpfern um die Vorherrschaft im Land innerhalb der Grenzen desselben. Erstaunlich finde ich den augenscheinlichen Zusammenhang zwischen seinem Auffinden und der damaligen Ergreifung Saddam Husseins: In einem Abwasserrohr, respektive einem Erdloch endeten jeweils Jahrzehnte despotischer Herrschaft. Orte, wie sie ein Drehbuchautor nicht besser erfinden könnte.

Die Jagd war erfolgreich? Für die Revolutionäre schon, denn sie haben ihre Hassfigur zur Strecke gebracht. Wirklich? Haben sie das? Oder gehört dieser Triumph nicht größtenteils den NATO-Truppen?
"Über Gadhafis Tod freuen sich nicht nur die Libyer, sondern klammheimlich auch diverse westliche Regierungen. Hätte Gadhafi seine letzte Schlacht überlebt und wäre er in Libyen oder vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auf der Anklagebank gelandet – er hätte vermutlich viel mehr über Deals mit Europa und den USA erzählen können, als man ohnehin schon weiß.
Eine EU-Wahrheitskommission über all die falschen Geschäfte mit dem falschen Mann wäre vielleicht ein guter Anfang."
(Quelle)
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Ob unser braves Sparen dagegen noch ein gutes Ende nimmt, scheint im Angesicht der Euro-Schuldenkrise fraglicher denn je. Gewaltige Veränderungen sind unausweichlich - auf dem sozialen, politischen und wirtschaftlichen Sektor.

Am kommenden Freitag ist der 28. Oktober und damit auch Weltspartag. Ein guter Tag, glaubt man und schaut dabei etwas verklärt auf das Sparschwein im Kinderzimmer; wächst doch der Nachwuchs im tradierten Bewusstsein auf, dass es sich lohnt, die Früchte der eigenen Arbeit (resp. Geburt) zu horten und zu mehren.

Dabei ist die Idee hinter diesem System gar nicht mal so übel: Angefangen hat alles mit einer reinen Naturalienwirtschaft, doch bereits vor fast 5000 Jahren erkannten die Menschen einen Sinn in der Tatsache, "für die zeitlich befristete Überlassung eines Vermögensgegenstands" (Duden) eine Gegenleistung zu erbringen. Der Zins war lange vor den ersten Münzen da und  stellte sich als probates Schmiermittel für Wirtschaftssysteme heraus. Doch der Zins führte auch dazu, dass Banken damit nicht nur ihre Ausgaben deckten, nein, sie begannen - frei und unabhängig wie der Schmied nebenan - in die eigene Tasche zu wirtschaften, ihren Profit zu steigern und neue Produkte zu entwickeln, um damit neue Kunden zu gewinnen. Der Sinn einer Bank - Kredite für die Wirtschaft zu vergeben - geriet aus dem Fokus.

Heute sind Banken AGs, Aktiengesellschaften, die ihren Aktionären jedes Jahr eine gute Dividende ausschütten wollen/sollen/müssen. Der Zins als Möglichkeit für kleine Leute, ihren Hausbau per Kredit zu realisieren hat eine Prioritätenverschiebung erfahren. Heute ist er zum Kern der Gier eines Finanzsystems geworden, dessen unersättlicher Hunger uns alle des Sparschweins berauben könnte.

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Dieses Thema ist nicht nur deshalb so spannend, weil wir alle Betroffene sind. Es ist auch aufgrund seiner Komplexität und gesellschaftlichen Tragweite von gewisser Faszination.

Noch zu Zeiten Luthers waren Kirchen die höchsten Gebäude in einer Stadt. Der Eislebener wollte deren Macht einschränken und prangerte in seinen Wittenberger Thesen u.a. die schier grenzenlose Machtfülle des Papstes an. Die Kirche missbrauchte ihre Macht und hielt den Armen bis zur letzten Münze den Klingelbeutel vor die Gesichter.

Denn der Glaube der Menschen an die Unfehlbarkeit der selbsternannten Sprachrohre Gottes auf Erden hatte sie unwissentlich zu Sklaven eines Systems gemacht, dessen Denker und Lenker nicht permanent einzig das Wohl ihrer Gemeinde im Sinn hatten.

Eines der wichtigen EU-Sprachrohre ließ im März 2010 verlauten:
"Ich bin sehr dezidiert der Auffassung, dass Griechenland keine Hilfe in Anspruch nehmen muss."
(Jean-Claude Juncker)
Und eine weitere Sprachröhre fügte dem hinzu:
"Ich schließe mich an. Nach meiner Beurteilung braucht Griechenland keine Unterstützung."
(Angela Merkel)
Es regnet

Schon im Oktober 2009 wusste man um die reale Höhe des griechischen Staatdefizits (12,7%  anstatt 6%) und schon damals hätte man einen Schuldenschnitt vorbereiten müssen. Merkel schien der gleichen Auffassung, sprach sie doch 2010 erstmalig vorsichtig von einem möglichen Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion, gar von einer Insolvenz. Frankreich und Großbritannien waren (damals) jedoch nicht ihrer Meinung und vertrauten weiter auf die selbstheilenden Kräfte des Marktes. Was Selbstheilung in Zeiten des Kapitalismus bedeutet, hätte ihnen allerdings klar sein müssen.

Am 2. Mai 2011 schließlich war die Katze aus dem Sack: Deutschland haftet anteilig mit 22,4 Mrd. Euro am gemeinsam von EU, EZB und IWF gespannten, 110 Mrd. Euro umfassenden,  Rettungsschirm. Keine Woche war vergangen, schon erweiterte man die Einlage um 640 Mrd. auf 750 Mrd. Euro. Eine gewaltige Summe und gerade darum hätte jetzt mindestens im Lager der den Brand immer weiter anheizenden Spekulanten Ruhe sein müssen.

Aber ein klares Statement der heimlichen EU-Regierung mit Sitz in Berlin und Paris blieb aus. "Wir stehen hinter der europäischen Idee, ein Zocken gegen den Schirm lohnt sich nicht!" Klare Worte mit potentiell klarer Wirkung? Fehlanzeige.

Ebenso wurden Insolvenzpläne für Staaten und Auffangpläne für Banken (im Falle von Schuldenschnitten) nicht energisch vorangetrieben. Merkel und Sarkozy wurden von Entscheidern zu Getriebenen, die auf Entscheidungen und Fakten nur noch schnell reagieren müssen. Ein permanenter Rettungsschirm (hab ich schon erwähnt, dass mich diese Bezeichnung tierisch nervt?!) mit Namen ESM; ein Fonds mit Namen EFSF; neue Griechenlandzahlungen; neue Beteuerungen, der Euro sei stabil, folgten in der zweiten Jahreshälfte. Die Diskussion ist keine geblieben, Fakten wurden geschaffen. Weitreichende Fakten.

Denn während Merkel oben noch über eine griechische Insolvenz laut nachdachte, steht diese heute vor der Haustür. Wir befinden uns längst hinter der Schwelle zum europäischen Haus der Transferunion, Schulden werden solidarisiert - das Herbstgutachten der Wirtschaftsinstitute konstatiert, dass aus dem ersten Griechenland-Hilfspaket bereits 16,2 Mrd. Euro an KfW-Krediten geflossen sind. Kommt jetzt der Schuldenschnitt von erwarteten circa 60% erhöhen sich automatisch die deutschen Staatsschulden.

Guter und schlechter Wein

Allerdings - soviel Ehrlichkeit muss an dieser Stelle auch sein - profitiert Deutschland (noch!!!) von seiner Top-Bonität bei den Ratinginstituten. Denn viele Investoren gehen nach wie vor in Bundesanleihen, obwohl der gegenwärtig dafür am Kapitalmarkt zu zahlende Zins unter der Inflationsrate liegt. Daraus folgt: Bund, Länder und Kommunen sparen 5 Mrd. Euro Zinsen pro Jahr.

Aber was ist mit den Banken? Verlören die nicht auch 60% des Wertes ihrer griechischen Staatsanleihen? Sicher. Deshalb wurden auch (Stand: 24.10.2011) 200 Mrd. Euro an Kapital zur Stützung dieser Institute bereitgestellt. Bereitgestellt ist nebenbei ein schönes Wort. Es hört sich nach einem lauen Sommerabend an; man geht nochmal in den Keller und stellt einen kühlen Tropfen für die auf der Terrasse sitzenden Gäste bereit. Die Regale sind schließlich gut gefüllt, die Ernte im vorangegangenen Jahr war prächtig.

Aber: Guter Wein reift nur in ausgewählten Regionen, bei guter Pflege und viel Wissen der Winzer. Kapital hat da eine gewisse Ähnlichkeit mit gutem Wein. Fehlt nämlich die Grundlage, können keine Reben wachsen. Befürchtet wird ein sog. Dominoeffekt, wenn nämlich die Banken keine Kredite mehr vergeben können, weil ihr Eigenkapital aufgezehrt wird. Abschreibungen in riesigem Ausmaß wären die Folge, das Kreditgeschäft geriete ins Stocken, Verlustängste in anderen Eurostaaten wüchsen. Als Folge sinken die Anleihekurse der betroffenen Staaten bei gleichzeitig steigenden Zinsen. Eine Insolvenzwelle verbunden mit einer weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise wäre die Folge.

Den eben beschriebenen Weg würde man übrigens auch begehen, folgte man dem Rat des - von mir hoch geschätzten - Bundeskanzlers a. D., Helmut Schmidt. Schmidt sprach gestern bei Günther Jauch davon, den Euro nur noch für die gesündesten Euroländer (Deutschland, Frankreich, Österreich, Niederlande) beizubehalten.
Eine gute Idee? Eher eine fatale, denn diese neue Kernunion würde zum Ziel ausländischer Investoren. Als Folge würde der Euro eine extreme Aufwertung erfahren, der Export einbrechen, die Arbeitslosigkeit steigen, die Staatseinnahmen sinken ... man kennt den Teufelskreis bis hin zur Krise.

Quo vadis?

Nun, die Tür zur eingangs erwähnten Transferunion fällt hinter uns tatsächlich ins Schloss, wenn sich an den politischen Grundlagen nichts ändert. Ohne Sanktionsmöglichkeiten nationaler Finanzpolitik der EU-Länder sind reiche Länder wie Deutschland erpressbar. Ihnen drohen die Spielräume für soziale und innerstaatliche Entwicklungen allgemein verloren zu gehen - eine extreme Gefahr. In letzter Zeit häufig kolportierte Ideen, die nationalen Eigeninteressen zu überwinden und einen europäischen Bundesstaat aufzubauen, um als Europa beispielsweise mit größerem Gewicht gegenüber den global playern China, Indien und Brasilien auftreten zu können, setzen eine schwere und nur mit Volksabstimmung (Stichwort: neue Verfassung) zu erwirkende Entscheidung voraus: Die Abgabe des nationalen Budgetrechts nach Brüssel.

Wollen Sie das? Will Deutschland das? Haben Sie, hat Deutschland künftig überhaupt eine Wahl? Erst wenn der EFSF zur Bank gemacht und sich nach Belieben von der EZB Geld "leihen" kann, erst wenn die gemeinsame Euro-Haftung die Inflation in die Höhe hat schnellen lassen, wird man die fiktive (Stand: 24.10.2011) Entscheidung Pro Brüssel schmerzhaft bedauern.

Hier und heute sollten wir andere Lösungen suchen:
"Durch eine zwangsweise und auf Dauer angelegte staatliche Beteiligung an allen großen Banken, verbunden mit einer entsprechenden Vertretung in Aufsichtsrat und Management, könnten in Europa die Grundlagen für eine wirksame Kontrolle des Finanzsystems gelegt werden. Als Anteilseigner könnten die europäischen Staaten von steigenden Aktienkursen und Dividenden profitieren, die Geschäftspolitik kontrollieren und die längst fällige Restrukturierung des Bankensektors angehen."
(Gabriela Simon im freitag, Nr. 42, S. 6)
Der Glaube an ein globales Finanzsystem basiert auf dem Glauben an etwas, dass sich von der Mehrzahl der Menschen nicht verstehen lässt. Es scheint, als habe sich nach Luther nichts geändert. Es ist Zeit für eine weitere Säkularisierung!