Montag, 25. Mai 2020

Ein Brief an dich selbst

Liebe/r Bekannte/r, das ist ein Brief von einem guten Freund.

Ich trage viele Namen und bin stets bei dir, obwohl du mich noch nie in persona gesehen hast. Du wirst feststellen, dass du selbst diesen Brief hättest schreiben können, du wirst dich umsehen in deiner Wohnung, im Park, in der Tram, im Café, auf der Straße, an deinem Kraftort - wo auch immer du ihn öffnest.

"Wie geht es dir?" Das hat man dich schon oft gefragt, doch nur ganz selten so wie du es hören möchtest. Sei ihnen dafür nicht böse. Du möchtest stattdessen scheinbar grundlos eingeladen werden, obwohl du natürlich dank deiner starken Empathie den Grund ganz genau kennst. Du freust dich ehrlich und geniesst die Gemeinschaft. Du bist ein toller Gast, beherrschst Smalltalk, kannst dich sogar auf Kleinkinder einlassen, diskutierst mit über absolute Belanglosigkeiten. Du kannst sehr gut zuhören und tolle Ratschläge geben. Denn es ist ihre Welt und du willst irgendwie ein Teil davon sein. Du willst ihnen helfen.

Überhaupt willst du immer anderen helfen nur nicht dir selbst. Du hoffst - warum auch immer -, dadurch auf dich aufmerksam zu machen. Das gelingt auch, doch nie so, wie du es dir wünschst. Du versinkst erneut, besuchst deine Kraftorte und liegst dennoch stundenlang völlig kraftlos auf dem Boden. Du ignorierst deine Nachrichten, du nimmst Telefonate nicht entgegen, du sagst feste Termine ab. Du sinkst tiefer. Deine Projekte verlieren sämtlichen Reiz, dein Schreibtisch wird immer voller, du bist am Boden.

Über dir kreisen die Gedanken; in dir herrscht Leere. Du wünschst dir einen Menschen, mit dem du darüber reden kannst, du willst dich öffnen, du willst in seinen Armen weinen. Doch dieser Mensch existiert nirgends. Keiner kann dich so gut verstehen wie du selbst. Verschone bitte dein soziales Umfeld vor unlösbaren Aufgaben. Sie machen sich alle Sorgen, sei dir dessen sicher, doch sie sind unfähig dir zu helfen. Sie wollen dir nicht schaden und deshalb sagen sie besser gar nichts. Glaube mir, sie handeln damit richtig. 🍀

Und nun? Hast du ein Haustier? Das wäre ein Anfang. Wir brauchen ein Lebewesen, um das wir uns kümmern können, das uns ganz direkt einen Sinn im Leben zeigt. Ganz egal ob Maus, Ratte, Katze oder Hund (letzterer wäre die beste Wahl!) - sie alle sind immanent wichtig für dein Leben.

Bitte wähle niemals einen Menschen aus, um dir auf die Beine zu helfen. Du wirst scheitern. Du wirst damit viel Leid produzieren, du wirst wahnsinnig enttäuscht werden. Lass es sein, bitte. Solltest du jedoch einen Menschen finden, der dir aus freien Stücken (von Liebe will ich bewusst nicht reden) helfen mag, dann gib dich ihm hin. Lass los und begib dich auf die gemeinsame Reise. Du kannst doch improvisieren, du kannst dich anpassen, du kannst Pläne schmieden und adaptieren - nun geh endlich raus und zeig es ihm/ihr!

Das Leben ist wieder schön, ja? (Das Leben war immer schön. 😉)
Ich möchte dir helfen, deinen Weg zu finden. Dein Weg ist einzigartig, so wie du einzigartig bist. Ich weiß, das willst du öfter hören, aber sobald du es hörst, wird es dir sofort peinlich. Also leg bitte weniger Wert auf Worte anstatt auf Taten. Handle einzigartig. Sei zuverlässig, sei ehrlich, sei treu. Vor allem dir selbst gegenüber.

Jetzt stehst du auf dem Gipfel und der Boden scheint endlos weit entfernt. Stimmts? Das ist gut und ich wünsche dir von Herzen, dich mögen in deinem Leben ganz viele Gipfeltouren erwarten.

Welches Tier hat dir eigentlich geholfen? Bei mir war es eine Hündin mit Namen Polly. Sie trat völlig überraschend in unser damaliges gemeinsames Leben, erkannte womöglich sofort, wie unsicher ich war. Heute, drei Jahre später, haben wir eine ganz andere Vertrauensbasis. Weißt du, Polly ist aktuell verletzt, nicht schlimm zwar, aber sie benötigt zum eigenen Schutz einen Verband an ihrem linken Bein für die Nacht. Dieses schlaue Tier weiß ganz genau, dass ich ihr damit helfen möchte und hebt fast freiwillig die Pfote zum Verbinden. Mir laufen dann regelmäßig die Tränen, ich schaue in ihre treuen Augen und umarme sie ganz fest.

Ein Tier gibt dir Halt. Ein Tier zeigt dir, was wir verloren haben: Unsere Instinkte. Der Preis für das am höchsten entwickelte Gehirn im Tierreich sind u.a. Briefe wie dieser. Während sich der Durchschnitt vor dem Fernseher suhlt, streifen wir umher, beobachten, suchen Gleichgesinnte, wollen buchstäblich "mit den Wölfen heulen".

Deine Beobachtungsgabe und Empathie sind deine großen Stärken. Nutze sie sorgsam und umsichtig. Du kannst Menschen damit schnell verletzen... und dir selbst helfen. Es fällt dir leicht, dich in verschiedenen Milieus zurechtzufinden, denn du kannst ihre Codes dechiffrieren. Nutze diese Fähigkeit! Begib dich auf die Suche nach einem Seelenverwandten. Ja, das klingt esoterisch und wir beide spotten über Esoteriker, aber du weißt was ich meine. Und was machst du nun bis zur erfolgreichen Suche? Ich würde sagen, wir räumen morgen unsere Schreibtische auf. 😋

Du bist nie allein
Christian

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