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Montag, 25. Mai 2020

Ein Brief an dich selbst

Liebe/r Bekannte/r, das ist ein Brief von einem guten Freund.

Ich trage viele Namen und bin stets bei dir, obwohl du mich noch nie in persona gesehen hast. Du wirst feststellen, dass du selbst diesen Brief hättest schreiben können, du wirst dich umsehen in deiner Wohnung, im Park, in der Tram, im Café, auf der Straße, an deinem Kraftort - wo auch immer du ihn öffnest.

"Wie geht es dir?" Das hat man dich schon oft gefragt, doch nur ganz selten so wie du es hören möchtest. Sei ihnen dafür nicht böse. Du möchtest stattdessen scheinbar grundlos eingeladen werden, obwohl du natürlich dank deiner starken Empathie den Grund ganz genau kennst. Du freust dich ehrlich und geniesst die Gemeinschaft. Du bist ein toller Gast, beherrschst Smalltalk, kannst dich sogar auf Kleinkinder einlassen, diskutierst mit über absolute Belanglosigkeiten. Du kannst sehr gut zuhören und tolle Ratschläge geben. Denn es ist ihre Welt und du willst irgendwie ein Teil davon sein. Du willst ihnen helfen.

Überhaupt willst du immer anderen helfen nur nicht dir selbst. Du hoffst - warum auch immer -, dadurch auf dich aufmerksam zu machen. Das gelingt auch, doch nie so, wie du es dir wünschst. Du versinkst erneut, besuchst deine Kraftorte und liegst dennoch stundenlang völlig kraftlos auf dem Boden. Du ignorierst deine Nachrichten, du nimmst Telefonate nicht entgegen, du sagst feste Termine ab. Du sinkst tiefer. Deine Projekte verlieren sämtlichen Reiz, dein Schreibtisch wird immer voller, du bist am Boden.

Mittwoch, 8. August 2018

Ein Besuch im Klimacamp Leipziger Land 2018

Während einer S-Bahn-Fahrt in den Leipziger Südraum komme ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch. Johannes lebt in Berlin und arbeitet für die GLS Bank im Social Media-Bereich, will heute in Neukieritzsch aussteigen.

Moment, ein junger Berliner, der in Neukieritzsch aussteigen will? Entweder der hat sich total verfahren oder, ja, oder der will zum Klimacamp nach Pödelwitz.


Freitag, 8. Mai 2015

Kommentar: Die Bundesregierung muss endlich handeln

Reinhard Mutz sprach heute früh im Deutschlandradio Kultur das aus, was ich nicht besser formulieren könnte:

"Diesmal wird uns das Thema so bald nicht wieder loslassen. Was vom Mittelmeer her geschieht, was im Bürokratendeutsch "Migrationsdruck" heißt, wird eher zu- als abnehmen. Doch was tut Europa, was unternimmt Deutschland? Zu verhindern, dass noch mehr Menschen einen qualvollen Tod leiden, habe oberste Priorität für die deutsche Flüchtlingspolitik, sagt die Bundeskanzlerin. In operative Schritte übersetzt hieße dies: die Seenothilfe zu verstärken, dazu mehr Schiffe ins Mittelmeer zu schicken und die finanziellen Mittel aufzustocken. Bisher jedoch verweigert jedes dritte Mitgliedsland der EU jegliche Lastenteilung.

Den Kampf gegen die Schleuserkriminalität hat Angela Merkel ebenfalls auf die Fahne des Bundeskabinetts geschrieben. Unglücklicherweise fehlt es der internationalen Gemeinschaft sowohl an rechtlicher Zuständigkeit wie an kompetenten Partnern. Libyen, das für diese Aufgabe am ehesten in Frage käme, ist - dank der westlichen Intervention vom Frühjahr 2011 - nur auf dem Papier ein funktionsfähiger Staat. [...]

Die meisten Flüchtlinge kommen aus einem vom Krieg verwüsteten Syrien nach Deutschland. In den Schubladen der UNO vergilbt derweil ein Friedensplan, entworfen vom ehemaligen Generalsekretär Kofi Annan, aber ohne eine echte Chance. Denn für die amerikanische Diplomatie steht ein anderes Verhandlungsziel als die Entmachtung von Baschar al-Assad nicht zur Debatte. [...]

Krisenprävention bedeutet aber nicht überall dasselbe. Die einen fliehen vor Krieg, politischer Verfolgung oder Hungersnot, die anderen vor einer Zukunft, die ihnen ökonomisch perspektivlos erscheint. Viele derjenigen, die Wirtschaftsflüchtlinge genannt werden, kommen aus Afrika übers Mittelmeer. Aber auch daran tragen die Europäer Mitverantwortung.

Vor einem Jahrzehnt, im Oktober 2005, verkündete die EU die beschleunigte Entwicklung des südlichen Nachbarkontinents zu einem vordringlichen außenpolitischen Projekt. "Europa-Afrika-Pakt" lautete der hochfliegende Name. Bis 2015 sollte die Armut halbiert werden. Jedoch wurde das Ziel verfehlt."
(Reinhard Mutz)

Das politische Feuilleton vom 8. Mai 2015 auf Deutschlandradio Kultur

Montag, 27. April 2015

Interview: 10 Tage im Islamischen Staat

Täglich erreichen uns neue Gräuelmeldungen aus dem Nahen und Mittleren Osten, täglich sind wir mit der Herausforderung konfrontiert, diese Informationen zu verarbeiten, sie einzuordnen, ihre Hintergründe zu verstehen. Aber kann man die Schlachtung von Menschen vor laufender Kamera überhaupt verstehen? Kann man die Verantwortlichen nach deren Motivation - sofern es dafür eine passende Bezeichnung gibt - befragen?

Der Journalist Jürgen Todenhöfer (in seinen politischen Ansichten offenbar vom Saulus zum Paulus gewandelt) sprach auf den NachDenkSeiten mit Jens Wernicke über sein neues Buch "Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'". Dem Leser werden darin sowohl nachvollziehbare Parallelen zwischen den rücksichtslosen westlichen Interventionen in sogenannten Schurkenstaaten und dem "Erfolg" diverser Terrorgruppen als auch die Schwächen seiner eigenen, unserer, moralischen Basis aufgezeigt.

"Ich wollte das Phänomen IS verstehen. Als ehemaliger Richter ist es für mich normal, mit allen Seiten zu sprechen. Außerdem muss man seine Feinde kennen, um sie besiegen zu können. [...] Warum sollte ich dem IS die Möglichkeit geben, den Zeitpunkt meines Todes zu bestimmen? Mein Sohn akzeptierte, dass es im Notfall diese Alternative gab. Außerdem habe ich wie vor jeder Reise mein Testament neu geschrieben. [...] Es ist nicht alles so schwarz-weiß, wie manche bei uns es gerne hätten. Der IS zelebriert gnadenlos, was der Westen zu vertuschen versucht. Er will uns zeigen, wie pervers unsere Kriege sind und bringt hierzu den Tod in unsere Wohnzimmer. Uns schockiert die barbarische Brutalität des IS, weil wir denken, dass unsere weit entfernten Kriege sauber wären. Erst wenn es um Menschen des Westens, um einen von uns sozusagen, geht, merken wir manchmal, wie pervers und grausam jedes Töten ist. [...] Der IS hat sich eine gnadenlose Privatreligion zurechtgestrickt. Mit Islam hat die nichts zu tun. Wenn der IS Islam ist, dann ist der Ku-Klux-Klan das Christentum. Der IS hat mit dem Islam so viel gemeinsam wie Vergewaltigung mit Liebe. [...] Der IS muss an mehreren Fronten bekämpft werden. Die erste ist die politisch-militärische Front vor Ort. In Syrien und im Irak. Der IS muss dort vor allem von der sunnitischen Bevölkerung besiegt und vertrieben werden. Es würde letztlich wahrscheinlich ausreichen, dass ihm die Bevölkerung ihre Unterstützung entzieht. Wie schon einmal 2007 im Irak. Für hunderte Millionen amerikanischer Dollar übrigens. [...] Erst wenn wir aufhören, den Mittleren Osten zu bombardieren und aufhören, dort korrupte, von uns abhängige Satellitenstaaten zu schaffen, die ihr Volk ausbeuten, erst dann wird der IS seine Basis verlieren. Terrorismus braucht Ungerechtigkeit als raison d’être. Für jedes in Tikrit, Mosul oder Ramadi von uns totgebombte irakische Kind stehen daher 100 neue IS-Terroristen auf."
(Jürgen Todenhöfer)

Das Interview

Jürgen Todenhöfer

Sonntag, 12. April 2015

Ein veganer Sonntagsbrunch in Brandis


Der am 17. Mai 2015 nach 10 Amtsjahren als Pfarrer der Kirchgemeinde Brandis-Polenz in den Ruhestand wechselnde Herr Dr. Ulrich Seidel ist überzeugter Veganer, erster Vorsitzender der Aktion Kirche und Tiere (AKUT) e.V. sowie Kuratoriumsmitglied des Institutes für Theologische Zoologie.

Dr. Ulrich Seidel.
Karen Kriegel-Bunk.

















"Seit vielen Jahren liegt mir das Thema des Umganges von uns Menschen mit den Tieren am Herzen. Mein Vater weckte als Biologielehrer in mir die Liebe zur und die Achtung vor der Natur. Später beeindruckten mich Fernsehsendungen, die hinter die Fassaden von Tierfabriken und Schlachthöfen leuchteten. Dazu kamen Begegnungen mit Vegetarierinnen und Vegetariern und mein Engagement im "konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung" in der ehemaligen DDR. Ich bekam einen Blick für die weltweite Gerechtigkeit und die verheerenden Folgen unseres Lebensstils für Menschen, Tiere und die Natur."
(Dr. Ulrich Seidel)

Auch uns liegt das Tierwohl am Herzen, wir lehnen Massentierhaltung ab, kennen den ökologischen Fußabdruck von Schnitzel, Steak und Roastbeef, ernähren uns vegetarisch. Der verbreitete, gedankenlose Fleischkonsum widert uns an, die Billig-Billig-Billig-Mentalität beutet uns nicht nur aus, sie degradiert Tiere zur schlichten Ware. Der Respekt früherer Generationen gegenüber den zur Schlachtung bestimmten Haustieren ist durch die industrielle Fleischproduktion - ein abscheuliches Wort!!! - gänzlich verloren gegangen. Was zählt ist einzig der Profit, das Lebewesen ist bloßer Teil einer ständig rotierfenden Konsumwalze, deren Motto lautet: Mehr, schneller, billiger!

Mittwoch, 21. Januar 2015

Einer von Zehntausenden gegen Ausländerfeindlichkeit und braune Parolen

Drei Hubschrauber kreisen über Leipzig, die Innenstadt wimmelt nur so von Polizei-Transportern, Personalien werden kontrolliert, Hundertschaften marschieren durch die Straßen. Ja, der von LEGIDA herbeigesehnte Ordnungsstaat ist heute Nachmittag in der größten Stadt Sachsens zum Greifen nah. 44 Hundertschaften aus dem gesamten Bundesgebiet wurden nach Leipzig abkommandiert, um Gewaltausbrüche zu verhindern und den angemeldeten Demonstrationen zu ihrem demokratisch verbrieften Recht zu verhelfen. Immerhin, für Polizeipräsident Bernd Merbitz ist dieses massive Aufgebot ein "trauriger Höhepunkt im Jahr des 1000. Geburtstags der Messestadt."

Circa 5.000 Polizisten am 21. Januar 2015 in Leipzig.

Ich fahre in die Innenstadt, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen. Eine Frau von Anfang 70 steht mit ihrem Fotoapparat fassungslos vor den 50 "Sixpacks" am Wilhelm-Leuschner-Platz und hat sichtlich Angst: "Wenn das mal gut geht heute Abend. Die Vermummten sind besonders gefährlich, die randalieren immer." Ich schaue schweigend auf das Großaufgebot - über 5.000 Polizisten. "Wissen Sie, wo die alle herkommen?", werde ich gefragt. "Nein." "Ich habe mit einem Polizisten aus Rostock gesprochen, der sagte, bundesweit wurden seine Kollegen zusammengerufen." Später vor dem Bundesverwaltungsgericht kann ich mich selbst davon überzeugen, hier parken nämlich drei Transporter mit RPL-Kennzeichen nebst einem MZ-Krankenwagen. Muss ein Krankenwagen aus Mainz nach Leipzig fahren?

Montag, 19. Januar 2015

UPDATE zur PEGIDA-Studie der TU Dresden + neue Ergebnisse aus Berlin

Beitrag vom 14.01.2015: Je ne suis pas Charlie, mais...

Als Nicht-Soziologe habe ich mich mit einer Kritik am Design dieser Untersuchung bewusst zurückgehalten, zumal hier die Autoren höchstselbst auf die geringe Belastbarkeit ihrer Ergebnisse, oder wie sie es selbst nennen: "gewisse Verzerrungen", hinweisen. Konkret referenziert die Kritik z.B. auf das Phänomen des "non-response bias", also der Tatsache, dass Pegidisten mit extremen Ansichten sich weigern, selbige zu Protokoll zu geben (es stattdessen abgeschwächt tun oder gar nichts sagen).

"Die hohe Anzahl an Verweigerern ist als zentrales Problem für die Aussagekraft der Ergebnisse zu betrachten, da grundsätzlich nicht davon ausgegangen werden kann, dass Personen, die die Teilnahme an einer Erhebung verweigern, ebenso geantwortet hätten, wie Personen, die zur Teilnahme bereit waren – insbesondere bei einem politisch oder persönlich irgendwie sensiblen Befragungsthema, welches hier eindeutig vorlag. Da nicht ausgeschlossen werden kann (und es vielmehr sogar sehr wahrscheinlich ist), dass die fehlenden 65% einen erheblichen Einfluss auf das Befragungsergebnis ausgeübt hätten, hätte man sie zur Teilnahme verpflichten können, ist es in meinen Augen verwegen, von den verbliebenen 35% Rückschlüsse auf die Gesamtheit (nicht nur der Angesprochenen, sondern der Demonstrationsteilnehmer insgesamt) zu ziehen."
(Christian Reinboth)

Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin hat mit Kollegen aus ganz Deutschland nun eine neue Untersuchung zum Phänomen "PEGIDA" durchgeführt, deren Ergebnisse sowohl online als auch durch direkte Straßenbefragungen gewonnen worden. Zwar wurde diesmal nur eine Demo (die am 12. Januar in Dresden) untersucht, dafür mit eleganteren Methoden. Die Befragten erhielten Handzettel mit QR-Codes zur Online-Befragung, zusätzlich wurden bei der Verteilung der Zettel weitere Informationen für die Befragten scheinbar beiläufig erfasst (Geschlecht, bisherige PEGIDA-Demo-Teilnahmen). Durch die Online-Befragung kann Gruppeneffekten wie Mitläufertum besser begegnet werden.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Je ne suis pas Charlie, mais...

Beitrag vom 19.01.2015: UPDATE zur PEGIDA-Studie der TU Dresden + neue Ergebnisse aus Berlin

Montagabend waren erneut in Dresden und erstmalig auch in Leipzig Tausende auf den Straßen, um ihre Sympathie für die sogenannte "PEGIDA"-Bewegung zu bekunden. Nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" am 7. Januar mit 12 Toten und der tödlich endenden Geiselnahme zwei Tage später in einem Pariser Supermarkt für koschere Lebensmittel erhielt die Gruppierung wie erwartet einen deutlichen Zulauf, zumal sie sich diesmal als Trauermarsch für die Opfer der Pariser Anschläge ausgab. Lutz Bachmann, der Gründer und Kopf der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", ist juristisch kein unbeschriebenes Blatt. Der mehrfach vorbestrafte 41-jährige Dresdner und ehemalige Bratwurstverkäufer zieht seit Oktober letzten Jahres mehr und mehr Bürger auf die Straßen, um gegen ... den Islam zu protestieren?

Wer das Positionspapier (PDF) liest, findet darin kein Wort zum Islam. Stattdessen Rufe nach:
  • einer "Pflicht zur Integration",
  • einem Zuwanderungsmodell analog zu Ländern wie Australien, Kanada oder der Schweiz,
  • sexueller Selbstbestimmung,
  • der Abschaffung des Gender Mainstreamings,
  • dem "Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur."

"Zunächst bezeichnete das Abendland die lateinische Christenheit, die sich gegen die orthodoxe Kirche abgrenzte. Rom gegen Konstantinopel. Als dann 1453 Konstantinopel durch die Türken erobert wurde, wurde das christliche Abendland zum Kampfbegriff des christlichen Europa gegen die türkischen, muslimischen Angreifer. In Wirklichkeit hat es so etwas wie ein einheitliches christliches Abendland aber nie gegeben. Man schaue nur darauf, dass die muslimischen Türken im 17. Jahrhundert von den katholischen Franzosen im Kampf gegen die katholischen Habsburger unterstützt wurden. Machtdenken spielte eine viel größere Rolle als die Religion. [...] Das zeigt ja, wie inhaltsleer und dehnbar der Begriff Abendland immer war: Lange richtete er sich auch gegen die Juden, doch in jüngster Zeit wurde – nachdem Millionen Juden ermordet wurden – die jüdische Religion einbezogen, wenn es um die Abgrenzung gegen Muslime geht. Auch heute beschwören viele Demonstranten bei den Pegida-Veranstaltungen die christlich-jüdischen Werte des Abendlandes. Wenn es um Muslime geht, sind Verbündete gerade recht."
(Wolfgang Benz)

Was also wollen diese selbsterklärten Verteidiger des Abendlandes tatsächlich? Haben sie eine konkrete Forderung oder hat sich hier ein Haufen Frustrierter zusammengefunden, dessen Anliegen weit über die plakativen Slogans hinausgeht?

Samstag, 6. Dezember 2014

Türchen 6 | Adventskalender 2014

"Regnet's am Sankt Nikolaus,
wird der Winter streng, o Graus."

Fließt Nikolaus noch der Birkensaft,
dann kriegt der Winter keine Kraft."

Was ich mir vom Nikolaus wünsche? Och...

...ein wenig Aufregung...



...ein wenig Entspannung...

Mittwoch, 26. November 2014

You'll never click alone

Was würden Sie sagen, wenn Ihnen die perfekten Geschenktipps für Familie, Freunde und Kollegen als E-Mail zugesandt würden? "Prima!" oder "Um Himmels willen, nein!!!"? Man verzeihe an dieser Stelle die offenkundig religiöse Metapher, das dahinterstehende Problem ist hingegen sehr irdischer Natur.

Mit Payback-Karten fing vor 14 Jahren die präzise Datensammlung über unser Einkaufsverhalten an. Blauäugig fallen seitdem die Empfänger solcher Angebote auf Rabatt-Versprechen rein, die bei Erreichen einer vom Anbieter abhängigen Mindestpunktzahl gewährt werden sollen. Die Prämien sind lächerlich im Vergleich zum Wert der Informationen, die jeder Nutzer dieses Systems freiwillig und kostenlos der Payback GmbH aka American Express zur Verfügung stellt. Denn durch die Zusammenführung der personalisierten Puzzleteile können exakte Profile der "Kunden" erstellt und gewinnbringend vermarktet werden.

Freitag, 31. Oktober 2014

Best of Pyro Games 2014 | Leipzig, Alte Messe

Klarstellung: Feuerwerke sind Geld- und Ressourcenverschwendung, beeinträchtigen obendrein die Luftqualität und lokale Fauna. Das folgende Bild- und Videomaterial entstand ohne Aufwendung privater Mittel einzig zum Zweck der Dokumentation.

Ort: Alte Messe Leipzig
Datum: 31.10.2014
Zeit: 20 Uhr bis 21.20 Uhr

Kamera: Pentax K-5 mit Kit-Objektiv bei 18 mm | ISO 400 | F/5 | 1,6 bis 2,5 sec | Fernsteuerung mit Spiegelvorauslösung
Postproduktion: Entwicklung aus RAW in ACR, Windows Movie Maker




Dienstag, 28. Januar 2014

"Dann verbrennen wir alle im Zug!"

"Zughorror! Geisteskranker reißt fast 100 Menschen in den Tod!"
(Bild)

"Dramatisches Zugunglück in Markkleeberg"
(LVZ)

"Viele Tote infolge der Nichtbeachtung einer dienstlichen Weisung."
(Polizeiticker)

"Nicht zu fassen: Zug verspätet sich, weil ein Waggon erst ausbrennen musste."
(Der Postillon)

"Unglück auf neuer S-Bahn-Trasse im Süden von Leipzig (Sachsen, Deutschland)."
(SZ)

"Radfahrer blockiert Fluchtweg - 52 Menschen sterben"
(Spiegel Online)

Die Gazetten hätten sich gewiss überschlagen, wäre ich nicht von einer freundlichen Zugbegleiterin auf den Umstand hingewiesen worden, ein Sicherheitsrisiko darzustellen.

An jenem Mittwochnachmittag in der 4. Kalenderwoche wollte ich bei Schneefall und einsetzender Dunkelheit bloß schnell nach Hause und 20 Minuten einsparen. Erfreulicherweise nutzen zahlreiche Pendler die neuen S-Bahn-Linien, welche nach Eröffnung des City-Tunnels Leipzig im vergangenen Dezember an den Start gegangen sind. Erfreulich für die Umwelt - weniger erfreulich für mich. Denn in der Rushhour bekommt man keinen Platz im Fahrradabteil; im Gegenteil: Man wird von den auf "meinem Stellplatz" Sitzenden als Fremdkörper gemustert, nur um kurz darauf den Blick abzuwenden. Da bleibt einem als Radler nichts anderes übrig, als im Eingangsbereich stehen zu bleiben.

Auf Seite 16 der DB-Beförderungsbedingungen steht nun unter 8.1 aber zu lesen: "Die Mitnahme von Fahrrädern ist in Zügen der Produktklasse C und in Zügen, die mit [Fahrradsymbol] gekennzeichnet sind, möglich. Die Beförderung kann bei Platzmangel abgelehnt werden."

Klarer Fall. Über die Zuglautsprecher erging auch die eindeutige Anweisung, bitte die Eingangsbereiche freizuhalten. Nur: Mein bezahltes Ticket verfällt dann infolge ... ja, infolge von was eigentlich? Höherer Gewalt? Wohl kaum. Und was wäre wohl gewesen, wenn ich mit einem Rollstuhl anstelle eines Fahrrads am Bahnsteig gestanden hätte? "Sorry, wir sind voll?"

Diese Gedanken beschäftigten mich während der Fahrt, bis eine Station vor meinem avisierten Zielbahnhof besagte freundliche Zugbegleiterin an mich herantrat und - für das halbe Abteil gut hörbar - verlauten ließ: "Haben Sie die Durchsage nicht gehört? Wir bitten darum, die Eingangsbereiche freizuhalten, denn wenn Sie beispielsweise hier den Durchgang blockieren und ein Brand ausbricht, dann verbrennen wir alle im Zug!"

Als Lebensretter verließ ich 3 Minuten später die Bahn.

Sonntag, 10. Februar 2013

Spinne am Morgen ...

Ein dumpfer Schlag. Ruhe. Draußen ist es noch dunkel, als er blitzartig die erste Etage verlässt und auf den kalten Fliesen im Erdgeschoss eine Blutlache vorfindet. Es war dies nicht der erste derartige Vorfall, aber möglicherweise wäre es an jenem Montagmorgen der letzte derartige gewesen. Ansprechbarkeit ist vorhanden, doch der ganze Körper ist von einer großen Schwäche umfangen, die keinerlei Regung zulässt. Er trägt den Körper ins Warme, deckt ihn zu, lagert die Beine erhöht. Mehr ist im Moment nicht zu tun.

Die Ärztin wird nach seiner Schilderung der Ereignisse dem eingeleiteten Prozedere zustimmen, Ruhe verordnen und sich am späten Nachmittag selbst ein Bild von der Lage machen.

Er sitzt am Frühstückstisch und schaufelt etwas abwesend das Müsli in sich hinein. Im Radio werden die häufigsten Todesursachen verkündet - unverändert Krebs und Herz- Kreislauferkrankungen. Außerdem erfährt er, dass Männer in Sachsen-Anhalt anscheinend größere Probleme mit Alkohol haben als ihre Geschlechtsgenossen im übrigen Deutschland (36 Alkoholtote auf 100.000 EW). Er kennt solche Fälle aus dem Bekanntenkreis ebenfalls. Er kennt die Hilflosigkeit, den Willen zum Handeln, aber die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens. Er wünscht sich jetzt noch intensiver als sonst, die Menschen würden mehr Demut an den Tag legen; sich nicht so oft mit Belanglosem aufhalten, stattdessen öfter helfen, wo Hilfe angezeigt ist.

"Geht in Pflegeheime und leistet dort freiwillige Betreuungsstunden (lest ihnen vor, bastelt mit ihnen, singt mit ihnen, denkt mit ihnen); stellt euer Können weniger Begüterten gratis zu Verfügung: Bei der Projektplanung in Ökoschulen, bei der Feriengestaltung an VHS und in Sportvereinen. Organisiert Fotokurse in eurer Nachbarschaft, gestaltet Ausstellungen, organisiert Stammtische, thematische Wanderungen, bringt Menschen zusammen, begeistert. Versucht, verbitterten Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Das geht noch immer am leichtesten mit ehrlichem Interesse an der jeweiligen Person/Personengruppe", denkt er.

Die Ärztin entschied sich für eine Infusion, weshalb der Aufenthalt länger als geplant dauerte. Er saß im Wartezimmer, laborierte an den Folgen eines grippalen Infekts, bekam aber dennoch ungefragt genug von den Gesprächen der Anwesenden mit, dass das Zeitungsstudium eine Konzentrationsübung der schwereren Art wurde. Er wusste nicht, was schmerzhafter war: die Inhalte der Patientenunterhaltungen oder seine Lunge bei einem Hustenanfall. Der übliche Nachbargossip wurde ausgetauscht, die Fussballbundesliga durfte nicht fehlen und, ebenfalls lebensnotwenig, die Beziehungskisten der Kinder.

Er kam später ins Gespräch mit der Tochter der Ärztin, die sich dafür entschieden hat, die Praxis der Mutter weiterzuführen. Warum? "Weil hier Bedarf besteht ..." Okay. Bedarf wonach? Bedarf nach Rheumamitteln und Bronchialtropfen bei jungen Menschen? Bedarf nach Gichttabletten und Rückentherapien bei Übergewichtigen? Bedarf nach Vitaminpräparaten und Nahrungsergänzungsmitteln? Bedarf nach Blutdruckmessung und einem guten Wort? Treffer. Die - Achtung - ältere Kundschaft von Allgemeinmedizinern sucht sehr häufig einen Doktor, um sich umsorgt zu fühlen. Ein gutes Gespräch kann da schon genügen und die Magenschmerzen sind verflogen. Wenn es nur immer so wäre.

Beängstigend fand er die Äußerung, man müsste eigentlich in die Innere wechseln und Diabetes-Spezialist werden. Weil "so viele junge Menschen an Diabetes Typ II", landläufig auch Altersdiabetes genannt, erkranken. Wäre es nicht besser, an die Ursachen dieser "Epidemie" ranzugehen, anstatt auch hier wieder an den Folgen herumzudoktern? Geht ein junger (Land)Arzt heute noch mit Idealismus an seinen Job? Hat ein junger Arzt die Kraft, in sinnvollen Fällen der Medikamentengabe zu widerstehen (und dadurch auch dem inflationären Verbrauch von Schmerzmittel Einhalt zu gebieten)? Hat ein junger Arzt die Chuzpe, Pharmalobbyisten hinauszukolportieren? Will ein junger Arzt heilen oder will er einen Kundenstamm aufbauen?

Denken Sie gleich beim nächsten Arztbesuch einmal darüber nach. Und unterstützen Sie Ihren Arzt bei der Therapie. Denn Passivität macht Sie nicht gesund. Und das wollen Sie doch werden, oder?!

PS: Der Alkoholiker im Bekanntenkreis hat die Grippe. Er kuriert sie mit warmem Bier.

Samstag, 12. Januar 2013

"Wer jagen will ..."

Eine der bei der aktuell wenig rennradaffinen Wetterlage selten auftretenden Regenpausen nutzte ich für den Auftakt zur diesjährigen Kilometerfresserei auf schmalen Reifen. Wie ein Hund im Gassimodus beschnupperte ich mein Revier und hielt nach Veränderungen Ausschau. Defekte Straßen mit Löchern so tief, dass ein Antrag auf Zulassung als Angelgewässer beim Landesverband Sächsischer Angler angezeigt wäre, gehören zur Großstadt wie zugeparkte Radwege und Glasscherben am Straßenrand.

[In Leipzig besonders schlimm betroffen ist übrigens der Stadtteil Plagwitz. Auf der Zschocherschen Straße etwa muss man auf bis zu sieben Zentimeter tiefe Krater achtgeben.]

Fährt man hingegen auf den Landstraßen und durch die Dörfer im Umkreis, bleiben unschöne Überraschungen für den Velozipedisten in den meisten Fällen aus.

Montag, 16. Juli 2012

Weg damit

Holm Putzke heißt der Mann, der den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland auf die Dattelpalme bringt. Dieter Graumann befürchtet nämlich, Juden würden in die "Illegalität" getrieben und "jüdisches Leben" sei am Ende "hier gar nicht mehr möglich."
Harter Tobak. Doch beginnen wir von vorn.

Am 7. Mai 2012 hat das Landgericht Köln die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen als Straftat gewertet. Das Gericht kritisierte insbesondere die durch den Eingriff irreparable Veränderung des kindlichen, des menschlichen Körpers und wertete die Beschneidung aus religiösen Gründen folgerichtig als Körperverletzung. Im konkreten Fall ging es um einen vierjährigen muslimischen (!) Jungen, bei dem infolge der Prozedur Komplikationen aufgetreten waren. Der behandelnde Arzt konnte nicht zur Rechenschaft gezogen werden (O-Ton aus dem Urteil: "Der Angeklagte handelte jedoch in einem unvermeidbaren Verbotsirrtum und damit ohne Schuld"), weil bis dato Rechtsunsicherheit in Zusammenhang mit diesen Eingriffen bestand und noch immer besteht.

Montag, 23. Januar 2012

Unüberbrückbare Differenzen

Da schaltet man wie immer zum Frühstück das Nachrichtenradio ein, um sich über die aktuellen Staumeldungen im Ruhrgebiet sowie die neuesten Meldungen über gesponsertes Klopapier und Spielzeugautos für die Familie Wulff zu informieren, als es mir bei einer Info plötzlich fast das Müsli vom Löffel haut: Heidi und Seal wollen sich trennen.

Nach dem chinesischen Neujahrsfest (und Bildern von böllerwerfenden Vietnamesen in der Dessauer Innenstadt im MDR), blinden Passagieren auf der Costa Concordia, der famosen Rede Angelas auf Guidos Geburtstagsparty, Gingrichs "Sieg" in South Carolina und Honeckers ausspioniertem Liebesleben platzte also eine neue Bombe. Eine Bombe von erschreckender Bedeutungslosigkeit.

Warum schaffen es derartige Meldungen in als seriös geltende Nachrichtenformate? Weil sie die Hörer und Leser besser erreichen als Berichte über eine angedrohte Sperrung der Straße von Hormus und deren Folgen. Gehen Sie heute mal auf die Flaniermeile ihrer Stadt (für Bewohner von Dörfern: gehen Sie zur Freiwilligen Feuerwehr) und machen Sie den Test mit zwei Fragen:
  1. Wo liegt die Straße von Hormus?
  2. Kennen Sie den Namen "Heidi Klum"?
Jetzt werden Sie mich fragen, wo da der Zusammenhang ist. Ich sage es Ihnen: Das eine ist von geopolitischer Tragweite, aber unserem Alltag scheinbar endlos weit entfernt. Das zweite ist Gossip (kursiv), durchdringt unseren (deutschen?) Alltag seit vielen Jahren aber in schöner Regelmäßigkeit in Form von Plakaten (in eben jenen Fußgängerpassagen; bei der Feuerwehr äquivalent in Form von Pin-up-Postern) und Fernsehshows. Ich bin selbst auf Blogs von Plasmaphysikern schon über Heidi gestolpert.

Über die gesellschaftswissenschaftliche Relevanz von Klatsch und Tratsch wird seriös geforscht. Dieser Studie zufolge führt schon das Wissen darüber, eventuell Opfer von Tratsch zu werden, zu sozialerem Verhalten.

Andere Ergebnisse legen nahe, dass diese Eigenheiten menschlicher Kommunikation aus unserem Leben nicht wegzudenken sind; gar Stress abbauen können.

Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie das Gehirn die neuesten Infos über die Nachbarn gegenüber den neuesten Infos aus Syrien wichtet.

Klatsch und Tratsch sind wohl im weitesten Sinne wichtig für ein gesundes Leben. Auch die Auflagen der Yellow Press scheinen diese Theorie zu bestätigen. Aber die Meinung mancher Psychologen, das Überleben unserer Spezies hänge vom Klatschen und Tratschen ab, erscheint mir dann doch etwas zu forsch. Mag wohl damit zusammenhängen, wo definitionsgemäß das Tratschen beginnt; und wo es endet...

Hier ein kleiner Selbsttest: Nutzen Sie Facebook?
Logisch. Dumme Frage. Sorry.

Sollten Sie sich nun von mir überreden lassen und einmal für, sagen wir: eine Woche, Buch über Ihr Surfverhalten innerhalb dieses sozialen Netzwerks führen, würden Sie sich am Ende des Zeitraums selbst als Voyeur entlarvt haben.

"Ja und, macht doch jeder."

Richtig. Die Selbstdarstellung ist uns in die Gene geschrieben.
Gewalt aber auch.

Selbstverständlich tragen Gene nie allein die Verantwortung; vielmehr muss man Gewalt und ihre verschiedenen Ausprägungsformen stets im physiologischen, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen sowie sozialen Kontext betrachten und dann auf diesen Feldern intervenierend behandeln.

Diese Studie hier wirft aber indirekt gänzlich neue Fragen zu unserem derzeitigen Rechtssystem auf:

[Defekte des Gens für Monoaminoxidase A (MAOA) gehen mit einer höheren Gewaltneigung einher und Träger solcher Allele findet man gehäuft in Gangs]

Kann man solche Gewalttäter für ihr Handeln überhaupt verantwortlich machen?
Hier ist die Ethik gefragt.

Im Alltag werden dank der Justiz und einer allgemein anerkannten Moral die dunklen Seiten unserer menschlichen Natur meist erfolgreich in die Schranken gewiesen. Meist. Denn wo das Auge des Gesetzes blind ist (oder ihm das Auge ausgestochen wurde) - in Diktaturen, Guantanamo, Gefängnissen, Kriegen, Drogenkartellen, Slums,...- treten sie offen zu Tage.

Täglich - daran ändert Ihr erschrockenes Nippen am Espresso jetzt leider nichts - werden Männer vergewaltigt (man(n) redet bloß nicht drüber); Kinder umgebracht oder selbst zu Killern ausgebildet; Frauen unterdrückt; "Feinde" spurlos beseitigt; Lügen gezielt gestreut; Menschen manipuliert; kurzum: Macht missbraucht.

Sollten wir nicht häufiger darüber sprechen? Am Mittagstisch, in der Mensa, im Büro, in der Freiwilligen Feuerwehr?

Heidi darf ja im Bikini gerne von der Wand aus zusehen.

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Ich muss nochmal auf Diktaturen zu sprechen kommen. Wir leben ja bekanntlich in einer mobilen Diktatur; und da kommt es darauf an, stets mobil zu sein. Mit dem Auto. Wenn ich mit dem Rad an der Fußgängerampel stehe (weil man ja für Kinder ein gutes Vorbild sein will) und den Blick in die Wagen schweifen lasse, dann fällt eines auf: 1,5 t müssen solo bewegt werden.

Denn nur so kann man den Ampelsprint souverän gewinnen. Denn nur so passt die Handtasche auf den Beifahrersitz. Denn nur so hat Cleo - die zuckersüße Golden Retriever-Dame - ihre Rückbank für sich allein. Denn nur so können die wichtigen Meetingakten nochmal gesichtet werden. Denn nur so bin ich Chef im Ring - und nicht Chauffeur des Familienwagens, unterwegs zu Kaufland.

Es muss eine unüberbrückbare Hürde sein, sich aus den Fesseln der automobilen Dauerverführung zu lösen. Ich wünsche mir Pflaster - ähnlich Nikotinpflastern - die man sich morgens auf den Arm klebt, dann in den Keller geht, das Rad auf die Straße trägt ... und die ihre Wirkung sofort voll entfalten: Du radelst plötzlich mit der imaginierten Sch****länge eines im Panamera Turbo Sitzenden durch den Park, klingelst freundlich den Erzieherinnen und ihrer Meute aus 4-jährigen zu und freust dich über die deinen Weg kreuzenden Eichhörnchen.

Eine Utopie? Vielleicht. Oder nur eine Frage der Zeit? Die Dinos sind auch schon tot.

PS: Statistikfreaks finden hier den Beleg für die Dominanz von Kurzstreckenfahrten

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Zu Kurzstrecken zählen im weitesten Sinne auch Abfahrten und einer der Meister dieses Metiers wird heute 70 Jahre alt.

Herzlichen Glückwunsch, Willy Bogner.

Den Status als wohl bekanntester Skifahrer der Welt erhielt er freilich weniger durch seinen Sieg bei der Lauberhornabfahrt, als vielmehr durch den Ausbau des Modegeschäfts seines Vaters zu einem Unternehmen mit über 700 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz (2009) von 170 Mio. Euro.

Daneben brannte er sich mit spektakulären und bis dato noch nicht im Fernsehen gesehenen Skiszenen in das Gedächtnis einer ganzen Generation ein.



Im Privaten bleibt wohl der Suizid seines Adoptivsohnes Bernhard im Jahr 2005 als schlimmste Erfahrung im Gedächtnis hängen.

Das war übrigens nicht der erste unnatürliche Tod eines Familienmitglieds, denn 41 Jahre zuvor starb seine damalige Verlobte beim Abgang zweier Lawinen in der Schweiz.

Zuletzt ließ sich Bogner als Vorsitzender der Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH für die Kandidatur zur Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2018 vor den Karren spannen. Ob es wirklich die Gesundheit war, die ihn zum Ausstieg mahnte? Man weiß es nicht.

Noch zwei Fragen zum Schluss:
  1. Trägt Lindsey Vonn eigentlich Bogner?
  2. Was haben Bikinis mit Skisport zu tun?
 Fragen über Fragen...

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Schöne Woche.

PS: Grüßen Sie stets Ihren Tischnachbarn vom Verfassungsschutz und tun Sie etwas für Ihre Beziehung. Zuhören zum Beispiel.

PPS: "Die Mühsal des Strebens nach Eintracht und Frieden auf Erden lässt sich erst im Zusammenleben mit Kindern in Gänze ermessen." (Verena Schmitt-Roschmann im Freitag)

Montag, 5. Dezember 2011

Krankenhausgespräch

Darf ich fragen, wie alt Sie sind? Nun, unter Einbeziehung der Statistiken zur Internetnutzung in Deutschland, wahrscheinlich unter 60.

Gestern habe ich mit einem Mann fast genau diesen Alters (59) gesprochen. Es war im Krankenhaus und er saß gerade beim Abendbrot - 2 Stück Butter, 2 Scheiben Toastbrot mit Mortadella, 2 Scheiben Toastbrot mit Streichkäse, ein Becher Joghurt, 400 ml Wasser (die Ration ist für jeden Patienten definiert und - in einem Wirtschaftsbetrieb üblich - den Bedürfnissen angemessen). Soll heißen: Er bekommt, was er zum Funktionieren braucht. Punkt.

Jedenfalls wollte ich wissen, welches Leiden ihn plagt. Defekte am Bewegungsapparat waren ausgeschlossen (zumindest im Rahmen der gesellschaftlich anerkannten Parameter) - also musste ein innerer Schaden vorliegen. Viele Menschen haben innere Schäden, liegen aber nicht gleich auf der Station für "Innere Medizin"; wie sollte der Herr Bahr das auch vor den Lobbys rechtfertigen? Eben.

Also? Ein Defibrillator wurde ihm in diesem Jahr implantiert, jetzt fand eine Nachuntersuchung statt. Ich musste spontan - eine meiner ganz ganz großen Schwächen (neben der, gegenüber schönen Frauen keine eigene Meinung mehr zu besitzen) - an die abertausend Kinder in Pakistan, Indien, Bangladesh,... denken, deren Alltag darin besteht, barfuss und ohne Handschuhe, auf Müllkippen nach Metallresten zu suchen. Die auch in Entwicklungsländern ansteigende Recyclingquote macht ihnen das Leben zusätzlich schwer. Wir haben also auf der einen Seite Kinder, deren Kindheit mit 5, 6 Jahren beendet ist und auf der anderen Seite den durchschnittlichen männlichen Mitteleuropäer, der ein paar Kilo Übergewicht mit sich trägt, eine Brille benötigt, eine handwerkliche Ausbildung hat, im Mehrfamilienhaus wohnt, verheiratet ist, ein Kind hat, angestellt ist, irgendwann im Leben geraucht hat, unauffällig dahinlebt.

Ein netter Mann. Er wird einen selbst zwar nie in Frage stellen, aber das spielte zu diesem Zeitpunkt keine Rolle. Denn eine intensive Freundschaft war nicht mein Anliegen. Vielmehr war ich neugierig, wie lange die Akkus halten (a), wie sich eine "Reanimation" anfühlt (b), wie häufig es sie schon geben musste (c), welche anderen Indikationen neben den Herzrhythmusstörungen vorliegen (d), ob sich etwas am Lebenswandel seit der OP geändert hat (e).

Zu a): Zwischen 3 und 6 Jahren.
Zu b): "Wie ein Blitzschlag" (kenn ich auch nicht). "Es gibt einen Hieb und man sieht ein helles Licht. Das war's schon."
Zu c): Zweimal (zuletzt beim Einräumen des Kühlschranks).
Zu d): Bypässe, Stents, künstlicher Bluter.
Zu e): Er hat das Rauchen aufgegeben (nach immerhin 44 Jahren), trinkt nicht mehr, läuft zweimal die Woche je 20 Minuten um den Block.

Sein Sohn raucht - "Der ist ja auch erst 23.", seine Schwiegertochter raucht ebenfalls. Das Abendprogramm bestand (nach Eigenaussage) aus Schwer verliebt, Bauer sucht Frau, Jahresrückblick mit Günther Jauch. Man könne dabei so herrlich lachen.

Wissen Sie was: Ein jeder lebt sein Leben nach seiner Façon und das ist auch gut so. Aber: Wenn der Drang sich weiterzuentwickeln, sich mit anderen zu messen, sich auszutoben, sich zu reflektieren, sich nackt im Spiegel anzuschauen, sich zu bilden, sich als Vorbild zu versuchen, verkümmert ist, dann ist auch das Leben verkümmert und erloschen.

 
Eine Frau und ein Sohn sind nicht das Ende. Sie sind verdammt nochmal der Anfang!

Alle Jahre wieder

Nervend, oder? Erst die Finanzkrise und jetzt auch noch kein Schnee. Ja auf was ist denn heute überhaupt noch Verlass? Wobei, Obacht: Das Geld wird aus den Steuertöpfen der nur humpelnden (und nicht bereits vollamputierten) Staaten in mediterrane Länder transferiert, damit die dortigen Einwohner weiterhin ihre Steuern an einen Staat zahlen können, der schon seit etlichen Jahren ein Vielfaches dessen zur Zins- und Schuldentilgung ausgibt, was er einnimmt.

Das ist wie mit den Schneekanonen in Garmisch-Partenkirchen. Diese urig naturverbundene Gemeinde im Allgäu (Edit 06.12.11: in Oberbayern) hat nämlich einen Großteil ihrer Immobilien verkauft, um ... die Skipisten beschneien zu können. Etliche Millionen Euro sind in den letzten Jahren in diverse Wintersportprojekte geflossen. Wasserbecken (für den Kunstschnee), Kühlschränke (zur Kühlung des warmen Wassers in den Wasserbecken), Schneekanonen (zur Produktion von Kunstschnee aus künstlich gekühlten Kunstwasserbecken) wurden entlang der naturbelassenen Hänge zwischen Eibsee und Elmau, zwischen Ochsenberg und Schafkopf installiert.
Liebe Garmisch-Partenkirchener, liebe Gemeindevertreter,

ich kann Sie verstehen. Ich kann Sie sehr gut verstehen, denn die schnelle Akzeptanz neu geschaffener Tatsachen war und ist bei Menschen seit jeher gering ausgeprägt. Handelt es sich bei einer dieser neu geschaffenen Tatsachen gar um etwas sehr Schwammiges, mit vielen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten Verbundenes, erscheint es auf den ersten Blick sinnvoll, die bisher gefahrene Strategie beizubehalten.

Und wer weiß, da die Wissenschaft in diesem Jahr einen Link zwischen verstärkter Eisschmelze in der Arktis und harten Wintern auf der Nordhalbkugel gefunden hat, können sich Ihre Investitionen durchaus noch rentieren. Dennoch ist es besser - im realen Leben wie in der Wirtschaft gleichermaßen (ja, ich weiß, nur aus den Wirtschaftstheorien heraus erklärt sich das reale Leben) - mehrere Fähigkeiten zu kultivieren, bzw. mehrere Kleidungsstücke im Schrank zu haben. Eine Gemeinde mit internationaler Bekanntheit wie die Ihre hat es ungleich leichter als andere, mehrere Fundamente für die Zukunft zu giessen.

Erzwingen Sie nicht das Unmögliche, verkaufen Sie nicht Ihre Seele an einen Mephistopheles, der Ihnen kurzfristig alle Wünsche erfüllen kann. Denn irgendwann ist jede Nacht vorüber, irgendwann ist jeder Rausch verflogen.

Plain and simple:

Investitionen in neue Skigebiete?
Ja. Aber nachhaltig, überlegt, den natürlichen Gegebenheiten angepasst.

Ausbau der künstlichen Beschneiungsanlagen?
Nein! Denn damit lösen Sie Ihr Problem nur kurzfristig und lokal. Mittel- und langfristig schaden Sie den kommenden Generationen. Global.

Alternativen zum Skifahren?
Es ist davon auszugehen, dass die Skisaison künftig kürzer ausfallen wird. Um die Besucher dennoch im Winter an sich zu binden, bedarf es eines ansprechenden Mixes aus Kultur und Natur. Nicht zuletzt deswegen ist es ein großer Fehler, sein Tafelsilber zu verschleudern. Und keine Sorge: Auch die hinterletzten Ignoranten werden Ihnen den fehlenden Schnee verzeihen und weiter ihren Urlaub im Süden Deutschlands verbringen. Und wenn nicht, kommen neue Gäste. Gäste, die Ihren Kurs anerkennen und als vorbildlich empfinden.

Mit schneereichen Grüßen,
Ihr Staubkorn
Links:

* Beschneiungsanlagen in Bayern - Stand von 2000
* Beschneiungsanlagen - Ökonomie und Ökologie (Bayerisches Landesamt für Umwelt)
* Ausbau der künstlich beschneiten Fläche in Bayern nimmt zu - Anfrage des bayr. Landtagsabgeordneten Ludwig Wörner (10/2011)

Montag, 14. November 2011

Masthähnchen

Am letzten Freitag war Martinstag, laut Bauernkalender ein "Lostag" und damit wichtiges Puzzleteil im Vorhersagespiel rund um das Erscheinungsbild des nächsten Winters, und gleichzeitig der Geburtstag eines Familienmitglieds. Da meine Familie leider stärker schrumpft als wächst, sind solche Termine kostbar und Sinnbild des unbarmherzigen Weltenlaufs zugleich. Wobei, "unbarmherzig" klingt wieder so schrecklich vorwurfsvoll, so elendig um Mitleid heuchelnd, dass robustere Zeitgenossen als meiner selbst schnell die Flucht ergreifen. Zurecht, wie ich seit nicht allzu langer Zeit immer deutlicher erkenne, denn wenn es etwas gibt, was Menschen lieben, dann ist es Selbstsicherheit, Orientierung, Führung, die (wenngleich nicht in jedem Fall auf festem Fundament ruhend) anziehend und beschützend wirkt.

Wie war das doch gleich? Eine Einladung zum Kochen ist eine Einladung zum Übernachten? Stimmt. Und es gab kurioserweise auch mehrmals Geflügel, weshalb ich mich (leicht schmunzelnd) noch ein wenig in diesem schönen Zimmer aufhalten möchte. Einer der ostdeutschen Gänseproduzenten, die Firma Eskildsen in Wermsdorf bei Grimma, hat kürzlich bekanntgegeben, bei der Mast (pardon, dem behutsam begleiteten Heranwachsen freilebender und freiliebender Tiere) ihrer Gänse auf den Antibiotikaeinsatz konsequent zu verzichten. Ein ehrenwerter und deshalb erwähnenswerter Anspruch, zeigt er doch deutlich, dass eine Monopolstellung verantwortungsbewusstes und nachhaltiges Handeln nicht ausschließen muss.

Umso wütender machen mich dann die kursierenden Zahlen rund um einen anderen Teil der Geflügelmast: Die Broilerproduktion.

Das NRW-Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz hat in einer Studie (leider noch kein Onlinezugriff | Stand: 14.11.2011) den Einsatz von Antibiotika in der Hähnchenmast untersucht.



Edit (15.11.2011): Die Studie ist online verfügbar. Auszüge:

* 57 Millionen Hühner werden pro Jahr in NRW gemästet
In 164 Betrieben wurden im überprüften Zeitraum von Februar bis Juni 2011 Antibiotika verabreicht. Das entspricht 14,7 Millionen Tieren oder einem Anteil von 96%. Nur jedes 25. Huhn blieb vor dem Schlachten antibiotikafrei.

"Die jeweilige Behandlungsdauer eines Wirkstoffes lag bei 53% (924 von 1748) der
Behandlungen mit 1-2 Tagen deutlich unter den Zulassungsbedingungen der verabreichten Wirkstoffe." (S. 10)
"Fragen der Recht- und Zweckmäßigkeit wurden im Rahmen dieser Datenerhebung bisher
nicht weiter verfolgt, müssen in Zukunft aber näher untersucht werden." (S. 4)


"Ziel der Studie war zunächst die Statuserhebung, damit sowohl die für Tierschutz
und Tierarzneimittel zuständigen Überwachungsbehörden als auch Wirtschaftsbeteiligte
über die landesweit erhobenen Durchschnittswerte in Kenntnis gesetzt werden können. Die
dargestellte Situation, wonach über 96% der Masthühner behandelt werden, ist nicht akzeptabel und legt den Schluss nahe, dass das Haltungssystem nicht den Vorgaben des Tierschutzgesetzes entspricht, da die angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung in Frage gestellt werden muss." (S. 10)



Antibiotika sind uns bekannt bei der Bekämpfung hartnäckiger Bakterieninfektionen (keine Virusinfektionen!) und in schöner Regelmäßigkeit aus Berichten zu multiresistenten Krankenhauskeimen. Multiresistenzen entstehen, wenn Bakterien mit Antibiotika in Kontakt kommen und es dabei schaffen, mittels verschiedener Verfahren der Genselektion widerstandsfähige Arten zu vermehren.
"Seit diesem Jahr wird [...] in einer bundesweiten Datei (DIMDI) erfasst, wie viele Medikamente der Großhandel an welche Region liefert. Doch ausgerechnet die Geflügelbranche ist Dank des Bundeslandwirtschaftsministeriums davon ausgenommen."

Interessante Fakten zum Antibiotikaeinsatz (leider nur für Niedersachsen und NRW) in der Tierproduktion liefert eine Dissertation aus dem Institut für Pharmakologie, Pharmazie und Toxikologie der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig.
Darin heißt es auf S. 67: "Tetracycline stellten mit 51,34%, β-Lactame mit 23,55% und die Sulfonamid-Gruppe (inklusive TMPS-Gruppe) mit 9,27% die am häufigsten eingesetzten Wirkstoffgruppen dar." Ferner: "Als Zielstruktur der β-Lactam-Antibiotika werden die Mureinsynthetasen auch „PBP“ (Penicillin-bindende Proteine) genannt, die eine unterschiedliche Bedeutung für das Bakterienwachstum haben können." (S. 33)

Beta-Lactame (denn diese werden in der Geflügelzucht von den genannten am häufigsten verwendet) greifen - vereinfacht gesagt - die Zellwandstrukturen der Bakterien an und zerstören diese. Die Mureingrundstruktur wie auch der weitere Zellwandaufbau sind bei den einzelnen Bakteriengruppen verschieden, weshalb durch Gentransferprozesse "Mutationen der PBP durch chromosomale Insertion [...] zu einer Strukturänderung führen (können), zu der β-Lactam-Antibiotika verminderte oder keine Affinität haben. Neu auftretende resistente Stämme verfügen oft über veränderte PBPs und eine reduzierte Zellwandpermeabilität." (S. 33) [vgl: Fritsche, Wolfgang: Mikrobiologie. Spektrum 2002, S. 55]

Die "Menge verabreichter Antibiotika [...] (steht) in engem Zusammenhang mit der Entwicklung bakterieller Resistenzen, welche durch Mutation auftreten oder durch Übertragung von Erbinformation via Chromosom oder Plasmid erworben werden können." (S. 1)
Ebenso entscheidend ist die Zeitspanne, in der die Bakterien dem Antibiotikum ausgesetzt sind: "Niedrige Dosen Antibiotika, die über eine lange Zeit verabreicht werden, fördern das Auftreten und die Ausbreitung von resistenten Bakterien." (S. 1)

Pro Jahr werden in Deutschland 30 Millionen Legehennen und - bitte hinsetzen, danke - über 600 Millionen Broiler produziert. Sie finden das okay? Prima, dann VERSCHWINDEN SIE SOFORT VON DIESER SEITE (Demokratie hin oder her)!!! Und an alle anderen: Ruhig bleiben, das zählt noch zum Vorspiel. 11 kg Hähnchenfleisch verzehrt jeder Bundesbürger jährlich; also aller zwei Wochen wahlweise nen "halben Hahn", ein "Brathändl", "ä Broiler", ein "halbes Hähnchen". Inwieweit das Oktoberfest diese Statistik manipuliert, vermag von Autorenseite nur als Fußnote und Diskussionsfutter eingestreut werden. Doch zurück in die Ställe, denn Deutschland verspeist die Hühner natürlich nicht allein, nein, der ehemalige Exportweltmeister exportiert fleißig.
Und analog zu den deutschen Exportzahlen der vergangenen Dekaden, legte auch das Durchschnittsgewicht eines Masthuhns zu. Von den 1930er Jahren bis in die Mitte der 1990er nämlich um 65% von 1 kg Schlachtgewicht auf 1,6 kg Schlachtgewicht. Effizient genug? Oh ja, denn was vor 70 Jahren noch zwei Monate dauerte, kann heute in einem erledigt werden (die 65% Gewichtszunahme dabei berücksichtigen). Das entspricht übrigens einer "mittelschnellen Wachstumsintensität."

So, jetzt drehen wir Prince ein wenig lauter:
--> Ställe mit mehreren Tausend Hühnern begünstigen die schnelle Ausbreitung von Krankheitserregern. Antibiotika.
--> Die Förderung bestimmter Bakterienstämme im Hähnchendarm fördert die Gewichtszunahme (da mehr Nährstoffe zum Wachsen zur Verfügung stehen). Antibiotika.
--> Weniger Abfallprodukte der Bakterien (u.a. Ammoniak) begünstigen die Ausbildung einer dünneren Darmwand = mehr Nährstoffe im Blut. Antibiotika.

Obwohl die EU 2006 den Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer untersagte, konnten noch 2010 in einer Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung bedenklich hohe Werte bezüglich der Salmonellenresistenz bei Hühner- und Putenfleischproben nachgewiesen werden.

Da lobe ich mir den Weihnachtsmarkt - endlich wieder Riesenbratwürste aus Freilandhaltung und Glühwein aus Biotrauben geniessen.

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Schöne Überleitung zu Berlusconi. Was für ein Mann. Einer, der das Mannsein auf den Kern des Playboy-Männerbildes reduziert und - wer schafft das schon?! - den Großteil seines Lebens nach diesem Vorbild gelebt hat (wer schafft das erst?!). Befriedigung bestand (Scusi: besteht) für ihn in allererster Linie darin, Macht zu haben. Macht in der Wirtschaft, Macht in der Politik, Macht in Beziehungen. Gleichberechtigung definiert(e) er über das jeweilige Firmenportfolio oder die Zahl der Untergebenen seines Gegenübers. Die Politik ist dazu da, dem Menschen zu dienen. Wohl kein anderes (gewähltes) Staatsoberhaupt Europas hat diesen Spruch dermaßen verinnerlicht wie Silvio Berlusconi.

Geboren 1936 in Mailand, studierte er später Jura und jobbte als Immobilienmakler. Anfang der 1960er Jahr schließlich erfolgte sein Einstieg in die Baubranche mit Gründung mehrerer Firmen (teils mit Schweizer Geldgebern im Rücken) und dem Bau einer Modellstadt ("Milano 2") bei Mailand. In den 70ern folgten weitere Firmengründungen und der erste eigene Fernsehsender (ebenfalls "Milano 2" genannt). Weitere Sender folgten in den 80er Jahren und gebündelt wurde schließlich die mediale Präsenz in der Firmengruppe Fininvest (über 6 Mrd. Euro Jahresumsatz)

1994 trat Berlusconi mit der neu gegründeten Partei "Forza Italia" bei den Parlamentswahlen an; und gewann. Er bildete eine Mitte-Rechts-Regierung mit der Alleanza Nazionale von Gianfranco Fini und der Lega Nord von Umberto Bossi. Letztgenannter Koalitionspartner - Ironie der Geschichte - sollte ihm in 2011 die Mehrheit im Parlament kosten und sein politisches Ende einläuten.

Italien machte unter Berlusconi den Eindruck, zu einer neuen südeuropäischen Diktatur zu werden. Gleichgeschaltete Sender, Mehrheiten per Wahlgesetz, Immunität per Dekret, ein Netzwerk aus Strippenziehern und Gefolgsleuten, das dem Wohl des Königs zu dienen hat. So malt man nicht das Bild einer robusten Demokratie, so malt man eine Monarchie.

Ist Selbstkritik der italienischen Bevölkerung angebracht? Ja, unbedingt, aber es sollte gerade aus der Sicht eines politischen Führers "unbestritten sein, dass es den Menschen besser geht, wenn sie das Gefühl haben, in einer gerechten, gut organisierten Gesellschaft, die auch etwas von ihnen erwartet, zu leben. [...] Die Menschen sind insgesamt aktiver, flexibler, auch risikobereiter, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und wenn sie sich darauf verlassen können, unterwegs mit ihren riskanten Freiheiten nicht ins Bodenlose zu fallen." (Brusis, Ilse: Politik und Gemeinwohl. In: Bürgergesellschaft und Gemeinwohl. Opladen 1999, S. 146)

Italien hat nun einen neuen (Übergangs)Ministerpräsidenten, einen verdienten und international hoch angesehenen dazu. Dennoch ist ein Mario Monti allein nicht in der Lage, den "Geist des berlusconismo" (Giovanni di Lorenzo) auszutreiben. Silvio Berlusconi hat den guten Geist des demokratischen Gemeinsinns pervertiert und vergewaltigt - die noch gegen ihn anhängigen Prozesse legen davon Zeugnis ab. Es kommt jetzt auf die Selbstheilungskräfte Italiens (eines jeden Bürgers) und den Beistand der europäischen Partner an, den Krebs endgültig zu besiegen.
"Leben wird keine Pyramide sein, die mit der Spitze auf dem Boden steht. Sondern es wird ein ozeanischer Kreis sein, dessen Zentrum das Individuum sein wird, immer bereit, für das Dorf zu sterben. Das Dorf ist wiederum bereit, für die Gruppe von Dörfern zu vergehen, bis schließlich alles ein einziges Lebendiges sein wird, das aus Individuen besteht, die niemals in aggressiver Arroganz verharren, sondern immer demütig sind, indem sie teilhaben an der Majestät des ozeanischen Kreises, dessen integraler Bestandteil sie sind. Demnach wird der äußerste Umkreis nicht die Macht ausüben, den inneren Kreis zu zerstören, sondern wird allen in diesem Kreis Kraft geben und wird seine eigene Kraft vom inneren Kreis bekommen."
(Mahatma Ghandi)
PS: Das Ghandi-Zitat musste sein, zeigt es in seiner schonungslosen 68er-Blumenkinder-Wir-haben-uns-alle-lieb-und-bilden-einen-Diskussionskreis-Sprache doch ziemlich eindrücklich den Widerspruch zwischen menschlichem Ideal und gesellschaftlicher Realität auf.

Dienstag, 18. Oktober 2011

Frei! Frei. Frei?

Wieviel ist ein Menschenleben wert? Unbezahlbar! Sicher? Welche Rolle spielen bei der Bewertung soziale Stellung, nationale Zugehörigkeit und Geschlecht? Keine? Welche Rolle spielen wirtschaftliche Interessen, bilaterale Interessen, multilaterale Interessen? Keine? Wie hoch schätzen Sie eigentlich den Wert ihres Lebens ein? Na?

Nun, nur keine falsche Bescheidenheit - denn auch Ihr Wert ist auf den Cent genau berechenbar.
  • Kompensatorische Lohndifferenziale und der Wert eines statistischen Lebens in Deutschland (von Hannes Spengler) - PDF (225 KB)
In diesem Sinne: Immer brav auf die Kosten-Nutzen-Analyse achten. So wie im folgenden Beispiel.

Die alten jüdischen Gemeinden in Osteuropa wurden im Holocaust nachhaltig zerstört, Überlebende mussten nur allzu oft feststellen, dass in ihrer alten Heimat kein Platz mehr für sie war. Israel wurde das neue Ziel, das Gelobte Land bot Zuflucht. Scheinbar. Denn die umliegenden Länder Ägypten, Jordanien, Libanon, Syrien weiger(te)n sich, einen Judenstaat in ihrer Mitte zu dulden. Der Antisemitismus bei den Arabern wuchs.

Die Errichtung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde damals von vielen Juden als die Erfüllung eines religiösen Traumes betrachtet; nachdem fast 2000 Jahre vergangen waren, seit die jüdische Herrschaft in Palästina erlosch. Am 29.11.1947 einigte sich die UN-Generalversammlung mit Unterstützung sowohl der SU als auch der USA darauf, dass Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufgeteilt wird. Jerusalem wurde zur internationalen Zone erklärt. Am 15.05.1948 wurde der jüdische Staat in Palästina für unabhängig erklärt, was zum einen mit der UN-Resolution und zum anderen mit angestammten Rechten begründet wurde.

Israel bemächtigte sich ab 1949 großer Gebiete (Gazastreifen, Golanhöhen, Jerusalem, Westbank des Jordan) über die von den UN umschriebenen Grenzen hinaus. Denn Israel brauchte mehr Raum, die Bevölkerung wuchs stetig; und so hatten Kriege in den Jahren 1956, 1967, 1973, 1982 und 2006 auch kaum Auswirkungen auf den steten Bevölkerungszuwachs, der bis 1989 die Einwohnerzahl Israels auf über 3,5 Millionen und bis 2011 auf fast 8 Millionen hat wachsen lassen.

1993 - 6 Jahre nach der ersten Intifada - reichte Rabin symbolisch Arafat die Hand. Die Palästinenser sollten die Autonomie über den Gazastreifen und das Westjordanland erhalten. Im Gegenzug anerkannte die PLO Israel. Ende 2000, nach dem Scheitern der amerikanischen Friedensverhandlungen unter Bill Clinton in Camp David, brach die zweite Intifada aus. Auch sie forderte bis 2005 unnötig viele Menschenleben in diesem scheinbar nie enden wollenden Konflikt am östlichen Mittelmeer. Die palästinensischen Autonomiegebiete gaben sich 2006 schließlich mit der Hamas eine radikale Führung und Israel damit erneut (wenn auch indirekt) eine Kriegserklärung. Im gleichen Jahr entführten Hamaskämpfer zwei israelische Soldaten in den Gazastreifen - Israel reagierte mit Angriffen auf den Gazastreifen und im Westjordanland. Es war der Beginn des zweiten Libanonkrieges.

Heute, am 18.10.2011, wurde einer der damals entführten israelischen Soldaten, Gilad Schalit, in einem groß inszenierten Gefangenenaustausch in die Arme Benjamin Netanjahus entlassen. Solche Aktionen sind für die beiden Parteien kein Novum. Im Gegenteil, schon mehrere dieser Art fanden statt und statistisch ist dabei ein israelischer Soldat soviel wert (jetzt ist der Bogen schlossen) wie 800 palästinensische Fr...(ja, was für Kämpfer sind es eigentlich genau?)kämpfer.
"Am 11. Oktober 2011 erklärte Benjamin Netanjahu, dass sich die israelische Regierung mit der Hamas auf einen Gefangenenaustausch geeinigt habe. Nach Angaben der Hamas sollen 1000 männliche und 27 weibliche Häftlinge in zwei Schritten freikommen. [...] Zunächst werden 479 Häftlinge freigegeben, darunter 279 zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen Verurteilte und alle 27 Palästinenserinnen, die wegen „Sicherheitsverstößen“ in Israel inhaftiert sind. [...] In einem zweiten Schritt sollen in zwei Monaten weitere 550 Häftlinge freigelassen werden."
(Quelle)
Der Handel sei besiegelt liest man jetzt in den Zeitungen. Verdammt nochmal, hier geht es nicht um Autoteile, hier geht es um Menschenleben, hier geht es um zerrissene Familien (teilweise seit mehreren Jahrzehnten), hier geht es um das Verständnis unserer Kultur!

Doch warum erfolgte diese "Freilassung" erst jetzt? Warum konnte man sich nicht früher einigen? Klar ist, dass Ägypten eine wichtige Vermittlerrolle in diesen Austauschprozeduren zukommt. Und seit in Kairo ein neuer grüner Wind weht, ist die Hamas eher bereit, Zugeständnisse zu machen. Nicht zuletzt geht es dabei auch um ein potentielles Exil für die Hamas selbst, sollte der grüne Wind für Sturm in Damaskus sorgen. Aber auch Abbas' jüngster Schachzug, die Unabhängigkeit eines Palästinenserstaates vor den Vereinten Nationen zu fordern, ist nicht ohne Folgen für die Hamas geblieben. Das Image der ewig Gestrigen, der unflexiblen Starrköpfe haftet ihnen an. Da kommt eine Imagepolitur gerade recht.

Und Israel? Versuche einer gewaltsamen Befreiung schlugen abermals fehl, folglich blieb der Regierung nichts anderes übrig, als sich an den Verhandlungstisch zu begeben.
Leider zeigte sich Israel nach Abbas' Rede in New York brüskiert, weshalb (quasi als direktes Zeichen der Ignoranz gegenüber dem Palästinenserpräsidenten) der aktuelle Deal über seinen Kopf hinweg mit der Hamas und ohne die Fatah ausgehandelt wurde. Für die Hamas ist dieser Dienstag im Oktober unbestritten ein großer Tag. Denn Fernsehbilder von jubelnden, sich nach Jahren der Trennung wieder in den Armen liegenden Familien erreichen eine Menge potentieller Wähler.

Und Gilad Schalit? Wie geht es ihm? Er sieht auf den Bildern ziemlich ausgemergelt und geschwächt aus. 5 Jahre Isolationshaft hinterlassen Spuren, keine Frage. Doch der Körper erholt sich relativ schnell - im Gegensatz zur Psyche. Welche Folgen wird die Gefangenschaft für sein Leben haben? Kann das Rundum-Sorglos-Paket Israels auch die verlorenen Jahre eines jungen Erwachsenen ausgleichen? Wie lang hält der Status des Nationalhelden vor?

Malte Lehming vom Tagesspiegel ist diesbezüglich ziemlich optimistisch, wenn er Schalit quasi prämortem einen Platz in der Geschichte einräumt und dessen Freilassung als Grundstein eines eigenständigen Palästinenserstaates interpretiert. Sein Wort in Gottes Ohr. Inschallah.
"Israel befindet sich seit seiner Gründung im Verteidigungszustand. Den Bürgern des Landes wird viel abverlangt. Wir kämpfen für jeden von euch bis zum Äußersten, keiner wird je im Stich gelassen – diese Botschaft nach innen schweißt die Gesellschaft zusammen. Gilad Schalit symbolisiert daher beides, zum einen die Verwundbarkeit des Landes und die Amoral seiner Feinde, zum anderen die Kraft des Landes und seine Moral. Und wer weiß? Womöglich erwächst daraus sogar neuer Mut. Wer Verbrecher freilässt, um einen Menschen zu befreien, der kann vielleicht auch ein Volk in die Selbstbestimmung entlassen, um sich selbst vom Joch der Herrschaft über dieses Volk zu befreien."