Die Masturbationsphantasie einer 18-Jährigen? Freudsche Metaphorik? Coming of Age-Drama? Ganz großes Selbstfindungskino?
Um ehrlich zu sein, weiß ich überhaupt nicht, woran ich mit Nicolette Krebitz' Film aus dem Jahr 2016 bin. Da ist eine junge Frau, die in einer ostdeutschen Plattenbausiedlung wohnt, in einer Werbeagentur arbeitet und deren soziales Umfeld aus einem schwerkranken Opa im Krankenhaus und einer Schwester besteht. Und da ist ein Wolf, den die Protagonistin eines Tages auf dem Arbeitsweg in einem winzigen Stück Grün zwischen den tristen 13-Geschossern entdeckt. Der Gedanke an das Tier lässt sie fortan nicht mehr los und der Zuschauer wird hineingezogen in einen undurchschaubaren Strudel aus Realität und Fiktion.
Die Sehnsucht, selbst wild zu sein, soviel ist klar, treibt Ania an. Von den männlichen Kollegen wird sie mit verhohlen gierigen Blicken verfolgt, vom Chef wird sie wie eine Praktikantin behandelt (dieses Arschloch wirft regelmäßig einen Ball an die Glasscheibe zwischen seinem Büro und dem Großraumbüro der Angestellten als Zeichen, A. möge ihm bitte schnell Kaffee bringen!) und auch im Privaten mangelt es an menschlicher Zuneigung. Sie lebt allein und wünscht sich gewiss einen starken Partner. Einen starken Partner, der buchstäblich auf unsere menschlichen Konventionen... (dazu später mehr).
Mit einer guten Strategie wird der vermeintliche Wolf gefangen und von der Protagonistin in einem leeren Zimmer ihrer Plattenbauwohnung eingesperrt. Das Tier vermittelt ihr Stärke und eine unbeirrbare Zuversicht. Einerseits. Andererseits ist es ein Raubtier und daher für Mädels offenbar sexuell extrem anziehend. ;-) Der Wunsch, den eigenen Körper, die eigene Lust voll auszuleben wird schließlich mit dem Wolf Realität. Oder Phantasie? Schwer zu sagen. Überhaupt: sagen. Im ganzen Film fallen vielleicht 20 Sätze, die restliche Kommunikation erfolgt nonverbal. Das ist ein Pluspunkt, denn auch im Wolfsrudel erfolgt die Kommunikation überwiegend nonverbal. Dieser Pluspunkt verpufft nur leider, weil den Hauptdarstellern jegliches Charisma fehlt. Der Chef ist im Kern ein abgefucktes Häufchen Elend (sucht nachts sturzbesoffen nach käuflichem Sex), die Mitarbeiter bleiben blass, die Hauptdarstellerin hat nur zwei wirklich starke Szenen.
So chaotisch wie die Wohnung aussieht, so chaotisch wird der Alltag. Der Opa erfordert Nähe, der Arbeitgeber erfordert Anwesenheit, das Tier erfordert Freiheit. Aber was ist Freiheit? Ist es das buchstäbliche Scheißen auf den Tisch des Chefs, nachdem dieser für einen schnellen Fick gebraucht wurde? Ist es die Attacke des Wolfes auf den (gegen Ende des Films gar nicht mehr soziopathischen) Vorgesetzten? Ist es das Anzünden des Büros? Ist es das Fressen einer toten Maus wie ein Raubtier irgendwo im Nirgendwo einer Tagebaulandschaft?
Ich habe für mich leider keine Antwort finden können. Obwohl: Zieht man Rosa Luxemburg mit ihrem Satz "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden" heran und interpretiert ihn richtig, dann ist Freiheit nichts anderes als Anarchie. In dieser Richtung kann man den Film vielleicht am besten verstehen - als große anarchistische Utopie.
Wild (2016)
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