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Montag, 7. Dezember 2015

Türchen 7 | Adventskalender 2015

Betreibt Deutschland eine nachhaltige Außenpolitik? Entscheidet der Bundestag wirklich fundiert über den Einsatz von bis zu 1.200 Soldaten binnen drei Tagen? Hat man aus dem Afghanistan-Fiasko nichts gelernt? Wozu die sinnlose Beteiligung am mit Waffen niemals zu gewinnenden "Kampf gegen den Terror" im Nahen Osten? Erdgas?

Vor sechs Jahren schrieb ich diese Zeilen:

"Nach der Entführung zweier Tanklastzüge hat ein deutscher Oberst die Bombardierung des Konvois durch NATO-Jets angefordert. Immerhin wurde diese Aktion vorgestern in Stockholm als "großer Fehler", der sich "nicht wiederholen" dürfe tituliert. Warum um alles in der Welt wurde gleich nach Bekanntwerden des Massakers das Argument des möglichen Einsatzes dieser Tanklaster als Waffe gegen deutsche Soldaten in die Welt gesetzt? Weil es die einzige plausible Rechtfertigung war. Nach dem Motto: "Wir haben die Lastzüge nicht mehr, also sollt ihr sie auch nicht haben" – das klingt zugegebenermaßen eher nach Kindergarten ... trifft wohl aber deutlicher in die Nähe der 10 als jeder andere Erklärungsversuch.

Und nun? Was ist mit dem 10-Jährigen, der am Grab seiner ganzen Familie in den Abendnachrichten weinte, weil er nun niemanden mehr habe? Was ist nun mit ihm?? Wir befinden uns im Stabilisierungseinsatz. Herr Jung, machen Sie in den letzten paar Wochen ihrer Amtszeit wenigstens eine einzige Sache richtig! Sagen Sie den Menschen die Wahrheit! Danke."

Mittlerweile ist aus Oberst Klein Brigadegeneral Klein geworden, auch weil er sich in Kunduz "der Verpflichtung bewusst" gewesen sei, "zivile Opfer soweit irgend möglich zu vermeiden", und "hierbei keine ihm gebotene und praktikable Aufklärung unterlassen" hat.

"Die Nato hatte das Bombardement intensiv untersucht und schwerwiegende Fehler bei der Erteilung des Abwurfbefehls identifiziert. Zentral dabei war, dass Klein als ranghöchster Kommandeur gegenüber den Bomberpiloten einen aktuellen Angriff auf Nato-Truppen ("troops in contact") meldete, obwohl dieser nicht vorlag. Ebenso meldete Klein – seinen Aussagen nach unter Berufung auf eine Geheimdienstquelle – dass sich rund um die Tanker hauptsächlich bewaffnete Taliban befänden. Auch dies stellte sich später als falsch heraus."
(Spiegel Online)

Vorermittlungen zu einem Disziplinarverfahren wurden eingestellt.

Betreibt Deutschland eine nachhaltige Außenpolitik? "Beschützt" dieser Staat die richtigen Menschen?!

Freitag, 2. Oktober 2015

Kommentar: Unbelehrbar

Oskar Lafontaine zum erfolgreichen deutschen "Stabilisierungseinsatz" (Peter Struck) am Hindukusch.

"Die deutsche „Verteidigungsministerin“ von der Leyen, die gerne richtige Kriegsministerin sein will, stellt den geplanten Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan im nächsten Jahr in Frage. Sie warnt vor einem zu frühen Truppenabzug. Ist denn noch immer nicht genug? In Afghanistan kamen 54 junge deutsche Soldaten ums Leben. Wofür? Von einer Stabilisierung der Lage in der Region kann wirklich nicht die Rede sein. Rund 1,3 Millionen Menschen sind durch den sogenannten „Krieg gegen den Terror“ allein in Afghanistan, im Irak und in Pakistan bislang getötet worden, nach Angaben der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ im März 2015. Dieser Krieg wird von vielen selbst als Terror empfunden – und hat Terrororganisationen wie Al Quaida und ISIS Auftrieb gegeben. Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, hat den internationalen Kriegseinsatz in Afghanistan schon vor vier Jahren für gescheitert erklärt. Der Einsatz habe zwar „den politischen Zweck, Solidarität mit den Vereinigten Staaten zu üben, erfüllt. Wenn man aber das Ziel zum Maßstab nimmt, ein Land und eine Region zu stabilisieren, dann ist dieser Einsatz gescheitert“, sagte er. In Deutschland sind selbst die Militärs klüger als die Politiker. Das Ganze ist ein Beispiel für die Ideologisierung und Unbelehrbarkeit der deutschen Politik."
(Oskar Lafontaine)
Quelle: NachDenkSeiten

Freitag, 8. Mai 2015

Kommentar: Die Bundesregierung muss endlich handeln

Reinhard Mutz sprach heute früh im Deutschlandradio Kultur das aus, was ich nicht besser formulieren könnte:

"Diesmal wird uns das Thema so bald nicht wieder loslassen. Was vom Mittelmeer her geschieht, was im Bürokratendeutsch "Migrationsdruck" heißt, wird eher zu- als abnehmen. Doch was tut Europa, was unternimmt Deutschland? Zu verhindern, dass noch mehr Menschen einen qualvollen Tod leiden, habe oberste Priorität für die deutsche Flüchtlingspolitik, sagt die Bundeskanzlerin. In operative Schritte übersetzt hieße dies: die Seenothilfe zu verstärken, dazu mehr Schiffe ins Mittelmeer zu schicken und die finanziellen Mittel aufzustocken. Bisher jedoch verweigert jedes dritte Mitgliedsland der EU jegliche Lastenteilung.

Den Kampf gegen die Schleuserkriminalität hat Angela Merkel ebenfalls auf die Fahne des Bundeskabinetts geschrieben. Unglücklicherweise fehlt es der internationalen Gemeinschaft sowohl an rechtlicher Zuständigkeit wie an kompetenten Partnern. Libyen, das für diese Aufgabe am ehesten in Frage käme, ist - dank der westlichen Intervention vom Frühjahr 2011 - nur auf dem Papier ein funktionsfähiger Staat. [...]

Die meisten Flüchtlinge kommen aus einem vom Krieg verwüsteten Syrien nach Deutschland. In den Schubladen der UNO vergilbt derweil ein Friedensplan, entworfen vom ehemaligen Generalsekretär Kofi Annan, aber ohne eine echte Chance. Denn für die amerikanische Diplomatie steht ein anderes Verhandlungsziel als die Entmachtung von Baschar al-Assad nicht zur Debatte. [...]

Krisenprävention bedeutet aber nicht überall dasselbe. Die einen fliehen vor Krieg, politischer Verfolgung oder Hungersnot, die anderen vor einer Zukunft, die ihnen ökonomisch perspektivlos erscheint. Viele derjenigen, die Wirtschaftsflüchtlinge genannt werden, kommen aus Afrika übers Mittelmeer. Aber auch daran tragen die Europäer Mitverantwortung.

Vor einem Jahrzehnt, im Oktober 2005, verkündete die EU die beschleunigte Entwicklung des südlichen Nachbarkontinents zu einem vordringlichen außenpolitischen Projekt. "Europa-Afrika-Pakt" lautete der hochfliegende Name. Bis 2015 sollte die Armut halbiert werden. Jedoch wurde das Ziel verfehlt."
(Reinhard Mutz)

Das politische Feuilleton vom 8. Mai 2015 auf Deutschlandradio Kultur

Montag, 27. April 2015

Interview: 10 Tage im Islamischen Staat

Täglich erreichen uns neue Gräuelmeldungen aus dem Nahen und Mittleren Osten, täglich sind wir mit der Herausforderung konfrontiert, diese Informationen zu verarbeiten, sie einzuordnen, ihre Hintergründe zu verstehen. Aber kann man die Schlachtung von Menschen vor laufender Kamera überhaupt verstehen? Kann man die Verantwortlichen nach deren Motivation - sofern es dafür eine passende Bezeichnung gibt - befragen?

Der Journalist Jürgen Todenhöfer (in seinen politischen Ansichten offenbar vom Saulus zum Paulus gewandelt) sprach auf den NachDenkSeiten mit Jens Wernicke über sein neues Buch "Inside IS - 10 Tage im 'Islamischen Staat'". Dem Leser werden darin sowohl nachvollziehbare Parallelen zwischen den rücksichtslosen westlichen Interventionen in sogenannten Schurkenstaaten und dem "Erfolg" diverser Terrorgruppen als auch die Schwächen seiner eigenen, unserer, moralischen Basis aufgezeigt.

"Ich wollte das Phänomen IS verstehen. Als ehemaliger Richter ist es für mich normal, mit allen Seiten zu sprechen. Außerdem muss man seine Feinde kennen, um sie besiegen zu können. [...] Warum sollte ich dem IS die Möglichkeit geben, den Zeitpunkt meines Todes zu bestimmen? Mein Sohn akzeptierte, dass es im Notfall diese Alternative gab. Außerdem habe ich wie vor jeder Reise mein Testament neu geschrieben. [...] Es ist nicht alles so schwarz-weiß, wie manche bei uns es gerne hätten. Der IS zelebriert gnadenlos, was der Westen zu vertuschen versucht. Er will uns zeigen, wie pervers unsere Kriege sind und bringt hierzu den Tod in unsere Wohnzimmer. Uns schockiert die barbarische Brutalität des IS, weil wir denken, dass unsere weit entfernten Kriege sauber wären. Erst wenn es um Menschen des Westens, um einen von uns sozusagen, geht, merken wir manchmal, wie pervers und grausam jedes Töten ist. [...] Der IS hat sich eine gnadenlose Privatreligion zurechtgestrickt. Mit Islam hat die nichts zu tun. Wenn der IS Islam ist, dann ist der Ku-Klux-Klan das Christentum. Der IS hat mit dem Islam so viel gemeinsam wie Vergewaltigung mit Liebe. [...] Der IS muss an mehreren Fronten bekämpft werden. Die erste ist die politisch-militärische Front vor Ort. In Syrien und im Irak. Der IS muss dort vor allem von der sunnitischen Bevölkerung besiegt und vertrieben werden. Es würde letztlich wahrscheinlich ausreichen, dass ihm die Bevölkerung ihre Unterstützung entzieht. Wie schon einmal 2007 im Irak. Für hunderte Millionen amerikanischer Dollar übrigens. [...] Erst wenn wir aufhören, den Mittleren Osten zu bombardieren und aufhören, dort korrupte, von uns abhängige Satellitenstaaten zu schaffen, die ihr Volk ausbeuten, erst dann wird der IS seine Basis verlieren. Terrorismus braucht Ungerechtigkeit als raison d’être. Für jedes in Tikrit, Mosul oder Ramadi von uns totgebombte irakische Kind stehen daher 100 neue IS-Terroristen auf."
(Jürgen Todenhöfer)

Das Interview

Jürgen Todenhöfer

Montag, 16. März 2015

Kalenderblatt: 16. März 1999

Damals traten die 20 Mitglieder der Europäischen Kommission unter Präsident Jacques Santer nach Veröffentlichung eines 140-seitigen Untersuchungsberichts zurück. Man warf ihnen Korruption, Unfähigkeit, Vetternwirtschaft und Betrug vor.

Santer ist übrigens ein luxemburgischer Politiker.

Mittwoch, 21. Januar 2015

Einer von Zehntausenden gegen Ausländerfeindlichkeit und braune Parolen

Drei Hubschrauber kreisen über Leipzig, die Innenstadt wimmelt nur so von Polizei-Transportern, Personalien werden kontrolliert, Hundertschaften marschieren durch die Straßen. Ja, der von LEGIDA herbeigesehnte Ordnungsstaat ist heute Nachmittag in der größten Stadt Sachsens zum Greifen nah. 44 Hundertschaften aus dem gesamten Bundesgebiet wurden nach Leipzig abkommandiert, um Gewaltausbrüche zu verhindern und den angemeldeten Demonstrationen zu ihrem demokratisch verbrieften Recht zu verhelfen. Immerhin, für Polizeipräsident Bernd Merbitz ist dieses massive Aufgebot ein "trauriger Höhepunkt im Jahr des 1000. Geburtstags der Messestadt."

Circa 5.000 Polizisten am 21. Januar 2015 in Leipzig.

Ich fahre in die Innenstadt, um mir selbst ein Bild von der Lage zu machen. Eine Frau von Anfang 70 steht mit ihrem Fotoapparat fassungslos vor den 50 "Sixpacks" am Wilhelm-Leuschner-Platz und hat sichtlich Angst: "Wenn das mal gut geht heute Abend. Die Vermummten sind besonders gefährlich, die randalieren immer." Ich schaue schweigend auf das Großaufgebot - über 5.000 Polizisten. "Wissen Sie, wo die alle herkommen?", werde ich gefragt. "Nein." "Ich habe mit einem Polizisten aus Rostock gesprochen, der sagte, bundesweit wurden seine Kollegen zusammengerufen." Später vor dem Bundesverwaltungsgericht kann ich mich selbst davon überzeugen, hier parken nämlich drei Transporter mit RPL-Kennzeichen nebst einem MZ-Krankenwagen. Muss ein Krankenwagen aus Mainz nach Leipzig fahren?

Montag, 19. Januar 2015

UPDATE zur PEGIDA-Studie der TU Dresden + neue Ergebnisse aus Berlin

Beitrag vom 14.01.2015: Je ne suis pas Charlie, mais...

Als Nicht-Soziologe habe ich mich mit einer Kritik am Design dieser Untersuchung bewusst zurückgehalten, zumal hier die Autoren höchstselbst auf die geringe Belastbarkeit ihrer Ergebnisse, oder wie sie es selbst nennen: "gewisse Verzerrungen", hinweisen. Konkret referenziert die Kritik z.B. auf das Phänomen des "non-response bias", also der Tatsache, dass Pegidisten mit extremen Ansichten sich weigern, selbige zu Protokoll zu geben (es stattdessen abgeschwächt tun oder gar nichts sagen).

"Die hohe Anzahl an Verweigerern ist als zentrales Problem für die Aussagekraft der Ergebnisse zu betrachten, da grundsätzlich nicht davon ausgegangen werden kann, dass Personen, die die Teilnahme an einer Erhebung verweigern, ebenso geantwortet hätten, wie Personen, die zur Teilnahme bereit waren – insbesondere bei einem politisch oder persönlich irgendwie sensiblen Befragungsthema, welches hier eindeutig vorlag. Da nicht ausgeschlossen werden kann (und es vielmehr sogar sehr wahrscheinlich ist), dass die fehlenden 65% einen erheblichen Einfluss auf das Befragungsergebnis ausgeübt hätten, hätte man sie zur Teilnahme verpflichten können, ist es in meinen Augen verwegen, von den verbliebenen 35% Rückschlüsse auf die Gesamtheit (nicht nur der Angesprochenen, sondern der Demonstrationsteilnehmer insgesamt) zu ziehen."
(Christian Reinboth)

Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin hat mit Kollegen aus ganz Deutschland nun eine neue Untersuchung zum Phänomen "PEGIDA" durchgeführt, deren Ergebnisse sowohl online als auch durch direkte Straßenbefragungen gewonnen worden. Zwar wurde diesmal nur eine Demo (die am 12. Januar in Dresden) untersucht, dafür mit eleganteren Methoden. Die Befragten erhielten Handzettel mit QR-Codes zur Online-Befragung, zusätzlich wurden bei der Verteilung der Zettel weitere Informationen für die Befragten scheinbar beiläufig erfasst (Geschlecht, bisherige PEGIDA-Demo-Teilnahmen). Durch die Online-Befragung kann Gruppeneffekten wie Mitläufertum besser begegnet werden.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Je ne suis pas Charlie, mais...

Beitrag vom 19.01.2015: UPDATE zur PEGIDA-Studie der TU Dresden + neue Ergebnisse aus Berlin

Montagabend waren erneut in Dresden und erstmalig auch in Leipzig Tausende auf den Straßen, um ihre Sympathie für die sogenannte "PEGIDA"-Bewegung zu bekunden. Nach dem Anschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" am 7. Januar mit 12 Toten und der tödlich endenden Geiselnahme zwei Tage später in einem Pariser Supermarkt für koschere Lebensmittel erhielt die Gruppierung wie erwartet einen deutlichen Zulauf, zumal sie sich diesmal als Trauermarsch für die Opfer der Pariser Anschläge ausgab. Lutz Bachmann, der Gründer und Kopf der "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes", ist juristisch kein unbeschriebenes Blatt. Der mehrfach vorbestrafte 41-jährige Dresdner und ehemalige Bratwurstverkäufer zieht seit Oktober letzten Jahres mehr und mehr Bürger auf die Straßen, um gegen ... den Islam zu protestieren?

Wer das Positionspapier (PDF) liest, findet darin kein Wort zum Islam. Stattdessen Rufe nach:
  • einer "Pflicht zur Integration",
  • einem Zuwanderungsmodell analog zu Ländern wie Australien, Kanada oder der Schweiz,
  • sexueller Selbstbestimmung,
  • der Abschaffung des Gender Mainstreamings,
  • dem "Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur."

"Zunächst bezeichnete das Abendland die lateinische Christenheit, die sich gegen die orthodoxe Kirche abgrenzte. Rom gegen Konstantinopel. Als dann 1453 Konstantinopel durch die Türken erobert wurde, wurde das christliche Abendland zum Kampfbegriff des christlichen Europa gegen die türkischen, muslimischen Angreifer. In Wirklichkeit hat es so etwas wie ein einheitliches christliches Abendland aber nie gegeben. Man schaue nur darauf, dass die muslimischen Türken im 17. Jahrhundert von den katholischen Franzosen im Kampf gegen die katholischen Habsburger unterstützt wurden. Machtdenken spielte eine viel größere Rolle als die Religion. [...] Das zeigt ja, wie inhaltsleer und dehnbar der Begriff Abendland immer war: Lange richtete er sich auch gegen die Juden, doch in jüngster Zeit wurde – nachdem Millionen Juden ermordet wurden – die jüdische Religion einbezogen, wenn es um die Abgrenzung gegen Muslime geht. Auch heute beschwören viele Demonstranten bei den Pegida-Veranstaltungen die christlich-jüdischen Werte des Abendlandes. Wenn es um Muslime geht, sind Verbündete gerade recht."
(Wolfgang Benz)

Was also wollen diese selbsterklärten Verteidiger des Abendlandes tatsächlich? Haben sie eine konkrete Forderung oder hat sich hier ein Haufen Frustrierter zusammengefunden, dessen Anliegen weit über die plakativen Slogans hinausgeht?

Samstag, 13. Dezember 2014

Türchen 13 | Adventskalender 2014

"Stolziert die Gans an Luzia im Dreck,
geht sie am Christtag auf Eis."

"Kommt die heilige Luzia,
findet sie die Kält schon da."

Für Adam Smith resultiert der menschliche Wohlstand aus Arbeit und Arbeitsteilung. In seinem bekannten Buch "Der Wohlstand der Nationen" beschreibt er den Zusammenhang zwischen zunehmender Arbeitsteilung, Produktion und Konsum und plädiert für ungezügelten Kapitalismus ohne regulierende Markteingriffe (Ausnahmen: steuerfinanzierte Aufgaben wie beispielsweise Sozialleistungen, Polizei, Gerichte, Armee) - eine "invisible hand" soll den freien Wettbewerb egoistischer Individuen in Wirtschaft und Gesellschaft sozial nachhaltig gestalten.

Moral als Regler globaler Wirtschaftsströme? Freihandel ohne Schranken zum Wohle aller? Automatische Kontrolle von Monopolen durch globale Märkte? Was ist mit global operierenden Monopolisten ... Stichworte wie BP, Facebook, Google, Microsoft, Monsanto oder Nestlé kommen mir in den Sinn? Was ist mit Lohndumping durch Produktion in Billiglohnländern vs. Verkauf in Industriestaaten? Was ist ein gerechter Marktpreis? Gibt es den mündigen, den moralisch einwandfreien Kunden in der Praxis? Welchen Stellenwert erhält die Unterscheidung zwischen objektiver und subjektiver Wertschätzung von Gütern im Preisbildungsprozess? Ist der Liberalismus zukunftsfähig?



Mittwoch, 26. November 2014

You'll never click alone

Was würden Sie sagen, wenn Ihnen die perfekten Geschenktipps für Familie, Freunde und Kollegen als E-Mail zugesandt würden? "Prima!" oder "Um Himmels willen, nein!!!"? Man verzeihe an dieser Stelle die offenkundig religiöse Metapher, das dahinterstehende Problem ist hingegen sehr irdischer Natur.

Mit Payback-Karten fing vor 14 Jahren die präzise Datensammlung über unser Einkaufsverhalten an. Blauäugig fallen seitdem die Empfänger solcher Angebote auf Rabatt-Versprechen rein, die bei Erreichen einer vom Anbieter abhängigen Mindestpunktzahl gewährt werden sollen. Die Prämien sind lächerlich im Vergleich zum Wert der Informationen, die jeder Nutzer dieses Systems freiwillig und kostenlos der Payback GmbH aka American Express zur Verfügung stellt. Denn durch die Zusammenführung der personalisierten Puzzleteile können exakte Profile der "Kunden" erstellt und gewinnbringend vermarktet werden.

Sonntag, 23. November 2014

23. November 2014

Heute vor 10 Jahren demonstrierten in Kiew 500.000 Menschen für Viktor Juschtschenko, den prowestlichen Bewerber um die Präsidentschaft.

Der Wahlkampf 2004 löste ein offenes Kräftemessen zwischen dem prorussischen Kandidaten Janukowitsch und der Opposition aus. Letztere stand für eine grundlegende Veränderung in Richtung Demokratie, während ihr Gegenpart die postkommunistischen Strukturen erhalten wollte. Wahlbetrug führte zum "Sieg" des von Russland favorisierten Janukowitsch. Die Farbe Orange wurde daraufhin zum Symbol für den Widerstand gegen die Manipulation einerseits und das Dioxin-Attentat auf Juschtschenko andererseits. Die Massenproteste der Orangenen Revolution hatten Neuwahlen und den Wahlsieg Juschtschenkos zur Folge.

Der amtierende ukrainische Präsident Petro Poroschenko steht genauso wie seine Vorgänger zwischen den Fronten amerikanischer und russischer Interessen. Die USA investierten seit 1990 - Zerfall der Sowjetunion - schon über 25 Milliarden US-Dollar in eine stärkere Anbindung der Ukraine an den Westen. Putin weiß das und wehrt sich mit allen Mitteln bis hin zum Völkerrechtsbruch. Doch was bei der Annexion der Krim noch funktioniert hat, wird im Osten der Ukraine keine Wiederholung finden. Denn Obamas stärkste Waffen sind mitnichten behäbige Panzer oder Söldner - es sind die unbegrenzten Möglichkeiten der modernen Wirtschaftskriegsführung.

Sonntag, 16. November 2014

Das Salz der Erde

Sebastião Salgado hält die Fotokamera an gekrümmten Armen schützend vor die Brust und rollt sich langsam seitwärts über einen steinigen Strand auf der arktischen Wrangelinsel, begleitet von seinem ältesten Sohn Juliano (38) und ihrem Bewacher mit Gewehr. Dessen Waffe soll die Gruppe nicht primär vor den Walrossbullen schützen - derentwegen man sich so mühselig fortbewegt -, nein, seine wachen Augen gelten dem Hauptfeind dieser bis zu 4 Meter und 1,6 t messenden Kolosse: dem Eisbär.

Die stark verlängerten oberen Eckzähne der Bullen wachsen zeitlebens nach und erreichen dabei Längen von bis zu einem Meter. Sie waren der Hauptgrund für die gebietsweise Ausrottung der Art im 18. Jh., denn das Elfenbein lockte mehr und mehr Jäger in den Norden. Trotzdem die Bejagung heute nur noch den Eskimo aus kulturhistorischen Aspekten im Rahmen des Eigenverbrauchs gestattet ist, gilt die Unterart Atlantisches Walross (Odobenus rosmarus rosmarus) bis dato als gefährdet. Eine Züchtung in Zoos schlug bislang immer fehl.

Der kalte, für uns Menschen so schwer zu besiedelnde und jedes Leben auf eine harte Probe stellende polare Lebensraum spielt eine wichtige Rolle im Heilungsprozess des Protagonisten. Im Heilungsprozess von den Folgen einer chronischen Krankheit: der Besessenheit, die Art Homo sapiens zu verstehen.

Montag, 13. Oktober 2014

Der Welthungerindex 2014

Zum neunten Mal veröffentlichte heute die Deutsche Welthungerhilfe in Bonn gemeinsam mit zwei weiteren Organisationen den Welthungerindex (WHI).

Der WHI-Wert (0-100) berechnet sich aus dem jeweiligen
  • Anteil der Unterernährten an der Gesamtbevölkerung,
  • dem Anteil untergewichtiger Kinder unter fünf Jahren an allen unter Fünfjährigen eines Landes
  • sowie dem Anteil der Kinder, die vor dem fünften Lebensjahr sterben.
Hunger ("Qual durch den Mangel an Nahrung") bedeuten Werte > 5, Werte über 10 gelten als ernst, Werte über 20 als sehr ernst, Werte über 30 als gravierend. Erfasst werden für den WHI nur Entwicklungs- und Schwellenländer.

Beitrag der drei Indikatoren zum Gesamtwert des WHI 1990, 1995, 2000, 2005 und 2014 nach Regionen. Quelle: Pressemappe Welthunger-Index 2014

Das Ziel der UN, den weltweiten Hunger im Zeitraum 1990 bis 2015 zu halbieren, wird ebenso wie andere Millenniumsziele nicht erreicht. Trotzdem sich der WHI bis heute um 39 % verbessert hat, leiden nach wie vor 805 Millionen Menschen an Hunger und Unterernährung ("Chronisches Kaloriendefizit (1800 kcal/Tag) und/oder Unterversorgung mit Nahrungsenergie, Protein- und Mikronährstoffen").

Prozentualer Anteil der Bevölkerung mit ausgewählten Mikronährstoffdefiziten. Quelle: Pressemappe Welthunger-Index 2014

Montag, 1. September 2014

Schwarz, rot, (in)diskutabel

In Sachsen fanden gestern Landtagswahlen statt und bereits im Vorfeld wurde intensiv über das erwartet hohe Ergebnis der AfD diskutiert. Deren Spitzenkandidatin Frauke Petry wünscht sich: Mehr Polizisten für mehr Sicherheit; geschlossene Ostgrenzen für mehr Sicherheit; keine weiteren Windparks für mehr Kohlestrom; keine für den hiesigen Arbeitsmarkt überflüssigen Zuwanderer; die Drei-Kind-Familie "als Standard".

Das amtliche Endergebnis (Veränderung zu 2009):

CDU > 39,4 % (- 0,8 %)
Linke > 18,9 % (- 1,7 %)
SPD > 12,4 % (+ 2 %)
AfD > 9,7 % (+ 9,7 %)
Grüne > 5,7 % (- 0,7 %)
NPD > 4,9 % (- 0,7 %)
FDP > 3,8 % (- 6,2 %)

Wählerwanderung (Stimmen A -> nach B, C, D):

CDU -> 33.000 AfD, 22.000 Nichtwähler
Linke -> 15.000 AfD, 4.000 CDU, 2.000 NPD, 13.000 Nichtwähler
SPD -> 8.000 AfD, 5.000 Nichtwähler
FDP -> 18.000 AfD, 20.000 CDU, 12.000 SPD, 20.000 Nichtwähler
Grüne -> 3.000 AfD, 6.000 Linke, 7.000 SPD
NPD -> 13.000 AfD, 10.000 Nichtwähler

Dienstag, 27. Mai 2014

Europa hat gewählt

"Wer das Böse nicht bestraft, befiehlt, dass es getan werde." (Leonardo da Vinci)
Heute vor 15 Jahren:

Das Internationale Strafgericht für Verbrechen im ehemaligen Jugoslawien mit Sitz in Den Haag stellte am 27. Mai 1999 Slobodan Milošević unter Anklage. Das Verfahren gegen den damaligen Präsidenten der Bundesrepublik Jugoslawien war das erste, in dem ein amtierender Staatspräsident vom Kriegsverbrechertribunal angeklagt wurde.

Ethnische "Säuberungen" und Kriegsverbrechen im Zuge der großserbischen Expansionspolitik prägten die Zeit zwischen 1992 und 1999. Als die NATO gerade dabei war, Serbien und das Kosovo zu bombardieren, um die Verfolgung der Albaner durch das Regime zu beenden, erfolgte die Anklage. Ihr schloss sich ein politisches Geduldsspiel um die Auslieferung des Diktators an, zu welcher es schließlich erst im Jahr 2001 kam. Fünf lange Jahre zogen ins Land ohne ein Urteil. Zu lang für den Angeklagten: Milošević starb am 11. März 2006.

Die Bundesrepublik Jugoslawien existierte ihrerseits bis 2003, dann nannte sie sich um in "Serbien und Montenegro". Im Juni 2006 erklärte sich Montenegro nach einem Referendum für unabhängig; die EU-Beitrittsverhandlungen laufen - wie übrigens auch mit dem ehemals größten Teilstaat Jugoslawiens, Serbien -, seit diesem Jahr.

Große Hoffnungen in die EU werden nicht nur in den Staaten des Balkan, sondern in ganz Süd(ost)europa gesetzt. Sind sie berechtigt? Kann dieser Staatenbund funktionieren und für alle seine Mitglieder Vorteile erreichen? Ich wage keine Prognose, denn die aktuelle Europawahl war der deutliche Ausdruck einer tiefen europäischen Krise.

Donnerstag, 22. Mai 2014

Europawahl 2014

Hier ist eine Entscheidungshilfe mit 38 Fragen und den jeweiligen Standpunkten der Parteien dazu.
Es dauert nur 10 Minuten.

Eine Übersicht mit den Antworten aller 25 Parteien auf die Wahl-O-Mat-Thesen finden Sie hier als PDF.

Gehen Sie bitte wählen!

PS: Meine Antworten förderten dieses Ergebnis zu Tage. Wie überraschend...

Sonntag, 14. Oktober 2012

Wir sind Nobelpreisträger!

"The Norwegian Nobel Committee has decided that the Nobel Peace Prize for 2012 is to be awarded to the European Union (EU). The union and its forerunners have for over six decades contributed to the advancement of peace and reconciliation, democracy and human rights in Europe. [...]

The EU is currently undergoing grave economic difficulties and considerable social unrest. The Norwegian Nobel Committee wishes to focus on what it sees as the EU's most important result: the successful struggle for peace and reconciliation and for democracy and human rights. The stabilizing part played by the EU has helped to transform most of Europe from a continent of war to a continent of peace.

The work of the EU represents "fraternity between nations", and amounts to a form of the "peace congresses" to which Alfred Nobel refers as criteria for the Peace Prize in his 1895 will."


(Quelle: The Nobel Peace Prize 2012 - Press Release. Nobelprize.org. 12 Oct 2012)
Jetzt ist es also tatsächlich passiert - der Staatenverbund mit Namen "Europäische Union" erhält für seine bemerkenswerte Geschichte den Friedensnobelpreis. Der Termin scheint passend, ist eine Motivation ihrer Bürger und eine Rückschau auf große Errungenschaften gerade in Zeiten der Krise für die EU sehr hilfreich.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Erwartete Überraschungen

Keine Woche im Jahr bereitet angeblich so vielen Menschen soviel Stress wie die Woche vor Heiligabend. Es ist die Rede vom Last-minute-Geschenkeshopping; vom Last-minute-Baum-aussuchen; vom Last-minute-Festtagseinkauf-planen; von der Last-minute-Feiertagsbesuche-Routenplanung; vom Weihnachtsfeier-Overkill in Betrieben, Behörden und Vereinen; von Last-minute-schnell-mal-in-die-Sonne-Urlaubsbuchungen...

Es ist aber bei allem (völlig berechtigten) Stress viel zu wenig die Rede von Menschen, denen der Feiertag am kommenden Montag bereits jetzt schon Kopfzerbrechen bereitet, weil sie da nicht im Büro sitzen und arbeiten können; von Menschen, die keine Einladungen zum Plätzchenbacken erhalten; von Menschen, die sich manchmal gern in eine Zeitmaschine setzen und - nein, nicht in die Vergangenheit - in die Zukunft reisen würden; von Menschen, deren Persönlichkeit beim Iditarod wahrscheinlich endlich erwachsen und offenbar würde; von Menschen, deren Wege sich im Gewimmel der Stadt verlieren; von Menschen, die in der Bahnhofsmission ausharren; von Menschen, die in U-Bahn-Schächten erfrieren; von Menschen, die tagaus, tagein hungern; von Menschen, die keine eigenen Kinder bekommen können; von Menschen, die vereinsamt sind; von Menschen, die jeden Tag an Suizid denken. Es ist viel zu wenig die Rede von jenen Menschen, deren Fehlen erst dann bemerkt wird, wenn sie keinen Rat mehr geben können.

In dieser Woche vor dem Heiligen Abend sollten Sie, liebe Leserin/lieber Leser, neben Ihrer Vorfreude auf das Fest der Geburt Jesu sich auch Zeit dafür nehmen, Ihr Adressbuch nach Namen zu durchsuchen. Nach Namen, die Ihnen mehr bedeuten als nur "Annemarie", "Bernd", "Christian" oder "Dirk".

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Hallelujah! Bei manchen Menschen würde ich mir eindringlich wünschen, sie fortan nur noch mit ihrer Fleischereifachverkäuferin kommunizieren zu sehen. Wobei, Fleisch, Klimawandel ... och menno, sorry.

Stattdessen setzen sie sich zur besten Sendezeit in das Zweitstudio von Wer wird Millionär? und geben im Ersten Deutschen Fernsehen am 4. Advent anno 2011 Auskunft über die moralischen und potentiell juristisch zu ahndenden Verfehlungen eines Ex-Ministerpräsidenten und amtierenden Bundespräsidenten. Also, was hat Wulff falschgemacht? Nichts. Er hat - wie unter Menschen üblich - die Hilfe eines Freundes in Anspruch genommen. Und ein Darlehen für sein Häusl erhalten. Von einem befreundeten Unternehmer. Das Darlehen wurde ordnungsgemäß verzinst und mittlerweile abgelöst. Im Ministergesetz des Landes Niedersachsen ist solches Verhalten nur dann untersagt, wenn ein berechtigter Verdacht auf Vorteilsnahme im Amt besteht:
"Die Mitglieder der Landesregierung dürfen, auch nach Beendigung ihres Amtsverhältnisses, keine Belohnungen und Geschenke in Bezug auf ihr Amt annehmen. Die Landesregierung kann Ausnahmen zulassen. Sie kann diese Befugnis auf die Staatskanzlei übertragen."
[§ 5, Abs. 4, gültig ab 01.04.2009]
Ab wann besteht ein berechtigter Verdacht auf Vorteilsnahme im Amt? Wenn persönliche Vergünstigungen zu einem Machtmissbrauch führen und geschäftsmäßige Beziehungen existieren. Hat Wulff gegen Gesetze verstoßen? Sagen wir es so: Juristisch wird man ihm kein Fehlverhalten nachweisen können.

Denn Wulff und sein Kreditgeber kennen sich schon aus einer Zeit vor seiner Tätigkeit als Landtagsabgeordneter und späterer Ministerpräsident. Ergo: keine Vorteilsnahme durch das Amt des Ministerpräsidenten. Ferner bezog sich der Kredit nicht auf Wulffs Anwaltsprofession. Ergo: keine geschäftsmäßige Beziehung.

Die von der FAZ in persona Frank Schirrmachers himself vorgebrachte Analyse von Wulffs Fehlern im Umgang mit den gegen ihn gerichteten Anschuldigungen bemüht indirekt u.a. Kants Kategorischen Imperativ über ein Zitat Wulffs: "Was man selbst nicht machen würde, sollte man auch nicht von anderen verlangen."

Lassen wir vorerst diese Aussage im Raum stehen und folgen wir Schirrmachers Argumentationsweg weiter. Er interpretiert Wulffs Rede in Lindau als vorzeitiges Geständnis. Als, besser, vorzeitiges Eingeständnis der Tatsache, mit jedem Kredit in ein Abhängigkeitsverhältnis zu geraten, aus dessen Zwang man sich nur dann befreien kann, wenn gegenseitiges Vertrauen darin besteht, "wieder auf die eigenen Füße zu kommen."

Schirrmacher bleibt vorsichtig, wenn er sagt: "In der politisch-ökonomischen Sprache, die Politiker seit Jahr und Tag im Munde führen, müsste man sein Verhalten anders beurteilen: Der Bundespräsident hat über seine Verhältnisse gelebt."

Sicher, der sprachliche Wind weht scharf um die Häuserecke aus Vertrauen und Ehrlichkeit. Und dennoch: Bloß weil jemand einen Privatkredit "für 120 % der Kaufsumme" seines Hauses erhalten hat, muss man ihn verdächtigen? Come on, das ist lahm! Mich deucht, hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Und ich nähere mich dem eigentlichen Problem: Wulffs Umgang mit dem Kredit. Denn er fühlte eine moralische Zwickmühle. Einerseits existiert die persönliche Überzeugung, bei einer seit 30 Jahren bestehenden Freundschaft nicht im Traum an Amtsmissbrauch oder gar Bestechung denken zu können. Das stimmt wohl. Andererseits existiert die Außenwahrnehmung der Gesellschaft. Der politischen Feinde, der politischen Freunde, der Wähler.

Wulff sah sich gezwungen, eine im niedersächsischen Landtag gegebene Antwort nachträglich als zwar juristisch korrekt, doch im Kern unvollständig zu bezeichnen:
"Es wäre besser gewesen, wenn ich auf die Anfrage der niedersächsischen Abgeordneten im Landtag über die konkreten Fragen hinaus auch diesen privaten Vertrag mit Frau Geerkens erwähnt hätte, denn in der Sache hatte und habe ich nichts zu verbergen."
Warum war das so? Weil ihn das schlechte Gewissen plagt(e). Moment: Ein schlechtes Gewissen hat man nicht ausschließlich in Verbindung mit Dreck am Stecken! Jeder Mensch weiß sehr wohl über die Höhe der moralischen Hürden seiner Gesellschaft Bescheid. Und jeder Mensch - ob nun Ministerpräsident oder Taxifahrer - lebt um sie herum. Mal näher, mal ferner.

Die Bundeskanzlerin gab schon Geburtstagsessen für den Chef der Deutschen Bank. Im Bundeskanzlerinnenamt. Eine Verfehlung? Ein Gesetzesbruch gar? Oder ein Freundschaftsdienst? Ein Taxifahrer fährt bei Rot über die Ampel. Weil weit und breit kein anderer an der Kreuzung steht, weil er allein im Wagen sitzt und weil weit und breit keine Polizeistreife zu sehen ist. Derselbe Taxifahrer würde nie über eine rote Ampel fahren, wenn er Fahrgäste chauffiert, sich im mittäglichen Stadtverkehr befindet oder eine Polizeistreife hinter sich weiß. Handelt er nun grob fahrlässig? Ist er gar untragbar für dieses verantwortungsvolle Geschäft? Ist er nicht (mehr) vertrauenswürdig?

Warum diese Beispiele? Weil von Wulff übermenschliches Verhalten eingefordert wird. Verhalten, dem er, dem keiner gerecht werden kann.
"Was endlich verlangt Aristoteles, der Heide, in seiner <Politik> vom Herrscher? [...] Die höchste und vollkommenste Tugend. Bei Privaten ist er mit einer durchschnittlichen zufrieden. Wenn du Herrscher und gleichzeitig ein guter Mensch sein kannst, dann erfülle die schönste Aufgabe; wenn aber nicht, dann gib lieber den Herrscher auf, als dass du aus diesem Grunde ein schlechter Mensch wirst. Es ist möglich, einen guten Menschen zu finden, der kein guter Herrscher sein könnte. Aber es kann keinen guten Herrscher geben, der gleichzeitig kein guter Mensch wäre."
(Erasmus von Rotterdam, Ausgewählte Schriften Bd. 5, Darmstadt 1968, S. 221)
Das sogenannte Volk möchte von Menschen mit eben dieser "vollkommensten Tugend" regiert werden. Wer die Reden, wer das Wirken, wer das Bild der Person Wulffs betrachtet, kommt zu dem Schluss, es hier mit einem guten Menschen zu tun zu haben. Mit einem nach außen zwar sehr unsicher wirkenden Menschen (daran wird sich nichts ändern) aber mit einem ehrlichen Menschen. Die damals im niedersächsischen Landtag an ihn gerichtete Anfrage ließ ihn unsicher werden und den Privatkredit ablösen. Der - ich weiß um die Vorbelastung des nun folgenden Wortes - Mob am Horizont machte ihm Angst. Der Mob besitzt die Macht, dich einfach zu überrollen. Ob schuldig oder nicht schuldig. Also geht man dem Mob besser aus dem Weg. Obwohl man rechtens auf der Straße bleiben könnte.

Christian Wulff ist nicht die Idealbesetzung für das Amt eines Bundespräsidenten. Das ist keine Neuigkeit. Ein Richard von Weizsäcker war es zu 90 Prozent. Ein Roman Herzog zu 99 Prozent. Ein Johannes Rau zu 70 Prozent. Wulff liegt irgendwo dazwischen.

Aber: Seine Außenwahrnehmung ist immer noch (und völlig berechtigt!) um Längen besser, als jene seiner zahlreichen (aktuell sehr laut aufschreienden) Möchtegernkritiker.

Denn die sich unter der tarnenden Patina verbergende falsche Moral unserer werten Volksvertreterinnen und Volksvertreter, unserer werten Journalistinnen und Journalisten ist nicht nur widerlich, sie ist auch Zeichen einer der wenig schönen Eigenheiten des menschlichen Wesens: des Neides.

Wer der aktuell besonders laut Aufschreienden begleitet denn neben seinem Abgeordnetenmandat nicht auch Ämter im Aufsichtsrat mittelständischer Unternehmen? Wer kann von sich behaupten, nur und ausschließlich seinem Gewissen folgend Entscheidungen zu treffen (ich stelle das Wort "Fraktionszwang" in den Raum)? Wer ist immun gegenüber täglich anklopfenden Lobbyisten? Ihnen allen rate ich zur inniglichen Auseinandersetzung mit Kants Kategorischem Imperativ.

Sie werden mir entgegnen, dass man Amts- und Privatperson trennen könne. Gut, Recht haben Sie. Dann billigen Sie diese Fähigkeit bitte auch dem deutschen Bundespräsidenten zu und beenden Sie diese Scharmützel. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf die wirklich wichtigen Dinge im Amts- und Privatleben und kritisieren Sie das Staatsoberhaupt dort, wo es Kritik verdient hat. Sie werden nicht lange suchen müssen. Danke.

[ähnlicher Artikel: Stahlgewitter]

Montag, 5. Dezember 2011

Alle Jahre wieder

Nervend, oder? Erst die Finanzkrise und jetzt auch noch kein Schnee. Ja auf was ist denn heute überhaupt noch Verlass? Wobei, Obacht: Das Geld wird aus den Steuertöpfen der nur humpelnden (und nicht bereits vollamputierten) Staaten in mediterrane Länder transferiert, damit die dortigen Einwohner weiterhin ihre Steuern an einen Staat zahlen können, der schon seit etlichen Jahren ein Vielfaches dessen zur Zins- und Schuldentilgung ausgibt, was er einnimmt.

Das ist wie mit den Schneekanonen in Garmisch-Partenkirchen. Diese urig naturverbundene Gemeinde im Allgäu (Edit 06.12.11: in Oberbayern) hat nämlich einen Großteil ihrer Immobilien verkauft, um ... die Skipisten beschneien zu können. Etliche Millionen Euro sind in den letzten Jahren in diverse Wintersportprojekte geflossen. Wasserbecken (für den Kunstschnee), Kühlschränke (zur Kühlung des warmen Wassers in den Wasserbecken), Schneekanonen (zur Produktion von Kunstschnee aus künstlich gekühlten Kunstwasserbecken) wurden entlang der naturbelassenen Hänge zwischen Eibsee und Elmau, zwischen Ochsenberg und Schafkopf installiert.
Liebe Garmisch-Partenkirchener, liebe Gemeindevertreter,

ich kann Sie verstehen. Ich kann Sie sehr gut verstehen, denn die schnelle Akzeptanz neu geschaffener Tatsachen war und ist bei Menschen seit jeher gering ausgeprägt. Handelt es sich bei einer dieser neu geschaffenen Tatsachen gar um etwas sehr Schwammiges, mit vielen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten Verbundenes, erscheint es auf den ersten Blick sinnvoll, die bisher gefahrene Strategie beizubehalten.

Und wer weiß, da die Wissenschaft in diesem Jahr einen Link zwischen verstärkter Eisschmelze in der Arktis und harten Wintern auf der Nordhalbkugel gefunden hat, können sich Ihre Investitionen durchaus noch rentieren. Dennoch ist es besser - im realen Leben wie in der Wirtschaft gleichermaßen (ja, ich weiß, nur aus den Wirtschaftstheorien heraus erklärt sich das reale Leben) - mehrere Fähigkeiten zu kultivieren, bzw. mehrere Kleidungsstücke im Schrank zu haben. Eine Gemeinde mit internationaler Bekanntheit wie die Ihre hat es ungleich leichter als andere, mehrere Fundamente für die Zukunft zu giessen.

Erzwingen Sie nicht das Unmögliche, verkaufen Sie nicht Ihre Seele an einen Mephistopheles, der Ihnen kurzfristig alle Wünsche erfüllen kann. Denn irgendwann ist jede Nacht vorüber, irgendwann ist jeder Rausch verflogen.

Plain and simple:

Investitionen in neue Skigebiete?
Ja. Aber nachhaltig, überlegt, den natürlichen Gegebenheiten angepasst.

Ausbau der künstlichen Beschneiungsanlagen?
Nein! Denn damit lösen Sie Ihr Problem nur kurzfristig und lokal. Mittel- und langfristig schaden Sie den kommenden Generationen. Global.

Alternativen zum Skifahren?
Es ist davon auszugehen, dass die Skisaison künftig kürzer ausfallen wird. Um die Besucher dennoch im Winter an sich zu binden, bedarf es eines ansprechenden Mixes aus Kultur und Natur. Nicht zuletzt deswegen ist es ein großer Fehler, sein Tafelsilber zu verschleudern. Und keine Sorge: Auch die hinterletzten Ignoranten werden Ihnen den fehlenden Schnee verzeihen und weiter ihren Urlaub im Süden Deutschlands verbringen. Und wenn nicht, kommen neue Gäste. Gäste, die Ihren Kurs anerkennen und als vorbildlich empfinden.

Mit schneereichen Grüßen,
Ihr Staubkorn
Links:

* Beschneiungsanlagen in Bayern - Stand von 2000
* Beschneiungsanlagen - Ökonomie und Ökologie (Bayerisches Landesamt für Umwelt)
* Ausbau der künstlich beschneiten Fläche in Bayern nimmt zu - Anfrage des bayr. Landtagsabgeordneten Ludwig Wörner (10/2011)

Montag, 24. Oktober 2011

42 und größere Zahlen

Am 30. August diesen Jahres schrieb ich die folgenden Zeilen:
"Wann es freie Wahlen geben kann, wie sich das bislang von Gaddafi clever austarierte Gleichgewicht der traditionell starken Stammeskultur im Land entwickeln (wo doch nun keine Millionen mehr zu ihnen fließen) wird, ob sich überhaupt eine tragfähige Demokratie entwickeln wird können - an der Beantwortung all dieser Fragen wird Deutschland ganz sicher mitwirken."
Die Mitwirkung kann beginnen, denn heute feiert Libyen Tag 4 nach der neuen Zeitrechnung. Der Zeit Nach-Gaddafi. Seit Donnerstag der vergangenen Woche haben wir Gewissheit darüber, dass sich Gaddafi nicht mit einer Fahrzeugkarawane und einem kleinen Devisenvorrat im Kofferraum in einen befreundeten afrikanischen Staat abgesetzt hat. Vielmehr blieb er während des gesamten Kampfes seiner Truppen mit den libyschen Revolutionskämpfern um die Vorherrschaft im Land innerhalb der Grenzen desselben. Erstaunlich finde ich den augenscheinlichen Zusammenhang zwischen seinem Auffinden und der damaligen Ergreifung Saddam Husseins: In einem Abwasserrohr, respektive einem Erdloch endeten jeweils Jahrzehnte despotischer Herrschaft. Orte, wie sie ein Drehbuchautor nicht besser erfinden könnte.

Die Jagd war erfolgreich? Für die Revolutionäre schon, denn sie haben ihre Hassfigur zur Strecke gebracht. Wirklich? Haben sie das? Oder gehört dieser Triumph nicht größtenteils den NATO-Truppen?
"Über Gadhafis Tod freuen sich nicht nur die Libyer, sondern klammheimlich auch diverse westliche Regierungen. Hätte Gadhafi seine letzte Schlacht überlebt und wäre er in Libyen oder vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag auf der Anklagebank gelandet – er hätte vermutlich viel mehr über Deals mit Europa und den USA erzählen können, als man ohnehin schon weiß.
Eine EU-Wahrheitskommission über all die falschen Geschäfte mit dem falschen Mann wäre vielleicht ein guter Anfang."
(Quelle)
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Ob unser braves Sparen dagegen noch ein gutes Ende nimmt, scheint im Angesicht der Euro-Schuldenkrise fraglicher denn je. Gewaltige Veränderungen sind unausweichlich - auf dem sozialen, politischen und wirtschaftlichen Sektor.

Am kommenden Freitag ist der 28. Oktober und damit auch Weltspartag. Ein guter Tag, glaubt man und schaut dabei etwas verklärt auf das Sparschwein im Kinderzimmer; wächst doch der Nachwuchs im tradierten Bewusstsein auf, dass es sich lohnt, die Früchte der eigenen Arbeit (resp. Geburt) zu horten und zu mehren.

Dabei ist die Idee hinter diesem System gar nicht mal so übel: Angefangen hat alles mit einer reinen Naturalienwirtschaft, doch bereits vor fast 5000 Jahren erkannten die Menschen einen Sinn in der Tatsache, "für die zeitlich befristete Überlassung eines Vermögensgegenstands" (Duden) eine Gegenleistung zu erbringen. Der Zins war lange vor den ersten Münzen da und  stellte sich als probates Schmiermittel für Wirtschaftssysteme heraus. Doch der Zins führte auch dazu, dass Banken damit nicht nur ihre Ausgaben deckten, nein, sie begannen - frei und unabhängig wie der Schmied nebenan - in die eigene Tasche zu wirtschaften, ihren Profit zu steigern und neue Produkte zu entwickeln, um damit neue Kunden zu gewinnen. Der Sinn einer Bank - Kredite für die Wirtschaft zu vergeben - geriet aus dem Fokus.

Heute sind Banken AGs, Aktiengesellschaften, die ihren Aktionären jedes Jahr eine gute Dividende ausschütten wollen/sollen/müssen. Der Zins als Möglichkeit für kleine Leute, ihren Hausbau per Kredit zu realisieren hat eine Prioritätenverschiebung erfahren. Heute ist er zum Kern der Gier eines Finanzsystems geworden, dessen unersättlicher Hunger uns alle des Sparschweins berauben könnte.

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Dieses Thema ist nicht nur deshalb so spannend, weil wir alle Betroffene sind. Es ist auch aufgrund seiner Komplexität und gesellschaftlichen Tragweite von gewisser Faszination.

Noch zu Zeiten Luthers waren Kirchen die höchsten Gebäude in einer Stadt. Der Eislebener wollte deren Macht einschränken und prangerte in seinen Wittenberger Thesen u.a. die schier grenzenlose Machtfülle des Papstes an. Die Kirche missbrauchte ihre Macht und hielt den Armen bis zur letzten Münze den Klingelbeutel vor die Gesichter.

Denn der Glaube der Menschen an die Unfehlbarkeit der selbsternannten Sprachrohre Gottes auf Erden hatte sie unwissentlich zu Sklaven eines Systems gemacht, dessen Denker und Lenker nicht permanent einzig das Wohl ihrer Gemeinde im Sinn hatten.

Eines der wichtigen EU-Sprachrohre ließ im März 2010 verlauten:
"Ich bin sehr dezidiert der Auffassung, dass Griechenland keine Hilfe in Anspruch nehmen muss."
(Jean-Claude Juncker)
Und eine weitere Sprachröhre fügte dem hinzu:
"Ich schließe mich an. Nach meiner Beurteilung braucht Griechenland keine Unterstützung."
(Angela Merkel)
Es regnet

Schon im Oktober 2009 wusste man um die reale Höhe des griechischen Staatdefizits (12,7%  anstatt 6%) und schon damals hätte man einen Schuldenschnitt vorbereiten müssen. Merkel schien der gleichen Auffassung, sprach sie doch 2010 erstmalig vorsichtig von einem möglichen Ausscheiden Griechenlands aus der Währungsunion, gar von einer Insolvenz. Frankreich und Großbritannien waren (damals) jedoch nicht ihrer Meinung und vertrauten weiter auf die selbstheilenden Kräfte des Marktes. Was Selbstheilung in Zeiten des Kapitalismus bedeutet, hätte ihnen allerdings klar sein müssen.

Am 2. Mai 2011 schließlich war die Katze aus dem Sack: Deutschland haftet anteilig mit 22,4 Mrd. Euro am gemeinsam von EU, EZB und IWF gespannten, 110 Mrd. Euro umfassenden,  Rettungsschirm. Keine Woche war vergangen, schon erweiterte man die Einlage um 640 Mrd. auf 750 Mrd. Euro. Eine gewaltige Summe und gerade darum hätte jetzt mindestens im Lager der den Brand immer weiter anheizenden Spekulanten Ruhe sein müssen.

Aber ein klares Statement der heimlichen EU-Regierung mit Sitz in Berlin und Paris blieb aus. "Wir stehen hinter der europäischen Idee, ein Zocken gegen den Schirm lohnt sich nicht!" Klare Worte mit potentiell klarer Wirkung? Fehlanzeige.

Ebenso wurden Insolvenzpläne für Staaten und Auffangpläne für Banken (im Falle von Schuldenschnitten) nicht energisch vorangetrieben. Merkel und Sarkozy wurden von Entscheidern zu Getriebenen, die auf Entscheidungen und Fakten nur noch schnell reagieren müssen. Ein permanenter Rettungsschirm (hab ich schon erwähnt, dass mich diese Bezeichnung tierisch nervt?!) mit Namen ESM; ein Fonds mit Namen EFSF; neue Griechenlandzahlungen; neue Beteuerungen, der Euro sei stabil, folgten in der zweiten Jahreshälfte. Die Diskussion ist keine geblieben, Fakten wurden geschaffen. Weitreichende Fakten.

Denn während Merkel oben noch über eine griechische Insolvenz laut nachdachte, steht diese heute vor der Haustür. Wir befinden uns längst hinter der Schwelle zum europäischen Haus der Transferunion, Schulden werden solidarisiert - das Herbstgutachten der Wirtschaftsinstitute konstatiert, dass aus dem ersten Griechenland-Hilfspaket bereits 16,2 Mrd. Euro an KfW-Krediten geflossen sind. Kommt jetzt der Schuldenschnitt von erwarteten circa 60% erhöhen sich automatisch die deutschen Staatsschulden.

Guter und schlechter Wein

Allerdings - soviel Ehrlichkeit muss an dieser Stelle auch sein - profitiert Deutschland (noch!!!) von seiner Top-Bonität bei den Ratinginstituten. Denn viele Investoren gehen nach wie vor in Bundesanleihen, obwohl der gegenwärtig dafür am Kapitalmarkt zu zahlende Zins unter der Inflationsrate liegt. Daraus folgt: Bund, Länder und Kommunen sparen 5 Mrd. Euro Zinsen pro Jahr.

Aber was ist mit den Banken? Verlören die nicht auch 60% des Wertes ihrer griechischen Staatsanleihen? Sicher. Deshalb wurden auch (Stand: 24.10.2011) 200 Mrd. Euro an Kapital zur Stützung dieser Institute bereitgestellt. Bereitgestellt ist nebenbei ein schönes Wort. Es hört sich nach einem lauen Sommerabend an; man geht nochmal in den Keller und stellt einen kühlen Tropfen für die auf der Terrasse sitzenden Gäste bereit. Die Regale sind schließlich gut gefüllt, die Ernte im vorangegangenen Jahr war prächtig.

Aber: Guter Wein reift nur in ausgewählten Regionen, bei guter Pflege und viel Wissen der Winzer. Kapital hat da eine gewisse Ähnlichkeit mit gutem Wein. Fehlt nämlich die Grundlage, können keine Reben wachsen. Befürchtet wird ein sog. Dominoeffekt, wenn nämlich die Banken keine Kredite mehr vergeben können, weil ihr Eigenkapital aufgezehrt wird. Abschreibungen in riesigem Ausmaß wären die Folge, das Kreditgeschäft geriete ins Stocken, Verlustängste in anderen Eurostaaten wüchsen. Als Folge sinken die Anleihekurse der betroffenen Staaten bei gleichzeitig steigenden Zinsen. Eine Insolvenzwelle verbunden mit einer weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise wäre die Folge.

Den eben beschriebenen Weg würde man übrigens auch begehen, folgte man dem Rat des - von mir hoch geschätzten - Bundeskanzlers a. D., Helmut Schmidt. Schmidt sprach gestern bei Günther Jauch davon, den Euro nur noch für die gesündesten Euroländer (Deutschland, Frankreich, Österreich, Niederlande) beizubehalten.
Eine gute Idee? Eher eine fatale, denn diese neue Kernunion würde zum Ziel ausländischer Investoren. Als Folge würde der Euro eine extreme Aufwertung erfahren, der Export einbrechen, die Arbeitslosigkeit steigen, die Staatseinnahmen sinken ... man kennt den Teufelskreis bis hin zur Krise.

Quo vadis?

Nun, die Tür zur eingangs erwähnten Transferunion fällt hinter uns tatsächlich ins Schloss, wenn sich an den politischen Grundlagen nichts ändert. Ohne Sanktionsmöglichkeiten nationaler Finanzpolitik der EU-Länder sind reiche Länder wie Deutschland erpressbar. Ihnen drohen die Spielräume für soziale und innerstaatliche Entwicklungen allgemein verloren zu gehen - eine extreme Gefahr. In letzter Zeit häufig kolportierte Ideen, die nationalen Eigeninteressen zu überwinden und einen europäischen Bundesstaat aufzubauen, um als Europa beispielsweise mit größerem Gewicht gegenüber den global playern China, Indien und Brasilien auftreten zu können, setzen eine schwere und nur mit Volksabstimmung (Stichwort: neue Verfassung) zu erwirkende Entscheidung voraus: Die Abgabe des nationalen Budgetrechts nach Brüssel.

Wollen Sie das? Will Deutschland das? Haben Sie, hat Deutschland künftig überhaupt eine Wahl? Erst wenn der EFSF zur Bank gemacht und sich nach Belieben von der EZB Geld "leihen" kann, erst wenn die gemeinsame Euro-Haftung die Inflation in die Höhe hat schnellen lassen, wird man die fiktive (Stand: 24.10.2011) Entscheidung Pro Brüssel schmerzhaft bedauern.

Hier und heute sollten wir andere Lösungen suchen:
"Durch eine zwangsweise und auf Dauer angelegte staatliche Beteiligung an allen großen Banken, verbunden mit einer entsprechenden Vertretung in Aufsichtsrat und Management, könnten in Europa die Grundlagen für eine wirksame Kontrolle des Finanzsystems gelegt werden. Als Anteilseigner könnten die europäischen Staaten von steigenden Aktienkursen und Dividenden profitieren, die Geschäftspolitik kontrollieren und die längst fällige Restrukturierung des Bankensektors angehen."
(Gabriela Simon im freitag, Nr. 42, S. 6)
Der Glaube an ein globales Finanzsystem basiert auf dem Glauben an etwas, dass sich von der Mehrzahl der Menschen nicht verstehen lässt. Es scheint, als habe sich nach Luther nichts geändert. Es ist Zeit für eine weitere Säkularisierung!