Samstag, 28. August 2010

Les Triplettes de Belleville

Bekommt ein Film grundlos eine Oskar-Nominierung? Nun, am Beispiel des französischen Animationsfilms (Les Triplettes de Belleville) konnte ich mir am vergangenen Donnerstag selbst ein Bild machen.

Sylvain Chomet hat 2003 ein Comic-Werk geschaffen, dass zwar größtenteils mit zweidimensionalen Kulissen auskommt, im Kern aber weit mehr als nur zwei Dimensionen bereithält.

Ein kleiner Junge lebt mit seiner Oma zurückgezogen in der französischen Provinz, zusammen mit dem Hund Bruno. Seine große Leidenschaft gilt dem Radfahren, jedoch verbirgt er diesen Traum (in Form gesammelter Zeitungsausschnitte von der Tour de France) unter seinem Bett. Großmutter Souza bemerkt die Lethargie, weiß aber keinen Rat - bis sie das Büchlein unter dem Bett findet. Champion erhält ein Dreirad, blüht auf und lebt fortan für das Radfahren.

Leben bedeutet Leiden und Veränderung. Fakten, die dem Zuschauer in den folgenden Einstellungen auf drastische Art und Weise deutlich vor Augen geführt werden.
Da ist der berauschende Landschaftswandel in der Provinz - eine Bahntrasse zerschneidet Jahre später das liebliche Tal und führt direkt am Haus der 3 Protagonisten vorbei - und da ist der abgemagerte Champion, abgemagert vom gnadenlosen Radtraining durch Madame Souza.

Überdimensionale Waden und Oberschenkel schieben eine ausgemerkelte Figur durch die Straßen, angetrieben vom monotonen Geräusch der großmütterlichen Trillerpfeife. Der Hund hat sich in die Gegenrichtung entwickelt: quatschenfett lauert er am Abendbrottisch bis Champion - wie immer - den Großteil seines Essens dem Hund übergibt (um selbst nicht zu schwer zu werden).

Bis dahin kann man den Film als arge Parodie auf das Dasein junger Radsportprofis lesen, auf Menschen, die scheinbar ihren Traum leben dürfen, dabei jedoch - für Außenstehende - scheinbar nicht glücklich sind.

Wo gehobelt wird ... genau, und schließlich fährt der kleine Champion von damals auch selbst im Feld der Tour mit. Herrlich der Kommentar des Fernsehreporters zu einer Bergetappe (man sieht die Wohlstandsbäuche der Zuschauer am Straßenrand. Und überhaupt werden im Film allerlei Stereotypen diverser Völker bis zum Gipfel getrieben): "Es ist eine Qual bei dieser Hitze und die Zuschauer leiden mit den Fahrern."

Wo war ich stehengeblieben? Bei Stereotypen. Mafiöse Gestalten entführen bei der Tour 3 Fahrer (darunter Champion) nach Belleville (eine Mischung aus New York und San Francisco), wo diese für die französischen Ganoven illegale Radrennen auf einem Simulator in einem Theater fahren sollen. Gewettet wird auf den Sieger, wer vom Rad fällt wird erschossen.

Großmutter Souza und Hund Bruno haben die Entführer jedoch (nicht zuletzt aufgrund der tollen Bloodhound-Eigenschaften von letzterem) verfolgen und aufspüren können. Zur Befreiung sind sie aber zu schwach. Wie es der Zufall will, wird die in gedankenlosem Klangspiel auf einem verbeulten Laufrad versunkene Oma am Hafenrand von Belleville gehört. Gehört von einem ehemals erfolgreichen französischen Chansontrio, das jetzt abgehalftert im Randbezirk der Großstadt lebt. Stereotypen? Ja, bitte: Also die drei Französinnen leben von ... genau, Fröschen. Die werden auch gefangen, klar, aber wie? Nun, mit einem Kescher, einem Regenschirm und einem Schemel bewaffnet gehts zum Fluss. Und jetzt? Jetzt spannt man den Regenschirm auf und wirft die Granate in den Fluss. Fertig.

Das Abendessen wird als Suppe und am Spieß gredenzt. Herrlich skurril.
Verkleidet als Mafiosi dringen die 5 ins Theater ein, befreien Champion und fliehen in Stirb-Langsam-Manier durch die Stadt. Der Showdown auf der (wahrscheinlich der Golden Gate nachempfunden) großen Brücke entscheidet zwischen Gut und Böse.

Der Zuschauer ist einigermaßen konsterniert, vermutet er doch hinter einer (berechtigten!) Altersfreigabe von 13 Jahren diverse Doppelböden. Ja, ich denke, da so einige gefunden zu haben. Ob dies im Sinne des Regisseurs ist, vermag ich nicht zu sagen. Aber allein der ab Beginn seines Radlerlebens leicht ins debile verschobene Gesichtsausdruck von Champion; die ausgemusterten (da zu alt) Sängerinnen; der verfettete Hund, dessen Energie angesichts einer in Aussicht befindlichen Wurst schier grenzenlos zu sein scheint; brutale, nur am Profit orientierte (und doch mit einer menschlichen Regung - Kinetose - versehene) Mafiosi; die aufopferungsvolle Liebe einer Oma zu ihrem Enkel, dessen Lebensziel sie nach vollen Kräften unterstützt, sind Beweis genug dafür, dass dieser Film viel mehr ist als ein bloßer Comic.

Er ist ein Film über uns alle. Die Bestätigung erhält jeder Zuschauer in der Schlussszene.

Les Triplettes de Belleville

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