Mittwoch, 8. August 2018

Ein Besuch im Klimacamp Leipziger Land 2018

Während einer S-Bahn-Fahrt in den Leipziger Südraum komme ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch. Johannes lebt in Berlin und arbeitet für die GLS Bank im Social Media-Bereich, will heute in Neukieritzsch aussteigen.

Moment, ein junger Berliner, der in Neukieritzsch aussteigen will? Entweder der hat sich total verfahren oder, ja, oder der will zum Klimacamp nach Pödelwitz.


Ich bin einerseits erstaunt, dass sein Arbeitgeber ihn für diesen viertägigen Besuch freistellt, andererseits ist das genau meine Vorstellung von nachhaltigem Firmenhandeln. Wir haben drei Haltestellen Zeit, um meinerseits die Auswirkungen des jahrzehntelangen Braunkohleabbaus in der Region zu schildern und seinerseits das Engagement der GLS Bank zu umreißen.

Ziele

Nachdem ich mir das Programm durchgelesen habe wird eines ganz deutlich: Die mediale Berichterstattung greift beim reinen Anti-Braunkohleprotest als Zweck des Camps viel zu kurz. Im Rahmen der parallel veranstalteten Degrowth Sommerschule etwa werden in Kursen Visionen einer Postwachstumsgesellschaft entwickelt; ferner finden Workshops zum "Ökofeminismus und der Rolle der Digitalisierung in der gesellschaftlichen Transformation" statt. Puuh, das lässt sich nicht so leicht auf einen simplen Nenner - GEGEN KOHLE - herunterbrechen, liebe LVZ?! Eine lebenswerte Zukunft setzt die Begrenzung der Treibhausgasemissionen voraus und das geht nicht ohne Beteiligung der Kohleindustrie. Die deutschen Klimaziele sahen mal eine Reduktion der CO2-Emissionen bis 2020 um 40 % gegenüber dem Jahr 1990 vor. Dank guter Lobbyarbeit - auch vonseiten der Energiewirtschaft - ist dieses Ziel unerreichbar geworden. Dabei könnte alles so einfach sein...



[Quelle]

Ein Interview geht mir nicht aus dem Kopf, Johannes postet es auf Instagram: Ein Angestellter der MIBRAG (Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH) und eine Bewohnerin des vom Braunkohleabbau in seiner Existenz bedrohten Dorfes Pödelwitz kommen darin zu Wort. Erstaunlicherweise sind sich beide darin einig, dass der Kohleausstieg kommen muss. Allein beim erforderlichen Zeitrahmen unterscheiden sich die Meinungen deutlich. Der Tagebau Vereinigtes Schleenhain versorgt das Kraftwerk Lippendorf jedes Jahr mit 11 Mio. t Rohbraunkohle, dabei entstehen 30 bis 38 Mio. m³ Abraum (Quelle). Unter dem Dorf Pödelwitz lagern etwa 23 Mio. t Rohbraunkohle - genug für einen zweijährigen Kraftwerksbetrieb. An diese Kohle will die Mibrag ab 2028 heran, obwohl der aktuell gültige Braunkohleplan des Freistaates Sachsen die geplante Laufzeit des Kraftwerkes Lippendorf bis 2040 auch ohne dieses Abbaufeld gewährleistet sieht.

"Die Mibrag will die Kohle unter Pödelwitz voraussichtlich ab 2028 fördern. Derzeit arbeite man an der Fortschreibung des bestehenden Rahmenbetriebsplans für den Tagebau "Vereinigtes Schleenhain", die Umweltverträglichkeitsprüfung laufe, erklärt Sprecherin Werner. Der Plan sieht zugleich vor, für ein drittes Abbaufeld ein weiteres Dorf wegzubaggern: Auch der Groitzscher Ortsteil Obertitz soll noch der Kohle weichen."
(Oliver Hach)

Ich habe wenig Hoffnung, dass die schwarze Regierung in Sachsen hier ihre Meinung der vergangenen Jahre ändert, zumal der Bock jetzt wahrscheinlich zum Gärtner gemacht wird.

Selbstorganisation und Verhältnismäßigkeit
Eine der alten Eichen in Pödelwitz.

Ich besuche Pödelwitz an einem für diesen Sommer normal warmen Tag mit 34 °C im Schatten, die markante Dorfkirche fällt als erstes hinter der schmalen Reihe Birken an der nunmehr einzigen Zufahrt auf. Wimpel umrunden die gut 400-jährigen Eichen im Dorfkern, mehrere Zeltplätze wurden eingerichtet. Sämtliche temporären Camp-Strukturen wirken improvisiert: Die Duschen, die Waschstrecke, das Versammlungszelt, die Pinnwände... dahinter steht jedoch eine straffe Organisation. Wie so oft im Leben sollte man nicht vom ersten Eindruck auf das große Ganze schließen; die Jungs und Mädels mit den Rastafrisuren da im Schatten einer der alten Eichen sind mir jedenfalls hundertmal sympathischer als der Durchschnittsdeutsche, der seine wirtschaftliche Existenz auf der Ausbeutung fossiler Rohstoffe gründet.

Toiletten im Klimacamp 2018.
Die Waschstrecke. :-)


Eines der von der Mibrag aufgekauften Grundstücke im Ort.

















Organisiert sind am heutigen Aktionstag friedliche Blockaden der Braunkohlezufuhr zum Kraftwerk Lippendorf, ferner Demonstrationen auf dem Kraftwerksgelände. Ich höre ab 5 Uhr die Polizeihubschrauber kreisen und frage mich nach der Verhältnismäßigkeit. Die Flugstunde kostet mit dem Einsatzhubschrauber "MD 902 Explorer" 2.730 Euro (Quelle), Sachsen verwendet den Typ "EC 135".

Unter der Annahme vergleichbarer Kosten beläuft sich allein dieser dokumentierte Einsatz von 5 bis 22 Uhr (= 17 h à 2.730 Euro) auf 46.410 Euro. Am Boden sind parallel ca. 20 Polizeitransporter zwischen Pödelwitz und dem Kraftwerk Lippendorf verteilt, jeweils besetzt mit mindestens 6 Beamten. Ich muss unweigerlich schmunzeln beim Passieren der jungen Leute mit ihren Anti-Kohle-Transparenten vor dem nördlichen Kraftwerkstor, umringt von komplett schwarz bekleideten Polizisten. Hier steht die Sicherheit der ostdeutschen Energieversorgung auf dem Spiel, keine Frage! 200 Meter weiter laufen etwa 20 Camp-Teilnehmer auf dem begrünten Straßenrandstreifen, halten ebenfalls Plakate hoch. Neben ihnen rollen im Schritttempo drei vollbesetzte Einsatzwagen der Polizei.

[Der Einsatz wird ein Nachspiel im sächsischen Landtag haben.]

Wie gehen wir als Gesellschaft mit dringend nötigen Veränderungen um? Veränderungen unserer geliebten Alltagsstrukturen, Veränderungen unserer geliebten Einkaufsstrukturen, Veränderungen unserer geliebten (Fern-)Reisestrukturen?

Hoffnung und Schwäche sind Nachbarn.
Es sind diese jungen Menschen dort am Kraftwerk, die eine lebensgerechte Zukunft für ihre Kinder und Enkel haben wollen. Nicht mehr, nicht weniger. Es ist die Aufgabe der gewählten Volksvertreter, diese Wünsche ernstzunehmen und sinnvolle Kompromisse zwischen den berechtigten Ansprüchen der Bergbauunternehmen, der Steuerzahler und der besorgten Bevölkerung zu erreichen. Das kann gelingen. Das muss schnell gelingen.

PS: Klarstellung.

"Die Mibrag hat bereits alle Grundstücke im Ort gekauft." (Michael Bartsch, taz)

Falsch!

Nach einem sehr informativen Telefonat mit dem Gründer der Bürgerinitiative "Pro Pödelwitz", Jens Hausner, am 08.08.2018 wurde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass "80 % der Häuser im Ort an die Mibrag verkauft worden" sind - OHNE bergbauliche Genehmigung des Kohleabbaus unter dem Dorf! Heißt konkret, die Mibrag hat die Menschen unter Vortäuschung falscher Tatsachen umgesiedelt. Legal? Fragen Sie das Justizministerium.




















Klimacamp Leipziger Land 2018

Initiative "Pro Pödelwitz"

Jens Hausner (Gründer der Initiative "Pro Pödelwitz") auf Twitter

LVZ Live-Blog zum Aktionstag am 04.08.2018

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