Montag, 15. November 2010

Frühling im Herbst

Gewiss hätte ich den gestrigen Tag sozialer verbringen können. Vielleicht mit einem Brunch vor dem Besuch des Bergsichten-Festivals, vielleicht mit einem Besuch bei Plätzchenbäckern, vielleicht bei einer Urlaubs-Dia-Schau, vielleicht mit einer Herbstwanderung.

Aber vor 5 Wochen hatte ich mir beim Besuch dieses tollen Fleckchens während eines Fotostreifzuges durch die Sächsische Schweiz einen Floh ins Ohr gesetzt. Der saß am Samstag bei trübem Himmel und einer Ladung zu zersägenden Holzes noch immer und begann langsam arg zu nerven.

Schließlich schaute ich mir die Wetterkarten für den Folgetag an: Lage südlich einer Luftmassengrenze; lebhafter SO- bis SW-Wind, verbunden mit frühlingshaften Temperaturen; ganztägig Sonnenschein bei maximal 20 Grad. Aus der Ruhe brachte mich dabei der am Samstag ab 18 Uhr einsetzende Regen nicht - der gute Liter sollte nämlich bis 23 Uhr durch sein.

15 verpackte Riegel, 4 Stunden angedeuteten Schlafes und 2,2 Liter verstauter On-Board-Getränke später ging es am Morgen (0.05 Uhr) des Sonntags hinaus in die zaghaft mit Sternen besetzte Nacht. Die Straßen waren noch feucht, trockneten dank Warmluftzufuhr aber ziemlich rasch ab, so dass ich den Wind durchaus begrüßte.

2 Uhr erreiche ich Döbeln, das entgegen früherer Fahrten Richtung Landeshauptstadt nicht auf der Ortsumgehung passiert sondern direkt gequert wird. Autos mit Nachtschwärmern überholen, Treffen an Tankstellen wurden abgehalten, Katzenaugen leuchteten. Ich bin schon wieder weg.

Nossen, Wilsdruff, Roitzsch, es ist 3:45 Uhr und mittlerweile sternenklar. Vorbei an einem großen Obstanbaugebiet rolle ich auf leicht abschüssiger Straße Merbitz entgegen. Hier entsteht eine erste Aufnahme des nächtlich erleuchteten Dresdens. Das ist eine der Toplagen der Stadt hier im Zschonergrund - mit 5 Minuten Autoweg in die City, 5 Minuten Gehweg an die Elbe und 5 Minuten Radweg in das nächste Dorf.




Entlang des Elberadwegs (jetzt kann man den noch befahren) bin ich gut unterwegs und muss nur aufgrund zweier kleiner Baustellen (eine nennt sich Waldschlösschenbrücke) den Track verlassen. Weiter gehts: Pillnitz, Wostra, Heidenau, Pirna, Cunnersdorf, Obervogelgesang, Wehlen (zwischen den beiden letzten Ortschaften wurde an den Gleisen gearbeitet), Rathen, Strand, Königstein (später am Tag sollte man als Radfahrer hier die Elbfähre nutzen und zum rechtselbischen Radweg queren). Jetzt früh, es ist mittlerweile kurz nach 6, nimmt man die B 172 und rollt die 4 km bis nach Bad Schandau.

Erst kommt Postelwitz und gleich danach die scharfe Linkskurve, hinein in den Zahnsgrund. Diesem folgte ich bis kurz vor die Schrammsteinbaude. Guten Morgen. 160 km sind absolviert, die Sonne ist noch nicht aufgegangen, keine Wanderer auf den Wegen. Bis auf einen mit dem geschulterten Rennrad. Ich will durch den Lattengrund hinauf zur Schrammsteinaussicht. Vorbei am Schrammtor sind es bloß knappe 1,5 km Wegstrecke bis zum kurzen Kletteraufstieg über die Metallleitern.


Oben angekommen bemerkte man wieder den kräftigen Wind - aber auch die herrliche Aussicht. Die Suche nach halbwegs passenden Blickwinkeln ließ mir leider nicht die gebotene Ruhe, den Augenblick in ausreichendem Maße zu geniessen. Das gemeinsame Schicksal aller (von was auch immer) Getriebenen.








Gleich hinter dem Schrammtor treffe ich die ersten Wanderer des Tages. "Dort vorne kommen viele Treppen." "Ich weiß. Da bin ich schon hochgelaufen." Ein Schmunzeln konnte ich mir ebenso wenig verkneifen wie die anderen ein abermaliges Sichumdrehen. Wieder an der Elbe wäre es eigentlich an der Zeit für ein Frühstück gewesen. So mit einem Molkeriegel und vielleicht noch einem Molkeriegel? Genau so eines meinte ich. Beim Nachzählen der verbliebenen Vorräte überkam mich indes ein etwas ungutes Gefühl, denn die Randonneursehre schien gegen Ende der Tour noch in arge Bedrängnis zu geraten...

...aber vorher stand die erstmalige Erkundung des rechtselbischen Radweges von Bad Schandau in Richtung Dresden auf dem Programm. Bis zum Campingplatz "Ferdinands Homestay" rollt man flott. Dann sollte man aber entweder auf einen Buggy oder ein Fully umsatteln. Ich hatte keins von beiden, so dass die sich anschließende Waldpassage auf einem verklamottierten Uralt-Wanderweg der erfreulichen Überraschungen wenige zu bieten hatte. Der Kottesteig wurde erst in Rathen wieder rennradtauglich und - nur gefühlt? - von Minute zu Minute voller.


In Pirna wechselte ich wieder die Elbseite. Und das war ein schwerer Fehler, wie sich gleich herausstellen sollte, denn mit jedem Meter der Annäherung an Dresden tauchten mehr Ausflügler, Jogger, Spaziergänger und dergleichen auf. Anfängerfehler, klar, aber die einzige Alternative wäre die B 172 gewesen. Oder eben ab Pirna rechtselbisch bleiben. So oder so bin ich 7 Stunden nach der ersten Passage des Tages erneut an der Waldschlösschenbrücke in spe und wollte es den anderen für ein paar Minuten eigentlich gleichtun: Beine ausstrecken, die Sonne geniessen, Seele... nö, nicht schwach werden.

Waldschlösschenbrücke I
Waldschlösschenbrücke II
Einen kleinen Abschiedsgruß an/in die Großstadt hinterlasse ich - am Terrassenufer sitzend - dann aber doch, bevor ich einen letzten Blick hinauf zur Frauenkirche werfe und meine Fahrt fortsetze. Erneut vorbei am Dresdner Hafen und nun umgekehrt hinauf nach Merbitz geht es auf der gleichen Strecke retour.


Das (die identische Routenwahl) ist in diesem Fall kein Manko gewesen, denn jetzt konnte ich wenigstens bei Tageslicht sehen, was sich seit der letzten Befahrung vor zwei Jahren so verändert hat. In Limbach ist alles beim alten geblieben, aber mein Handy piepte und außerdem wollte ich eh gerade mal absteigen. Gleichsam war Kilometer 240 erreicht, die Getränkevorräte sahen mau aus, dafür hatte ich neue moralische Unterstützung erhalten. Dankeschön.

Die oben erwähnte Randonneursehre (wahrscheinlich nur meine) wurde ab Döbeln richtig auf die Probe gestellt. Alle Riegel gefuttert, Wassereinteilung ab jetzt wie ein Flüchtling in der Wüste.
Glücklicherweise rollt es auf der B 175 / B 176 (wenn nicht gerade Nord- oder Westwind anliegt) entspannt und schnell. Die Sonne ging obendrein in einem wahren Farbenrausch zwischen dunkelblau, orange, rot und violett unter. Ein Zeichen, das ich indirekt so interpretierte, den Pizzaladen in Bad Lausick doch bitte nicht zu überfallen. Und auch die Tankstelle links liegen zu lassen.





Gesagt getan, ich knipse die Lampen wieder an und konzentriere mich auf die nun nur allzu vertraut daherkommenden letzten Kilometer.

Tourdaten:

* 331 km
* 2611 hm
* 14:01 h Netto
* 17:37 h Brutto


IZ --    Somewhere Over The Rainbow - MyVideo

Kommentare:

Wilfried hat gesagt…

Ich fahre ja auch gerne Rad, aber so einme Tour ist schon unglaublich. Sehr schöne Fotos hast du gemacht.

Christian hat gesagt…

Hallo Wilfried,
vielen Dank für deinen Kommentar!

Im Leben ist alles relativ. Ich kenne z.B. Menschen, die nach so einer Strecke erst warmgefahren sind. Aber das wird uns nicht abhalten, weiter den eigenen Weg zu beschreiten.

Viele Grüße in die Roßweiner Region. Hach ja, im Striegistal war's im Sommer auch schön...