Montag, 22. November 2010

Es wird Winter

"Musst du Katz und Hund vom Freßnapf treiben, wird der Winter lange bleiben."
Ganz klarer Fall. Gestern ließ ein Motiv im Vorbeifahren Assoziationen zu einer Region aufkommen, in der der Herbst bereits Geschichte ist:

Deutschland 2010
Norwegen 2005
Und dieser Bussard saß eine halbe Stunde später ein wenig symbolhaft vor dem letzten Sonnenlicht des Wochenendes und harrte - genauso wie wir Menschen - machtlos der nun unaufhaltsam vorrückenden Kälte.

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke
Die ersten Schwibbögen konnte man am Totensonntag in den Fenstern sehen, bald werden beleuchtete Rentiere und illuminierte Hausfassaden, blinkende Terrassengeländer und von Fensterbrettern herabhängende Weihnachtsmänner, Glühwein und Räuchermännlduft dazukommen. Wenn da nicht diese latente Unsicherheit darüber wäre, dass in den Puppen auf dem Weihnachtsmarkt in diesem Jahr nicht nur Scientology sondern nun obendrein Semtex stecken könnte; wenn man vor dem Glühweingenuss (wobei, ich bin ja eigentlich fein raus) nicht einen Vorkoster bemühen müsste; wenn man den Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz nicht genauestens inspizieren und die darunter versteckten RGOs aufspüren müsste; wenn man Tolstoi gelesen hätte - dann (und nur dann) würde es eine schöne Vorweihnachtszeit werden.

Aber he, wer will schon den Sand in den Kopf stecken, Trübsal schlucken oder Depris ziehen. Eben, niemand will das. Freuen wir uns stattdessen auf eine besinnliche Zeit mit Kondomwerbespots von Benedikt im Vorabendprogramm, auf einen Innenminister, der für das transparente Geschenk wirbt, auf eine Steigerung des Umsatzes mexikanischer Drogenkartelle, auf eine Rettung Irlands (oder doch der Deutschen Bank?), auf die Castor-Transporte nach Majak und, ja, auch auf die Abende vor dem knisternden Kaminfeuer.

Das Leben kann so schön sein. Genießt es.

Keine Kommentare: