Dienstag, 18. Oktober 2011

Frei! Frei. Frei?

Wieviel ist ein Menschenleben wert? Unbezahlbar! Sicher? Welche Rolle spielen bei der Bewertung soziale Stellung, nationale Zugehörigkeit und Geschlecht? Keine? Welche Rolle spielen wirtschaftliche Interessen, bilaterale Interessen, multilaterale Interessen? Keine? Wie hoch schätzen Sie eigentlich den Wert ihres Lebens ein? Na?

Nun, nur keine falsche Bescheidenheit - denn auch Ihr Wert ist auf den Cent genau berechenbar.
  • Kompensatorische Lohndifferenziale und der Wert eines statistischen Lebens in Deutschland (von Hannes Spengler) - PDF (225 KB)
In diesem Sinne: Immer brav auf die Kosten-Nutzen-Analyse achten. So wie im folgenden Beispiel.

Die alten jüdischen Gemeinden in Osteuropa wurden im Holocaust nachhaltig zerstört, Überlebende mussten nur allzu oft feststellen, dass in ihrer alten Heimat kein Platz mehr für sie war. Israel wurde das neue Ziel, das Gelobte Land bot Zuflucht. Scheinbar. Denn die umliegenden Länder Ägypten, Jordanien, Libanon, Syrien weiger(te)n sich, einen Judenstaat in ihrer Mitte zu dulden. Der Antisemitismus bei den Arabern wuchs.

Die Errichtung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde damals von vielen Juden als die Erfüllung eines religiösen Traumes betrachtet; nachdem fast 2000 Jahre vergangen waren, seit die jüdische Herrschaft in Palästina erlosch. Am 29.11.1947 einigte sich die UN-Generalversammlung mit Unterstützung sowohl der SU als auch der USA darauf, dass Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat aufgeteilt wird. Jerusalem wurde zur internationalen Zone erklärt. Am 15.05.1948 wurde der jüdische Staat in Palästina für unabhängig erklärt, was zum einen mit der UN-Resolution und zum anderen mit angestammten Rechten begründet wurde.

Israel bemächtigte sich ab 1949 großer Gebiete (Gazastreifen, Golanhöhen, Jerusalem, Westbank des Jordan) über die von den UN umschriebenen Grenzen hinaus. Denn Israel brauchte mehr Raum, die Bevölkerung wuchs stetig; und so hatten Kriege in den Jahren 1956, 1967, 1973, 1982 und 2006 auch kaum Auswirkungen auf den steten Bevölkerungszuwachs, der bis 1989 die Einwohnerzahl Israels auf über 3,5 Millionen und bis 2011 auf fast 8 Millionen hat wachsen lassen.

1993 - 6 Jahre nach der ersten Intifada - reichte Rabin symbolisch Arafat die Hand. Die Palästinenser sollten die Autonomie über den Gazastreifen und das Westjordanland erhalten. Im Gegenzug anerkannte die PLO Israel. Ende 2000, nach dem Scheitern der amerikanischen Friedensverhandlungen unter Bill Clinton in Camp David, brach die zweite Intifada aus. Auch sie forderte bis 2005 unnötig viele Menschenleben in diesem scheinbar nie enden wollenden Konflikt am östlichen Mittelmeer. Die palästinensischen Autonomiegebiete gaben sich 2006 schließlich mit der Hamas eine radikale Führung und Israel damit erneut (wenn auch indirekt) eine Kriegserklärung. Im gleichen Jahr entführten Hamaskämpfer zwei israelische Soldaten in den Gazastreifen - Israel reagierte mit Angriffen auf den Gazastreifen und im Westjordanland. Es war der Beginn des zweiten Libanonkrieges.

Heute, am 18.10.2011, wurde einer der damals entführten israelischen Soldaten, Gilad Schalit, in einem groß inszenierten Gefangenenaustausch in die Arme Benjamin Netanjahus entlassen. Solche Aktionen sind für die beiden Parteien kein Novum. Im Gegenteil, schon mehrere dieser Art fanden statt und statistisch ist dabei ein israelischer Soldat soviel wert (jetzt ist der Bogen schlossen) wie 800 palästinensische Fr...(ja, was für Kämpfer sind es eigentlich genau?)kämpfer.
"Am 11. Oktober 2011 erklärte Benjamin Netanjahu, dass sich die israelische Regierung mit der Hamas auf einen Gefangenenaustausch geeinigt habe. Nach Angaben der Hamas sollen 1000 männliche und 27 weibliche Häftlinge in zwei Schritten freikommen. [...] Zunächst werden 479 Häftlinge freigegeben, darunter 279 zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen Verurteilte und alle 27 Palästinenserinnen, die wegen „Sicherheitsverstößen“ in Israel inhaftiert sind. [...] In einem zweiten Schritt sollen in zwei Monaten weitere 550 Häftlinge freigelassen werden."
(Quelle)
Der Handel sei besiegelt liest man jetzt in den Zeitungen. Verdammt nochmal, hier geht es nicht um Autoteile, hier geht es um Menschenleben, hier geht es um zerrissene Familien (teilweise seit mehreren Jahrzehnten), hier geht es um das Verständnis unserer Kultur!

Doch warum erfolgte diese "Freilassung" erst jetzt? Warum konnte man sich nicht früher einigen? Klar ist, dass Ägypten eine wichtige Vermittlerrolle in diesen Austauschprozeduren zukommt. Und seit in Kairo ein neuer grüner Wind weht, ist die Hamas eher bereit, Zugeständnisse zu machen. Nicht zuletzt geht es dabei auch um ein potentielles Exil für die Hamas selbst, sollte der grüne Wind für Sturm in Damaskus sorgen. Aber auch Abbas' jüngster Schachzug, die Unabhängigkeit eines Palästinenserstaates vor den Vereinten Nationen zu fordern, ist nicht ohne Folgen für die Hamas geblieben. Das Image der ewig Gestrigen, der unflexiblen Starrköpfe haftet ihnen an. Da kommt eine Imagepolitur gerade recht.

Und Israel? Versuche einer gewaltsamen Befreiung schlugen abermals fehl, folglich blieb der Regierung nichts anderes übrig, als sich an den Verhandlungstisch zu begeben.
Leider zeigte sich Israel nach Abbas' Rede in New York brüskiert, weshalb (quasi als direktes Zeichen der Ignoranz gegenüber dem Palästinenserpräsidenten) der aktuelle Deal über seinen Kopf hinweg mit der Hamas und ohne die Fatah ausgehandelt wurde. Für die Hamas ist dieser Dienstag im Oktober unbestritten ein großer Tag. Denn Fernsehbilder von jubelnden, sich nach Jahren der Trennung wieder in den Armen liegenden Familien erreichen eine Menge potentieller Wähler.

Und Gilad Schalit? Wie geht es ihm? Er sieht auf den Bildern ziemlich ausgemergelt und geschwächt aus. 5 Jahre Isolationshaft hinterlassen Spuren, keine Frage. Doch der Körper erholt sich relativ schnell - im Gegensatz zur Psyche. Welche Folgen wird die Gefangenschaft für sein Leben haben? Kann das Rundum-Sorglos-Paket Israels auch die verlorenen Jahre eines jungen Erwachsenen ausgleichen? Wie lang hält der Status des Nationalhelden vor?

Malte Lehming vom Tagesspiegel ist diesbezüglich ziemlich optimistisch, wenn er Schalit quasi prämortem einen Platz in der Geschichte einräumt und dessen Freilassung als Grundstein eines eigenständigen Palästinenserstaates interpretiert. Sein Wort in Gottes Ohr. Inschallah.
"Israel befindet sich seit seiner Gründung im Verteidigungszustand. Den Bürgern des Landes wird viel abverlangt. Wir kämpfen für jeden von euch bis zum Äußersten, keiner wird je im Stich gelassen – diese Botschaft nach innen schweißt die Gesellschaft zusammen. Gilad Schalit symbolisiert daher beides, zum einen die Verwundbarkeit des Landes und die Amoral seiner Feinde, zum anderen die Kraft des Landes und seine Moral. Und wer weiß? Womöglich erwächst daraus sogar neuer Mut. Wer Verbrecher freilässt, um einen Menschen zu befreien, der kann vielleicht auch ein Volk in die Selbstbestimmung entlassen, um sich selbst vom Joch der Herrschaft über dieses Volk zu befreien."

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