Donnerstag, 6. September 2012

Einer für alle(s)

Die vorliegenden Zeilen entstanden im Rahmen einer bescheidenen Promotour für das Gleitschirmfliegen. Mein Verein war eingeladen, zur Neueröffnung des Paunsdorf Centers vom 1. bis 2. September in Leipzig seinen Sport vorzustellen und bekam zu diesem Zweck einen kostenlosen Standplatz auf dem Parkplatzgelände vor dem Einkaufszentrum zugewiesen.

Tag 1

Lustigerweise verbrachte ich schon am ersten von zwei Tagen mehr Zeit mit Sitzen und Stehen in unmittelbarer Nähe dieses Ortes der konzentrierten Konsumanbetung als in meinem gesamten bisherigen Leben. Aber okay, was tut man nicht alles für die gute Sache. Und außerdem waren für den Amokfall die Mädels vom ASB in direkter Nachbarschaft...

Andere Menschen tümmeln sich in Eiscafés, ich sitze an einem wettertechnischen Traumtag gegen 15 Uhr unter einem aufgespannten Gleitschirm neben einer Miniherde Alpakas vom Alpakahof in Quesitz und versuche Männer in Gegenwart ihrer Frauen mit dem Gleitschirmvirus zu infizieren. Jedem Tierchen sein Pläsierchen.







Große und kleine Männer um genau zu sein, denn fünf Kids (jeweils noch unter 14 Jahren - das Mindestalter für einen Ausbildungsbeginn) waren schon im Gurtzeug gesessen (ein lieber Gruß an die bajuwarische Stammleserschaft :-)). Dabei schien die Mom des 13-Jährigen Lofoten-Poloshirt-Trägers, mit der ich zuletzt auf der Bank der mitgebrachten Biertischgarnitur saß, selbst ernsthaftes Interesse am lautlosen Fliegen zu haben. Mehrheitlich sind es aber schon Männer, die sich hier sehen lassen und nach einem Flyer fragen. Schön ist das Spiel mit der Routine. Hat man nämlich die ersten Gespräche hinter sich, machen die nachfolgenden umso mehr Freude. Die Antworten werden flüssiger, rhetorisch runder und im Idealfall entspinnt sich ein gutes Gespräch über Gott und die Welt. Wenn es der Partner zulässt und nicht krampfhaft an der Hand zieht, sie drückt, pausenlos an ihr entlangstreicht.

So, ich musste eine kurze Pause einlegen, denn es war gerade eine, sagen wir etwas kräftigere, Dame mitsamt Töchterchen am Start. Man staunt, in welchen Größen Sandaletten hergestellt werden. Und in welchem Ausmaß Füße aus diesen herausquellen können. Davon gibts jetzt aber keine Bilder - der Gatte mit Maghrebhintergrund hätte mich auf der Stelle erdolcht.


















Wo war ich stehengeblieben? Ah ja, Gespräche über Gott und so. Ein Hobbyschreiberling wie ich mit fotografischen Ambitionen wie ich fragte, nachdem der schon ein bisschen beim Shooting für die Salvation Army zugeschaut hatte, welcher Zusammenhang zwischen einer Canon-Tasche und einer Pentax-Kamera besteht. Nun gut, das war ein netter Einstieg in unseren Plausch, der sich über die nächsten 15 Minuten entspinnen sollte. Jedenfalls hatte er den Deutschlandfunk unter der Woche in der Innenstadt bemerkt (Sendung vom 29.08.12 aus dem Zeitgeschichtlichen Forum "Streitfragen-Ost-West") und mich nach meiner Meinung zu dessen Pkw-Kennzeichen "K-DF" gefragt. Ich wusste, dass der Zug in Richtung NS-Geschichte abfährt und meinte trocken, das Kürzel hätte für mich keine negative Konnotation. Mein Gesprächspartner war da anderer Meinung. Immerhin bekam ich noch ein Lob für die Kenntnis der "historischen Belastung" dieser Abkürzung. Dann wurde gefragt, warum denn NS und SS nicht als vergeben werden und welche Fehler bei der Aufarbeitung unserer Geschichte unterlaufen sind. Okay, die Aufarbeitung der Geschichte, entgegnete ich ihm, sei in keinem Land aufwändiger und tiefer geschehen als in Deutschland. Von Russland und China einmal abgesehen.

Damit gab er sich teilweise zufrieden, wenngleich ich einen gewissen Grummel und Frust in ihm nicht übersehen konnte.

Mittlerweile ist es 18.07 Uhr, die Bilder vom Segway-Stand der Heilsarmee gegenüber sind eben fertig geworden und ich habe sie auf die Kamera des Leiters der Heilsarmee Leipzig, Kapitän Mark Backhaus, überspielt.

Angeblich soll man sie auf dem Facebookprofil des Leipziger Korps finden. Die Segways bekam die Organisation übrigens von Gönnern mit der Bitte zur Verfügung gestellt, das angestaubte Image der Armisten im Dienste Gottes etwas aufzupolieren und sich modern zu präsentieren. Für eine Spende von 3 Euro kann man hier vor Ort eine Runde auf diesen Gefährten drehen.


Der Abendhimmel zeigt sich in Richtung Osten von seiner fotografisch interessanten Seite. Die untergehende Sonne beleuchtet eine Wand aus dunklen Wolken, die sich allerdings als harmlos herausstellten und in der darauffolgenden Nacht dem vollen Mond Platz machten. Auf Nummer sicher ging ich trotzdem, nahm den Schirm vom Zeltgestell und fuhr gegen 20.30 Uhr nach Hause.






















Tag 2

Der neue Tag startet traumhaft mit spätsommerlichem Hochdruckwetter vom allerfeinsten und zahlreichen verlockenden Alternativen zur Standbetreuung auf dem Paunsdorf Center-Parkplatz. Leider waren die Alternativen nur hypothetischer Natur, denn ich muss einen Vertrag erfüllen und kann nicht auf Unterstützung hoffen.


Obwohl, ein Vereinsmitglied lässt sich tatsächlich gegen 12 Uhr für kurze Zeit blicken, auf der Suche nach einem neuen Brillengestell bei F... Zwei weitere rufen mich an und fragen, wo ich heute sei. Es gäbe gute Thermik und man wäre gestern über eine Stun... Komisch, irgendwie hab ich schlechten Empfang und die Gespräche reißen immer wieder ab.

Ich versuche das beste aus der Situation zu machen und begebe mich mit meinen Flyern auf Wanderschaft ins Center. Dort bietet sich einem das volle Bespaßungsprogramm, angefangen bei Modenschauen, über Autoverlosungen und beim Dönerstand noch lange nicht endend. Heftig.




Aber die Leute kommen zahlreich, der Laden ist voll trotz schönsten Wetters. Unverständlich.

Wieder zurück in meiner "lane" folgt ein Gespräch mit dem Inhaber des Leipziger TWIKE-Vertriebes, Lutz Förster.
TWIKE in LE 
Lutz Förster 
försters.com
Er ist mit diesem Leichtelektromobil privat und geschäftlich im Alltag unterwegs und von der Technik vollkommen überzeugt. Das TWIKE bringt eine Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h auf die Straße und der Akku lässt einen erst nach 200 km im Stich. Das hört sich jetzt wenig an, aber überlegen Sie bitte, welche täglichen Strecken Sie zurücklegen. Eben.










[Eine Minute Ladezeit entspricht einem Kilometer Fahrstrecke.]

In der Einstiegsversion kostet es 16.590 Euro, ein Akku mit 200 km Reichweite schlägt mit weiteren 15.000 Euro zu Buche. Keine Frage: 30.000 Euro für diesen Mini-Zweisitzer werden die wenigsten ausgeben wollen - Umweltliebe hin oder her.

Die Technik bietet heute leider noch zu wenig Reichweite und Stauraum für das viele Geld (ein Segway kostet auch 8000 Euro). Deshalb muss sich u.a. auf diesen Feldern etwas ändern, um die Attraktivität der Elektromobilität zu steigern. Vielleicht wären ja auch staatliche Umsteigeprämien (sinnvoller als die damalige Abwrackprämie sind sie allemal) eine Option. Jedenfalls bleibt das ehrgeizige Ziel von 1 Mio. Elektrofahrzeugen auf deutschen Straßen in 2020 in der Tat sehr ehrgeizig.

Je später der Nachmittag umso interessanter die Gäste möchte man meinen. Ich bekomme sogar erneuten Besuch von einem bereits am Vortag Anwesenden, der es sich nicht nehmen lassen wollte, erst mit dem Ballon am Kran einen Rundumblick über das Gelände zu geniessen und anschließend einen Schnack über das Gleitschirmfliegen zu halten. Zahlreiche Familien flanieren jetzt um 16 Uhr vorbei, von denen die jeweils kleinsten Mitglieder in meinem Gurtzeug Platz nehmen. Ähm, so war das eigentlich nicht gedacht - aber ich kann ja schlecht den Papa an Stelle der kleinen Tochter ins Gurtzeug setzen. ;-)

Lustige Schnappschüsse entstehen auf diese Weise, etwa dieser hier, bei dem fast nur noch die Füße zu sehen sind:

Wenig später gibts meine Segway-Premiere. Etwas zögerlich steige ich auf, nicht wissend, ob überhaupt und wenn ja wie schnell sich mein Körper an dieses Vehikel gewöhnen kann. Doch alle Angst war unbegründet. Ich fahre "als hätte ich nie etwas anderes gemacht" (O-Ton des Besitzers) - eine Tatsache, die in Anbetracht der zahlreichen Wackeltouren, die ich bis dato beobachtet hatte, nicht selbstverständlich ist. Vielleicht war das hier wieder ein klassischer Fall der Unterschätzung der eigenen Person. Vielleicht. Und vielleicht gibt es tatsächlich noch mehr, das schnell ohne Wackler in den persönlichen Erfahrungsschatz integriert werden könnte.

Was gibt es noch zu berichten?
  • Ein Benz-Schlüssel samt Betthase am Heilsarmee-Stand im Tausch gegen eine Runde Segway
  • Ein 120 kg-Mensch mit Interesse am Tandemfliegen
  • Alpakas mit Bauchrednertalenten
  • Familienzwist zwischen Bruder und Schwester, wer zuerst ins Gurtzeug darf

Etwa 18 Uhr beginne ich mit dem Abbau des Standes: Zwei Schirme müssen zusammengelegt, Zeltkonstruktion und GS-Simulator demontiert, die Tische und Bänke auf dem Hänger verladen und das Kleinzeug im Pkw verstaut werden. Meine Standnachbarn kommen persönlich vorbei und verabschieden sich; Mark Backhaus mit der Einladung, ich könnte gerne mal jemanden zum Segway-Fahren mitbringen und dann eine Runde drehen. Tja, da es da niemanden gibt, wird das Angebot wohl verfallen. Lutz Förster erhält von mir eine CD mit den fertigen PR-Fotos der zwei Tage und der ASB wird uns beim nächsten Erste-Hilfe-Kurs für den Verein unterstützen.

Einer für alle? Es gibt schlechtere.

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