Dienstag, 23. Februar 2010

Rohe Leber

"Gewinn und Verlust an Lebensqualität halten sich bei der Liebe die Waage, wozu also der ganze Aufwand? Kinder: eine biologische Notwendigkeit."
(Harald Martenstein, ZEIT-Magazin Nr. 53/09, S. 6)
Hach, die Biologie. Sie lässt Busfahrer in Österreich während der Fahrt einschlafen, Morde mit gefälschten Pässen begehen, Soldaten rohe Leber verspeisen, Priester sich an ihren Schutzbefohlenen vergreifen und Schlammfluten durch Funchal rauschen. Na gut, sie lässt auch 3,5 Mrd. US-$ im vergangenen Jahr in den USA zur Beeinflussung politischer Entscheidungen fließen. "So wahr mir Gott helfe."

Gruppenzugehörigkeit hat die (meist Kosovo-Albaner) Insassen des Reisebusses in ihre Heimat fahren und gestern zurückkehren lassen, Gehorsam gegenüber Vorgesetzten hat in Dubai (und ungezählte Male jeden Tag, weltweit) einen Mord geschehen lassen, der - da Pannen unterlaufen sind - nun in der Öffentlichkeit eine kleine Diskussion zu Recht und Unrecht hat ausbrechen lassen. Wobei, "outbreak" ist hier das falsche Wort, denn die Spuren lassen sich in ein Land zurückverfolgen, dessen Status im internationalen Politikzirkus gewiss "gottähnlich" zu nennen ist. Da kocht man auf kleiner Flamme, fügt sich in die "biologische Notwendigkeit" und lässt das Thema schnell von neuen Guido-Äußerungen und Rüttgers-Dinnerabenden überwuchern. Mahlzeit.

Heute wurde im DLF über weitere - bisher unbekannte - Fälle von Misshandlungen an Soldaten in deutschen Kasernen berichtet. Was soll, verdammt nochmal (sorry, Benedikt), dieses scheinheilige Getue (nochmal sorry)?! Es gibt Initiationsriten seit es Menschen auf diesem Planten gibt. Soll die jetzt ein "schockierter" Herr Wehrbeauftragter Robbe aus der Welt schaffen? Soll die Truppe nicht etwa Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl erzeugen und somit im Kampf gegen alle Feinde bestehen können? Ob der Feind Hochwasser oder Taliban heißt, spielt da keine Rolle. Hauptsache synchron. Die Menschenwürde wird durch so ein Verhalten bedroht? Nein, die Menschenwürde wird durch ganz andere Sachen bedroht!

Jetzt aber, Christian, mal was Positives. Der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz verspricht Aufklärung und "Abstellung" der Vorfälle. Ja, da lacht das Herz eines jeden (?) Priesterschülers, der Papst ist auch zufrieden, da aus der Schusslinie deutscher Kirchenkritik, und M. Käßmann trinkt gleich nochmal einen. Prost!

So, mein Wochenstart in Kurzform nähert sich dem Ende. Die beliebte Urlaubsinsel (nein, aus keinem Reiseprospekt geklaut) Madeira heißt zu deutsch "Holz". Eben jenes wird seit 500 Jahren auf dem Eiland gerodet und nur unzureichend nachgepflanzt. "Sustainable" ist das nicht gewesen, denn die Fluten vom vergangenen Samstag konnten sich fast ungehindert ihren Weg aus den Bergen in Richtung Meer bahnen. Es zeigen sich abermals direkte geoökologische Zusammenhänge aufgrund anthropogener Eingriffe in tropische Ökosysteme.
"Simulationen von Entwaldung der Tropen und zukünftigen anthropogenen Einfluss auf die Landbedeckung sagen hingegen eine Erwärmung um 1-2°C vorher. (Feddema et al., 2005)."
Höhere Temperaturen führen zu vermehrt auftretenden Niederschlägen, da warme Luft mehr Wasser speichern kann.
"Landbedeckung und Landnutzung haben direkten Einfluss auf die Qualität und Quantität von Ökosystemwaren und -dienstleistungen (Vitousek et al., 1997) wie Biodiversität (Sala et al., 2000) oder Trinkwasserverfügbarkeit (Rosegrant et al., 2002), sie sind die primäre Ursache für Bodendegratation (Tolba et al., 1992) und beeinflussen biogeochemische Kreisläufe (McGuire et al., 2001) und das lokale, regionale und globale Klima (Brokvin et al., 1999; Chase et al., 1999; Houghton et al., 1999)."
Es wird viel Geld nötig sein, um den Wiederaufbau zu bewerkstelligen. Ob auch in die Wiederaufforstung investiert werden wird bleibt nur allen Beteiligten zu wünschen. Ihre geliebte Insel hat dazu jedenfalls keine Alternative, soll sie auch in Zukunft noch die Lebensqualität ihrer Bewohner durch ein intaktes Ökosystem und davon angelockte Besucher erhalten.

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