Montag, 15. März 2010

In Schulen wird gelernt

Kein noch so einfallsreicher Lehramtsanwärter kommt in seiner Ausbildung um die Theorien von Neill und Montessori zum reformpädagogischen Unterricht herum. Das selbstbestimmte Lernen; Lehrmaterialien, die die kindlichen Sinne ansprechen; die Stärkung des jugendlichen Selbstbewusstseins als Grundlage für eine Entwicklung hin zum unabhängigen Leben in der Gemeinschaft; Angebote statt Gebote; das sind alles zu befürwortende Methoden. Junge Menschen brauchen Lernangebote, Vorbilder und Nähe, sollen sie sich ihren Anlagen entsprechend entwickeln können. Was sie aber nicht brauchen, sind homosexuelle Lehrer, die sie zum Strip-Poker nötigen und in die Dusche begleiten!

Nicht alle Reformpädagogen hatten meine naiven, oben aufgeführten Ideale auf der Agenda. Einigen unter ihnen ging es gar um handfeste "antidemokratische Führungsphantasien" (Jürgen Oelkers) oder um die Vorbereitung hanebüchener Gesellschaftsutopien. Eine Gruppe gemeinsam lernender und lebender Menschen entwickelt zwangsläufig gegenseitige Abhängigkeitsverhältnisse. Soweit, so normal. Führt diese Nähe aber zu Unmündigkeit und Unterwerfung, ist das ganze System aus den Fugen geraten. Der in diesen Tagen oft zu lesende Zusatz, "wir waren wie eine Familie" verwandelt sich dabei in Anbetracht der zunehmenden Zahl bekannt werdender Mißbrauchsfälle in puren Zynismus.
"Traditionen sollen identitätsstiftend sein, aber dann muss man wissen, was man tut."
(Jürgen Oelkers)
Bernhard Bueb, einst Direktor im Internat Salem, stellt sich heute schützend vor den ehemaligen Direktor der Odenwaldschule, Becker, und Hartmut von Hentig lobt gar (wie soll es anders sein) seinen Lebensgefährten(!) Becker als den "größten Pädagogen der Gegenwart".
"Wenn überhaupt, dann könnte mal ein Schüler den Lehrer Becker verführt haben."
(Hartmut von Hentig)
Bemerkenswert lesen sich die ehrlichen Berichte von Amelie Fried und Daniel Cohn-Bendit - beide ehemalige Internatsschüler. Fried machte beim Strip-Poker und gemischten Duschen mit, um nicht dem Nimbus einer "verklemmten schwäbischen Spießerin" (Amelie Fried) anheimzufallen. Ihr Fazit fällt dennoch sehr positiv aus, bestehen doch noch heute Kontakte zu ehemaligen Mitschülern und hat die Erfahrung des Lebens in einer starken Gemeinschaft keinesfalls nur negative Nuancen an sich. Ein ähnliches Resumé zieht Herr Cohn-Bendit, der nach eigener Aussage nur dank der fürsorglichen Aufnahme in der Odenwaldschule überhaupt erst richtig in Deutschland Fuß fassen konnte.

Alle Konzepte und Theorien können pervertiert werden. Auch und gerade dann, wenn Einrichtungen sich anmaßen, eine Familie in allen Punkten ersetzen zu können. Unterdrückte und nicht ausgelebte sexuelle Wünsche / Bedürfnisse / Neigungen sind sozialer Sprengstoff, der sich im schlimmsten Fall durch den Tod Unschuldiger zur schrecklichen Bedrohung mausert. Lebensferne Gebote und gegen die menschliche Natur gerichtete gesellschaftliche Vorschriften (ich denke auch an das Zölibat) führen unwillkürlich zu Streß und sprunghaften Überreaktionen bei den Betroffenen. Akzeptiert eine Gesellschaft (noch) nicht die Tatsache, dass es ebenso gleichgeschlechtliche Liebe gibt und diese genauso eine Gleichbehandlung einfordert wie die Liebe zwischen Mann und Frau, trägt sie eine nicht geringe Mitschuld an den Vorgängen in Internaten und Priesterschulen. Weltweit!

Lesenswert: Eine Polemik über unsere Mehrwegmoral. (editiert am 27.03.10)

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