Montag, 5. Dezember 2011

Krankenhausgespräch

Darf ich fragen, wie alt Sie sind? Nun, unter Einbeziehung der Statistiken zur Internetnutzung in Deutschland, wahrscheinlich unter 60.

Gestern habe ich mit einem Mann fast genau diesen Alters (59) gesprochen. Es war im Krankenhaus und er saß gerade beim Abendbrot - 2 Stück Butter, 2 Scheiben Toastbrot mit Mortadella, 2 Scheiben Toastbrot mit Streichkäse, ein Becher Joghurt, 400 ml Wasser (die Ration ist für jeden Patienten definiert und - in einem Wirtschaftsbetrieb üblich - den Bedürfnissen angemessen). Soll heißen: Er bekommt, was er zum Funktionieren braucht. Punkt.

Jedenfalls wollte ich wissen, welches Leiden ihn plagt. Defekte am Bewegungsapparat waren ausgeschlossen (zumindest im Rahmen der gesellschaftlich anerkannten Parameter) - also musste ein innerer Schaden vorliegen. Viele Menschen haben innere Schäden, liegen aber nicht gleich auf der Station für "Innere Medizin"; wie sollte der Herr Bahr das auch vor den Lobbys rechtfertigen? Eben.

Also? Ein Defibrillator wurde ihm in diesem Jahr implantiert, jetzt fand eine Nachuntersuchung statt. Ich musste spontan - eine meiner ganz ganz großen Schwächen (neben der, gegenüber schönen Frauen keine eigene Meinung mehr zu besitzen) - an die abertausend Kinder in Pakistan, Indien, Bangladesh,... denken, deren Alltag darin besteht, barfuss und ohne Handschuhe, auf Müllkippen nach Metallresten zu suchen. Die auch in Entwicklungsländern ansteigende Recyclingquote macht ihnen das Leben zusätzlich schwer. Wir haben also auf der einen Seite Kinder, deren Kindheit mit 5, 6 Jahren beendet ist und auf der anderen Seite den durchschnittlichen männlichen Mitteleuropäer, der ein paar Kilo Übergewicht mit sich trägt, eine Brille benötigt, eine handwerkliche Ausbildung hat, im Mehrfamilienhaus wohnt, verheiratet ist, ein Kind hat, angestellt ist, irgendwann im Leben geraucht hat, unauffällig dahinlebt.

Ein netter Mann. Er wird einen selbst zwar nie in Frage stellen, aber das spielte zu diesem Zeitpunkt keine Rolle. Denn eine intensive Freundschaft war nicht mein Anliegen. Vielmehr war ich neugierig, wie lange die Akkus halten (a), wie sich eine "Reanimation" anfühlt (b), wie häufig es sie schon geben musste (c), welche anderen Indikationen neben den Herzrhythmusstörungen vorliegen (d), ob sich etwas am Lebenswandel seit der OP geändert hat (e).

Zu a): Zwischen 3 und 6 Jahren.
Zu b): "Wie ein Blitzschlag" (kenn ich auch nicht). "Es gibt einen Hieb und man sieht ein helles Licht. Das war's schon."
Zu c): Zweimal (zuletzt beim Einräumen des Kühlschranks).
Zu d): Bypässe, Stents, künstlicher Bluter.
Zu e): Er hat das Rauchen aufgegeben (nach immerhin 44 Jahren), trinkt nicht mehr, läuft zweimal die Woche je 20 Minuten um den Block.

Sein Sohn raucht - "Der ist ja auch erst 23.", seine Schwiegertochter raucht ebenfalls. Das Abendprogramm bestand (nach Eigenaussage) aus Schwer verliebt, Bauer sucht Frau, Jahresrückblick mit Günther Jauch. Man könne dabei so herrlich lachen.

Wissen Sie was: Ein jeder lebt sein Leben nach seiner Façon und das ist auch gut so. Aber: Wenn der Drang sich weiterzuentwickeln, sich mit anderen zu messen, sich auszutoben, sich zu reflektieren, sich nackt im Spiegel anzuschauen, sich zu bilden, sich als Vorbild zu versuchen, verkümmert ist, dann ist auch das Leben verkümmert und erloschen.

 
Eine Frau und ein Sohn sind nicht das Ende. Sie sind verdammt nochmal der Anfang!

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