Mittwoch, 25. Januar 2012

J. Edgar

Eines vorweg: Dieser Film prügelt einem nicht die ungeschönte Wahrheit (das, was hinter dem von uns verwendeten Begriff Realität zu finden ist) ins Hirn, auch bleibt er weit weniger lang im Gedächtnis als beispielsweise Eastwoods Meisterwerk Gran Torino.

Und trotzdem ist es dem Meister sozialkritischer Dramatik mit seinem aktuellsten Stück erneut gelungen, die Zuschauer aufzurütteln und den Finger auf eine Wunde zu legen, deren weitreichende Folgen wahrscheinlich - in verschiedenster Ausformung - so mancher Kinogänger selbst schon zu spüren bekam.

J. Edgar Hoover war von 1924 bis zu seinem Tod 1972 Leiter des FBI; einer Behörde, die in nicht wenigen Kinofilmen eine zentrale Rolle einnimmt und deren Einfluss auf die amerikanische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts von vielen nach wie vor unterschätzt wird. Auch ich weiß wenig bis nichts über die "US-Schlapphüte" und war daher schon fast ein bisschen dankbar für diese filmische Einladung zum frontalen Geschichtsunterricht.

Jeder kennt Clarice Starling, die junge FBI-Ermittlerin in Das Schweigen der Lämmer. Nicht? Dann holen Sie es nach! In einer Szene joggt sie auf einem Trimm-dich-Pfad durch einen Wald in der Nähe der FBI-Akademie in Quantico, Virginia und gewährt damit ganz nebenbei einen Einblick in die Bedeutung des Sports für angehende Bundesagenten. Körperliche Fitness ist bis heute ein wichtiges Kriterium, um überhaupt als angehender Agent ins Trainingsprogramm aufgenomen zu werden (hier ein Einblick in die Anforderungen an künftige Mitglieder des Hostage Rescue Teams HRT).

Hoover war von Anfang an wichtig, das FBI zu professionalisieren und einen Berufsethos zu etablieren. Einen Berufsethos, der darauf bestand, es als erste Pflicht anzusehen, sich körperlich und geistig vollkommen den Aufgaben des FBI - der Verfolgung von Verstößen gegen Bundesgesetze und der Spionageabwehr - zu widmen.

Zuversicht, Edgar

Eastwood baut diesen Film nicht streng chronologisch auf, sondern illustriert verschiedene Stationen der Biographie Hoovers anhand von dessen fiktivem Diktat der eigenen Memoiren in die Schreibmaschine wechselnder Assistenten. Diese Arbeitsweise ermöglicht einerseits eine Komprimierung des umfangreichen Stoffes und andererseits eine Fokussierung auf die vermeintlichen Schlüsselstellen im Leben Hoovers, ohne die sein Handeln nicht interpretierbar wäre.

Es beginnt auch gleich recht amüsant mit einer privaten Führung in der Kongressbibliothek von Washington. Hoover, in seinen 20ern, hatte ein Katalogisierungssystem entworfen und fand es angemessen, die Präsentation dieser Arbeit als Vorwand und Rahmen für einen Heiratsantrag an eine neue Angestellte des FBI zu nutzen. Völlig überfordert von der Situation, fällt er vor der perplexen Angebeteten im leeren Lesesaal auf die Knie und bittet um ihre Hand. Diese Einstellung ist für Eastwood der Schlüssel zum Verständnis Hoovers: Wenn es schon nicht aus freien Stücken gelingen will, so muss man sich durch akribische Arbeit, durch das manische Sammeln von Fakten und die Anlage von Aktenbergen mit kompromittierenden Inhalten, die Liebe Loyalität seiner Umgebung sichern. Besser: Erpressen.
Insofern ist die geschilderte Szene alles andere als amüsant - stattdessen zum Heulen tragisch.

Miss Helen, das Mädel aus der Bibliothek, wird übrigens bis zum Lebensende Hoovers dessen Sekretärin bleiben und neben Clyde Tolson als einzige Person Zugang zu seiner Gefühlswelt bekommen.

Wobei, es gibt da noch eine Person in Hoovers Leben, der im Film zentrale Bedeutung zukommt, zukommen muss: seine Mutter. Judi Dench spielt, wie nur Judi Dench es spielen kann, eine Frau mit betonharter Moral und butterweichem Herzen. Eine Frau aus der Mittelklasse der Washingtoner Gesellschaft, die einen an schweren Depressionen leidenden Mann im Haus hat und sich für ihre (3) Kinder nur das Beste wünscht. Soweit, so durchschnittlich. Tragik kommt in diese Mutter-Sohn-Beziehung jedoch durch die große Nähe der beiden - bis zu seinem 43. Lebensjahr (Hoovers Mutter starb 1938) lebte er mit ihr unter einem Dach. Sie kannte zeitlebens dessen homosexuelle(?) Orientierung, war sich aber auch des Umstands, dass dieser Fakt in der Lebenszeit des Sohnes vor der Gesellschaft versteckt werden musste, nur allzu bewusst. Das Wissen über die für ihn daraus resultierenden gesellschaftlichen Probleme versuchte sie durch das Anlegen eines Albums mit gesammelten Zeitungsausschnitten vom erfolgreichen beruflichen Werdegang ihres "Edgars" zu verdrängen.

Ganz stark wird der Film in gerade solchen Einstellungen: Die Mutter presst die Meldung über die Berufung des Sohnes zum FBI-Direktor an die rechte Brust, verdrückt dabei Tränen und legt ihm anschließend noch ein Stück Braten auf den Teller, der schon mehr als gut gefüllt ist.
Später wird sie ihm im heimischen Schlafzimmer noch das Tanzen beibringen und diesen Satz sprechen:
"Zuversicht, Edgar, Zuversicht - welke nicht dahin wie ein Blümchen, dass kein Wasser bekommt."
Clyde Tolson

Sie wurden einander in einer Bar vorgestellt, von einem Kollegen Hoovers. Der junge, gutaussehende Mann mit Karriereziel "eigene Kanzlei" und er, der junge FBI-Chef, mit Karriereziel "anerkannt und geliebt zu werden".

Tatsächlich war es große Zuneigung, die Hoover dazu brachte, diesen Clyde Tolson bis zum Lebensende als seinen Stellvertreter an sich zu binden. Als Ersatz für eine Ehe?
Darüber streiten Historiker bis heute.

Mit den Ermittlungen im Fall des entführten Lindbergh-Sohnes beginnt im Film schließlich der Aufstieg des FBI zu einer ernsthaften Bundesbehörde mit weitreichenden Befugnissen sowie dem Bestreben, durch interdisziplinäre Zusammenarbeit (u.a. dem Einrichten von Laboren zur Untersuchung von verschiedensten relevanten Tatortspuren) jedes Verbrechen aufklären zu können. Das ist ein unbestrittener Verdienst Hoovers.
Parallel gießt das FBI aber auch erste Fundamente zur Errichtung eines Überwachungsstaates,
indem es einflussreiche Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens ohne Grund observiert. "Ohne Grund" ist selbstverständlich nicht richtig. Denn der Vorwand, Kommunisten zu jagen oder Verbrechen vorzubeugen, stand Pate für die Anlage dieser Geheimdossiers.

Geheimdossiers deshalb, weil sämtliche Akten der auf Hoovers Geheiß hin Ausspionierten in sein eigenes Archiv wanderten. Sie dienten der Erpressung und Machtsicherung. Einerseits.
Andererseits dienten sie aber sicherlich auch der Befriedigung einer voyeuristischen Ader des Auftraggebers. Die privaten Aktenschränke waren der Fetisch Hoovers. Der Fetisch, der in der Lage war, ihm jeden Tag neue (Ersatz)Befriedigung zu verschaffen und - etwa beim regelmäßigen Wechsel der US-Präsidenten - ihn mit stets stolz geschwellter Brust ins Oval Office marschieren ließ, um dem neuen Amtsinhaber zu zeigen, wer die Nummer 1 im Staate ist.

Wild und zahm zugleich

Beängstigend. Wer soviel Macht hat, wird irgendwann zu einer Bedrohung. Und in der Tat war J. Edgar Hoover eine große Bedrohung. In erster Linie für sich selbst. Wer sich nämlich zeitlebens Zwängen unterworfen sieht/unterwirft und keine Fluchtmöglichkeit erkennt, wird zu einem Tier, das in die Ecke gedrängt wird. Es sieht nur noch sich, nur noch sein Überleben, nur noch seinen Feind.

Die ihm zur Verfügung stehende Fluchtmöglichkeit war die Aufklärung von Kriminalfällen. Und die Ernte der damit verbundenen Lorbeeren. Unwichtig dabei, welches Team den jeweiligen Fall tatsächlich aufklären konnte. Unwichtig dabei, ob möglicherweise manche dieser Aktionen als Folge einer Paranoia und Menschenjagd betrachtet werden können. So entstand nach und nach eine Parallelwelt, in der sich ab einem gewissen Punkt nur noch Hoover selbst auskannte. Er log im Kongress, danach gefragt, ob die sogenannten "G-Men" der Eigenwerbung des FBI dienen - die Antwort war "Nein". Er zögerte lange mit der Antwort, als ihm die Frage gestellt wurde, ob tatsächlich er all die Verhaftungen durchgeführt hat. Er zögerte bei dieser Frage deshalb lange, weil sie ihn ins Mark traf. Sie drückte unbarmherzig - obendrein in der Öffentlichkeit des Gerichtssaals - auf sein lebenslang wundes Selbstwertgefühl. Die Folge war eine neue Akte. Eine Akte über den Fragesteller.

Verbitterung und der sehnliche Wunsch nach Anerkennung, nach Liebe prägen Eastwoods Porträt des FBI-Gründers. Da ist es nur folgerichtig, dass Hoover im ganzen Film nicht ein einziges Mal lacht. Mit einer Ausnahme: Auf den Wochenendausflügen gemeinsam mit Tolson zur Pferderennbahn. Sie scheinen ihm, sie scheinen ihnen beiden, für wenige Stunden das zu ermöglichen, was sie sich am sehnlichsten wünschen: Ungehemmte Zweisamkeit.

Mit solchen Bildern will der Film den Zuschauer mit der Person seines Protagonisten versöhnen, diese Anteil haben lassen am Leben all der Nicht-Geächteten und posthum den vielen (zu recht) kritischen Stimmen ein menschliches Antlitz hinter der unbarmherzig wirkenden Maske präsentieren.
Was also bleibt im Gedächtnis, nachdem der Vorhang sich geschlossen hat?

Nun, es bleibt die Erkenntnis, dass, wer sich nicht selbst im Spiegel betrachten kann, dazu verdammt ist, ein unglückliches und auf ewig unerfülltes Leben zu führen, das sich in all seiner zunehmenden Verbitterung zu einer wahren Bedrohung für die Umwelt auswachsen kann. Es bleibt das Bild eines Mannes, der, vielleicht weil er zur früh gelebt hat, sich bis zum Tod (als Kompensation?) in die Arbeit gestürzt und so den Aufbau einer Behörde vorangetrieben hat, deren Arbeitsweisen und Methoden wegweisend für die Kriminalistik des 20. Jahrhunderts sind.

Und bei mir bleibt die unterbewusste Mahnung, stets die Gründe für menschliches Handeln zu hinterfragen. Denn große Geschichten beginnen immer entweder mit einem Ja oder mit einem Nein.

J. Edgar


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