Samstag, 28. Januar 2012

Mordsspaß

"Bei meiner Abreise aus Alabama nach Irland hatte ich mir vorgenommen, ein Haus auf dem Land zu finden, das so weit wie möglich von der Zivilisation entfernt war, damit ich absolut nichts anderes tun konnte, als zu schreiben.

Meistenteils hielt ich mich ziemlich gut an den Plan. Ich hatte Freundinnen, aber sie kamen in mein Leben und verließen es mit einer Regelmäßigkeit wieder, nach der man die Uhr stellen, und mit einer Zwangsläufigkeit, auf die man sein letztes Hemd verwetten konnte. Sie kamen mutmaßlich deshalb in mein Leben, weil ich höflich und geistreich war - jedenfalls wenn ich mich dazu aufraffen konnte - und immer noch ungewöhnlich gut aussah, zumindest für einen Hochschullehrer, denn mein Gesicht war noch nicht durch Jahre alkoholischer Ausschweifungen ruiniert. Sie verließen mich wieder, weil sie rasch begriffen, dass ich wenig für sie empfand und sie nur als bequemes sexuelles Ventil benutzte. Ich war eben nicht in der Lage, mein Leben mit einem Menschen zu teilen; ich hatte andere Sorgen.

Im Grunde genommen war ich wohl von Natur aus ein Misanthrop. Darauf bin ich nicht stolz, und es ist keine Seite meines Charakters, die ich pflegen möchte oder gepflegt habe. Aber das Merkmal ist unübersehbar vorhanden. Mit wenigen Ausnahmen sind meine Beziehungen zu anderen Menschen stets von dem Gefühl - einer vagen, grüblerischen Einsicht - durchdrungen gewesen, dass ich nur die Zeit totschlüge. So schlich sich der Alkohol in mein Leben ein. Ich hatte mich immer betrinken müssen, um mit Freunden - sei es in Wales, Manchester, Oxford oder Alabama - umgehen zu können. Das soll nicht heißen, dass ich mich nicht vergnügt hätte - im Gegenteil, ich hatte einen Mordsspaß. Allerdings bin ich ziemlich sicher, dass es ohne Alkohol nicht dazu gekommen wäre.

Hier redet nicht bloß ein eingebildeter Wissenschaftler, der sich nur mit denen abgeben möchte, die er intellektuell für seinesgleichen hält. Wissenschaftler langweilen mich sogar noch mehr. Die Schuld liegt nicht bei denen, die ich meine Freunde nennen durfte, sondern bei mir. Ich leide darunter, dass mir etwas fehlt. Und in den seither vergangenen Jahren ist mir allmählich klar geworden, dass die Entscheidungen, die ich getroffen habe, und das Leben, das ich gelebt habe, Reaktionen auf diesen Mangel sind. Das Wesentliche an mir ist womöglich das, was mir fehlt."
aus: Rowlands, M. (2009): Der Philosoph und der Wolf. München, Piper, S. 173f

Keine Kommentare: