Montag, 23. Januar 2012

Unüberbrückbare Differenzen

Da schaltet man wie immer zum Frühstück das Nachrichtenradio ein, um sich über die aktuellen Staumeldungen im Ruhrgebiet sowie die neuesten Meldungen über gesponsertes Klopapier und Spielzeugautos für die Familie Wulff zu informieren, als es mir bei einer Info plötzlich fast das Müsli vom Löffel haut: Heidi und Seal wollen sich trennen.

Nach dem chinesischen Neujahrsfest (und Bildern von böllerwerfenden Vietnamesen in der Dessauer Innenstadt im MDR), blinden Passagieren auf der Costa Concordia, der famosen Rede Angelas auf Guidos Geburtstagsparty, Gingrichs "Sieg" in South Carolina und Honeckers ausspioniertem Liebesleben platzte also eine neue Bombe. Eine Bombe von erschreckender Bedeutungslosigkeit.

Warum schaffen es derartige Meldungen in als seriös geltende Nachrichtenformate? Weil sie die Hörer und Leser besser erreichen als Berichte über eine angedrohte Sperrung der Straße von Hormus und deren Folgen. Gehen Sie heute mal auf die Flaniermeile ihrer Stadt (für Bewohner von Dörfern: gehen Sie zur Freiwilligen Feuerwehr) und machen Sie den Test mit zwei Fragen:
  1. Wo liegt die Straße von Hormus?
  2. Kennen Sie den Namen "Heidi Klum"?
Jetzt werden Sie mich fragen, wo da der Zusammenhang ist. Ich sage es Ihnen: Das eine ist von geopolitischer Tragweite, aber unserem Alltag scheinbar endlos weit entfernt. Das zweite ist Gossip (kursiv), durchdringt unseren (deutschen?) Alltag seit vielen Jahren aber in schöner Regelmäßigkeit in Form von Plakaten (in eben jenen Fußgängerpassagen; bei der Feuerwehr äquivalent in Form von Pin-up-Postern) und Fernsehshows. Ich bin selbst auf Blogs von Plasmaphysikern schon über Heidi gestolpert.

Über die gesellschaftswissenschaftliche Relevanz von Klatsch und Tratsch wird seriös geforscht. Dieser Studie zufolge führt schon das Wissen darüber, eventuell Opfer von Tratsch zu werden, zu sozialerem Verhalten.

Andere Ergebnisse legen nahe, dass diese Eigenheiten menschlicher Kommunikation aus unserem Leben nicht wegzudenken sind; gar Stress abbauen können.

Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie das Gehirn die neuesten Infos über die Nachbarn gegenüber den neuesten Infos aus Syrien wichtet.

Klatsch und Tratsch sind wohl im weitesten Sinne wichtig für ein gesundes Leben. Auch die Auflagen der Yellow Press scheinen diese Theorie zu bestätigen. Aber die Meinung mancher Psychologen, das Überleben unserer Spezies hänge vom Klatschen und Tratschen ab, erscheint mir dann doch etwas zu forsch. Mag wohl damit zusammenhängen, wo definitionsgemäß das Tratschen beginnt; und wo es endet...

Hier ein kleiner Selbsttest: Nutzen Sie Facebook?
Logisch. Dumme Frage. Sorry.

Sollten Sie sich nun von mir überreden lassen und einmal für, sagen wir: eine Woche, Buch über Ihr Surfverhalten innerhalb dieses sozialen Netzwerks führen, würden Sie sich am Ende des Zeitraums selbst als Voyeur entlarvt haben.

"Ja und, macht doch jeder."

Richtig. Die Selbstdarstellung ist uns in die Gene geschrieben.
Gewalt aber auch.

Selbstverständlich tragen Gene nie allein die Verantwortung; vielmehr muss man Gewalt und ihre verschiedenen Ausprägungsformen stets im physiologischen, entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen sowie sozialen Kontext betrachten und dann auf diesen Feldern intervenierend behandeln.

Diese Studie hier wirft aber indirekt gänzlich neue Fragen zu unserem derzeitigen Rechtssystem auf:

[Defekte des Gens für Monoaminoxidase A (MAOA) gehen mit einer höheren Gewaltneigung einher und Träger solcher Allele findet man gehäuft in Gangs]

Kann man solche Gewalttäter für ihr Handeln überhaupt verantwortlich machen?
Hier ist die Ethik gefragt.

Im Alltag werden dank der Justiz und einer allgemein anerkannten Moral die dunklen Seiten unserer menschlichen Natur meist erfolgreich in die Schranken gewiesen. Meist. Denn wo das Auge des Gesetzes blind ist (oder ihm das Auge ausgestochen wurde) - in Diktaturen, Guantanamo, Gefängnissen, Kriegen, Drogenkartellen, Slums,...- treten sie offen zu Tage.

Täglich - daran ändert Ihr erschrockenes Nippen am Espresso jetzt leider nichts - werden Männer vergewaltigt (man(n) redet bloß nicht drüber); Kinder umgebracht oder selbst zu Killern ausgebildet; Frauen unterdrückt; "Feinde" spurlos beseitigt; Lügen gezielt gestreut; Menschen manipuliert; kurzum: Macht missbraucht.

Sollten wir nicht häufiger darüber sprechen? Am Mittagstisch, in der Mensa, im Büro, in der Freiwilligen Feuerwehr?

Heidi darf ja im Bikini gerne von der Wand aus zusehen.

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Ich muss nochmal auf Diktaturen zu sprechen kommen. Wir leben ja bekanntlich in einer mobilen Diktatur; und da kommt es darauf an, stets mobil zu sein. Mit dem Auto. Wenn ich mit dem Rad an der Fußgängerampel stehe (weil man ja für Kinder ein gutes Vorbild sein will) und den Blick in die Wagen schweifen lasse, dann fällt eines auf: 1,5 t müssen solo bewegt werden.

Denn nur so kann man den Ampelsprint souverän gewinnen. Denn nur so passt die Handtasche auf den Beifahrersitz. Denn nur so hat Cleo - die zuckersüße Golden Retriever-Dame - ihre Rückbank für sich allein. Denn nur so können die wichtigen Meetingakten nochmal gesichtet werden. Denn nur so bin ich Chef im Ring - und nicht Chauffeur des Familienwagens, unterwegs zu Kaufland.

Es muss eine unüberbrückbare Hürde sein, sich aus den Fesseln der automobilen Dauerverführung zu lösen. Ich wünsche mir Pflaster - ähnlich Nikotinpflastern - die man sich morgens auf den Arm klebt, dann in den Keller geht, das Rad auf die Straße trägt ... und die ihre Wirkung sofort voll entfalten: Du radelst plötzlich mit der imaginierten Sch****länge eines im Panamera Turbo Sitzenden durch den Park, klingelst freundlich den Erzieherinnen und ihrer Meute aus 4-jährigen zu und freust dich über die deinen Weg kreuzenden Eichhörnchen.

Eine Utopie? Vielleicht. Oder nur eine Frage der Zeit? Die Dinos sind auch schon tot.

PS: Statistikfreaks finden hier den Beleg für die Dominanz von Kurzstreckenfahrten

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Zu Kurzstrecken zählen im weitesten Sinne auch Abfahrten und einer der Meister dieses Metiers wird heute 70 Jahre alt.

Herzlichen Glückwunsch, Willy Bogner.

Den Status als wohl bekanntester Skifahrer der Welt erhielt er freilich weniger durch seinen Sieg bei der Lauberhornabfahrt, als vielmehr durch den Ausbau des Modegeschäfts seines Vaters zu einem Unternehmen mit über 700 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz (2009) von 170 Mio. Euro.

Daneben brannte er sich mit spektakulären und bis dato noch nicht im Fernsehen gesehenen Skiszenen in das Gedächtnis einer ganzen Generation ein.



Im Privaten bleibt wohl der Suizid seines Adoptivsohnes Bernhard im Jahr 2005 als schlimmste Erfahrung im Gedächtnis hängen.

Das war übrigens nicht der erste unnatürliche Tod eines Familienmitglieds, denn 41 Jahre zuvor starb seine damalige Verlobte beim Abgang zweier Lawinen in der Schweiz.

Zuletzt ließ sich Bogner als Vorsitzender der Bewerbungsgesellschaft München 2018 GmbH für die Kandidatur zur Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2018 vor den Karren spannen. Ob es wirklich die Gesundheit war, die ihn zum Ausstieg mahnte? Man weiß es nicht.

Noch zwei Fragen zum Schluss:
  1. Trägt Lindsey Vonn eigentlich Bogner?
  2. Was haben Bikinis mit Skisport zu tun?
 Fragen über Fragen...

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Schöne Woche.

PS: Grüßen Sie stets Ihren Tischnachbarn vom Verfassungsschutz und tun Sie etwas für Ihre Beziehung. Zuhören zum Beispiel.

PPS: "Die Mühsal des Strebens nach Eintracht und Frieden auf Erden lässt sich erst im Zusammenleben mit Kindern in Gänze ermessen." (Verena Schmitt-Roschmann im Freitag)

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