Freitag, 27. Juli 2012

Citius. Altius. Fortius

In meinem ehemaligen Gymnasium hängt immer noch diese Schautafel im Treppenbereich, gleich hinter den schweren Eingangstüren. Auf ihr sind unter dem lateinischen Spruch für "Schneller. Höher. Weiter" die Schulrekorde in den verschiedenen Sportdisziplinen verewigt. Ich weiß noch genau, dass mich diese 100 m-Zeit von 10-irgendwas nicht in Ruhe ließ. Zwei Sekunden schneller als meine damalige Zeit war das. Im Sprintbereich, wo es auf Hundertstel und mitunter Tausendstel ankommt, kann man die Diskrepanz ruhig als "Welt" bezeichnen. Es lag und liegt eine Welt zwischen meinen Leistungen und denen von talentierten Athleten; es lag und liegt eine Welt zwischen meinen persönlichen Ansprüchen und dem Ausführen der zu ihrem Erreichen nötigen Handgriffe; es lag und liegt eine Welt zwischen meinem Halb- und anwendungsbereitem Wissen; es liegt eine Welt zwischen 12 Lebensjahren; es liegt keine Welt mehr zwischen mir und mir. Zumindest keine große.

Dörfer im Sonnenschein

Ein Dorf ist der idealisierte Schutzraum, das Symbolbild einer Gemeinschaft ursprünglicher Prägung. Als die Menschheit den Schritt vom Jäger und Sammler hin zum sesshaften Bauern vollzogen hatte, war dies der eigentliche Beginn unserer Kulturgeschichte. Mit dem ertragreichen Anbau von Getreide nämlich, das infolge einer Mutation seine Samen nicht vorzeitig entließ, bekamen die modernen Menschen zum ersten Mal Zeit für ... nennen wir es Müßiggang. Dörfliche und arbeitsteilige Strukturen schufen Freiräume für Kreativität und gänzlich neue Tagesabläufe.

Die Kulturgeschichte der Menschheit bekam in der sogenannten Neolithischen Revolution grundlegend neue Kapitel hinzugefügt. Im Zuge eines die Landwirtschaft begünstigenden Klimas konnten verschiedene Getreidesorten angebaut und Vorräte geschaffen werden. Gezielte Pflanzenzüchtungen und Domestikationen wilder Tiere führten während des Neolithikums (in Mitteleuropa etwa von 5000 v. Chr. bis 1800 v. Chr.) zu einer bis dahin ungekannten Ernährungssicherheit.

Davon unbenommen blieben und bleiben die Erträge von Ernten zu einem gewissen Maß im Dunkeln, allein totale Ernteausfälle (und damit einhergehend eine Bedrohung der Gemeinschaft insgesamt) waren und sind bei nachhaltigem Wirtschaften fast auszuschließen. Das Mehr an Planbarkeit und Nahrungsmittelsicherheit ging Hand in Hand mit einer Vergrößerung der Gemeinschaften und der Bildung erster menschlicher Gesellschaften einher. Insofern ist also der Klimawandel das prägende Element unserer Zivilisation. Er ist zugleich Keim einer modernen pluralistischen Gesellschaft mit Gewaltenteilung und hochkomplexen Formen des Zusammenlebens, und er ist (im schlimmsten Fall) die Ursache für den Untergang bzw. die radikale Neuausrichtung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise.

Dass wir endlich anders wirtschaften müssen; dass wir uns endlich von der grundfalschen Annahme eines sich bis in alle Ewigkeit fortsetzenden Wachstums verabschieden müssen; dass wir einen neuen Gesellschaftsvertrag benötigen; dass wir uns klare Grenzen setzen müssen; dass wir mit einer effektiven Nutzung der Schwarmintelligenz, flacheren Hierarchien und flexibleren Mittelverteilung ungleich schneller bei der Lösung globaler Probleme vorankommen würden; dass wir uns endlich unserer Endlichkeit bewusst werden sind meine Wünsche für die statistisch noch verbleibenden 38 Lebensjahre.

Die Idee des Schutzraums ist eher metaphysischer, weniger realer Gestalt. Denn bis zum heutigen Tag haben wir soviel (oder sowenig) Wissen angehäuft, um damit die Vorstellung eines Schutzraums zu erweitern. Die Erde und unser Standort im Reigen der Planeten des Sonnensystems sind die Schutzräume des 21. Jahrhunderts. Wir verstehen die Bedingungen und engen Grenzen unserer Existenz immer besser und halten vielleicht gerade in Anbetracht dieses Wissens an scheinbaren Konstanten fest. Ein Dorf gibt uns Sicherheit. Ein Dorf ist Ausgangs- und Endpunkt für Exkursionen. Ein Dorf beherbergt unsere Familie.

"Unsere Familie" umfasst in diesem Fall nicht zwangsläufig das beliebte Vita-Zitat aus CDU-Wahlkampfbroschüren ("Verheiratet, zwei Kinder"), sondern darf gern als Familie im Geiste verstanden werden. Eine Familie im Geiste wird sich ab Freitag dieser Woche wieder in London versammeln und gemeinsam nach Neuem streben. Nach neuen Medaillen, nach neuen Weltrekorden, nach neuer Aufmerksamkeit.

Altes und Neues

In London finden nach 1908 und 1948 (Deutschland durfte nicht teilnehmen) bereits zum dritten Mal die Olympischen Sommerspiele statt. Die letzte Auflage, 2008 in China, war hinsichtlich der ökologischen und sozialen Probleme des Landes überschattet von Differenzen zwischen den Erwartungen der Welt und den Erwartungen Chinas an Veränderungen infolge der Spiele. So war man im Nachgang enttäuscht darüber, dass China beispielsweise keine "Null-Abfall-Strategie" verfolgt, stattdessen weiter konventionelle Wege beschritten hat; oder dass erneuerbare Energien nur zur Versorgung eng begrenzter Areale genutzt und Wassereinsparungen mittels neuer Technologien nicht in der ganzen Stadt umgesetzt wurden. Sydney wird in diesem Zusammenhang übrigens als vorbildlich gelobt - 2000 sprach man gar von den ersten "Green Games" in der langen olympischen Geschichte. Die britische Hauptstadt hat sich selbstverständlich auch mit dieser Problematik beschäftigt und viele grüne Wege beschritten (u.a. wurde die Kleidung der über 70.000 Helfer aus recycelten Materialien hergestellt).

Eine besondere Herausforderung sind Olympische Spiele immer für die Stadtplaner. Wenn sie clever sind, nutzen sie nämlich die sich bietenden Chancen für eine nachhaltige Belebung ihrer Stadt. In London wurde mit einer radikalen Umgestaltung des East Ends - der Sanierung einer hochkontaminierten Industriebrache und der darauf erfolgten Anlage einer riesigen Parklandschaft mit Olympiastadion, diversen Arenen und dem Schwimmbecken - die Chance genutzt, um die seit Jahrzehnen gegenüber der restlichen Stadt vernachlässigten Bezirke zu reintegrieren.

Das "Olympische Dorf" ist eine schöne Umschreibung für moderne Architektur, die nach ihrer temporär eng gesteckten Erstnutzung von seinen Bewohnern vollständig verlassen wird. Die geplante Aufgabe einer Siedlung betrachten Historiker nicht selten als die Folge einer Ausbeutung der regionalen Rohstoffe durch die Ansässigen. Wenn die Lebensgrundlage zur Neige geht, muss man halt das Weite suchen. Insofern können die Olympischen Spiele durchaus als Modell dafür dienen, wie man einen definierten Raum in einer definierten Zeit möglichst effektiv nutzt. Das scheint den Planern auch bewusst zu sein, wird doch gerade durch die Folgenutzung der Sportlerquartiere die Nachhaltigkeit großgeschrieben.

Nach dem Spektakel entstehen hier Wohnungen, die Schwimmhalle im Olympiapark soll ein öffentliches Bad werden, die Basketballhalle wird demontiert.

[Im Olympischen Dorf stehen 17.320 Betten zur Verfügung.
Für die Nachnutzung des Olympiastadions konnte bislang leider noch kein Vertrag unterschrieben werden.]

Spiele mit uns
Es muss ein gigantisches Gefühl sein, zu wissen, dass in diesem Moment Millionen Augen auf dich gerichtet sind: Du hast die Finger gespreizt vor der Startlinie aufgestellt. Du hast die Füße im zuvor auf deine Bedürfnisse abgestimmten Startblock platziert. Du bemerkst, wie es um dich herum ruhiger wird. Du hast vielleicht noch dein Konterfei auf den großen Anzeigetafeln im Stadion in Erinnerung - es wurde vor wenigen Augenblicken bei der Vorstellung von dir und deinen Konkurrenten gezeigt. Du kennst die dort oben gezeigte Person gut. Du weißt, dass das hier pures Leben ist. Du weißt, dass das was gleich kommt, alle Menschen verbindet. Du fühlst dich in diesem Moment wie ein Kaiser, der stellvertretend für sein Heer den Befehl zum Angriff zu geben hat; der im Anschluss an die Schlacht auch die Verantwortung trägt. Für Sieg oder Niederlage.
[Pierre de Coubertin sah Parallelen zwischen Olympischen Spiele und dem Gebaren einer Elite. Allerdings beruhte für ihn der sportliche Eliteanspruch auf "völlig egalitärem Ursprung, [...] denn er wird nur durch die körperliche Überlegenheit des Einzelnen, seine körperlichen Möglichkeiten, die bis zu einem gewissen Maße durch seine Trainingsbereitschaft vervielfacht werden, bestimmt."
Reichlich euphemistisch erscheint dieser lobenswerter Gedanke, wenn man seinen Blick weitet auf den notwendigen frühen Eintritt von zukünftigen Weltklassesportlern in Internate oder Spezialschulen; auf die zwangsläufige Doppelbelastung von Leistungssport und schulischer/beruflicher Ausbildung; auf die Kosten für Fahrten zu Wettkämpfen und Trainingslagern; auf den Verlust gewisser Freiheiten.]
Dein Heer ist deine Nation. Vielleicht nicht komplett - das wäre vermessen - aber irgendwie schon so ein kleines bisschen. Du trägst die Nationalfarben auf deiner Kleidung. Sie machen dich zurecht stolz, denn du bist einer der wenigen, die dieses gigantische Gefühl jetzt, in dieser Sekunde, erleben dürfen.

Es wird noch ruhiger, das ganze Stadion wird ruhiger. Alle sind angespannt, alle warten auf den erlösenden Schuss. Wie bei der Jagd. Deine Freunde sind deine Feinde sind deine Helfer sind deine Beute sind deine Jäger sind deine Motivatoren sind deine Familie sind PENG!
Auch Leipzig hatte sich damals um die Ausrichtung der aktuellen Olympiade beworben und am 12. April 2003 in München gegen so namhafte Mitbewerber wie Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart durchgesetzt. Bemerkenswert! Zumal bei diesen Voraussetzungen.

Honni soit qui mal y pense...

Wenig später traten - im Politsprech - Unregelmäßigkeiten auf, die sich insbesondere auf dubiose Zahlungen an das Bewerbungskomitee sowie auf Vorwürfen der Vetternwirtschaft begründeten. Doch auch parteiliche Interessenskonflikte bereiteten Probleme: So war etwa der Präsident des Landessportbundes Sachsen, Hermann Winkler, gleichzeitig CDU-Generalsekretär und Aufsichtsrat der Bewerbungsgesellschaft unter SPD-Mann Wolfgang Tiefensee. Um diesem "Problem" zu begegnen, trat Winkler von seinem Amt als Aufsichtsrat zurück und ließ Leipzigs OBM Wolfgang Tiefensee seine Kandidatur bei der sächsischen Landtagswahl 2004 fallen. Der aktuelle OBM Burkhard Jung beteuerte im November 2003 unter Eid seine Unschuld, trat dennoch vom Amt des Olympiabeauftragten zurück. Man warf ihm vor, Provisionszahlungen auf Stadtmittel genehmigt zu haben.

Noch im selben Monat nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen den im Oktober entlassenen Geschäftsführer der Leipzig 2012 GmbH, Dirk Thärichen, auf. Er soll Rechnungen in Höhe von 60.000 Euro zu Unrecht gezahlt haben. Die Vorwürfe bestätigten sich jedoch nicht.
Gegen Jung wurde erst gar kein Verfahren eingeleitet, er nahm seine Arbeit als Beigeordneter wieder auf.

[Der Leipziger Olympia-Bewerbungstext.]



Ein Jahr später, im April 2004, besucht IOC-Präsident Jacques Rogge Leipzig und stellt der Stadt ein gutes Zeugnis aus. Mehr noch: Er erklärt, dass die Spiele in so einer verhältnismäßig kleinen Stadt möglich seien. Doch bereits am 18. Mai 2004 zerplatzten all die bunten Seifenblasen einer Olympiade auf ostdeutschem Boden jäh in Lausanne. Bei der Bekanntgabe der fünf Kandidatenstädte für 2012 nämlich wird Leipzig Sechster und ist damit raus. Rogge hatte seine Meinung anscheinend geändert und befand die Stadt wie das IOC als nun doch zu klein.

In einem Interview mit der LVZ antwortet Wolfgang Tiefensee am 23.07.12 auf S. 3 auf die Frage nach den Ursachen für die Entscheidung von Lausanne:
"Nach dem 12. April 2003 begann eine neue Etappe, das NOK übernahm die Führungsrolle in der Bewerbung, Mitbewerberstädte in Deutschland haben uns nur halbherzig unterstützt, die Medien waren skeptisch, die Stimmung in Deutschland eher flau."
Bleibt die Frage im Raum, was tatsächlich zu klein war. Das Leipziger Spendensäckel oder die Fläche?!

Egal. Vielleicht ist die von manchen zur "Hauptstadt Mitteldeutschlands" erkorene Siedlung an der Pleiße ja irgendwann tatsächlich in der Lage, mit ihren ganz speziellen Vorzügen zu punkten. Mit ihrer ganz besonderen Geschichte, mit ihrer ganz besonderen Verbindung von Natur und moderner Großstadt, mit ihrem ganz besonderen Umland inmitten der größten Landschaftsbaustelle Europas. Und wer weiß, vielleicht werden die im 100 km-Dreieck verstreuten Hochtechnologiecluster irgendwann als Einheit betrachtet und der Raum zwischen ihnen als Kulturraum mit einer reichen Geschichte, die es lohnt von der Welt in Augenschein genommen zu werden.

Links:

APPENDIX

Die Spiele der Neuzeit

Am 6. April 1896 wurden in Athen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit eröffnet. Zu verdanken haben wir das dem Pädagogen Pierre de Coubertin, der zugleich erster Generalsekretär des IOK war (und 1913 auch die Olympischen Ringe entwarf). Seine Vision von einer die Völker verbindenden, friedenstiefenden Veranstaltung beinhaltete interessanterweise das Ziel, Frauen von den Wettbewerben auszuschließen. Doch schon bei der zweiten Auflage 1900 konnte dieser dem antiken Vorbild folgende Anspruch nicht länger aufrecht erhalten werden - Frauen waren im Golf und Tennis vertreten.

[Man(n) stelle sich heute die Leichtathletik ohne Frauenbeteiligung vor. Was wären Gewichtheben, Diskus-, Hammer- und Speerwerfen ohne Frauen? Von Hochsprung, Hockey, Turnen und Volleyball ganz zu schweigen. ;-)]

Auch 1912 muss ein tolles Jahr gewesen sein. Damals war Tauziehen nämlich noch olympisch und die Literatur bildete eine eigene Wettbewerbskategorie. Denn das "Fest des menschlichen Frühlings" sollte als Einheit gefeiert werden. Als Einheit aus Körper und Geist.

Ich finde, diese Einstellung ist visionär gewesen und wenn sich im 20. Jahrhundert entscheidende Menschen daran ein Beispiel genommen hätten ... wer weiß. Leider hat sich von der Vision Coubertins bis ins 21. Jahrhundert eher wenig gehalten - ihrem in die zweite Wiege gelegten umfassenden Anspruch konnten die Spiele zu keiner Zeit vollumfänglich gerecht werden. Das mag an der den meisten pädagogischen Konzepten innewohnenden Utopie liegen; das mag an ökonomischen Zwängen liegen ... das mag an einem zu stark idealisierten Menschenbild liegen.

Ihrer Faszination auf die Sportler dieser Welt hat diese "Neuausrichtung" der Spiele keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Nie zuvor hatte die Menschheit einen so großen Anteil an diesem Sportereignis. Das haben wir nicht zuletzt dem Medium Fernsehen zu verdanken. Doch dieses Live-dabei-Gefühl hat seinen Preis: Deutlich über 500 Mio. US-$ mussten in 2012 beispielsweise die öffentlich-rechtlichen Sender Europas für die Übertragungsrechte bezahlen.

[Einen der bekanntesten - und umstrittensten - Filme über die Olympiade hat Leni Riefenstahl im Auftrag der Nationalsozialisten gedreht. --> Olympia]

Jedes ausrichtende Land versucht, sich der Welt bestmöglich zu präsentieren. Einerseits. Jedes Land versucht aber auch, über die Spiele ein klein wenig unsterblich zu werden. Damals, 1896, gab es beispielsweise noch kein olympisches Feuer; es wurde erst 1928 in Antwerpen in den Eröffnungsritus integriert und 1936 um den Fackellauf erweitert. Das deutsche IOC-Mitglied Carl Diem sah darin eine Gelegenheit, den NS-Fackelkult durch die Integration in den olympischen Ritus gewissermaßen unsterblich zu machen. Ob ihm die Integration des Fackelkultes tatsächlich, oder nicht eher doch ein (ungewollt?) sehr schönes Symbol für diese eine Menschheit geglückt ist, sei den Historikern vorbehalten. Ich persönlich empfinde das Entzünden der olympischen Fackel jedenfalls als sehr starke und heute(!) überwiegend positiv assoziierte Symbolik.

Leider erfuhren die Olympischen Spiele 1936 in Berlin eine nie zuvor erlebte propagandistische Vereinnahmung, die sich einen Dreck um die IOC-Regeln scherte. Der deutsche Staat war damals nämlich alleiniger Geldgeber und verband damit das Recht, die Spiele für sich als Imageplattform verwenden zu können. Interessant sind die hin- und herwogenden Stimmungen in den USA hinsichtlich eines Boykotts der Olympiade auf braunem deutschen Boden. Die USA nahmen schlussendlich teil, weil die NS-Regierung sich "außenpolitisch kompromissbereit" zeigte und die US-Regierung der Amateur Athletic Union (AAU) die Entscheidung überließ.

Man kann dem Weißen Haus hier durchaus eine Art Augen-zu-Mentalität unterstellen, oder, wohlmeinender, die Überzeugung, mit einer Teilnahme in Berlin ein positives Zeichen der völkerverbindenden Macht des Sports auszusenden. Wie dem auch sei, bis auf die Athleten des Irischen Freistaats und Palästinas waren alle damals im IOC vertretenen Staaten in Deutschland am Start.

Die Spiele von Berlin waren ein Erfolg. Für die deutschen Sportler und für das Reichspropagandaministerium. Denn in der Nationenwertung stand Deutschland ganz oben und konnte seinen Anspruch einer Herrenrasse nun auch verstärkt im Inneren zur Geltung bringen. Insofern war 1936 ein nicht unbedeutendes Datum im Prozess der Gleichschaltung der deutschen Gesellschaft.

Olympia anno 2012

Heute sind die Olympischen Spiele eine internationale Marke. Die Zeiten der teilnehmenden talentierten Amateure sind lange her. Profis prägen das Bild der Spiele und Namen wie Michael Phelps oder Usain Bolt sind Garanten für Rekorde - vor und hinter der Kamera.
Ins Zentrum der breiten medialen Aufmerksamkeit haben es leider bei weitem nicht alle Sportarten geschafft, was mitunter auch mit den Vorgaben der Lizenznehmer zu tun hat. Amerikanische Sender beispielsweise zahlen mit Abstand die meisten Gebühren für die Übertragungsrechte (über 1 Milliarde US-$) und fordern dementsprechend konsequent einen Zeitplan gemäß US-Primetime für die im Land am stärksten nachgefragten Sportarten.

Dennoch haben die Zuschauer heutiger Spiele das Primat der Exklusivität auf ihrer Seite. Faszinierende Kameraperspektiven sorgen in Kombination mit professionellen und unzähligen privaten Bildreportern für eine noch nie dagewesene Öffentlichkeit. Der Zuschauer ist dank des Internets heute so direkt eingebunden wie nie zuvor. Er kann durch soziale Netzwerke, private Blogs etc. Live-Kommentare (etwa in Sportsendungen) hinterlassen, live die Welt an seiner ganz persönlichen Sicht auf die Wettkämpfe und das Drumherum teilhaben lassen.

Diese Entwicklung ist mehr als positiv, birgt aber die Gefahr, im Datenwust unterzugehen und das Essentielle vom Überflüssigen nicht mehr trennen zu können. Auch setzt es die Fähigkeit voraus, eigene Filterregeln aufzustellen - und sich daran zu halten. Sorry, doch dieser Allgemeinplatz erscheint mir als gar nicht so allgemein. Ohne Zweifel, Zerstreuung ist gut und wichtig, 24 h am Tag via Twitter und Facebook eine Olympiade zu verfolgen hingegen krank. Selbst derart gepolte Sportreporter würden etwas falsch machen. Sie würden es nämlich versäumen, die Olympischen Spiele entsprechend ihres eigenen journalistischen Auftrags in einen Gesamtkontext zu bringen.

Dieser Gesamtkontext muss unbedingt über die Medaillenjagd hinausgehen, er muss unbedingt über Baudetails des Olympiastadions hinausgehen, er muss unbedingt über die beklagten Staus in den Ausrichterstädten hinausgehen, er muss unbedingt über die Stadtgrenzen hinausgehen. Oder wollen wir wirklich, dass die Archäologen der Zukunft Olympia ab 2012 als unpolitische Veranstaltung begreifen? Diesen Fehler sollten wir ihnen schon heute ersparen.

PS: Kommerz am Rande.
Der Kapitän der MS Deutschland, die gegenwärtig in London als Gästeschiff vor Anker liegt, wurde abgesetzt. Grund: Er hat sich vehement gegen die Ausflaggung des Schiffes nach Malta ausgesprochen. Doch keine Angst - während der Olympiade weht noch das schwarz-rot-goldene Banner über dem Traumschiff und sorgt für seelige Fernsehbilder. Ahoi.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ja absolut. Ich sehe sehr viele spezielle Vorzüge in und um Leipzig. Leider habe ich den Eindruck, daß Leipzig zwar durchaus von der Welt in Augenschein genommen wird aber viele Deutsche haben noch nicht erkannt wie schön und geschichtsträchtig diese Stadt ist. Schliesslich verbinde ich die Namen einiger großer deutscher Persönlichkeiten mit Leipzig. Könnte mich auf Besuch kaum entscheiden ob ich zuerst die Nikolai- oder die Thomaskirche, den Hauptbahnhof oder das Alte Rathaus besichtigen möchte und gebe jedem, ob gefragt oder ungefragt, den Tip doch unbedingt auch mal dorthin zu fahren.